Interview mit Florian Häuser (Post Valley)
Interview

Interview mit Florian Häuser (Post Valley)

Nach drei Jahren Abstinenz wird Gießen mit einer Neuauflage des Post Valley Festivals beglückt. Um mehr darüber zu erfahren, haben wir uns mit Florian Häuser zum Gespräch getroffen, der Kopf, Hand und Herz hinter der Veranstaltungsreihe ist. Flo spricht über alte und neue Heimat, veranstalten aus dem Herzen heraus und Lernprozesse. So stehen wir Ende Dezember 2015 vor dem "Jokus" in Gießen und Flo gerät in Plauderlaune...

  • von Ghostwriter
  • 08.01.2016

UG: Hallo Flo, stell dich doch bitte erstmal kurz vor.

Flo: Mein Name ist Florian Häuser und mit 2016 bricht gerade das Jahr an, in dem ich 30 werde. Ich bin in Gießen geboren und in Pohlheim aufgewachsen. 2009 zog ich nach Berlin und mache seither einen schmerzhaften Bein- und Armspagat zwischen Musikerleben, meinen Liebsten, dem lieben Geld und den gesellschaftlichen Pflichten, die man so erledigt, damit man nicht ins Gefängnis kommt *lacht*. Ich bin Drummer und arbeite in der Veranstaltungsbranche.

UG:  Perfekte Überleitung zu nächsten Frage und deiner eigenen Veranstaltung. Woher kommt der Name „Post Valley"?

Flo: Post Valley kommt von einem Konzept, das schon in meinem Studium in Musik- und Medienmanagement in Berlin 2010 entstand. Es war der Name meines Zwischenprüfungsprojektes. Darin hatte ich eine Open Air Veranstaltung mit Konzerten in einer postapokalyptischen Kulisse geplant. Es sollten Kulissenbauer, Graffiti Künstler, Bands, Schauspieler und Artisten mitwirken. Das wollte ich gerne veranstalten...in Pohlheim. *lacht* Ich bin traurig, dass es niemals geklappt hätte, erheitert darüber, dass ich das mal für realistisch gehalten habe und froh, dass ich es nicht trotzdem gemacht habe und jetzt mit einem Scheißjob meine Schulden abbezahlen muss. „Post" weißt auf Postmodern hin, eine Attitüde, die ich in mir trage. Ich bin nicht gerade konservativ oder traditionsbewusst. Ich mag Avantgardisten, Pioniere und Neuzusammenbastler lieber. Musikalisch bedeutet das, dass ich zum Beispiel schon immer weg wollte von verstaubten Klischees oder Standards. Ich wollte ein offenes Festival mit guten, intensiven Bands machen. Stellenweise durchaus das, was Manchem zu „hip" ist.

UG: Du hast das ja 2013 auch schon zweimal gemacht, erzähl mal was darüber.

Flo: Das war der erste Versuch den Namen in einer Clubkonzertveranstaltungsreihe zu launchen. Im Mai und im Juli fand je ein Konzertabend in Gießen statt. Ich hatte wenig Erfahrung mit Vielem und versuchte mit 4 Bands pro Abend es möglichst vielen Leuten recht zu machen, deren Existenz ich in Mittelhessen vermutete. Ein falscher Ansatz aus jetziger Sicht. Außerdem lernte ich beim Umsetzen in recht kurzer Zeit ziemlich viel darüber, was der Standpunkt Gießen zulässt und was nicht. Und dabei spreche ich nicht von der Zielgruppe, sondern erstmal von veranstaltungskaufmännischen und -technischen Angelegenheiten. Kurz gesagt: Mein Gestaltungsspielraum war eingeschränkter, als ich es vermutet hatte und mein Verhandlungsspielraum war gleich Null, denn mich kannte niemand und ich stand am Anfang. Positiv war allerdings, dass ich Feedback bekam von einigen Besuchern, die Bock drauf hatten. Ich konnte auch den Look und das Feeling der Veranstaltung grob rüber bringen, gewisse Qualitätsmerkmale in Sachen Stimmung, Licht und Sound statuieren, einige Helfer machten freiwillig mit und es ließen mich einige wissen, dass der Jokus noch nie so gemütlich war und selten so gut klang.

UG: Dann stellt sich mir die Frage: Warum drei Jahre Pause?

