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Das Party.San Metal Open Air lud 2026 bereits zum 30. Mal zum Tanze auf dem Flugplatz Obermehler im beschaulichen Schlotheim/Thüringen und hatte auch dieses Jahr wieder einen prall gefüllten Sack hochkarätiger Bands am Start. Da ein Festival mit über 50 Acts so viele bemerkenswerte Konzerte parat hält, ist es eine Mammutaufgabe, ein Festival wie dieses akkurat abzubilden. Wir berichten euch hier zunächst vom Donnerstag.
Fans jeglicher Spielarten des extremen Metals dürften auch dieses Jahr wieder voll auf ihre Kosten gekommen sein, denn mit Headlinern wie Amorphis, Testament und Hypocrisy fuhr das Party.San zu seinem 30-jährigen Jubiläum groß auf! Aber nicht nur damit konnte das Cudgel-Team überzeugen, denn das gesamte Line-Up steckte voller Highlights: Von der internationalen War Metal-Kombo Death Worship (Blasphemy-Fans dürfen sich freuen) über die US-amerikanischen Black Metal-Atmosphäriker von Wolves In The Throne Room bis zu den französischen Blackgaze/Black Metal-Künstlern Alcest um Musiker Neige war sicherlich für jeden Geschmack im Black-, Death- und Thrash Metal-Bereich etwas dabei.
Es gibt Festivals, deren eigentliche Geschichte mit dem ersten Akkord der Opener-Band beginnt - und es gibt das Party.San, Hort extremer Musik, Familientreffen und fester Kalendertermin zahlreicher Fans, die sich im Zentrum Deutschlands versammeln, um im schönen Thüringer Land den Klängen der Esmiralda zu lauschen, ein erlesenes Lineup zu begutachten und -besonders wichtig- in Cuba Libre zu ertrinken und ihre Cornflakes beim Grindcore-Frühstück zu löffeln. Hier hat sich längst eine eigene Chronologie etabliert: Der Mittwoch gehört dem Ankommen, dem Wiedersehen, dem Staub, den ersten Bieren – und natürlich dem Cuba-Libre-Stand, der den inoffiziellen Titel des Mittwochs-Headliners inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit trägt, als wäre er tatsächlich im Billing zwischen Testament und Amorphis angekündigt worden. Wer das Party.San kennt, weiß: Bevor am Donnerstag die erste Gitarre aufheult, hat das Festival längst am Vorabend begonnen. Man findet sich zusammen, trifft Freunde und Bekannte, feiert im Zelt und fühlt diesen aufregenden Rausch, den man nur im Party.San-Zelt fühlen kann.
2026 war dabei ein besonderes Jahr: Drei Jahrzehnte Party.San kulminierten hier, und zwar mit einem Lineup, das so manch eingefleischte Besucherinnen und Besucher der reichen Festivalhistorie auch kritisch sahen, immerhin gab es Stimmen, die sich vom Jubiläum noch mehr im Billing erwarteten. Gleichzeitig muss man betonen, dass sich die Kritik vor allem auf die diesjährigen Headliner bezog - tagsüber und auf der Tent Stage gab es nämlich enorm viele Perlen des Undergrounds und beliebte Bands zu erleben, dass einem Hören und Sehen verging. Ein Festival wird nämlich nicht dadurch gut, dass ausschließlich große Namen auf den Plakaten stehen (das Party.San ist ja immer ein wenig ein Hybrid-Festival mit einem großen Display an Bands aus dem Untergrund, die eher auf kleinen Club-Shows bzw. kleinen Touren zu sehen sind - aber verknüpft das Ganze eben mit bekannteren Acts). Im Gegenteil: Gerade jene Bands, die man zunächst vielleicht zwischen zwei vermeintlichen Pflichtterminen einschiebt, sorgen nicht selten dafür, dass man abends mit einem völlig anderen persönlichen Highlight-Ranking im Zelt landet, als noch am Frühstückstisch gedacht.
Der Donnerstag jedenfalls hatte davon reichlich.
