09.-11.09.2021 - Prophecy Fest 2021 - Balver Höhle + Primordial + Empyrium + Arthur Brown + Deine Lakaien + Sun of the Sleepless +++
Review

09.-11.09.2021 - Prophecy Fest 2021 - Balver Höhle + Primordial + Empyrium + Arthur Brown + Deine Lakaien + Sun of the Sleepless +++

Zum 25-jährigen Jubiläum des besonderen Labels Prophecy Productions fand dieses Jahr wieder das zugehörige Prophecy Fest in der Kulturstätte Balver Höhle statt. Nach dem weitgehend festivallosen Sommer eine willkommene Abwechslung für die Anhängerschaft der besonderen Musik zwischen Neofolk, Black Metal und Post Rock.

  • von Haimaxia
  • 18.09.2021

Die diesjährige Ausgabe wurde früh auf drei Festivaltage ausgedehnt. Wagt man einen Rückblick über die Festivalgeschichte bis ins Jahr 2015 ist es wirklich schön zu sehen, wie sich das Event von einem Ein-Tages-Spektakel zu einem richtigen, dem breitgefächerten Angebot der Label-Musik gerecht werdenden Fest gemausert hat. Und auch auf die Gefahr hin, hier gegen andere Veranstalter zynisch zu wirken: Man darf durchaus gleich zu Anfang betonen, wie viel Glück das Prophecy Fest hatte, dass es im Jahr 2020 kein Event gab, welches dann im Zuge der Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste, da man sich ja dazu entschied, das Label-Fest nur alle zwei Jahre abzuhalten. Trotzdem: Auch ein Stattfinden 2021 war lange nicht zu einhundert Prozent klar.

Zwischenlichten / Haimaxia

Tag 1

Nachdem man sich am ersten Festivaltag an der Kulturstätte eingefunden hatte, konnte man sich zunächst am Eingang wieder das für jeden Besucher liebevoll gestaltete Programmbuch abholen, diesmal als umfassende Label-Chronik gestaltet, welche in großem Vinyl-Format daherkommt. Diese beleuchtet nicht nur die gesamte Geschichte des Labels seit 1996, sondern enthält auch stets CD-Sampler der auftretenden Acts. Wer bereits in einem der vorherigen Jahre mit dabei war, der weiß, wieviel Mühe in dem Buch steckt, welches jedes Mal ausgegeben wird - und wenn wir ehrlich sind: Welches andere Festival macht sich eine derartige Arbeit über ein Programmheftchen hinaus? Bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Zum Buch gab es neben dem Bändchen auch noch einen passenden Trinkbecher, denn zum Jubiläum gab es am ersten Festivaltag neben Verpflegung in Form von Bratwurst und anderem leckeren Grillgut auch mal eben 50l Liter Freibier für die Besucher, welche auf der Wiese am Fuße der Höhle gleich neben dem Zeltplatz und der Zelt-Bühne ausgegeben wurden.

Am Donnerstag fand das Programm fast ausschließlich auf der Zeltwiese außerhalb der Kulturstätte statt. Man platzierte Feuerschalen und Sitzgelegenheiten und ein kleines, aber feines Live-Programm akustischer Art wurde unter einem liebevoll gestalteten Pavillon aufgeführt. Hier waren u.a. Mosaic & Zwischenlichten, Neun Welten und T.S. von Vrîmuot auf der Bühne. Dass es im September nicht mehr so warm war und es im Regen durchaus ungemütlich werden kann, mussten die Besucher leider bereits am ersten Tag merken, und trotzdem war die Kulisse, in der die Künstler ihre Neofolk-Stücke präsentierten, bereits jetzt etwas Besonderes. 

Vrîmuot / Anna Apostata

Tag 2

Am Freitag begann das Programm in der Höhle mit der aufstrebenden Neofolk-Größe Vrîmuot, die vor allem ihr jüngstes Machwerk und zugleich ihr Debüt “O Tempora, O Mores” vorstellten. Der aus dem Teutoburger Wald stammende Musiker T.S. aka Lupus Viridis konnte die Stücke durch seine Live-Unterstützung in Form zusätzlichen Vocal-Supports und an den Percussions in ganz anderem Gewand präsentieren, als man es von der Platte gewohnt ist, was den Songs eine größere Wucht verlieh.

