16.-17.10.2026 - Odyssey to Blasphemy IX, Helvete/Resonanzwerk Oberhausen + Mortuary Drape + Caronte + Heretic +++
Review

16.-17.10.2026 - Odyssey to Blasphemy IX, Helvete/Resonanzwerk Oberhausen + Mortuary Drape + Caronte + Heretic +++

Die Odyssey to Blasphemy gehört in ihrer zehnjährigen Geschichte zu den festen Größen im Underground-Kalender NRWs. Mit ihrer neunten Ausgabe führte die Veranstaltung am 16. und 17. Oktober 2026 erneut nach Oberhausen und spannte ihren musikalischen Bogen über zwei Tage und zwei Spielstätten: vom Warm-up im Helvete bis zum eigentlichen Festivaltag im ResonanzWerk ging es wieder zwei Tage lang bei bester Musik in finstere Gefilde.

  • von Haimaxia
  • 25.10.2026

Ein Blick auf die vergangenen Ausgaben zeigt, dass die Veranstalter dabei nicht allein auf große Namen setzen, sondern regelmäßig unterschiedliche Strömungen des extremen Metals zusammenbringen: Black Metal, Death Metal, Thrash/Speed - gleich, was das Herz begehrt, die Lineups strotzen immer wieder von einem gewissen Händchen fürs Underground-Wurzelwerk - man entdeckt immer wieder etwas Neues.  Aber auch hochkarätige und etablierte Wiederholungstäter sind immer wieder dabei. Bereits die vergangenen Ausgaben boten dafür reichlich Anschauungsmaterial – und auch das diesjährige Billing versprach eine Reise durch verschiedene Abgründe des Undergrounds.

Besondere Akzente setzte die neunte Ausgabe mit dem finalen Auftritt der niederländischen Black-'n'-Roll-Institution Heretic, sowie dem vierzigjährigen Jubiläum der italienischen Black-Metal-Veteranen Mortuary Drape. Dazu kamen unter anderem die belgischen Speed-Metal-Maniacs Bütcher und ein Freitag, der mit Werwolf, Lucifericon, Caronte und Tsatthoggua, die eine Jubiläumsshow für ihr Album "Hosanna Bizarre" spielten, bereits einen furiosen Start bot.

Wir waren für euch vor Ort - Zeit also, die einzelnen Auftritte Revue passieren zu lassen und zu schauen, welche Bands bleibende Spuren hinterlassen haben.

Tag 1 / Helvete Metal Club

Der erste Tag der Odyssey to Blasphemy startete mit einem wahren Highlight. Die rasenden Truppen von Werwolf aus dem schönen Freiburg im Breisgau machten sich auf, den Einstand der diesjährigen Ausgabe in eine blutige schwarze Messe zu verwandeln. Spoiler alert: Es ist ihnen vollends gelungen. Pünktlich wie die Maurer stürmten die Mannen blutüberströmt auf die Bühne des schon gut gefüllten Konzertkellers im Helvete Oberhausen, nur um in Windeseile in absolute Raserei zu verfallen. Eine wirklich feine Songauswahl führte querbeet durch die Diskographie der Jungs und ließ dabei natürlich auch das im April erschienene Album „Satanic Terror“ nicht zu kurz kommen. Mit ihrem wirklich sauber gespielten Old-School Black Metal, der zuweilen an die guten alten Zeiten von Infernus‘ Gorgoroth erinnert, konnten Werwolf von Anfang an überzeugen. So sehr sogar, dass man sich fragen musste, ob der Opening Slot wirklich die beste Wahl für so eine Ausnahmeband ist. Der Einstieg in die diesjährige Ausgabe der Odyssey to Blasphemy war also schon ein absolutes Highlight.

Weiter ging es mit den Niederländern von Lucifericon. Während Werwolf noch sehr chaotisch, rau und brutal daherkamen, wurde es mit Lucifericon etwas gediegener. Technisch absolut solider Death Metal mit einem gehörigen Black/Thrash-Einschlag wurde serviert - und wie es den Anschein machte, auch vom Publikum gewünscht. Mit "Intrinsic Being" und "Inside The Serpents „I“" lieferten Lucifericon Paradebeispiele aus ihrem ersten Album „Al-Khem-Me“ und mit "Qliphotic Trance" und dem Titeltrack würdigten sie ihren zweiten Output „The Warlock of Da’ath“. Die Niederländer blicken derzeit auf eine recht kurze, aber dennoch sehr intensive Diskographie zurück. Gerade "Inside the Serpents „I“" überzeugte live durch eine hypnotische und chaotische Soundwand. Generell kann dieser Auftritt von Lucifericon nur als absoluter Erfolg verbucht werden.

