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Dass gelungene Black-Metal-Events ihren Veranstaltern manchmal noch mehr abverlangen als Herzblut und Szenewissen, zeigte die Black Hole Agency bereits im Vorfeld der dritten Ausgabe des Black Hole Fest Germania. Als die Balver Höhle im Sauerland aufgrund behördlicher Lärmschutzbedenken kurzfristig als Austragungsort wegfiel, wurde nicht lange lamentiert, sondern umgeplant. Die „Frost Edition“ war geboren – und aus einer Notlösung wurde ein denkwürdiges Festival.
Natürlich war eine Absage des ganzen Events von vornherein keine Option und deshalb wurde das eigentlich im Herbst angesetzte Event in den Winter gelegt und firmierte seitdem als Black Hole Fest Germania III Frost Edition. Außerdem zog man rund 400 km weiter in den Osten, nämlich in das für Metal-Events bestens etablierte Hellraiser in Leipzig. Und der Plan ging voll auf.
Denn die Fans in Leipzig erlebten ein so geiles zweitägiges Festival, dass eigentlich niemand davon ausgehen konnte, dass der Termin nur Notlösung und die Location nur zweite Wahl gewesen sein sollte. Das Gegenteil ist richtig: das Line-up, das die Veranstalter für das zweitägige Event aufbieten konnten, war so stark und teilweise sogar exklusiv, dass unter dem Strich wahrscheinlich fast alle begeistert waren. Dabei wurde die Begeisterung wohl noch dadurch verstärkt, dass viele Besucher aus der Region sowieso selig waren, dass auch einmal ein Black Hole-Event im Osten von Deutschland stattfinden konnte. Und zeitlich passte das Ganze sowieso perfekt in den Kalender: das Black Hole Fest taugt nicht nur als würdiger Abschluss des ganzen Festival-Jahres, sondern war zugleich passender Rückzug aus dem zu diesem Zeitpunkt überall parallel eskalierenden Weihnachtswahnsinn. Und Erleben ist ja bekanntlich sowieso fast immer geiler als konsumieren.
Trotz aller Widrigkeiten im Vorfeld war die Ausgangslage für die dritte Ausgabe des Black Hole Fest Germania somit gut. Fans, Bands und Veranstalter hatten alle Hebel in der Hand, um an den zwei Tagen statt eines lauen westlichen Herbstlüftchens einen eisigen Kälteeinbruch aus dem Osten zu etablieren. Diese Chance wurde genutzt. Fast alle Musiker haben Hingabe gezeigt, die Fans waren ganz überwiegend aus dem Häuschen und die Veranstalter hatten ja bereits im Vorfeld ihren vollen Elan in die Waagschale geworfen und haben vor Ort dann alles im Griff gehabt. Wenn man auf diesem Niveau überhaupt irgendetwas kritisieren möchte, dann vielleicht höchstens, dass es nach dem krankheitsbedingten Ausfall der Lokalmatadoren von Nornir nicht gelungen ist, eine andere Band aus der Region einspringen zu lassen. Aber das wäre Jammern auf hohem Niveau und würde den Veranstaltern auch nicht gerecht werden, denn es darf davon ausgegangen werden, dass der Slot von Nornir nur deshalb frei geblieben ist, weil ein kurzfristiger Ersatz nicht zu realisieren war. So musste das ganze Festival ohne eine regional verwurzelte Band verlaufen.
Womit wir beim Thema Bands wären:
HomSelvareg sorgten für einen richtig guten Beginn am Freitag, der aufgrund des Nornir-Ausfalls kurzfristig etwas später begann als geplant. Es war also schon richtig voll und genau das hatten die Italiener auch verdient, denn die aus der Lombardei stammenden fünf Musiker sind bereits seit über 20 Jahren aktiv und wissen definitiv genau, was sie tun. Ihre Musik ist rau, aber zugleich auch melodiös und mitreißend. Die Italiener gehören damit zur Gruppe derjenigen Geheimtipps im Black Metal, die bei den Black Hole-Events von den Veranstaltern immer wieder mit gutem Geschmack ausgewählt und dann auf die Bühne gestellt werden. Toller Auftakt!