Insbesondere Stücke wie "Nymphae Alba", "Wolffsangel" oder das noch recht gemächlich eröffnende, aber textlich auflodernde "Aufbruch" sind da besonders hervorzuheben. Zusätzlich präsentierte man dem Publikum in der Balver Höhle auch neue Stücke wie "Die Mär vom steinernen Mann", das einen starken Ausblick auf zukünftige Veröffentlichungen gab. Große Gänsehaut gab es auch bei dem Song "Ewige Sonne", welcher lediglich auf der Luxus-Edition des Debüts enthalten ist. Auch auf textlicher Ebene müssen die Poesie und die sprachlichen Bilder an sich hervorgehoben werden - wer allerdings mit deutschsprachigem Neofolk nicht so viel anfangen konnte, für den begann das Festival erst später so richtig, zumal das Stimm-Timbre von Lupus V. nicht allen zusagen mag.

St. Michael Front / Anna Apostata

Im Folgenden stellte die St. Michael Front -nicht gerade unter den bekanntesten Einträgen im Label-Kader von Prophecy- ihre Musik vor. Neofolk trifft dabei auf Darkpop: Überwiegend mit Songs auf Englisch leiteten die zwei Herren durch ihr Set - mit der Ausnahme des Songs "So weit nach draußen", der auf einem in Zukunft erscheinenden, neuen Album zu finden sein wird, gab es hauptsächlich Stücke ihres letzten Werds "End of Ahriman". 

Was unser Team an der düsteren Pop-Musik von St. Michael Front allerdings etwas stört, ist, dass nicht ganz klar ist, ob das Musikerduo tatsächlich diesen erzkatholischen Charakter, der durch Bandname, Hintergrundgeschichte und Lyrics vermittelt wird, tatsächlich verkörpert, oder ob sie diesen bloß als Sprachrohr und Metapher benutzen. Auch wenn es mit "Once" mitreißende Songs gibt, in denen plötzlich der Text "We're In For The Hell Commando" auftaucht, so gibt es trotzdem viele Stücke, die doch sehr nach christlicher Musik klingen und in denen man ein "Kyrie Eleison" um die Ohren geschlagen bekommt. Zudem schreibt die Band auf Facebook über sich selbst, ihre Songs verstünden sie als 'prophetische Visionen'. 

Trotzdem darf man nicht verkennen, dass der Sound der St. Michael Front gerade in der Balver Höhle exzellent zur Geltung kommt - und wer auf melancholisch-schöne Pop/Folk-Musik zwischen Rome und Ultravox, zwischen Spiritualismus und Rudolf Steiner-Esprit steht, wird mit der Combo seine Freude haben.

Sun of the Sleepless / Anna Apostata

Für manche ging gegen 14:40 das Festival erst richtig los, als Mr. Markus Stock alias Schwadorf mit seiner Band Sun of the Sleepless auf die Bühne trat. Das 2017 wieder ins Leben gerufene Projekt war für zehn Jahre auf dem Dachbodenspeicher verschwunden und kehrte dann mit „To The Elements“ zurück. Stücke wie „The Owl“ oder „Phoenix Rise“ sind einfach großartig, vor allem bei einer Live-Performance - auch nach dem Album gab es kleinere Veröffentlichungen wie eine Akustik-Split mit u.a. Mosaic oder eine klassische Black Metal-Split mit dem Projekt Cavernous Gate, von dem auch der rauschhafte Song "The Lure of Nyght" präsentiert wurde.

Die Live-Rückkehr auf dem 2017er Prophecy Fest hatte man allerdings noch weit atmosphärischer in Erinnerung, wo man sich auch für Bühnendeko in Form von großen Fackeln mehr Mühe gegeben hatte - diesmal war der Auftritt, ähnlich wie schon 2019, eher schlicht gehalten. Mittlerweile sind SotS bei jeder der vergangenen Ausgaben des Prophecy Fests am Start gewesen - kein Wunder, wo doch Markus Stock nicht nur mit seinen anderen Projekten wie Empyrium und The Vision Bleak zur Speerspitze des Labels gehört, sondern sich auch mit seiner Klangschmiede Studio E ohnehin massiv für die Musikszene in Deutschland und über Deutschland hinaus einsetzt. Insgesamt muss man sagen: Ein sehr starker Auftakt in Sachen härterer Klänge an diesem ersten Festivaltag!