Lucifericon / Haimaxia

Auch die Marler Lokalmatadore von Tsatthoggua gaben sich wieder die Ehre und beehrten die Odyssey to Blasphemy mit einem ihrer durchaus bizarren Liveauftritte, passend zu ihrem 30. Jubiläum des Erstlingswerks „Hosanna Bizarre“. Dass die Truppe im Ruhrgebiet und Umgebung einen großen Beliebtheitsgrad aufweisen kann, zeigte sich direkt, denn der Keller war noch einmal ein gutes Stück voller als bereits zuvor bei Werwolf und Lucifericon. Bei ihren Liveshows machen Tsatthoggua keine Gefangenen, es geht direkt voll rein und bleibt bei Vollgas. Rund durch die Diskographie mit besonderem Augenmerk auf „Hosanna Bizarre“ prügelte sich die Truppe vor einem mitgerissenen Publikum durch ihr Set. Wieder ein fantastischer Auftritt der Jungs, der eigentlich keine Wünsche offenließ.

Der Freitag der Odyssey to Blasphemy IX neigte sich seinem Ende entgegen, als Caronte die Bühne betraten und das Helvete in einen okkulten Dämmerzustand versetzten. Mit leichter Verspätung beschloss die italienische Formation den Abend – allerdings nicht mit der erwartbaren Black-Metal-Walze, sondern mit einer betörenden Mischung aus Occult Rock und Doom Metal. Dass sich das Publikum zu diesem Zeitpunkt bereits merklich gelichtet hatte, war durchaus schade. Denn gerade in der intimen Club-Atmosphäre entfaltete Carontes Zauber eine Wirkung, die kaum hypnotisierender hätte sein können.

Das letzte Album "Spiritus" fand in der Setlist besondere Berücksichtigung und bildete einen zentralen Bezugspunkt dieses Auftritts, zum Beispiel mit dem starken "Sagittarius Supernovae". Dorian Bones, andernorts bei Whiskey Ritual als Peitschmeister am Mikrofon unterwegs, zeigte hier eine gänzlich andere Facette seiner Bühnenpräsenz. Statt die Menge mit aggressiven Ausbrüchen zu traktieren, ließ er sich von den dichten Klangschwaden seiner eigenen Band umhüllen, beschwor die Musik mit entrückter Intensität und schien mehr Priester einer dunklen Messe als Frontmann einer Rockband zu sein. 

Caronte ließen ihre Stücke atmen, krochen unter die Haut und entfalteten einen Sog, dem man sich bereitwillig überlassen konnte. Besonders "Black Gold" blieb im Gedächtnis und durfte nicht fehlen - als Dorian Bones das Stück mit den Worten „this next one is a song about sex and magic“ ankündigte, war der Rahmen für die folgende Beschwörung bereits abgesteckt. Caronte brauchten keine großen Gesten, um ihre Wirkung zu entfalten – die Musik selbst war Ritual genug. Wo andere Bands mit Raserei und harschen Black-Metal-Salven noch einmal alles niederwalzen, setzten Caronte auf die langsame, sinnliche Umklammerung. Doch gerade darin lag die besondere Qualität dieses Auftritts: Ihre Zauberei war niemals einlullender, niemals so unmittelbar und zugleich so entrückt wie in diesen engen Clubwänden.

So endete der erste Festivaltag nicht mit einem letzten Aufbäumen, sondern mit einem Abgleiten in dunkle Sphären. Caronte hinterließen einen hypnotischen, okkulten Schlusspunkt – und bewiesen, dass die Unterwelt nicht immer brüllen muss, um ihre Besucher in ihren Bann zu ziehen.

