03.-04.09.2021 - Folter Records 30th Anniversary - Tag 1 - Freilichtbühne Friesack + Whiskey Ritual + Todtgelichter + Drudensang + Drengskapur + Darkmoon Warrior +++
Review

03.-04.09.2021 - Folter Records 30th Anniversary - Tag 1 - Freilichtbühne Friesack + Whiskey Ritual + Todtgelichter + Drudensang + Drengskapur + Darkmoon Warrior +++

Nachdem bereits im Corona-Jahr 2020 das Haus- und Hof-Festival von Folter Records, das Under The Black Sun Festival, gecancelt werden musste und es sich im Frühjahr 2021 anbahnte, dass es auch dieses Jahr kein UTBS geben würde, durfte man mit Recht niedergeschlagen sein. Trotzdem gab es einen Lichtblick...

  • von Haimaxia
  • 18.09.2021

Nicht nur ist das kleine, aber feine Festival in Brandenburg mit eines der traditionsreichsten Musikfestivals in Sachen Black- und Extreme-Metal und existiert bereits seit 1998, sondern bietet auch immer wieder ein starkes Szene-Lineup auf. Nachdem klar war, dass es auch dieses Jahr im Juli nichts würde, entschlossen sich die Veranstalter aber, am ersten Septemberwochenende "wenigstens" an gleicher Location dieses Jahr ein Label-Fest zum 30-jährigen Jubiläum von Folter Records zu veranstalten. Gesagt, getan: Viel Planungszeit gab es nicht, und trotzdem stellte man schnell ein Billing auf, welches neben der Speerspitze des Label-Kaders in Vergangenheit und Gegenwart auch noch einige hochkarätige Gäste bereit hielt.

Unser Team reiste bereits am Donnerstagabend an (wer von den Lesern weiß, dass wir überwiegend Wessis sind, kann sich ausmalen, dass es kein Katzensprung vom Ruhrgebiet ins Havelland ist) und diejenigen von uns, die campten, bauten ihre Zelte im Dunkeln neben der kleinen Weide des Bauernhofs auf, der neben der Freilichtbühne Friesack liegt. Interessierte Lamas (kein Witz, die waren klasse und niedlich) schauten herüber und wurden während des ganzen Festivals immer wieder gerne am Zaun von den Besuchern gestreichelt und beobachtet. #lamasundblackmetal

Auf dem Gelände war es schön mal wieder ein paar bekannte Gesichter zu sehen. Die Kältetod-Legion war natürlich am Start, darunter Irsin Ernst, Manuel als Stage-Manager und Gerald (beide bekannt vom Hartschnack-Podcast), Folter Records-Chef Jörg und viele weitere. Wer die Location schon erlebt hat, der weiß, dass die Freilichtbühne in kleiner Waldkulisse nicht groß, aber für das UTBS und somit auch dieses Event wie geschaffen ist. Wer sich während der kommenden Tage mit Merch eindecken wollte, konnte dies am eigenen Label-Stand tun, es gab Kulinarisches und natürlich einen Bier- und einen Cocktailstand, somit war für alles gesorgt. (Schmunzeln konnte man vllt. darüber, dass der vegane Langos im Endeffekt nur der Teig mit Knoblauchöl war) 

Statt eines Festivalbändchens gab es verschiedenfarbige Bändchen, die den Impfstatus widerspiegeln sollten - was für die einen wie eine Stigmatisierung wirkte, war im Endeffekt nur der Tatsache geschuldet, dass man die Leute, die ohne Impfe anreisten, ja auch am Folgetag wieder testen musste. Aber bevor wir uns über diese Tatsache auslassen, sollten wir eher happy sein, dass so das Event möglich gemacht werden konnte.