Nach dem eher ruhigen Auftritt von Hekate, bei dem es zu einer beinahe andächtigen Stimmung in der Höhle kam, ging es mit den Rumänen Dordeduh wieder lauter weiter: Die Band ist nach internen Querelen bei Negură Bunget entstanden, als sich 2009 die Wege von Hupogrammos und Gabriel Marfa, alias Negru, trennten. Dem mittlerweile verstorbenen Negură Bunget-Gründungsmitglied zu Ehren kündigten Dordeduh trotz ihres aktuellen eigenen Werks an, auch ein spezielles Negură Bunget-Set zu spielen, bei dem aus einer ausufernden Diskographie mehrerer Jahrzehnte geschöpft werden konnte. 

Unter den Anhängern der rumänischen Black Metal- und Folk-Spezialisten führte die Ankündigung zu regelrechter, freudiger Ekstase. Auch wenn die Band nach dem Ensemble-Zerwürfnis weiterhin mit dem Sänger Tibor Kati existierte, sagen Kenner, dass Negură Bunget nach 2009 nicht mehr dieselben waren. Grob gab es ein Best of der Fan-Favourites "'Zîrnindu-să" von 1996 und "Om" von 2006 zu hören, gerade ein altes Opus wie "Pohvala hula" hatte seinen besonderen Impact. Wem Dordeduh in ihrer Tribut-Show schon gefielen, durfte sich bereits jetzt auf den Tag 3 freuen, bei dem die Band noch einmal ihre eigenen, neuen Stücke präsentieren sollte.

Dordeduh perform Negură Bunget / Anna Apostata

Dornenreich, die man auch niemandem unter den Gästen mehr vorstellen musste, gehören ebenfalls zu den Haus- und Hof-Einträgen bei Prophecy Productions. Zunächst hatte man angekündigt, dass es wieder eine Metal-Show geben würde, doch die Corona-Situation sorgte dafür, dass eine Vorbereitung dieses mit etwas mehr Aufwand verbundenen Sets nicht möglich war. So gab es erneut eine der intensiven, stilleren Akustik-Shows, die eher die Songs der jüngeren Alben der Band um den Künstler Eviga widerspiegelt. 

Dabei wurde im Set natürlich das aktuelle Album "Du Wilde Liebe Sei" besonders bedacht: "Liebes dunkle Nacht" machte den Anfang, aber auch die emotionsgeladenen "Dein knöchern' Kosen" oder "Der Freiheit Verlangen nach goldenen Ketten" entfalteten ihre besondere Wirkung unter der großen Anhängerschaft. Der oft in Flüsterton gehaltene Gesang von Eviga (der liebevoll scherzhaft gerne mit Black Metal-ASMR betitelt wurde) entlädt sich dabei in den Höhepunkten der Songs gut und gerne in gleißenden Schreien und kraftvoller Mimik und Gestik auf der Bühne. 

Aber wer nun meint, dass eine Dornenreich-Show gänzlich ohne älteres Liedgut auskäme, der hatte sich geschnitten: Zwar hat man Liedern wie "Mein Publikum - Der Augenblick" oder "Innerwille ist mein Docht" das treibende Schlagzeug genommen und einem "Der Hexe nächtlich' Ritt" fehlte natürlich gänzlich der Original-Charakter, der Spirit der Songs ging aber keinesfalls verloren. Zum Finale gab es noch den rauschhaften "Jagd" vom 2008er Werk "In Luft geritzt" zu hören. Was für ein Bann, den Eviga um seine Hörerschaft legt, und das relativ 'nackt', ohne pompöse Optik und ein großes Federkleid an Instrumenten, wie es andere Künstler des Tages auffuhren.

Dornenreich / Anna Apostata

Im Folgenden trat der wohl exklusivste Künstler des diesjährigen Events auf die Bühne. Als der beinahe 80-jährige Arthur Brown für das Event bestätigte wurde, gab es im Grunde nur zwei Reaktionen unter den Anhängern der Festival-Reihe: Die einen rangen sich ein müdes "Wer?" ab, die anderen konnten es kaum glauben, was die Veranstalter für ein Urgestein nach Balve holen würden. Arthur Browns musikalisches Schaffen reicht bis in die 60er Jahre zurück und viele handelten ihn damals schon als One-Hit-Wonder mit dem bekannten Song "Fire", der mit den markanten, brodelnden und beschwörerischen Worten "I am the God of Hellfire" eingeleitet wird. "Ach, DER ist das!", meinten viele dann - dass es kaum dem Schaffen Arthur Browns gerecht wird, diesen außergewöhnlichen und extravaganten Musiker auf diesen einen Song zu reduzieren, sollte dabei mehr als klar sein.