Azels Mountain aus Polen spielen Pagan Black Metal und haben sich, wie so manche osteuropäische Band, dem im polnischen Untergrund bekannten Label Werewolf Promotion aus Breslau angeschlossen. Die jüngste Veröffentlichung der zuletzt nicht mehr durchgängig aktiven Band stammt aus 2019, wobei die Musiker gerade dem Black Hole Fest in der Vergangenheit die Treue gehalten haben: so spielte man bereits 2020 und 2023 bei der Schweizer Ausgabe des Black Hole Fest. Damit zählen die Polen zur Gruppe gleich mehrerer Bands, die nach dem Grundsatz „bekannte und bewährt“ immer wieder treuen Kontakt zur Black Hole Agency gehalten haben. Und auch in Leipzig trafen die Polen bei der Crowd den richtigen Nerv: energiegeladen, melodisch, intensiv. Wer die Chance hat, einen der Auftritte von Azels Mountain live abzugreifen, der sollte sie nutzen.
Auch Ernte aus der Schweiz hält immer wieder Kontakt zum Black Hole-Team und wird auch 2026 bei der siebten Ausgabe in der Schweiz als einer von zwei Lokalmatadoren aufwarten. Den Kern der Band bildet eigentlich nur ein Duo und obwohl man erst seit 2020 aktiv ist, ist die Band sehr produktiv und hat für das laufende Jahr bereits das vierte Album in voller Länge mit dem Titel Der schwarzen Flamme Vermächtnis beim neuen Label Purity Through Fire (bisher: Vendetta) angekündigt (Release: 14.02.).
Frontfrau Askahex, die neben den Vocals auch den Bass beisteuert, hatte die Fans in Leipzig ganz gut im Griff und sowieso gehörte die Band an diesem Abend zu einer der Truppen, die offenbar viele unbedingt mitnehmen wollten. Die Musik von Ernte ist im besten Sinne konservativ, nämlich kompromissloser Black Metal, wie er sein soll: echt, aggressiv, rau, aber an manchen Stellen zugleich fein, durchdacht und vor allem gänzlich ohne irgendwelche Spielereien. Ernte brachte genau das auf die Bühne. Die Performance wirkte wie aus einem Guss und unter dem Strich dürften sowohl Fans als auch die Band selbst den Gig schlicht genossen haben. All das ist sicher ein gutes Argument, sich Ende April auf den Weg zur Musigburg Aarburg in der Schweiz zu machen und sich das Ganze in kleinerer Halle und intimerer Atmosphäre noch einmal zu geben.
Heimland, beheimatet im äußersten Südwesten von Norwegen, machten erstmals 2019 mit ihrer Single Skog (!) auf sich aufmerksam und lassen die Szene seitdem nicht mehr los, zuletzt mit ihrem Album Der Torv Moeter Hav aus dem Jahr 2025. Live ist die Band ausgesprochen stark, die Musik mitreißend, eigentlich durchgängig von melodiösen Tremolo-Passagen getragen und von einem Sänger dominiert, dessen prägnanter Gesang auch für Black Metal-Verhältnisse etwas aus dem Rahmen fällt und der insgesamt nicht nur einnehmend, sondern zugleich auch sympathisch ist.
Die Musiker von Heimland sind live immer ein Highlight und genau das konnten sie auch an diesem Abend beweisen. Auffällig: am Ende ihres Gigs bedanken sich die Musiker eindrucksvoll bei den Fans. Allen war zu diesem Zeitpunkt offenbar klar, was man gerade erlebt hatte: eine richtig gute Performance auf beiden Seiten!