Flo: Das erste Mal Post Valley war am 25. Mai 2013. Nach dem Booking und der Ankündigung wurde ich aufmerksam darauf gemacht, dass an diesem Abend das Fußball Champions League Finale Dortmund/Bayern stattfand. Ich entschied mich nicht abzusagen. Selbst mit großem Fernseher, den ich noch besorgt hatte, kam ich am Ende auf 56 Besucher. Kein ermutigender Auftakt. Dass diese zwei großen Nationalsport-Kommerzmaschinen so viel Kraft innerhalb einer Szene haben, die sich als „alternativ" bezeichnet, hatte mich überrascht. Einerseits sollte ich solche Terminüberschneidung nach Möglichkeit natürlich vermeiden, andererseits hoffe ich aber künftig auch mehr Leute zu erreichen, die Post Valley mehr wertschätzen. Das zweite Event mit „Der Weg einer Freiheit" und „Negator" als Headliner war deutlich besser besucht. Mit der „Black Edition", wie sie hieß, probierte ich ein extremes Line Up aus. Nicht zuletzt, weil ich bei speziellerer Musik mehr Herzblut unter den Fans in der Region vermutete. Das brachte aber am Ende auch nicht das Feeling von Post Valley für mich, zumal ich gemerkt hatte, dass dadurch im Gegenzug einige gute Freunde oder Nahestehende, den Bezug zur Veranstaltung nicht mehr herstellen konnten, die aber ansonsten absolute Musikfans sind. Für mich ist künftig wichtig, dass im Querschnitt eine positive Energie von Post Valley ausgeht, die unterschiedlichen Leuten einen guten Vibe mitgibt, unabhängig davon ob sie jede Band kennen und mögen. Dazu soll das Happening auch losgelöst von den Bands als Party und Community-Platz Sinn ergeben. Ich besuche z.B. in Berlin regelmäßig kleine Underground Konzerte von befreundeten Veranstaltern ohne mir die Bands vorher anzuhören. Weil ich erstens auf den Geschmack der Veranstalter vertraue, zweitens weiß, dass die Leute dort außergewöhnlich gut drauf sind und mich jedes Mal mitnehmen. Vieles kommt mit den richtigen Leuten. Nach einer Nachbesprechung mit den Mitwirkenden im Herbst darauf, wurde mir klar, dass keiner so richtig versteht, wo ich hin will oder noch nicht erlebt hat, was ich meine. Ich ließ das Projekt mit dem Aktenvermerk: „Mission unvollständig, aber nicht gescheitert" ein bisschen ruhen. Ich teilte mir zu der Zeit mit Jan vom Earth Ship den Aufnahmeraum seines damaligen Hidden Planet Studios in Berlin Pankow. Kurz darauf im Frühjahr 2014 bekam ich das Angebot bei der Earth Ship Platte (heute „Withered" ) mitzuwirken. Dann kam eines zum anderen und meine Kapazitäten waren vorerst ausgelastet.

UG: Ok, verständlich. Festival-Orga frisst sehr viel Zeit. Erzähl doch mal, welches Konzept steckt hinter der Veranstaltungsreihe steckt bzw. welche Idee verfolgst du heute damit?

Flo: Ganz banal gesagt verfolge ich das Ziel Spaß im Leben zu haben und zu verbreiten. Ich freue mich darüber, wenn sich jemand über das, was ich gemacht habe, freut. Natürlich ist das jetzt sehr allgemein und könnte auch von einer Kindergärtnerin oder einem Mitglied der Kirchengemeinde stammen. Mit Post Valley will ich in der Region einen Platz für alternative Kultur schaffen, die ich für notwendig halte und die mir viel bedeutet. Ich glaube an die Idee „Festival", als Plattform. Mir persönlich hat hier in der Gegend immer das „Gate" zu einer Welt gefehlt, in der es sich lohnt sein Instrument virtuos und eigenwillig zu spielen, abstrakte Bilder zu entwerfen, künstlerisch zu fotografieren etc. weil der Sog in den Mainstream überall sehr stark wird, wo die Nachfrage nach Alternativem nicht in organisierter Form spürbar wird...wo es keine Plattform dafür gibt. Hinter dem „Gate" zu Post Valley findet man nach meiner Vision also Rezipienten für Nicht-Alltägliches, Gleichgesinnte, Anerkennung oder gar Unterstützung dafür. Das ist der hochtrabende Anteil, der von der Uridee noch übrig ist. Es geht natürlich vordergründig auch einfach um gute Bands des Stoner Rock, Doom, Sludge, Post Metal, Indie, Alternative etc. Wenn ich es finanziell und zeitlich schaffe 2 x im Jahr ein 2-tägiges Event mit geilem Line-Up und voller Bude zu organisieren, bin ich zufrieden. Außenstehende machen sich da höchstwahrscheinlich oft keine oder falsche Vorstellungen davon, dass es gewisse Argumente braucht, um in eine Kleinstadt in Deutschland gute Bands zu buchen, für eine Gage, die einen angemessenen Ticketpreis für den Einzelnen zulässt. Es ist wie bei vielen Dingen. Die Leute unterschätzen die Rolle, die sie selbst haben und daraus entsteht ein Teufelskreis. Mein Konzept ist also zunächst eine laufende Veranstaltungsreihe zu etablieren, für die sich ein Stammpublikum entwickelt, das versteht um was es geht und ein Gefühl teilt. Wenn es funktioniert, entwickelt sich daraus ein Pool an Musikern, Bands, Kulturschaffenden, Grafik-& Medienkünstlern, Musikproduzenten, Veranstaltungstechnikern, Musikjournalisten, Musik-Anwälten *lacht* und anderen, die regionale und überregionale Netzwerke nutzen, um Selbstverwirklichung zu finden. Dafür verantwortlich zu sein, ist wiederum ein Stück meiner Selbstverwirklichung.