Tag 1
Den ersten wirklichen Stempel auf den Tag drückten Sarcator – und damit ausgerechnet eine Band, die man angesichts der späteren Namen leicht hätte übersehen können. Ein Fehler. Die Schweden eröffneten das Festivalprogramm mit jener Mischung aus Black Metal und Thrash, die gleichermaßen nach kaltem Wind und rostigem Stahl klingt. Kein vorsichtiges Herantasten, kein „Guten Morgen, Party.San, seid ihr schon wach?“. Sarcator -deren Name ein Mashup von Sarcófago und Kreator darstellt, was schon an sich eine mächtige Ansage ist- waren vielmehr bereits dort, wo andere Bands nach drei Songs erst einmal ankommen müssen. Die Gitarren schnitten durch den frühen Festivaltag, die Drums trieben das Ganze nach vorne und aus dem zunächst noch vergleichsweise überschaubaren Publikum wurde ziemlich schnell eine Horde, die offenbar beschlossen hatte, dass der Urlaub jetzt endgültig begonnen hatte. Ein Opener, wie man ihn sich wünscht: hungrig, dreckig und mit genügend Energie, um den Rest des Tages schon einmal vorsorglich unter Zugzwang zu setzen.
Mit 200 Stab Wounds wurde anschließend bereits die nächste Duftmarke gesetzt. Der moderne Death Metal der Cleveland-Truppe ist nicht unbedingt dafür bekannt, sich in akademischen Diskussionen über die Grenzen des Genres zu verlieren. Man spielt Death Metal, man spielt ihn brutal – und anschließend darf das Publikum sehen, was es damit anfängt. Die Antwort des Party.San-Publikums lautete: Circlepit. Kaum waren die ersten Minuten vergangen, entstand vor der Bühne ein ordentliches Menschenknäuel. Bemerkenswert war dabei auch die Reaktion der Band selbst: Die Musiker wirkten tatsächlich ein wenig überwältigt davon, wie enthusiastisch ihnen das Publikum begegnete. Vielleicht ist das einer dieser Momente, die man als Band nicht vergisst – irgendwo auf einem Flugplatz in Thüringen, zwischen Staub und Bier, und plötzlich drehen ein paar tausend Menschen bei deinen Songs völlig frei. Man muss nicht jede Band für die Ewigkeit mit nach Hause nehmen. Manchmal reicht es, wenn sie einem für eine halbe Stunde den Nacken ruiniert und dabei selbst genauso viel Spaß hat wie das Publikum.
Misery Index machten anschließend genau dort weiter, wo 200 Stab Wounds aufgehört hatten – nur dass der Hammer noch ein wenig größer ausfiel.Death Metal und Grindcore, technisch präzise, wütend und mit jener politischen Schärfe, die bei Misery Index seit jeher zum Gesamtbild gehört. Kein Stück Musik, das bloß körperlich zuschlägt; hier geht es ebenso um gesellschaftliche Verhältnisse, Krieg, Macht und Ausbeutung. Und so wurde das Party.San einmal mehr daran erinnert, dass extremer Metal nicht ausschließlich aus Schädeln, Pentagrammen und möglichst tief gestimmten Gitarren bestehen muss. Man kann mit einer Blastbeat-Salve schließlich auch eine politische Aussage machen.
Eine der größten Death Metal-Überraschungen des Donnerstags war für unser Team allerdings Messticator. Manche Bands hört man und denkt: Ja, ordentlich. Andere Bands sieht man und denkt: Warum zum Teufel habe ich diese Band nicht schon viel früher ernst genommen? Messticator gehörten eindeutig zur zweiten Kategorie. Was hier durchs Zelt rollte, hatte tatsächlich die Wirkung einer Death-Metal-Dampfwalze. Kein überflüssiges Beiwerk, kein Versuch, den eigenen Sound durch irgendeinen modernen Firlefanz aufzuhübschen. Stattdessen Riffs, die mit der Brechstange aus dem Boden gerissen wurden, eine Rhythmussektion wie ein Presslufthammer und diese angenehm dreckige Konsequenz, die Death Metal dann besitzt, wenn er nicht versucht, besonders beeindruckend auszusehen, sondern nackt und roh daherkommt, dabei aber eine unvergessliche Wucht hat. Weniger poetisch, dafür herrlich heftig. Es war einer jener Auftritte, bei denen man sich hinterher fragt, weshalb man eigentlich so viel Zeit damit verbringt, vorab akribische Listen zu erstellen. Manchmal reicht eine Band, die einfach nur brutal gut ist. Die Hamburger haben im März ihr zweites Album "Total Mastery" veröffentlicht, was allen Detah Metal/Thrash Metal-Jüngern hiermit ans Herz gelegt ist.