Antrisch gehören definitiv zu den Bands, die in Leipzig am meisten Begeisterung ausgelöst haben. Absolute Vorfreude bei den Fans, eine Killer-Intensität und schließlich eine Halle, die an diesem Abend wohl nie wieder so voll war. Die Performance der Bayern, die gerade einen Lauf haben und deshalb Anfang 2026 auch ihr drittes Album „Expedition III“ angekündigt haben, war so heftig und ergriff die Fans derart, dass der ganze Gig – ohne Übertreibung – schlicht als beeindruckend und zugleich als ein Highlight des ganzen Festivals bezeichnet werden muss. Antrisch, die 2025 bereits bei dem Black Hole-Stamm-Event in der Schweiz am Start waren, wurden von den Fans in Leipzig offenbar noch intensiver wahrgenommen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Band in einem noch besseren zeitlichen Slots spielte. Das kann aber auch daran liegen, dass die Musiker in den vergangenen Monaten durch harte Arbeit nicht nur ihre eigene Anhängerschaft vergrößert, sondern auch zunehmend begeistert hat. Qualität spricht sich in der Szene eben meist herum und beim Black Hole bot sich die ideale Gelegenheit, all die Vorfreude und all die aufgestauten Emotionen rauszulassen.
Die bei Antrisch eigentlich zum Programm dazugehörenden Schneekanonen durfte vor Ort übrigens nicht eingesetzt werden, was aber ein eigentlich unwichtiges Detail darstellt. Vielleicht hätte Schnee in der Halle sogar zu sehr von der Intensität der Musik abgelenkt. Und pur ist Black Metal eben auch immer am stärksten. Insgesamt waren sowohl die Musiker von Antrisch als auch die Crowd an diesem Abend in Höchstform!
Sargeist: da weiß man, dass man geilen Black Metal bekommt - aber genau das ist auch gefährlich. Denn für die Band besteht das Risiko, den eigenen Auftritt nur routiniert abzuspulen und als Fan ist man ob der hohen Erwartungen schnell enttäuscht. So ganz hat sich das an diesem Abend zwar nicht bewahrheitet und die Band lieferte einen soliden Auftritt ab. Dennoch zündeten die Musiker die Bühne nicht so an, wie sie es eigentlich hätten tun können. Die Fans merkten das und hielten sich etwas zurück. Hinzu kamen offenbar kleinere Probleme beim Sound. Denn nicht jedem gelang es, alle Songs an diesen Abend auch tatsächlich zu erkennen. Aber genug der Kritik! Die Band ist in unterschiedlicher Besetzung schon so lange aktiv, dass es schlicht unrealistisch ist, immer ein neues Highlight zu erwarten. Jedenfalls ist Sargeist auf jedem Black Metal-Event ein verdientes Zugpferd und konnte in Leipzig mit solider Kost überzeugen.
Blackbraid gehört zur indigenen Black-Metal-Szene der Vereinigten Staaten und konnte bereits zuvor Black Hole-Erfahrungen sammeln. Bereits im Frühjahr 2025 gelang es der Band, bei der Schweizer Ausgabe des Festivals die Musigburg Aarburg so aufzuheizen wie keine andere Truppe. In Leipzig besetzten die Amis an diesem Abend zwar nicht die alleinige Spitzenposition – dafür waren die übrigen Bands schlicht zu stark. Dennoch lieferten die New Yorker, die vor rund einem halben Jahr mit Blackbraid III ihr drittes Album vorgelegt haben, einen richtig geilen Gig ab. Wie bei Blackbraid üblich, avancierte dabei nicht nur der Sänger zum Powerhouse auf der Bühne, sondern auch der Bassist legte derart viel Aktivität an den Tag, dass er einmal mehr komplett aus dem Rahmen fiel.
Die Musik von Blackbraid ist nicht nur absolut energiegeladen, sondern auch eingängig und eignet sich damit perfekt und gleichermaßen sowohl als Headliner als auch als Rausschmeißer. Genau das zelebrierten die Amis an diesem Abend, und genau so wurde das auch von den Fans aufgenommen. Geiler Abschluss eines tollen Festivaltages!