Caronte / Haimaxia

Tag 2 / ResonanzWerk

Wer ein Festival derart eröffnet, setzt die Messlatte für alles Folgende verdammt hoch - Vel'Har gelang genau das: Mit einem intensiven, zutiefst okkulten Auftritt verwandelte die Formation das ResonanzWerk in einen Ort ritueller Beschwörung. Weihrauch lag in der Luft, Blut wurde in Schalen aufgefangen und ins Publikum geträufelt – die Inszenierung war nicht bloß dekoratives Beiwerk, sondern fügte sich nahtlos in die finstere Atmosphäre der Musik ein. Ein Auftakt, der weniger nach einem gewöhnlichen Konzert als nach einer Einladung in die Dunkelheit wirkte.

Im Mittelpunkt stand das Debütalbum "Proskynesis", das im März 2025 erschien und die okkulte Ausrichtung der Band konsequent in Musik übersetzt. Vel'Har bewegen sich zwischen rauem Black Metal, entrückten Passagen und einer beinahe liturgischen Atmosphäre, ohne dabei die notwendige Schärfe vermissen zu lassen. Hinter dem Projekt steht Sänger und Multiinstrumentalist H.S.V.H., dessen musikalische Wurzeln tief in der chilenischen Black-Metal-Underground-Szene liegen. Gitarrist N. bringt unter anderem Erfahrungen aus Thyrgrim und MNHG mit; auch die übrigen Beteiligten sind in der Underground-Szene keine Unbekannten.

Bemerkenswert ist dabei, wie schnell Vel'Har auch auf der Bühne Fuß gefasst haben. Ihr Live-Debüt gaben sie erst im Oktober 2025 – und nur ein Jahr später standen sie bereits als Opener der neunten Odyssey to Blasphemy auf der Bühne. Von vorsichtigem Herantasten war dabei nichts zu spüren. Stattdessen entfaltete sich eine intensive Darbietung, die das Publikum unmittelbar in ihren Bann zog und das Niveau für den weiteren Festivaltag früh festlegte. Vel'Har lieferten damit nicht nur einen starken Festivalauftakt, sondern eine regelrechte okkulte Zeremonie. So darf ein Tag im Zeichen des extremen Undergrounds beginnen. Saustark, atmosphärisch und herrlich finster.

Nachdem Vel’Har wirklich schon fantastisch vorgelegt haben und große Fußstapfen hinterließen waren die recht kurzfristig eingesprungenen Niederländer von Deathless Void an der Reihe, die als Ersatz für die leider ausgefallenen Black/Thrasher von Warlust aus Thüringen dienten. Ein im Nachhinein wirklicher Glücksgriff der OTB-Crew, denn was Deathless Void dort auf der Bühne zelebrierten, war wirklich ein wahrer Ohrenschmaus. Nachdem die Truppe vor knapp 4 Jahren quasi aus dem Nichts kam und 2024 mit „The Voluptuous Fire of Sin“ nochmal zum auditiven Rundumschlag ausholte, war es wieder einmal eine Freude, sich das Ganze wieder auf der Bühne anzuschauen. Mit einer absoluten Macht lieferte die Truppe aus Amsterdam eine beindruckend energiegeladene Performance ab. Licht und Musik griffen fantastisch ineinander und erschufen so eine wuchtige Atmosphäre, die jeden Anwesenden mit sich riss. 

Deathless Void / Anna Apostata

Cromlech gehören zu diesen Bands, die man irgendwie zu kennen glaubt, aber dann doch nicht wirklich greifen kann. Obwohl die Truppe bereits im Jahr 1994 als Ein-Mann-Projekt von Impurus, der vielen vielleicht eher von Albez Duz bekannt sein dürfte, ins Leben gerufen wurde, war es wirklich sehr, sehr lange still, bis 2023 mit „Cold and Stiff“ das erste Material offiziell veröffentlicht wurde. Umso schöner war es, das Projekt dann auch 2026 auf der IX. Odyssey to Blasphemy auch mal live erleben zu können.