Messticator / Haimaxia
Mit Sadistic Intent stand anschließend eine Band auf der Main Stage, die eigentlich längst viel größer sein müsste – wenn sie denn irgendwann einmal beschlossen hätte, sich auch entsprechend zu verhalten. Seit 1987 existieren die Kalifornier, seit beinahe vier Jahrzehnten schleudern sie ihren finsteren, angerußten Old School-Death Metal in die Welt und haben es dabei trotzdem geschafft, niemals ein reguläres Full-Length-Album zu veröffentlichen. EPs, Demos, Splits und Compilation-Beiträge gibt es zuhauf; ein klassisches Debütalbum hingegen sucht man bis heute vergebens. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – besitzen Sadistic Intent einen Ruf, den sich manche Bands mit zehn Studioalben nicht erarbeiten.
Denn hier handelt es sich um eine jener Bands, bei denen die Diskographie irgendwann fast nebensächlich wird. „Ancient Black Earth“, „Impending Doom“, „Lurking Terror“, „Asphyxiation“ oder „Funerals Obscure“ sind längst keine bloßen Songs mehr, sondern kleine Reliquien des amerikanischen Death Metal. Und genau diese Stücke standen auch in Schlotheim im Zentrum: Das Set spannte seinen Bogen von den frühen Impending Doom-Aufnahmen über die Ancient Black Earth-EP bis zu Resurrection und dessen „Conflict Within“, „Asphyxiation“, „Condemned in Misery“ und „A Mass for Tortured Souls“. Bereits das Intro ließ erahnen, dass nun nicht etwa die nächste moderne DeathMetal-Produktion über das Flugfeld rollen würde. Danach: „Lurking Terror“, „Impending Doom“, „Conflict Within“ – und plötzlich war wieder klar, warum Sadistic Intent unter dem Kommando der Brüder Bay und Rick Cortez seit Jahrzehnten als Kult gehandelt werden. Die Doublebass marschierte unbeirrbar nach vorne, die Gitarren klangen nicht geschniegelt, sondern nach Keller, Leder und jahrzehntealtem Rost, während die Musiker optisch ebenfalls keinerlei Interesse daran zeigten, dem Bild des klassischen Death Metal-Adepten zu entkommen. Lederwesten, Nieten, Instrumente und sonst eigentlich nichts, was von der Musik ablenken musste.
Und genau darin lag die Stärke dieses Auftritts: keine Experimente, keine unnötigen Spielereien, keine Show innerhalb der Show. Sadistic Intent mussten niemandem beweisen, dass sie eine Kultband sind. Sie spielten einfach Death Metal, so wie Death Metal vor dreißig Jahren klang – roh, schnell, finster und mit einer Konsequenz, die heute beinahe wieder radikal wirkt. Dass die Band inzwischen eher selten in Europa auftaucht, machte diesen Auftritt zusätzlich wertvoll. Nach dem letzten Party.San-Gastspiel 2018 kehrten Sadistic Intent erst acht Jahre später nach Schlotheim zurück; schon im Vorfeld wurde deshalb ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihre Live-Auftritte mittlerweile etwas Besonderes geworden sind.
Eine Band ohne Albumklassiker – und trotzdem voller Klassiker.
Eine Band, deren gesamte Geschichte eigentlich aus Fragmenten besteht – EPs, Demos, Splits, einzelnen Songs – und die daraus eine eigene Mythologie geschaffen hat. Grandios.
Sadistic Intent / Haimaxia
Und dann kam Todomal – und damit eine der eigenwilligsten Erscheinungen des Donnerstags. Nicht nur musikalisch fiel die Band aus dem sonstigen Raster. Die Spanier brachten mit ihrem Atmospheric Doom eine Klangsprache auf die Tent Stage, die man auf einem Festival, das ansonsten gerne mit der Abrissbirne argumentiert, nicht unbedingt erwarten würde. Schwere, zähe Riffs, ein fast meditativer Sog, Keyboardflächen und Clean-Gesang – plötzlich wurde aus dem Zelt für einige Minuten ein völlig anderer Ort. Dazu kam eine politische Dimension, die ebenfalls auffiel. Todomal nutzten ihre Bühne für deutliche antifaschistische Ansagen und positionierten sich klar gegen Rechts.