Samstag, 2. Festivaltag: Ad Noctem Funeriis, Kirkebrann, Mavorim, Auðn, Sarkrista, Black Altar, Patriarkh/Патриархь
Ad Noctem Funeriis sind definitiv immer die mit dem größten umgedrehten Kreuz auf der Bühne – größer noch als die Musiker selbst. Ob die Italiener das Kreuz zu jedem Gig aus Bari mitbringen oder es vor Ort zusammenschustern, bleibt unklar. Klar ist aber, dass die Musik der Band eigentlich nichts zu wünschen übrig lässt. Sie wirkt zwar streckenweise ebenso verspielt wie das überdimensionierte Kreuz, ist dabei aber absolut eingängig, konsequent tremolo-lastig, melodiös und insgesamt richtig stark.
Wie so viele Bands an diesem Wochenende sind auch die Italiener Black Hole Fest-Veteranen, haben sich ihren Platz im Billing also bereits durch eine geile Performance in der Vergangenheit verdient. Genauso souverän lieferten sie auch an diesem Abend ab und brachten die noch nicht ganz gefüllte Halle am zweiten Festivaltag bereits früh ordentlich auf Temperatur.
Kirkebrann aus Norwegen sind seit über 20 Jahren aktiv und huldigen nicht nur mit ihrem Namen den Hobbys einiger Vertreter der zweiten Welle im Norwegen der 90er-Jahre. Auch die Musik lehnt sich klar an die damaligen Aktivitäten der Neunziger an: schlicht, roh, etwas primitiv und gerade deshalb geil.
Die Norweger legten erst im Jahr 2024 ihr zweites Album in voller Länge mit dem Titel Mot trellenes forfall vor und konnten damit ob der brutalen Rohheit und der gleichzeitig so gut geschriebenen, melodiösen Elemente begeistern. Das Album wurde teilweise gar als Meisterwerk des norwegischen Black Metal rezensiert. Und meisterhaft war eigentlich auch der Gig in Leipzig. Zwar schienen zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Festivalbesucher vor Ort zu sein, und die Stimmung war noch nicht so aufgedreht, wie es die Norweger eigentlich verdient hätten. Doch die Band machte genau das, was man von einer Formation erwartet, die seit über zwei Jahrzehnten in Norwegen aktiv ist: Old School-Black Metal in perfekter Ausprägung. Unbedingt in das 2024er-Album reinhören!
Narbeleth hat kubanische Wurzeln, residiert inzwischen aber in Spanien. Damit zählt die Band um ihren Kopf Dakkar sicher zu jener Sorte Exoten, die nicht auf jedem Poster stehen, von der Black Hole Agency jedoch immer wieder mit gutem Geschmack ausgewählt werden.
Die Musik der Südamerikaner ist vor allem eins: roh und kalt, dabei aber auch durchdacht und von Melodien getragen. Ein sehr gutes Beispiel dafür – und zugleich klarer Anspieltipp – ist der Titelsong des aktuellen Albums A Pale Crown aus dem Jahr 2024. Der Track bringt im Grunde alles mit, was überzeugenden Black Metal ausmacht, und eignet sich hervorragend, um den gemeinen Europäer genau an der richtigen Stelle abzuholen. So verwundert es kaum, dass die Stimmung im Publikum bei einigen recht schnell von Neugier in Begeisterung umschlug. Geil auch: Musikalisch präsentierte sich die Band eher old school als exotisch, was überdies auch dem gesamten Setting an diesem Abend entsprach; die Musiker standen zu dritt auf der Bühne, kamen also mit nur einer Gitarre aus, verzichteten vollständig auf Corpsepaint oder sonstige Dekoration und spielten ihren Gig gänzlich ohne irgendwelche Schnörkel runter. Kein unnötiger Gestus, kein Drumherum – Black Metal pur. Genau das funktionierte an diesem Abend genial.
Mavorim. Über die Jahre gehören die Bayern sicherlich zu den meistgefragten Bands der deutschen Szene, die wohl jeder Veranstalter sich gerne aufs Poster schreibt. Auch wenn für 2026 mit dem Steelfest und dem Under the Black Sun nun schon zwei weitere geile Festivals bestätigt sind, darf die Tatsache, dass es den Veranstaltern in Leipzig gelungen ist, die Bayern ins Billing zu holen, durchaus als kleiner Coup bezeichnet werden. Für manchen Fan dürfte dieser Coup dann auch das tragende Argument gewesen sein, das Festivalticket für den Samstagabend zu lösen.