Es sollte ein wirklich lohnenswerter Auftritt sein, denn Cromlech boten den Anwesenden feinsten deutschen Black Metal alter Schule. Dass die Wurzeln des Projekts in den 90ern liegen war von Anfang an hörbar und das im absolut positiven Sinne. Routiniert und schnörkellos spielten sich Impurus und seine Live-Musiker durch ein Set, dass sich aus den beiden Alben „Cold and Stiff“ und dem 2025er Werk „Of Owls and Eels“ speiste. Ein wirklich starker Auftritt, wenn auch etwas zu lang. Und zwar so lang, dass die Stage-Crew langsam sichtbar ungeduldig wurde. Trotzdem waren die Anwesenden sichtlich angetan von dem was sich auf der Bühne abspielte und so erhielten Cromlech auch den wohl verdienten Jubel zum Abschluss ihres Slots.

Cromlech / Anna Apostata

Manchmal braucht es keine ausgefallenen Bühneninszenierungen und keine überbordenden Gesten, um einen Raum vollständig in seinen Bann zu ziehen. Bezwering gelang das im ResonanzWerk im Folgenden vor allem durch ein Zusammenspiel, das sich nicht auf eine einzelne Stimme reduzieren ließ. Die niederländische Black-Metal-Band ging aus dem Umfeld der mittlerweile aufgelösten Wederganger hervor, deren ehemalige Mitglieder auch bei Bezwering ihre musikalischen Wege fortsetzen. Zugleich reicht das personelle Netzwerk der Beteiligten weit über dieses Projekt hinaus: Gerade der Schlagzeuger ist auch mit Bands wie Dödsrit und Lamp of Murmuur verbunden. Bezwering sind damit Teil eines weitverzweigten Underground-Geflechts, dessen musikalische Verbindungen sich keineswegs auf eine einzige Spielart des Black Metals beschränken.

Während Krem (u.a. :Nodfyr:, Alvenrad, Geistaz) mit seinen harschen, schneidenden Screams die erwartete Kälte in den Raum schleuderte, schlug sein Gegenüber, Bandkopf Alfschijn, eine beinahe beschwörenden Klagegesang ein. Diese drückenden Vocals erinnerten stellenweise an jene entrückte, ritualistische Atmosphäre, wie man sie von Urfaust kennt. Gerade dieser Kontrast machte den Reiz aus: Hier wurde nicht einfach eine Stimme durch die nächste ersetzt, sondern es entstand ein Wechselspiel, das die Musik immer wieder in andere Schatten tauchte.

Das Ergebnis war ein ungemein dichter Auftritt, der weniger durch einzelne spektakuläre Momente als durch seine geschlossene Wirkung überzeugte. Bezwering entwickelten einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Die Atmosphäre blieb nicht bloß Begleiterscheinung der Musik, sondern wurde zum eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens. Ein saustarker Live-Auftritt, der eindrucksvoll zeigte, wie viel Ausdruckskraft im Zusammenspiel zweier konträrer Stimmen liegen kann. Bezwering waren für uns eine der positiven Überraschungen des Samstags – und eine Band, die man nach diesem Auftritt definitiv auf dem Schirm behalten sollte.

Bezwering / Anna Apostata

Nachdem die düsteren atmosphärischen Klänge von Bezwering verklungen und der Umbau fix von der Hand ging, gab es mit Hellish Crossfire feinsten Black/Thrash auf die Ohren. Die 2002 in Nürnberg gegründete Truppe ging genretypisch direkt in die Vollen und brachte absolute Spielfreude mit. Zwischenzeitlich fühlte man sich etwas an die ikonischen Live-Auftritte von Desaster erinnert, während Hellish Crossfire die Bühne abrissen. 

Die Stimmung auf der Bühne war dabei mindestens genauso gut wie vor der Bühne, die Thrasher wurden also nicht nur heiß erwartet, sondern ebenso frenetisch gefeiert. In bester „Vollgas-Manier“ ballerte sich das Quartett durch einen Querschnitt über die Diskographie und brachte unter anderem Highlights wie „Shadowcurse“ vom 2006 erschienenen Kracher „Slaves of the Burning Pentagram“. Die Zeit verflog geradewegs und Hellish Crossfire lieferten einen weiteren bockstarken Auftritt auf der diesjährigen IX. Odyssey to Blasphemy.