Und was für ein Fest war das, als Arthur Brown in diversen Kostümierungen (hier ist besonders der verrückte Kopfschmuck hervorzuheben), teils zu Blues-haftem, sanftem Rock, teils zur Psychedelic-Chaos auf der Bühne seine aberwitzige Show abhielt. Keine Adjektive und Beschreibungen werden dem gerecht, was da auf der Bühne geschah und in was für eine besondere Atmosphäre Arthur Brown die Balver Höhle tauchte. Neben der schrillen Outfits, nicht nur von Arthur Brown himself, auch denen seiner Musiker, gab es auf der Leinwand im Hintergrund auch immer wieder passende Farb-Arrangements und Einspieler zu sehen, hypnotische Fraktale, vorbereitete Musikvideo-Snippets und optische Untermalung. Dazu kommen die bizarren Tanz-Moves, mal wie in Trance, mal wie in Tippelschritten auf der Bühne umher, die Gesichtsbemalung, die Hammond-Orgel-Sounds... alles das führte zu einem besonderen, ja, einmaligen Cocktail. Wer live nicht dabei sein konnte, sollte dringend mal Live-Mitschnitte des Festivals checken.

Mit Fug und Recht kann man sagen, dass Arthur Brown, gleich ob es nun neuere Stücke oder ältere waren, eine Flut der Nostalgie auf die Besucherschaft losgelassen hat. Natürlich war die Live-Performance des Klassikers "Fire" mit dem "Fire Poem" als Intro ein Paukenschlag im Publikum und führte dazu, dass viele, gleich ob sie zuvor noch getragenem Neofolk, träumerischen Akustik-Shows oder Black Metal-Kaskaden frönten, einfach ins Tanzen gerieten. Genau deshalb war die Show von Arthur Brown so etwas Besonderes: Sie fiel aus dem Rahmen, aber sie einte auch das Publikum - zumindest war das unser Eindruck. Danke, Mr. Arthur Brown!

Schön, dass der God of Hellfire auch in seinen Dankesworten noch folgende bescheidene Bemerkung machte, die wir einfach mal so stehen lassen wollen:

"It has been said by quite a few people, that the band I first played with in public was partly responsible for the whole Heavy Metal scene. And now at the age of 79 it just proves that all of you are living a healthy lifestyle."

Arthur Brown / Anna Apostata

Als Finale des Freitags gab es mit Primordial zwar keine so seltene, aber dennoch für die Kulisse des Prophecy Fests perfekte Band auf der Bühne zu sehen. Die Truppe um Alan 'Nemtheanga' Averill überzeugte erneut mit ihrer Expertise und einem Rundumschlag ihrer bisherigen Diskographie und zündete noch einmal ein zünftiges Black Metal-Feuerwerk am Ende.

Ihr letztes Album "Exile Amonst The Ruins" ist nun bereits 3 Jahre alt und neues Material wurde bereits in Averills Podcast "Agitators Anonymous" angeteasert, aber Fans müssen sich wohl noch bis zur im Frühjahr -wenn die Corona-Auflagen bis dahin wieder lockerer gezurrt werden und es die Situation zulässt- stattfindenden 'Heathen Crusade to Doomsday'-Tour gemeinsam mit Swallow The Sun und Rome gedulden. In der Balver Höhle gab es dafür mit "Where Greater Men Have Fallen" den Einstieg in eine Setlist, die auch alte Stücke, die man dieser Tage von Primordial seltener zu sehen bekommt, enthielt.