UG: Das klingt sogar nach einer Vision. Ein schöner Gedanke. Was hat sich denn geändert im Vergleich zum letzten Mal, persönlich und bei der Veranstaltung?

Flo: Zunächst ist Post Valley ab jetzt 2 Tage lang. Außerdem, habe ich mich entschlossen eine konsequentere Linie im Booking zu fahren, auch wenn ich gerade das Thema der musikalischen Kategorisierung für ungenau halte und ablehne. Vielmehr sollte ich also von einem Konzept zur Kompression des Gesamtfeelings sprechen. *lacht* Beim Booking bedeutet das zum Beispiel: Just Killer, No Filler. Die Bands, die dort spielen sind sehenswert ! Es gibt zwar eine Reihenfolge zeitlich und den Bekanntheitsgrad betreffend, aber ich möchte eine qualitative Rangabfolge vermeiden, in dem ich die „Katz im Sack" vermeide. Ein durchaus durchdachter Aspekt ist auch die Kombination Donnerstag/Freitag, als Veranstaltungstage, Obwohl ich auch erst sehen muss, wie das funktioniert. Persönlich kann ich vielleicht von einer Steigerung meines Selbstvertrauens sprechen. In den letzten Jahren hat sich für mich oft in kleinen und größeren Angelegenheiten bestätigt, dass ich auf einem guten Weg bin, wenn ich respektvoll, aber unbeirrt tue, was ich für richtig halte. Ich bin etwas schlauer und erfahrener in einigen Punkten. Daher traue ich mich auch wieder an das Projekt und behalte es näher an mir persönlich, als zuvor.

UG: Nähe ist ein gutes Stichwort: Du lebst in Berlin, veranstaltest aber in Gießen. Wie kommt das?

Flo: Berlin ist zweifelsohne meine Wahlheimat geworden, weil sie wiederum meine Inspirationsquelle ist. Berlin ist aber im Grunde überfüllt mit gutem Angebot, weswegen ich dort eher mitarbeite oder unterstütze, was ich gut finde. Durch meine freie Mitarbeit in der Veranstaltungsbranche und die Aktivitäten mit der Band, habe ich viele unterschiedliche, gute Veranstaltungen erlebt. Ich sehe meine Chance darin, durch die entstandenen Kontakte und Netzwerke das nach Gießen zu bringen, was ich damals vermisst habe. Eine persönliche Challenge irgendwie,... außerdem ist Gießen mit so wenig Angebot für mich wie eine gute, alte Freundin, die bei mir übernachtet. Schwierig nicht anzufassen. *lacht*

UG: *lach* ja, so ist es wohl mit Gießen. Ich war auch schon mal weg und wohne jetzt wieder hier. Nun lass uns noch ein bisschen über die Musik reden. Wie wählst du deine Bands für das Post Valley aus?