Abschiedsshows sind eine Sache für sich. Zwischen Nostalgie, den Klassikern aus vergangenen Tagen und dem Wissen, dass sich eine Band ein letztes Mal vor ihrem Publikum verbeugt, liegt die Erwartung, dass hier noch einmal etwas ganz Besonderes passieren könnte. Beim Black'n'Roll-Phänomen Heretic war es auf dem Odyssey to Blasphemy durchaus ein Wiedersehen mit alten Bekannten, das jedoch nicht ganz an die Intensität früherer Auftritte heranreichen wollte. Die Niederländer hatten reichlich Klassiker im Gepäck, die bei den Fans natürlich auf offene Ohren stießen und noch einmal daran erinnerten, weshalb sich die Band über die Jahre einen Namen im Underground machen konnte. Die ganz große Magie, die man sich von einer finalen Show vielleicht erhofft hätte, wollte sich allerdings nicht durchgehend einstellen. Gerade der Auftritt bei einer früheren Ausgabe des Odyssey to Blasphemy ist uns hier nachhaltiger in Erinnerung geblieben.

Auffallend war, dass sich bei Heretic im Publikum durchaus Gothic-Punks und Black Metal-Jünger aneinander reihten, die in dieser Band eine schöne Schnittmenge vereinte.  "Mr. Chainsaw", "Black Metal Punks", "Berserker" - alles unvergesslich spaßige Songs, die einen herrlich bösen Humor aufweisen und hier noch einmal zur Geltung kamen. Heretic selbst waren seit 2 Jahren nicht mehr live zu sehen - die eingefleischte Anhängerschaft wird sich gefreut haben, die Band noch einmal auf der Bühne zu sehen, auch wenn es jetzt nicht gerade mit einem großen Knall war.

Für eine durchaus kuriose Einlage sorgte eine Stripperin im Polizeioutfit, die sich unvermittelt für zwei/drei Songs auf der Bühne einfand. Ob diese Aktion tatsächlich mit der Band abgesprochen war, lässt sich von außen schwer beurteilen – zumindest wirkte das Geschehen nicht unbedingt wie ein organischer Bestandteil der Show. Als dann auch noch der Hintern der Dame mit Creme bearbeitet wurde und die Band offenbar einen Song ausließ, blieb eher ein Fragezeichen als ein bleibender Eindruck zurück. Ein wenig mehr musikalischer Fokus hätte diesem letzten Auftritt sicherlich gut getan. Und ob es so viel nackter Haut bedarf, nur, weil eine Strip-Show zum herrlich perversen Touch der Songs passt, muss jeder für sich beurteilen. 

Immerhin gab es neben den Klassikern auch den einen oder anderen Grund zur Freude: Heretic machten ihren Fans den Abschied mit ausgesprochen günstigen Merchpreisen leichter und ließen damit zumindest materiell noch einmal etwas zurück. Gegen Ende verabschiedete sich Bandkopf  Thomas Goat, der anfangs in Business-Kleidung am Merch-Stand zu sehen war und auf der Bühne wirkte, als hätte er sich noch ein letztes Mal verkleidet, mit den Worten "see you at our Reunion show, eventually." Ob das nun der würdigste Abgang war, den man sich für die Band hätte wünschen können, bleibt eine Frage der persönlichen Perspektive. Am Ende ist es aber auch müßig, darüber zu urteilen. Wenn eine Band nach all den Jahren den Schlussstrich ziehen möchte, dann ist das ihre Entscheidung. Und so bleibt von Heretics letzter Fahrt vor allem die Erinnerung an eine Band, die mit ihrem diabolischen Sound einen festen Platz im Underground hatte – auch wenn der letzte große Funke an diesem Abend nicht mehr so recht überspringen wollte.

Heretic / Haimaxia

Die griechische Abrissbirne Dead Congregation hatte unser Team vor dem Festival kaum auf dem Schirm. Und damit waren wir offenbar nicht allein: Im Publikum schien die Death-Metal-Band für viele nicht unbedingt der Name zu sein, auf den sie den ganzen Tag gewartet hatten. Umso eindrucksvoller war das, was anschließend von der Bühne kam.

Die 2004 in Athen gegründete Band steht für einen Death Metal, der nicht auf bloße Geschwindigkeit oder möglichst klinische Präzision reduziert werden kann. Schon ihre frühen Veröffentlichungen wie "Purifying Consecrated Ground" und "Graves of the Archangels" machten deutlich, dass hier nicht nur Härte, sondern auch Atmosphäre und eine finstere, beinahe erdrückende Schwere zum musikalischen Konzept gehören. Interessant allerdings, dass die Band seit geschlagenen 10 Jahren keine neuen Releases mehr gebracht hat und ihr letztes, musikalisches Manifest die 2016er EP "Sombre Doom" darstellt.