Da wären zum Einen "The Soul Must Sleep" vom 2000er Werk "Spirit The Earth Aflame" zu nennen, welches mit dem emotional tiefschürfenden Auszügen aus Jean-Paul Sartres "Der Ekel" in englischer Sprache eingeleitet wird. Alan Averill ist mit seiner Art auf der Bühne einfach ein geborener Live-Künstler und schafft es mit seiner Mimik und seinen Ansagen sehr schnell sein Publikum auf eine rauschhafte Reise in seine Musik mitzunehmen. Dass Primordial kein Eintrag aus den Reihen der Prophecy-Künstler darstellt, ist dabei irrelevant: Als Gäste fügte sich der Sound von Primordial perfekt in das Event ein. Zudem gab es nicht nur, wie Averill anmerkte, Anno 2021 das 25-jährige Prophecy-Jubiläum, sondern auch das 30-jährige Primordial-Jubiläum zu feiern.

Weitere Klassiker und Fan-Favoriten durften natürlich nicht fehlen: Und so gab es neben den Sureshots wie "No Grave Deep Enough", dem furiosen Opener zum "Redemption at the Puritan's Hand"-Album, und "As Rome Burns" mit der sich immer mehr aufbauenden "Sing to the Slaves"-Parole natürlich auch "The Coffin Ships" und als krönenden Abschluss "Empire Falls" zu hören. Zu Letzterem hielt sich Averill den mahnenden Zeigefinger an die Schläfe und meinte "Let's pretend these last 20 months didn't happen", um noch einmal die Besucher ordentlich zu motivieren, alles zu geben. Nach einem Primordial-Gig hat man wohl für lange Zeit das nachhallende, fordernde "Are you with us?" aus Averills Kehle in den Ohren. Einfach immer wieder stark, vor allem, wenn Reihen unseres Teams schon lange Primordial als ihre Top-Band schlechthin bezeichnen.

Primordial / Anna Apostata

Tag 3

Den Auftakt für den Samstag machten die Italiener der Spiritual Front, die mit ihrem düsteren Pop- und Post Rock, ebenfalls mit Neofolk-Genius und Gothic-Charakter verfeinert, das Prophecy Fest-Publikum begrüßten. Ihr eigens gewählter Genre-Name „Nihilistic Suicide Pop“ könnte bei der gleichzeitig getragenen, melancholischen und geradezu apokalyptischen Stimmung vieler Stücke nicht trefflicher gewählt sein.

Sänger Simone Salvatori –für den, wie er selbst mehrfach betonte, es noch sehr früh war- schaffte es aber auch kurz nach dem Mittag schon, mit seiner Band zu begeistern und präsentierte eine Setlist, bei der hauptsächlich das ikonische 2006er Album „Armageddon Gigolo“ und das jüngste Werk von 2018, „Amour Braque“, bedacht wurden. Den Einstieg lieferte man mit „The Shining Circle“ von Ersterem Werk und über „Jesus Died In Las Vegas“ und „I Walk The (Dead)line“ mit einem ironischen Wink in Richtung Johnny Cash war es vor allem das Finale mit „Children of the Black Light“, das noch einmal die ganze Bandbreite der Band demonstrierte.

Schade, dass hingegen die gesamte Bandbreite der Instrumente live nicht so richtig zur Geltung kam – zumal der Spiritual Front auch die anderen auf den Alben hörbaren Instrumente live gut zu Gesichte stünden, so kamen Piano, Keyboard, Akkordeon und andere Klänge vom Band. Wer die Band nicht auf dem Schirm hatte, dürfte aber trotzdem Blut geleckt haben.

Eïs / Anna Apostata

Kurz vor 14 Uhr gab es dann wieder Futter für die Anhängerschaft der Lupus Lounge, dem Black Metal-Chapter von Prophecy Productions, zu hören, zu sehen und zu fühlen: Eïs um Frontmann Alboin sind endlich auch einmal beim Prophecy Fest dabei, wo sie im Grunde auch bereits seit dem 2009er Album „Galeere“, damals noch unter altem Namen Geïst erschienen, fester Bestandteil der Label-Garde sind. Das sowohl in Sachen Songwriting, als auch in Sachen lyrischer Schlagkraft herausragende Signature-Werk wurde auch gleich mit zwei Stücken vorgestellt: Hatte der Opener „Galeere“ noch dank seiner treibenden Art mehr und mehr Fans vor die Stage gelockt, war es vor allem das unter Fans massiv gefeierte „Unter Toten Kapitänen“, welches in gekürzter Variante beeindruckte.