Pünktlich um 15 Uhr sollten eigentlich die Berliner Frantic Aggressor die Sause eröffnen - doch da leider die Schweden von Vanhelga ihren Headline-Slot absagen mussten, wurden alle anderen Bands nach hinten verschoben und es eröffneten stattdessen die Perser von Paganland, bzw. dem Sarmoung Ensemble um Lord Magus Faustoos und Çaruk Revan. In dieser Combo gibt es aber im Gegensatz zu Auftritten von Nashmeh oder Beaten Victoriouses weniger ungestümen Black Metal mit orientalischem Touch, sondern ein bitterböses Akustik-Set, bei dem blasphemische Zeilen ins Mikro gekeift werden und man sich auf Trommelwerken in Rage prügelte. Nachdem unser Team die Show bereits auf der In Flammen-Gartenparty im Juli gesehen hatte, muss man aber erneut konstatieren, dass die spirituelle Eskapade bei Dunkelheit um ein Tausendfaches mehr Wirkung erzielen würde. Trotzdem: Was hier mal um mal auf die Bühne gebracht wird, ist ein affektiver Trip, und wenn man im Hinterkopf hat, welche Geschichte insbesondere Lord Magus Faustoos kennzeichnet, wer sich schon einmal mit Blasphemie im Kontext des Islam auseinandergesetzt hat, und wer auch die Doku "A Persian Black Metal Story" gesehen hat, der weiß um den Tiefgang und die Bedeutung dessen, was die Perser hier auf die Bühne bringen. Wenn man in unseren Landen anti-christliche Musik macht, hat das einen ganz anderen Stellenwert, als anti-islamische. 

Frantic Aggressor läuteten im Nachgang mit ihrem apokalyptischen Werk “Land Mine Logic” das Chaos des Wochenendes ein. Ohne Schnörkel und ohne viel Beiwerk lieferten die drei Musiker, die sich treffenderweise Discrimination, Contempt und Humiliation nennen, ordentlich ab. Songs wie "Amoeba" oder "Traces" sind da auch die Highlights des Erstlingswerks - allerdings muss da definitiv noch mehr kommen, damit die Band mehr heraussticht.

Satan Worship lieferten danach zünftigen Black’n’Roll mit Thrash-Allüren - und das hatte richtig Laune gemacht. Schon ihr Zweitwerk “Teufelssprache” von 2020 konnte ordentlich überzeugen, vor allem Stücke wie das nur zweieinhalbminütige “Mass Murder” oder “Satanik Werewolves” konnten ordentlich mitreißen. Frontmann Leatherface, gebürtiger Brasilianer, braucht sich mit seinen deutschen Kollegen auf der Bühne nicht vor Bands wie Whiskey Ritual, die den Abend beenden sollten, zu verstecken. Wer die Jungs auf dem Schirm hatte, dürfte aber den Song “La Catedral”, eines der wenigen Stücke mit portugiesischen Textfetzen, vermisst haben. Zu gerne hätte man ein ordentliches “Hijo de puta” mitgegrölt. Dafür gaben Satan Worship aber auch ihr Sepultura-Cover von “Antichrist” zum Besten, welches man einer verstorbenen Freundin widmete. 

Ein erstes Highlight des Lineups war die Truppe allemal, wurde aber von den Tschechen Panychida fast noch in den Schatten gestellt. Die Pilsener hatten ebenfalls im Pandemie-Jahr 2020 ihr neues Werk “Gabreta Aeterna” herausgebracht und konnten ihre neuen Stücke im Grunde noch gar nicht vor Publikum präsentieren. Vor allem das tragische Kriegs-Drama “Válečná běsnění” (zu deutsch: “Krieg tobt”) dürfte hier hervorstechen - und daran misst sich im Grunde die ganze Show des Gespanns: Melancholie, Hoffnungslosigkeit und Aggressivität, im Grunde ja keine neuen Sujets im Black Metal, malen die Tschechen förmlich mit ihren Instrumenten in die Luft. Zu gerne verstünde man hier mehr der Vocals der Songs in ihrer Heimatsprache - aber auch von früheren Werken gab es einiges auf die Ohren, hier auch mitunter in englischer Sprache, und hervorzuheben wäre da auf alle Fälle “The Great Dance Of Dionysus” vom 2013er “Grief for an Idol”. 

Hexenizer lieferten mit ihrem angeschwärzten Speed Metal-Sound ebenfalls ordentlich ab, blieben aber auch eher blass im Lineup von Tag 1. Bisher waren die Berliner nur mit dem Album “Witches Mentors Cult” von 2016 in Erscheinung getreten und stellten den Ersatz für die Kubaner Narbeleth, die leider von den Pandemie-bedingten Reiserepressalien betroffen waren. Furios war das Ganze definitiv und die Songtitel rankten sich bei der Band alle um ein bestimmtes Thema, wenn man sich “I’m Fucking Bewitched” oder “The Fucking Horny Witch Of Hell” durchliest. Eine Prise Humor ist auch im Speed Metal, egal ob mit Black Metal-Touch oder nicht, durchaus gut und machte Laune.