Aber mit ihrer guten Reputation schufen die Jungs ein Live-Erlebnis, das sich nicht hinter den bekannteren Namen des Billings verstecken musste. Dead Congregation lieferten einen extrem starken Auftritt ab, der vor allem eines deutlich machte: Diese Band verdient wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als wir ihr im Vorfeld zugestanden hatten. Hier stand keine bloße Pflichtstation zwischen zwei größeren Namen auf der Bühne, sondern eine Formation, die den Raum mit ihrem Death Metal vollkommen für sich einnehmen konnte. Manchmal muss man eben nur eine Band live erleben, um zu merken, welche Lücke man bislang in der eigenen musikalischen Landkarte hatte.

Wer danach noch einen Beweis dafür brauchte, dass eine Bühne auch ohne große Umwege in Schutt und Asche gelegt werden kann, bekam ihn mit Bütcher frei Haus geliefert. Die Belgier waren nicht einfach nur gut aufgelegt – sie waren ein verdammtes Energiepaket, das vom ersten Moment an keinerlei Zweifel daran ließ, weshalb sie derzeit zu den spannendsten Speerspitzen des extremen Speed Metal gehören. Das Set saß, die Songauswahl ließ kaum Wünsche offen und die Spielfreude war derart ansteckend, dass man sich dem Geschehen vor der Bühne nur schwer entziehen konnte.

Bütcher verstehen es, ihre eigene Überzeichnung mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu verbinden, ohne dabei auch nur einen Millimeter an musikalischer Durchschlagskraft einzubüßen. Hier wird nicht verbissen die große Metal-Pose durchgezogen, sondern mit einem breiten Grinsen auf den Lippen derart beherzt drauflosgeholzt, dass einem die Luft wegbleibt. Natürlich gehören auch die kleinen Showeinlagen zum Gesamtpaket: Wenn Frontmann R. Hellshrieker das metallene Speed-Metal-Wheel in die Höhe stemmt, ist das irgendwo zwischen herrlich bekloppt und absolut passend angesiedelt. Bei einer Band, die ihre eigene Übertreibung so souverän beherrscht, wirkt selbst derartige Theatralik nicht aufgesetzt, sondern wie ein weiterer Bestandteil der entfesselten Bühnenenergie. Von den herrlich skurrilen Texten brauchen wir gar nicht erst anfangen.

Besonders erfreulich war zudem die Premiere eines neuen Stücks mit dem Titel „Pray At The 7 Altars“, welches schon jetzt Vorfreude auf neues Material bietet, obschon Bütchers letztes Album "On Fowl Of Tyrant Wind" ja erst 2 Jahre zurück liegt - dieses wurde übrigens mit "Koraktor's Iron Rule" und dem furiosen "Speed Metal Samurai" bedacht, die restliche Setlist setzte sich überwiegend aus dem schwer zu toppenden 2020er Meisterwerk "666 Goats Carry My Chariot" zusammen, das die stärksten Bütcher-Patronen wie "45rpm", "Iron Bitch" oder "Face The Bütcher" enthält. Dass sich das neue Material nahtlos in das ohnehin schon starke Set einfügte, spricht jedenfalls für sich. Bütcher lieferten an diesem Abend genau das, was man sich von ihnen erhofft: rasenden, dreckigen und mitreißenden Metal, der seine Wurzeln kennt und trotzdem nicht wie eine bloße Kopie vergangener Größen klingt.

Vor allem R. Hellshrieker erwies sich als Mittelpunkt dieses entfesselten Treibens. Seine Präsenz, sein Gespür für die Interaktion mit dem Publikum und die permanente Bewegung auf der Bühne machten den Auftritt zu einer jener Shows, bei denen man sich fragt, woher eine Band eigentlich all diese Energie nimmt. Das Odyssey to Blasphemy hatte sich mit Bütcher jedenfalls ein echtes Kraftpaket auf die Bühne geholt. Während bei Heretic der Abschied eher von gemischten Gefühlen begleitet wurde, gab es hier kaum Raum für Zweifel: Bütcher haben die Hütte abgerissen. Und zwar mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass man sich schon jetzt auf die nächste Gelegenheit freut, diesem Wahnsinn erneut beizuwohnen.