Bemerkenswert war auch die Besetzung: Mit der Keyboarderin Cecilia Tallo (u.a. bekannt von Maud the Moth) stand eine der wenigen Frauen des Festival-Aufgebots auf der Bühne – seien wir ehrlich, im Black- und Death Metal dominieren hier die männlichen Musiker. So wurde die Band gewissermaßen zum Fremdkörper im besten Sinne. Während ringsum die nächste Death Metal-Granate vorbereitet wurde, stand dort eine Band, die lieber Atmosphäre erzeugte, Haltung zeigte und den Abend für einen Moment aus seinem gewohnten Raster schob. Man muss nicht jede Ansage gut finden, um anzuerkennen, dass die Band ein gehöriger Gewinn für das Party.San war.
Nun wurde es aber nochmal gehörig spannend für Death Metal-hungrige Party.Sanen: Mit Schirenc Plays Pungent Stench wurde es anschließend wieder morbider – und gleichzeitig historischer. Dass die Band nicht einfach Pungent Stench heißt, ist dabei keineswegs eine Marketingentscheidung und schon gar kein Versuch, besonders originell zu wirken. Dahinter steckt eine ziemlich typische Geschichte aus dem Musikgeschäft: Streit um Namensrechte, alte Bandmitglieder und die Frage, wer eine Band eigentlich „ist“, wenn von ihrer ursprünglichen Besetzung nicht mehr viel übrig geblieben ist. Pungent Stench waren 1988 von Martin Schirenc und Alex Wank gegründet worden und gehörten mit Alben wie "For God Your Soul... For Me Your Flesh", "Been Caught Buttering" und "Club Mondo Bizarre... For Members Only" zu den prägenden österreichischen Death Metal-Bands ihrer Generation. Die Geschichte verlief allerdings alles andere als geradlinig: Auflösungen, Wiedervereinigungen und Besetzungswechsel gehörten beinahe zur Bandbiografie wie die morbiden Texte und Riffs.
Nach der erneuten Auflösung 2007 wollte Schirenc das Material später wieder live präsentieren. Zunächst firmierte das Projekt als The Church of Pungent Stench. Genau dagegen gingen ehemalige Bandmitglieder rechtlich vor: Der Name erwecke den Eindruck einer echten Reunion der ursprünglichen Band, obwohl Schirenc mit zwei neuen Musikern unterwegs war. Im Rechtsstreit wurde ihm untersagt, diesen Eindruck weiter zu erwecken. Seitdem heißt das Projekt folgerichtig Schirenc Plays Pungent Stench. Alex Wank selbst erklärte später ausdrücklich, dass er mit diesem Namen kein Problem habe – gerade weil er klarstelle, dass es Schirencs Projekt und keine Reunion von Pungent Stench sei. Und irgendwie passt diese sperrige Bezeichnung sogar hervorragend. Denn genau darum geht es: Martin Schirenc hält die Flamme am Brennen und drückt seit Jahren dem Projekt seinen ganz eigenen Stempel auf. Mit Dan Vall am Bass und Mike Gröger am Schlagzeug steht dabei seit Jahren eine eingespielte Mannschaft hinter ihm. Schirenc selbst hat die Sache einmal ziemlich treffend als Mission beschrieben: Das alte Pungent Stench-Material auf die Bühnen der Welt zu bringen, solange Menschen es hören wollen.
Und die Menschen in Schlotheim wollten.
„Dead Body Love“, „Embalmed in Sulphuric Acid“ und weitere Klassiker wurden entsprechend abgefeiert. Dazu durfte angesichts des 30. Party.San-Jubiläums natürlich „Happy Re-Birthday“ nicht fehlen – ein kleiner, makabrer Geburtstagsgruß aus der Wiener Fäulniskammer. Gleichzeitig hatte der Auftritt einen leisen Beigeschmack: Schirenc hatte angekündigt, dass das Projekt Ende 2026 endgültig Geschichte sein soll. Damit wurde aus einem ohnehin historischen Auftritt zugleich ein Abschied auf Raten. Man sah hier also nicht einfach eine Band, die alte Songs spielt. Man sah den Versuch eines Musikers, ein Kapitel seiner eigenen Geschichte so lange wie möglich offen zu halten.
Schirenc plays Pungent Stench / Haimaxia
Es gibt Bands, bei denen man während des Auftritts irgendwann darüber nachdenkt, wie man das gerade Erlebte möglichst seriös beschreibt. Und dann gibt es Begging For Incest, bei denen man diese Idee besser gleich wieder verwirft. Die Band verwandelte das Zelt in einen Zustand zwischen Brutal-Death-Konzert, Abrissbirne und kollektivem Kontrollverlust. Moshpits, Circlepits, Blastbeats, Schweiß und ein gehöriger Staubsturm.