Die Halle jedenfalls wurde schlagartig voll, und bei Songs wie Ein Zerrbild alter Leiden oder Die letzte Festung sind die Leute schlicht ausgerastet; wohl auch, weil bei letzterem plötzlich Erik Aggressor, Sänger von Ad Mortem, auf der Bühne stand und den Gesang unterstützte. Die Fans waren eigentlich den ganzen Auftritt über aus dem Häuschen, und das zeigte Wirkung auch auf der Bühne. Man darf sicher davon ausgehen, dass die Bayern ihren Gig ähnlich genossen haben wie die Fans.
Als Kontrast zu Mavorim spielen Auðn aus Island Black Metal der komplexeren Art. Gekleidet in schwarze Sakkos – als käme man direkt aus dem Büro – entwickelte sich der Auftritt der Musiker zu einem Erlebnis, das an Intensität an diesem Abend nicht mehr übertroffen wurde. Dabei macht es die Band den Fans nicht einfach: Das Songwriting ist komplex, die Musik vielschichtig, und insgesamt unterscheiden sich die Isländer musikalisch und optisch von gängigen Genrestandards. Es ist also nicht leicht, bei Auðn einen direkten Zugang zu finden. Lässt man sich jedoch auf die Musik von Auðn ein und beschäftigt sich ernsthaft mit ihr, eröffnet sich eine Form von Black Metal, die in ihrer Eindringlichkeit kaum zu übertreffen ist. Und genau das bewiesen Auðn auch in Leipzig. Es dürfte lange nachhallen, was die Isländer im Hellraiser an Größe, an Konsequenz und an Eindringlichkeit auf der Bühne ablieferten. Das Publikum nahm diese Herausforderung an: die Fans ließen sich mitreißen, was auf der Bühne nicht unbemerkt blieb. Sänger Hjalti Sveinsson bedankte sich am Ende des Gigs mit klaren Worten beim Publikum. Gerade in Deutschland, so sagte er, spüre man immer wieder eine besondere und unverstellte Begeisterung für die Musik.
Wer den Auftritt verpasst hat, bekommt im Mai 2026 bei der Schweizer Ausgabe des Festivals eine zweite Chance. Unbedingt hingehen!
Wer in Sachen Black Metal aus deutschen Landen mitreden will, der kommt an Sakrista und dem Revenant an den Vocals eigentlich nicht vorbei. Sakrista – bereits bei der Schweizer Ausgabe des Black Hole Fest im Frühjahr 2025 beim Warm-up in Höchstform – standen folgerichtig auch in Leipzig im Billing. Und doch war an diesem Abend plötzlich alles anders: als Sänger betrat nicht der Revenant die Bühne, sondern der direkt aus Finnland eingeflogene Ari XIII, der sonst bei Rietas, Curse Upon a Prayer und anderen Projekten aktiv ist. Ari ist ein anderer Typ. Sein Gesang ist nicht so gewaltig, dafür feiner; entsprechend fällt auch die Bühnenpräsenz etwas zurückhaltender aus. Das zeigt sich sogar in seiner Position auf der Bühne: Ari sucht seinen Platz häufig nicht an vorderster Front, sondern weiter hinten. Dadurch kommen unweigerlich die anderen Musiker stärker zur Geltung. Heraus kommt ein richtig gutes Setting, das dem originalen Line-up der Band eigentlich kaum nachsteht.
Und obwohl er aus persönlichen Gründen nicht selbst den Gesang übernehmen konnte, spielte der Revenant an diesem Abend irgendwie doch eine Rolle. Das machte Ari direkt nach dem zweiten Song klar und sagte zu den Fans:
“As you can see, I am not the Revenant. Unfortunately, he couldn’t make it. But cancellation is never a true option. So, without further bullshit, we dedicate this show to my brother, the Revenant.”