Bütcher / Haimaxia

Auch der schönste Konzerttag hat irgendwann ein Ende und der Samstag der IX. Odyssey to Blasphemy hatte ein ganz besonderes Geschenk für die Anwesenden im Gepäck, denn niemand geringeres als die italienischen Black Metal-Urgesteine von Mortuary Drape waren für den Headlinerslot angekündigt. Eine Band, die seit den 1980er Jahren bereits ihr Unwesen treibt und um die sich so manches Mysterium rankt, wie die Entstehung des Covers für das 1994er Kult-Album „All the Witches Dance“. 

Dass die Truppe bereits erwartet wurde, zeigte auch der erste Ansturm auf den Merchstand, der kurz nach Aufbau bereits stark frequentiert wurde. Leider ließen die Italiener ein wenig auf sich warten, denn mittlerweile waren die Verzögerungen im Ablauf doch etwas deutlicher zu merken und so betrat die Truppe mit etwa 40 Minuten Verspätung die Bühne. Dass sich das Warten aber definitiv gelohnt hat, war von Beginn der Show an klar. Nach dem durchaus stimmungsvollen Intro nahm der Zeremonienmeister "Wildness Perversion" seinen Platz hinter der Kanzel ein und die Italiener stiegen direkt mit dem absoluten Kracher „Necromaniac“ vom 97er Album „Secret Sudaria“ ein und gaben so auch das Tempo für den Rest ihrer Show vor. Anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums ließen Mortuary Drape in ihrer Setlist beinahe nichts aus und lieferten einen Kracher nach dem anderen, der sich in ihrer außerordentlich umfangreichen Diskographie finden ließ. Dabei gab es natürlich auch diverse Klassiker des Debütalbums „All the Witches Dance“ zu hören - unter anderem „Tregenda – Dance in Shroud“ oder das brachiale „Primordial“ als krönenden Abschluss.

Aber nicht nur musikalisch wusste die Truppe absolut zu überzeugen, auch die Performance auf der Bühne ließ keine Wünsche offen, Mortuary Drape spulten hier nicht nur ein Programm ab, sondern zelebrierten sich selbst und ließen alle Anwesenden daran teilhaben. Ein par-force-Ritt durch die letzten 40 Jahre anlässlich ihres diesjährigen 40-jährigen Jubiläums war der perfekte Abschluss für diese, wirklich sehr gelungene IX. Odyssey to Blasphemy.

Mortuary Drape / Haimaxia

Fazit

Die neunte Ausgabe der Odyssey to Blasphemy hat einmal mehr gezeigt, was den Underground ausmacht: Leidenschaft, Eigenständigkeit und die Bereitschaft, sich jenseits ausgetretener Pfade auf musikalische Abgründe einzulassen. Zwischen okkulten Ritualen, rasendem Speed Metal, finsterem Death Metal und hypnotischen Doom-Klängen boten die beiden Tage reichlich Abwechslung und zahlreiche erinnerungswürdige Momente. Nicht jeder Auftritt mag gleichermaßen gezündet haben, doch gerade diese Vielfalt macht den Reiz eines solchen Festivals aus. Die Odyssey bleibt ein wichtiger Treffpunkt für all jene, die den extremen Metal nicht nur konsumieren, sondern leben. Wir ziehen unseren Hut vor dem Veranstalterteam und freuen uns auf die nächste Reise in die Finsternis, die laut Veranstaltern erst am 11. und 12. Februar 2028 stattfinden und somit ein Jahr pausieren wird.

Bericht: Sebi & Haimaxia

Fotos: Anna Apostata & Haimaxia

Bewertung

Band

  • Werwolf, Lucifericon, Tsatthoggua, Caronte, Vel'har, Deathless Void, Cromlech, Bezwering, Hellish Crossfire, Heretic, Dead Congregation, Bütcher, Mortuary Drape
Haimaxia

He whispers, when the demons come. Do you make peace with them or do you become one of them?

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