)
In diesem Sommer wird man als Festivalgänger wahrscheinlich ein besonderes Augenmerk auf die Wetterlage haben (müssen). Während das eine Event wegen Sturm, Gewitter und Starkregen wortwörtlich ins Wasser fällt, schmelzen auf den anderen Festivals bei Temperaturen jenseits der 30 Grad die Zelte zusammen. Dies ist die Stunde von Underground Geheimtipps wie dem Forest Fest im schweizer-französischen Grenzgebiet, die mit einem einfachen aber hochwirksamen Feature aufwarten können: Schatten.
Die überschaubare Grillhütte im schweizerischen Chevenez wurde von „La Horde Sequane“ erneut zu einem musikalischen Treffpunkt der Extraklasse umgebaut und in einer der schlimmsten Hitzewelle der jüngste Geschichte ein Refugium für Freunde der harten Töne.
Die Anreise gestaltete sich am Freitag mit der Hilfe von Google Maps und der Beschilderung als beschaulicher Ritt durch idyllische Örtchen und an einem Pferdegestüt in die „Cabane Forestiere“. Die Hütte, an die man die Bühne angebaut hatte, ist komplett umgeben von Bäumen und wurde vom Staff noch mit strategisch platzierten Sonnensegeln abgeschirmt. Dies Sorgte in Kombination mit Wind für zumindest etwas Abkühlung und so stand einem amtlichen Abriss nichts mehr im Wege.
Trogne, mit Fronter Onbra Oscura, der dem UG-Team schon aus verschiedenen anderen Eskapaden unter anderem in Estland bekannt war, schaffte mit seiner Truppe in der größten Hitze schon erste Begeisterungsstürme. Das relativ neue Projekt hat sich im Grunde dem Thema „Substance Abuse“ verschrieben und blieb diesem mit den zwei überlangen Blackened-Doomigen Songs „Ethyloccultisme“ I + 2 vom ersten Riff bis zur letzten Note treu. Die Omnipräsenz von Onbra auf der Bühne, der gefühlt die Hälfte des Auftritts in anderen Dimensionen unterwegs war und in der anderen Hälfte Schnaps in weit aufgerissene Münder der Crowd (und sich selbst) versenkte, forderte die volle Aufmerksamkeit. Gerade der ausgewogene Mix zwischen okkult-eingängigen Melodien und aggressiven Riffgewittern kam extrem gut an und stimmte für die Eskalation ein, die mit dem GG Allin Cover „Bite It You Scum“ folgen sollte. Mit etwas zu viel Ethyl fütterte Onbra den Sänger von Chotzä an, der kurzerhand zusammen mit dem Hexekration Rites Sänger die Stage enterte und dem Chaos, ganz im Sinne des Originals“, ein Gesicht gab. Mit Gesicht meinen wir hier auch einen aufgehenden Schweizer Mond und mit Chaos die Präsentation einer originalen Schweizer „Hosencervelat“.
Auro begeisterten im Anschluss ebenfalls mit einem prall gefüllten Set, das sehr ausgewogen Songs aus ihrem selbstbetitelten Debütalbum und dem aktuellen Langspieler “Im Schatten der Bastion“ zum Besten gab. Neben dem Titeltrack konnte unter anderem auch “Insignien der Macht“ und “Haus Der Tausend Flügel“ für Begeisterung beim langsam wachsenden Publikum sorgen. Der einzige Wermutstropfen den Auro zu verkraften hatte war das Fehlen von Bandmitglied Henker, der leider bei einem Verkehrsunfall mit weiteren Mitgliedern der Band Drudensang in Mitleidenschaft gezogen wurde und somit nicht die Breitaxt mit den dicken Saiten schwingen konnte. Aber auch dieses Handicap konnten die Mannen mit Energie und gesteigerter Spielwut kompensieren.
Besagter Umstand und die Tatsache, dass mehrere Mitglieder im Krankenhaus behandelt werden mussten, führte leider auch zum Ausfall von Drudensang, die am selben Abend noch auf dem Forest Fest Open Air hätten spielen sollten.
Noch ein Deutscher Gast, der aber sehr nahe an der Grenzregion sowohl zur Schweiz als auch zu Frankreich beheimatet ist, enterte als nächstes die Bühne. Werwolf gaben richtig Vollgas und überzeugte auch die Menge, die so langsam aus dem willkommenen Schatten der Bäume wieder vor die Stage strömte. Die Freiburger hatten 2 Stücke ihres brandaktuellen Studioalbums “Satanic Terror“ im Gepäck und feuerten außer dem Titel Track noch “Temple Of No Light“ auf die feiernde Meute los. Außerdem glänzte die Setlist mit Songs der ersten EP “Proömium“ wie “Zerfall“ und dem abschließenden “Schmerz“. Auch “Mountain of Golgotha“ oder “Schein der Erleuchtung“ fanden Anklang und sorgten für mehr als verdienten Beifall vom Publikum. Für uns endete damit der Freitag, da uns ein familiärer Notfall in die Unterkunft und ein Teammember auf einen 700 Kilometer-Ritt zwang.