Alboin begrüßte seine Hörerschaft aufgrund des internationalen Publikums auf Englisch und zeigte im derzeitigen Ensemble der Band, dass man sich aus dem Winterschlaf der vergangenen Jahre mit Freude zurückmeldet. Auch Stücke älterer Platten von Eïs gab es zu hören, darunter „Winters Schwingenschlag“ und „Spätsommerabende“, welche beide auf dem Debüt „Patina“ von 2005 enthalten waren und später auch in neuem Gewand neu aufgenommen wurden. Das Finale des Auftritts war –im Grunde nicht anders zu erwarten, und doch herbeigesehnt- das unglaublich starke „Mann aus Stein“ vom Album „Wetterkreuz“. Das Stück, das nicht nur für Alboin selbst, sondern auch für viele geneigte Hörer seiner Band mittlerweile ob seines Texts und seiner aufbauenden Songstruktur, die sich in einem emotionalen Höhepunkt entlädt, zu einem Song geworden ist, der eine tiefe Bedeutung in sich trägt, ist bereits länger fester Bestandteil der Setlist.

Neues Material scheint laut Alboin in Sicht zu sein, auch wenn es auf dem diesjährigen Prophecy Fest davon noch nichts zu hören gab. Wer nicht genug von Alboins Schaffen bekommt, sollte dringend mal unseren Podcast checken. Mit seinem Projekt Plutonyan gab es dieses Jahr auch neue Musik aus seiner Feder.

E-L-R / Anna Apostata

Die Schweizer E-L-R waren noch vielen unbekannt, als sie bestätigt wurden, aber Fans von Doom und Post Metal –vor allem den Jüngern der Belgier Amenra, die von E-L-R auf Tour begleitet wurden- ist das Trio bereits wohlbekannt. Was man hier live erleben durfte, konnte mit Fug und Recht als hypnotische Eskapade bezeichnet werden, die ihresgleichen sucht. Ihr 2019er Album „Mænad“, aber auch neue Stücke vom im Februar 2022 erscheinenden neuen Album hatte man im Gepäck. Und was die beiden Damen an Bass (I.R.) und Gitarre (S.M.) zusammen mit ihrem Drummer (M.K.) da auf die Beine stellten, war ein schierer Wahnsinn.

Ja, Vocals sucht man hier oft vergebens, anders als bei Konsorten wie Amenra, die ihre Doom-Walzen auch mit emotionsgetragenen, klagenden High-Pitched-Vocals versehen – aber was hier rein instrumental für Bilder, Gedanken und Gefühle in die Köpfe des Publikums gezaubert werden, ist einmalig. Wenn es Vocals gibt, sind diese oft mehr eingebetteter, fast Chor-ähnlicher Gesang im Hintergrund, aus dem Off. Der Zuspruch, den E-L-R auf dem Prophecy Fest erhalten haben, spricht für sich, auch wenn dieser erst am Ende des Gigs noch deutlicher als zuvor wurde, da das gesamte Konzert wie ein gigantischer, dahinwabernder Song die Balver Höhle flutete, pausenlos, ununterbrochen – definitiv eine Combo, die man auf dem Schirm haben muss. Musikalische Labyrinthe, Hall, eine Soundkulisse zum „Sich-Verlieren“. Einfach nur: Wow.

Dordeduh / Anna Apostata

Klimt 1918 nahmen ihre Zuschauer auf eine ähnliche, sphärische Reise mit, auch wenn es bei ihnen wieder mehr in die Fahrwasser ging, mit denen Spiritual Front den Tag begonnen hatten. Wesentlich voller als hier wurde es aber beim zweiten Gig von Dordeduh, bei dem sie diesmal ihre eigenen Songs von den letzten Alben „Dar de duh“ und „Har“ präsentierten. Letzteres erschien erst im Mai und konnte bereits die Kritiker überzeugen, dass man hier eine der musikalischen Speerspitzen ihrer Heimat Rumänien bezeugen darf.

So riefen vor allem die Stücke „Timpul întâilor“ als eröffnendes Lied und „Descânt“ Begeisterung im Publikum hervor. Der finale Song-Moloch „Jind de tronuri“, starker Opener des Debüts „Dar de duh“, wurde leicht gekürzt, unterstrich aber noch einmal alles Bisherige, was die Rumänen auf diesem Festival abgeliefert haben – und in der Kulisse der Balver Höhle sollte der Auftritt von Dordeduh zu einem der besten des gesamten Events avancieren.