Das Interessante daran: Begging For Incest lieferten nicht einfach nur ihren Death Metal-Slam-Deathcore-Hybriden ab - die Kölner hatten diese völlig entfesselte Bühnenenergie, bei der irgendwann die Grenzen zwischen Band und Publikum verschwimmen. Das Party.San beschreibt die Band selbst als „laut, dreckig und kompromisslos“ – und selten hat eine offizielle Festivalbeschreibung so wenig Marketing und so viel Wahrheit enthalten.
Vielleicht ist das auch eine der schönsten Eigenschaften des Party.San: Wo sonst kann man innerhalb kürzester Zeit atmosphärischen Klängen zu einem derart spaßigen, selbstironischen, musikalischen Massaker wechseln?
Begging For Incest / Haimaxia
Eigentlich hätte an dieser Stelle die Kult-Band Desaster stehen sollen. Doch die Koblenzer Black/Thrasher mussten ihren Auftritt krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Und so wurden Lamp of Murmuur wenige Tage vor dem Festival ins Programm gehievt. Für viele war das ein klares Upgrade, ohne den ursprünglichen Plan zu diffamieren - allerdings sind LOM gerade in aller Munde und in Black Metal-Terms extrem erfolgreich.
Das war keine klassische Schadensbegrenzung, sondern ein klarer Glücksfall.
Die internationale Band um den Musiker M. holte eine Atmosphäre auf das Gelände, die sich deutlich von den vorherigen Bands abhob. Die Dunkelheit zog sich langsam über das Flugfeld. Atmosphärischer Black Metal, der nicht nur Geschwindigkeit kennt, sondern auch Spannung, Melodie und dieses schwer greifbare Gefühl von Tragik. Und spätestens bei „Seal of the Dominator“ war klar, dass man hier nicht einfach einen Ersatztermin abarbeitete. Der Song entwickelte live eine Wucht, die selbst jene überraschen konnte, die Lamp of Murmuur bislang eher aus den Kopfhörern kannten.
Desaster wurden vermisst – natürlich. Aber wenn eine Absage dazu führt, dass eine Band wie Lamp of Murmuur plötzlich einen großen Festival-Slot bekommt und diesen so eindrucksvoll ausfüllt, darf man sich zumindest über die Konsequenzen freuen. Aus der Notlösung wurde eines der Highlights des Tages.
Lamp of Murmuur / Haimaxia
Mit Sventevith wurde es dann erneut historisch. Schon die Ankündigung, dass dieser Festivalsommer von Auftritten des Projekts um Nergal bestimmt würde, hatte etwas Absurdes: Nergal spielt das komplette erste Behemoth-Album – ohne Behemoth, aber mit den Isländern Misþyrming.
Wer Sventevith auf dem Party.San erleben wollte, dürfte dabei vielleicht zunächst etwas völlig anderes erwartet haben. Nergal, Behemoth, 30 Jahre Sventevith (Storming Near The Baltic) – im Kopf entstehen automatisch die Bilder einer heutigen Behemoth-Show: monumentale Kulissen, Feuer, Licht, sakrale Inszenierung, möglichst viel Pomp.
Mitnichten.
Wer an diesem Abend vor der Bühne stand, bekam im Grunde genau das Gegenteil. Das Bühnenbild war beinahe vollständig von jeglichem Showelement befreit. Keine gigantische Behemoth-Kulisse, kein sakrales Theater, kein Versuch, das Material von 1995 nachträglich mit der Ästhetik des heutigen Behemoth zu überziehen. Nur die Musik und die schweißgebadeten Musiker. Nergal stand dort vorne und sang jene Stücke, die aus einer völlig anderen Zeit seiner Karriere stammen, wo er selbst erst 17 Jahre alt war. Hinter ihm Misþyrming – Gitarre, Bass, Schlagzeug –, und plötzlich war da diese seltsame, beinahe intime Situation: Einer der größten Namen der Metalszene spielte sein 30 Jahre altes Underground-Material mit einer der wichtigsten Black Metal-Bands der jüngeren Generation. Und genau hier liegt auch die Antwort auf die Frage, weshalb nicht die heutigen Behemoth oder ehemalige Behemoth-Musiker mit Nergal auf der Bühne standen.
Es war Absicht.