Trotzdem sammelten sich mehr Besucher vor der Bühne, als Drengskapur loslegten. Überwiegend in spärliches, tiefrotes Licht getaucht ist es schon eine Wucht, was man mit bloß zwei Musikern on stage für eine beeindruckend soghafte Atmosphäre schaffen kann: Wintergrimm am Mikro und an der Gitarre trat gewohnt mit Kapuze auf, man sprach wenig, sondern spielte das beinahe liturgisch anmutende Set ohne viel Schnickschnack durch. “Was der Morast verschlang”, das aktuelle Album von 2020, wurde dabei wie schon bei anderen Künstlern auch erst dieses Jahr richtig vor Publikum vorgestellt (Drengskapur waren für kleine Gigs bereits im Juli und August in Bydgoszcz/Polen und Halle an der Saale). Und, werte Leserschaft, nicht umsonst ist die Platte vergangenes Jahr bei unseren Jahreshighlights weit vorne mit dabei gewesen. Dichte, schneidende Klänge, durch Mark und Bein fräsende Vocals: Drengskapur gehören auf jeden Fall zur Speerspitze dessen, was die deutsche Black Metal-Landschaft derzeit zu bieten hat, bei einbrechender Dunkelheit auch im perfektem Setting.

Grafjammer aus den Niederlanden kamen danach auf die Bühne und sparten nicht mit ihrer Hochgeschwindigkeits-Black Metal-Flut. Im räudiger Manier mit grimmigem Corpsepaint prügelte die Utrechter Schlägertruppe sich durch ihr Set, stellte ihr 2020er Opus “De zoute kwel” vor und ließ dabei kaum Atempausen zu. Kompromisslose, neue Stücke wie “Affreus. Infaam. Abject” oder “De bakboordshand” wechselten sich mit älteren Einträgen wie “Dulle griet” vom Debüt-Album “Koud gemaakt” ab. Was im ersten Moment nach wenig Tiefgang aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen und Beschäftigen mit den Texten als Reise durch die holländische Geschichte und die Historie Utrechts. Definitiv eine Band aus dem Nachbarland, die man im Hinterkopf behalten sollte!

Das Grande Finale des Freitags lieferten die Italiener Whiskey Ritual ab - schon beim UTBS 2016 überzeugte die Band mit ihrem Album “Blow with the Devil”, aber spätestens seit “Black Metal Ultras”, einem Albumtitel mit Ansage, weiß man, was die Jungs aus dem Süden für eine Power und für eine Wut in sich tragen. Als Bandchef Dorian Bones mit seiner starken Bühnenpräsenz lässig mit nächtlicher Sonnenbrille und Abriss-Attitüde ans Mikro trat, wusste man Bescheid, was man zu erwarten hatte: Whiskey Ritual bringen Party in den Black Metal. Aber nicht, dass man das falsch versteht: Es geht um Destruktivität, Entladung von Gefühlen und Alkohol - aber nicht im humorvollen Sinn. Da wird den Leuten, die unmittelbar vor der Stage stehen, gut und gerne mal Schnaps in die emporgestreckten Becher gegossen (auch wenn es diesmal eher ein Rum Ritual statt eines Whiskey Rituals war), es wird angestoßen und Band und Publikum bilden eine Einheit. Kein Wunder, dass es da auch erste Alkoholleichen gab, die sich vorne auf die Monitore legten und später auch mit ü2 Promille abtransportiert wurden. Allein der Titelsong von “Black Metal Ultras”, die garstige Lemmy Kilmister-Hommage “666 Problems” oder das niederwalzende GG Allin-Cover “Bite It, You Scum” tun da ihr übriges. 

So fiel man nach dem ersten Tag zu Ehren von Folter Records angeduselt und kaputt ins Zelt. Dass Whiskey Ritual den Headliner gaben, passte als entfesselte Explosion am Ende fantastisch. Hier geht es zum Bericht von Tag 2.

Fotos: Anna Apostata

Bericht: Haimaxia

Trackliste:
10
PUNKTE
Bewertung

Band

  • Paganland aka Sarmoung Ensemble + Frantic Aggressor + Satan Worship + Panychida + Hexenizer + Drengskapur + Grafjammer + Whiskey Ritual

Album Titel

Erscheinungsdatum

  • 03.09.2021
Haimaxia

He whispers, when the demons come. Do you make peace with them or do you become one of them?

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