Dool / Anna Apostata

Aber nicht so voreilig: Niemand darf die Rechnung mittlerweile ohne die niederländische Combo Dool machen, welche bereits beim Prophecy Fest 2017 einen bleibenden Eindruck hinterließen, aber seitdem noch so viel mehr Bekanntheit und durch ihr letztes Album „Summerland“ auch Fans dazugewonnen haben, nicht zuletzt, wenn man sich beschaut, aus welchen Musikern die Band besteht: Bassist Job van de Zande und Drummer Micha Haring spielten bei The Devil’s Blood, an den Vocals Raven van Dorst unter dem Pseudonym Elle Bandita.

Ihr treibender Progressive Rock mit Doom Metal-Allüren und mitreißende Songs wie „Sulphur & Starlight“, mit dem das Set begonnen wurde, sowie ihr Killing Joke-Cover von „Love Like Blood“ konnten ordentlich begeistern – und auf der Jubiläumsausgabe war es ein Leichtes, den 2017er Auftritt in der Balver Höhle noch zu toppen. Selten war es akkurater Musikern eine Spielfreude zu attestieren, schließlich sind auch Dool, wie andere Bands des Events, lange ohne Möglichkeit gewesen, live aufzutreten - aber hier sah man es allen im Ensemble deutlich an, wie happy man war, dies wieder tun zu können.

Über „God Particle“ und „Wolf Moon“ war in der Höhle wirklich die Begeisterung in der Luft spürbar. Das Finale mit „Oweynagat“ und „Dust and Shadow“ überzeugte das Publikum allerspätestens und es ist immer wieder ein Hochgenuss, die Holländer auf der Bühne zu sehen.

Deine Lakaien / Anna Apostata

Weit ruhiger ging es dann mit einem noch recht neuen Eintrag im Prophecy Productions-Kader weiter: Deine Lakaien, eher in der Gothic- und Gruftiszene bekannt und überhaupt nicht auf einem Rock- oder Metal-Festival zu verorten, traten mit ihrem jüngsten Werk „Dual“ zum Label hinzu. Dass sie stimmungsmäßig und in Sachen musikalischer Qualität natürlich bestens zu Prophecy passen, muss man gar nicht erwähnen. Die Wurzeln der Band um Sänger Alexander Veljanov mit seiner ikonischen Frisur reichen bis in die Mitte der 80er Jahre zurück. Mit Deine Lakaien prägte er die gesamte Gothic-Szene mit – und noch heute sind viele Stücke, die eher elektronischer Art daherkommen, fester Bestandteil vieler Partys in dem düsteren Genre.

Während Kenner der Band Stücke wie „Dark Star“ oder „Over and done“ eher in der Synth- bzw. Electro-Kluft kennen, war der Auftritt genau wie sämtliche Stücke des Albums nur mit einem Piano untermalt, und so gab es eher abgespeckte Versionen der berühmten Stücke zu hören, was aber dem gefühlvollen Touch der Songs keinen Abbruch tat. Zusätzlich wurde das Set mit vielen Cover-Stücken garniert, welche Veljanov für das Doppel-Album aufnahm, die ihn –wie er sagte-bereits seit seiner Jugend begleiteten. Darunter zum Beispiel „Because the Night“ von Patti Smith, „The Walk“ von The Cure oder der Kansas-Song „Dust in the Wind“ – und hier sangen natürlich auch alle Besucher in der Höhle kräftig mit. Trotzdem: Auch Deine Lakaien-Fans aus früherer Zeit durften sich über den „Kasmodiah“-Klassiker „Return“ oder „Love me to the end“ freuen. Ernst Horn am Piano übertraf sich dabei selbst.

Mit viel Charme und Bescheidenheit leitete Veljanov durch seine Show, dankte Prophecy Productions für die Zusammenarbeit und die Gelegenheit auf dem Prophecy Fest aufzutreten und markierte für manche Besucher ein Highlight des Abends. Zusätzlich kündigte Veljanov an, noch 2021 ein weiteres Album zu veröffentlichen, da in der Arbeit an „Dual“ noch viel mehr Liedgut entstanden ist und dieses veröffentlicht werden soll – ganz zur Freude der Anhängerschaft. In jedem Fall zeigten Deine Lakaien, dass es keineswegs gerechtfertigt war, im Vorfeld ablehnend gegenüber einem Auftritt der Avantgardisten eingestellt zu sein, denn diese Meinung war im Publikum und in unserem Bekanntenkreis zu vernehmen.