Nach einer extrem kurzen Nacht begann der Samstag begann für uns mit Ghörnt, einem der neueren Projekte der Schweizer Black Metal Szene, die mit Gewalt auf die Stage drückten. Die Setlist bot einen gelungenen Querschnitt durch die drei Alben Nedchrescht, Häxekult und Bluetgraf. Mit Songs wie „För Emmer“, „Häxesabbath“, „Folter“, „Vlad“ und „Tote Land“ zeigte die Band eindrucksvoll ihre musikalische Bandbreite und begeisterte das Publikum mit einem kompromisslosen Gewaltexzess. Besonders Fronter Thulus beeindruckte mit seinen kraftvollen gutturalen Growls und einer wütend-beschwörenden Bühnenpräsenz. Ebenso setzte Schlagzeuger Jöschu mit präzisem Spiel, rasanten Blastbeats und beeindruckender Technik ein Ausrufezeichen - und das nach seinem Höllenritt durch die Nacht nach einem Gig mit Thron auf dem In Flammen Open Air!
Auch Chotzä stürmten, als eine weitere Kombo aus dem Schweizer Dunstfeld, die Bühne und man kann durchaus sagen, dass es Zeit wurde „Stumpf Und Primitiv“ zu werden. Mit zwei Membern aus Ghörnt und insgesamt 6 Musikern - Drei Gitarren, ein Bass, Drummer und Sänger Iratus - hatte sich die wohl massivste Bühnenpräsenz des gesamten Festivals gefunden und füllte damit auch gleich den kleinen Vorplatz komplett aus. Dargeboten wurde praktisch das gesamte aktuelle Album „Negu, Nietä, Schtachudraht“. Verstanden haben wir eigentlich kein Wort - aber das war auch nicht wirklich notwendig. Mit Gassenhauern wie „Fertig Schön“, „Baphometamphetamin“ und „Missgeburt“, sorgte Chotzä trotz der Bullenhitze für verschwitzte Begeisterung unter den Fans.
Co-Headliner Pestilential Shadows aus Australien, die sich zuletzt auf dem Under The Black Sun und dem Black Khaos Assault die Ehre gaben, waren die wohl am weitesten angereiste Band des Abends und lieferten amtlich ab. Der Vierer aus Wollongong spielte einer untergehenden Sonne entgegen, die ihre letzten Strahlen durch das Geäst schickte und die Atmosphäre in eine düstere Vorahnung tauchte. Vor allem die letzten beiden Alben Devil’s Hammer und Wretch waren mit deren jeweiligen namensgebenden brachialen Songs in der Setlist vertreten und wurden mit Liedern wie "Armour Satanised" und "Impaled By The Moon" ergänzt. Die Macht von Pestilential Shadows zeigte sich aber auch gerade in den Tracks mit starken Gitarren Fokus bzw. Solis wie bei "Death-Knell“ oder "Putrid Earth“. Diese waren ein Garant für Gänsehaut, geschlossene Augen und entrückte Gesichter im Publikum, die Pestilential Shadows wie Verdurstende in sich aufsogen. In Gesprächen nach der Show hörten wir das eine oder andere Mal auch die Phrase „Headliner Der Herzen“ was wir definitiv nachvollziehen konnten!
Primordial mobilisierte zum krönenden Abschluss nochmal sämtliche Reserven der angereisten Festivalbesucher und begeisterten mit einem mehr als energetischen Auftritt. Dabei war der Weg auf die Bretter, die die Welt bedeuten durchaus von nicht unerheblichen Problemen gepflastert. Nur durch den Support der noch vielen, vor Ort befindlichen Musiker von anderen Bands konnte die Show so durchgeführt werden, denn das komplette Gear der Band ist am Flughafen abhandengekommen und die Mitglieder reisten ohne jegliche Instrumente an. So sprangen unter anderem auch Werwolf mit der Leihgabe ihrer Gitarre in die Bresche und halfen tatkräftig aus. Hier zeigt sich wieder der gute Zusammenhalt der Szene und dass gegenseitige Unterstützung über viele Hürden hinweghelfen. So starteten die Mannen aus der Republik Irland mit “ As Rome Burns“ und arbeiteten sich durch sämtliche Schaffensphasen ihrer langen Karriere. Dabei wurden unter anderem auch Songs wie “ To Hell or the Hangman“, “Gods to the Godless“ und “Victory Has 1000 Fathers, Defeat Is an Orphan“ dargeboten. Einen besonderen Platz in der Setlist hatte auch “ Wield Lightning to Split the Sun“, dass Primordial zum ersten Mal live auf dem Festival House of the Holy gespielt hatten und diesen Song nun dem verstorbenen Organisator Bartholomäus Resch widmeten. Das Sahnehäubchen auf das phänomenale Set machten anschließend noch “Coffin Ships“ und als Zugabe “Empire Falls“ die den Auftritt der Iren perfekt machten. Unter langen „We want more“ Rufen ging das Forest Fest zu Ende und abschließend bleibt zu sagen, dass sich uns das Festival als ein überschaubares Undergroundevent präsentiert hat, das mit viel Herzblut von einer kleinen Armee an dedizierten Helfern gestemmt wird und mit Liebe zum Detail nicht nur gute Musik geboten hat. Von Jura-Gin Cocktails, über lokale Speisen (wo zum Teufel kann man sonst auf einem Festival ein gebrandetes Käse- und Wurstbrett mit frischem Brot bekommen?) hin zu überragendem Sound und einem ordentlichen Merch-Angebot - mehr braucht es überhaupt nicht!