Damit war dann auch alles gesagt und der weitere Verlauf kannte nur noch eine Richtung: richtig geiler, kompromissloser deutscher Black Metal mit finnischem Einschlag.
Die Polen von Black Altar sind seit 30 Jahren dabei und gehören damit zu den Veteranen der Szene. Auch wenn die Band in den letzten Jahren nicht mehr durchgängig aktiv war – das letzte Album in voller Länge stammt aus dem Jahr 2008 –, darf ihre Verpflichtung für das Festival durchaus als Coup bezeichnet werden. Die Polen, die sich selbst dem Orthodox Black Metal zuordnen und damit vor allem das Traditionsbewusstsein in der Szene betonen, wissen genau, wie man musikalisch überzeugt und live abliefert. Die Erfahrung merkte man den Musikern an diesem Abend auch deutlich an: Die Band holte die Fans genau dort ab, wo sie es beabsichtigte – in einer ganz dichten Atmosphäre, düster, einnehmend, hoffnungslos. Der schwarze Altar auf der Bühne passte zwar zur Atmosphäre, war angesichts der Musik jedoch eher Beiwerk, zumal es immer wieder Probleme mit den dort postierten Räucherstäbchen gab, die der Band offensichtlich wichtig waren.
Wie auch immer: Die Fans erlebten ein richtig dichtes Event osteuropäischen Black Metals, das als einer der exklusiven Festival-Höhepunkte in Erinnerung bleiben wird.
Anders als bei Black Altar ist Orthodoxie bei Patriarkh weder Ideal noch Bekenntnis, sondern Thema. Natürlich definiert man Orthodoxie hier anders, stellt vor allem auf christliche Werte ab und macht insbesondere den damit verbundenen Macht- und Herrschaftsanspruch zum Gegenstand der Kritik.
Die Band entstammt einem der bekanntesten und zugleich unerquicklichsten Streitfälle der moderneren Szene, der bis heute nachwirkt. Im Kern handelte es sich um einen Konflikt um Urheberrechte, der aus der Geschichte von Batushka hervorging. Über längere Zeit existierten zwei Bands mit identischem Namen parallel, ehe Sänger Bartłomiej Krysiuk sein Projekt schließlich 2024 in Patriarkh umbenannte. Den Fans ist das egal. Ihnen ist eher wichtig, dass die Band ausgesprochen produktiv ist und gute Musik macht.
Dementsprechend war das zentrale Problem in Leipzig weder musikalischer noch künstlerischer Natur – hier lieferte die Band überzeugend ab. Es waren vielmehr äußere Umstände, die dem Gig der Polen etwas unglücklich mitspielten. Patriarkh hatten den letzten Slot, es war ohnehin schon sehr spät, und obwohl die Polen zur Überbrückung eigene Aufbaumusik mitbrachten, auf einen regulären Soundcheck verzichteten und zeitweise fast zwanzig Personen am Aufbau auf der Bühne beteiligt waren, verging dennoch ungewöhnlich viel Zeit, bis es endlich losging. Aufgrund der zahlreichen Aufbauaktivitäten wirkte die Bühne entsprechend sehr vollgestellt. Neben diversen Requisiten standen unter anderem vier Mikrofone für unterschiedliche Gesangsparts bereit, zudem waren insgesamt acht Musiker aktiv. Auch wenn die Musik für sich genommen stark war, wirkte das Gesamtbild dadurch überfrachtet und wenig fokussiert. Für manche Besucher war genau das ein Grund, das Festival vorzeitig zu verlassen – nicht zuletzt, weil es zu diesem Zeitpunkt schon sehr spät war. Für andere hingegen stellten Patriarkh dennoch einen verdienten Höhepunkt dar. Rückblickend erscheint es jedenfalls nicht unklug, eine derart aus dem Rahmen fallende Band bewusst ans Ende des Festivals zu setzen.
Fotos: Phil, Bericht: Skog