Empyrium / Anna Apostata

Empyrium stellten das große Finale des Prophecy Fests 2021 und lieferten gewohnt ab. Für viele war das Album "Über den Sternen" eines der besten Werke des Jahres 2021 - und einen größeren Fankult um die Band, bei der ebenfalls Markus Stock an vorderster Front steht, gibt es ohnehin schon seit erster Stunde des Labels Prophecy Productions.  Kein Wunder daher, dass sie das Jubiläums-Event abschließen durften.

Viele Gastmusiker gab es auf der Bühne zu sehen: Neben dem festen Kern der Band an den Vocals und Thomas Helm an Keyboards stand auch Dornenreich-Kopf Eviga an der Gitarre auf der Bühne - dazu noch Haggard- und Neun Welten-Violinistin Aline Deinert und Allen B. Konstanz an den Drums, den Fans auch von The Vision Bleak oder Ewigheim kennen.

Von der Setlist her gab es wieder ein Destillat der gesamten Diskographie der Band zu hören - das neue Werk wurde mit "A Lucid Tower Beckons On The Hills Afar" und "The Three Flames Sapphire" bedacht, aber vor allem lag der Fokus wieder auf den 90er Jahre-Werken der Band: Ob "Where At Night The Wood Gouse Plays", "The Ensemble of Silence" oder "Ode to Melancholy"... die Anhängerschaft der ersten Alben kam hier voll auf ihre Kosten. Vor allem beim finalen "Many Moons Ago" herrschte noch einmal eine andächtige Stimmung.

Wer nicht beim diesjährigen Prophecy Fest dabei sein konnte, durfte einem Youtube-Stream beiwohnen, der immer wieder zwischen den Bands mit Interviews und Eindrücken des Festivals begleitet wurde. Durch das gesamte Event leiteten Matt Bacon (seines Zeichens Kopf des Prophecy -Chapters USA) und Ernie von Krachmucker TV. Was für ein wunderbares Wochenende.

Trackliste:
10
PUNKTE
Bewertung

Ein weiteres Mal wurde seitens des besonderen Labels ins beschauliche Balve im Sauerland geladen, um in der Kulturstätte Balver Höhle atmosphärischer und kunstvoller Musik zwischen zarten Piano-Klängen und Neofolk, Dark- und Post Rock, okkulten Klängen und Black Metal zu lauschen. Wer sich im Label-Kader von Prophecy Productions auskennt, der weiß ja: Bands in ihrem Aufgebot sind sind mal eher von harschem Black Metal-Esprit geprägt, mal aber auch ganz ruhig, rein akustisch und fernab jedweden aggressiven Naturells. Die Geschäftsphilosophie liegt laut eigener Angaben in der Vermarktung „einzigartiger Musik, die die Genregrenzen überschreitet und aus dem Rahmen fällt“ – und das untermauerte das Label auch in diesem Jahr wieder zu ihrem Jubiläumsfest. 

Zunächst durfte man mutmaßen, ob die 2021er Ausgabe womöglich sogar das letzte Mal für das Prophecy Fest markieren würde - doch hier gab es zum großen Glück für die Anhängerschaft des Labels keine Bestätigung. Da es im Zwei-Jahres-Turnus weitergehen dürfte, freuen wir uns jetzt schon auf das Jahr 2023 - vielleicht dann ja in komplett gewohntem Rahmen und ohne dass man noch Gedanken an die Pandemie verschwenden muss.

Band

  • Zwischenlichten, Mosaic, Neun Welten, Vrîmuot, St. Michael Front, Sun of the Sleepless, Hekate, Dordeduh, Dornenreich, Arthur Brown, Primordial, Spiritual Front, Eïs, E-L-R, Klimt 1918, Dool, Deine Lakaien, Empyrium

Album Titel

Erscheinungsdatum

  • 09.09.2021
Haimaxia

He whispers, when the demons come. Do you make peace with them or do you become one of them?

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