D.G. von Misþyrming erklärte inzwischen in einem Interview, dass Nergal gerade keine nostalgische Behemoth-Reunion wollte. Er ist der einzige Musiker der heutigen Behemoth-Besetzung, der tatsächlich auf dem Album Sventevith gespielt hat. Die Idee sollte deshalb weder nach Behemoth-Show noch nach Misþyrming-Show aussehen. Vielmehr wollte man den Geist des Albums von 1995 wiederbeleben und gleichzeitig mit Musikern einer jüngeren Generation neu interpretieren. Nergal habe Misþyrming bewusst ausgewählt, weil er deren Energie, Leidenschaft und Verbindung zum Black Metal schätzt. Plötzlich ergibt auch die vermeintlich seltsame Besetzung Sinn. Denn Misþyrming sind nicht irgendeine Ersatzmannschaft. Die Isländer stehen selbst für eine Form des Black Metal, die roh, chaotisch und körperlich funktioniert. D.G. beschrieb die Band an anderer Stelle sogar als eine Gruppe, die live bewusst unberechenbarer und ungezügelter auftritt als auf Platte. Genau diese Energie brauchte das alte Behemoth-Material.
Von „Chant ov the Eastern Lands“, bis „Hell Dwells in Ice“ wurde das gesamte Album präsentiert, mit „Moonspell Rites“, „Transylvanian Forest“ und „Pure Evil and Hate“ gab es noch einen Abstecher zur EP "And The Forests Dream Eternally", ebenfalls aus derselben Ära. Und gerade weil die Bühne nicht versuchte, größer zu sein als die Musik, funktionierte das Konzept. Kein Behemoth-Zirkus, wie manche die opulente Show kritisieren. Einfach Nergal und Misþyrming, die dieses Material spielten, als wäre nie etwas danach gekommen, die einfach ihr Ding machten. Das hatte Klasse. Der beste Gig des 1. Festivaltags.
Sventevith / Haimaxia
Nach weiteren starken Shows, u.a. von Moonspell, die nun wieder von ihrem Frühwerk abgekehrt sind und Songs ihrer ganzen Diskographie spielen, machten Testament den Donnerstag zu: Natürlich kann man den Veteranen nicht vorwerfen, keine gute Testament-Show abgeliefert zu haben. Chuck Billy und seine Mannschaft brachten die erwartbare Auswahl an Klassikern auf die Bühne. „Into The Pit“, „Practice What You Preach“, „Electric Crown“, „D.N.R.“, „Low“, „First Strike Is Deadly“ und „Over the Wall“ sind schließlich nicht deshalb Klassiker, weil irgendjemand sie irgendwann einmal so genannt hat. Sie funktionieren. Auch drei Jahrzehnte später. Was auch wirklich gut funktionierte, waren Songs aus der aktuellen Ära Testament: "More Than Meets The Eye" zum Beispiel oder Stücke des neuen Albums "Para Bellum", das man mit Fug und Recht solide nennen kann. Dennoch merkte man ganz deutlich: Irgendwie ist die große Testament-Begeisterung nicht mehr so fühlbar.
Die Band hatte zudem das Pech, dass dieser Donnerstag vorher bereits ein absurd hohes Niveau vorgelegt hatte.
Wer sich von Messticator die Gedärme massieren ließ, bei Todomal kurz in andere Sphären driftete, Schirenc beim mutmaßlich letzten Kapitel von Pungent Stench sah, bei Begging For Incest im kollektiven Wahnsinn landete, Lamp of Murmuur als spontane Überraschung entdeckte und schließlich von Nergal mit Misþyrming auf eine Zeitreise durch das frühe Behemoth-Repertoire geschickt wurde, der war vielleicht nicht mehr ganz so empfänglich für die nächste Runde großer Klassiker. Für eingefleischte Testament-Ultras dürfte die Sache naturgemäß anders aussehen – und denen sei ihr Triumph gegönnt. Die Band spielte professionell, druckvoll und ohne Schwächen.
Aber gerade das ist vielleicht das Problem:
Testament waren gut. Die Nebenbuhler am Donnerstag waren besser.
Testament / Haimaxia
Und so endete der erste große Tag des 30. Party.San-Jahrgangs nicht mit einer eindeutigen Krönung, sondern mit dem schönen Gefühl, dass selbst ein Headliner auf diesem Festival Gefahr läuft, von einer Band aus dem Zelt oder einem spontan eingesprungenen Ersatzact die Show gestohlen zu bekommen.
Eigentlich könnte man sich kaum einen besseren Auftakt für dreißig Jahre Party.San wünschen.
weiter zu Tag 2 (folgt)
Bericht & Fotos: Haimaxia