Flo: Das Line Up wird sich hauptsächlich aus Acts zusammensetzen, die ich bereits kenne, die mich live oder durch starkes, außergewöhnliches Material überzeugt haben. Der Rock´n´Roll als weltläufige Verbindung steht dabei für mich im Vordergrund. Daher werde ich immer Augen und Ohren für überregionale und ausländische Bands haben, mit denen ich mir auf Tour beispielsweise selbst schon die Bühne geteilt habe und danach aus guten Gründen in Kontakt geblieben bin. Es gefällt mir, ein guter Kontaktmann zu sein. Ich sehe mich grundsätzlich aber in keinem Auftrag. Mich hat keiner beauftragt das zu machen und bislang habe ich auch keine öffentlichen Kulturgelder bezogen oder ähnliches. Es ist etwas Persönliches von mir. Man könnte das egoistisch nennen, was aber dahinter steckt ist die Lebensphilosophie, dass du dich 10 mal mehr ärgerst, wenn du mit etwas scheiterst, das du aus Angst vorm Scheitern mit Kompromissen verwässert hast, als mit etwas das den ganzen Weg lang dein Baby war. Solange du machst, was du gut findest, gehst du nie als Verlierer aus einer Sache. Ich fände es auch nicht schlimm, wenn es sich ein bisschen anfühlt, als wäre Post Valley „Flo´s kleine Eckkneipe, in der er Bier ausschenkt und seine „Favourits" aus der Jukebox scheppern lässt. Daran ist nichts falsch, solange sich genug Gäste daran freuen. Vielleicht leben kleine, intime Veranstaltungen gerade durch dieses persönliche Element. Ein mulmiges Gefühl macht es natürlich, einem großen Anteil regionaler Newcomer- und Local Hero-Bands durch dieses Prinzip keinen Slot anbieten zu können, Für diese Angelegenheit habe ich aber schon Ideen, Sachen, die einfach nicht passen werden allerdings andere veranstalten müssen. Aber eines nach dem anderen.

UG: ... und welche Band wäre in deinm Traum-LineUp?

Flo: Mein Traum wäre es Bands wie Clutch oder Mastodon zu veranstalten, aber selbst bei The Ocean, die sich seit Jahren wegen des direkten, freundschaftlichen Kontaktes mehr als anbieten, wird es schon schwer, weil hier in Mittelhessen die Location fehlt, mit der man Bands des nächstgrößeren Levels eine adäquate Basis für ihre Show bieten kann.

UG: Puuuh, wenn das an der Location hängt.... Du selber spielst die Drums bei Earth Ship, die ja auch 2013 schon beim Post Valley aufgetreten sind. Warum kein Auftritt von Earth Ship bei der nächsten Auflage?

Flo: Ich hoffe in der Tat dort in Kürze mit Earth Ship spielen zu können, hatte es sogar schon für Mai in Erwägung gezogen. Unser Zeitplan ist aber etwas turbulent aktuell, weil wir in der Vorbereitung des neuen Albums stecken, das über Napalm Records veröffentlicht wird. Da wollen wir uns voll drauf konzentrieren im Frühjahr.

UG: Oh, eine neues Album von Earth Ship. Danke für den Tipp. Was mir beim beim 2013er Post Valley als erstes auffiel, ist der gestaffelte Eintritt 2013 hatte ja eine Spanne von Mindestpreis zum Aufstocken, was steckt dahinter?

Flo: Ein sozialer Gedanke und ein Experiment. Ich kenne das aus manchen Läden und mag es, wenn man gleich von Beginn ein bisschen Eigenverantwortung spürt. Dabei kann man zum einen abwägen, in welcher finanziellen Lage man gerade ist, zum anderen mitteilen, wie gut einem das Line-Up gefällt und wieviel Bock man hat. Das kleine Statement gleich an der Tür war mir wichtig, um mich zu orientieren. Im Nachhinein bezahlen, wäre noch interessanter, aber etwas riskant *lacht*  Eine Preisspanne veranlasst aber nicht nur zum Sparen, sondern öffnet witzigerweise auch psychologische Grenzen nach oben. Nicht wenige haben nämlich absichtlich mehr gegeben, als sie mussten. Das ist das Interessante daran. Ob das Prinzip an irgendeiner Stelle wieder auftaucht, wird sich zeigen. Momentan läuft erstmal der Vorverkauf, der sehr wichtig ist.

UG: Der ist in der Tat wichtig, vor allem bei kleineren und mittleren Festivals. Diese sterben ja immer aus, du veranstaltest dennoch gegen den Trend und auch noch mit einem sehr speziellen Konzept. Siehst du darin die Antwort auf die großen Massenfestivals, in dem man sich eine Nische sucht und in dieser Qualität präsentiert?

Flo: Nein, darin sehe ich keine Antwort auf irgendwas. Ich sehe auch nicht, dass kleine und mittlere Festivals aussterben... also nicht generell und nicht weil sie klein oder mittel sind. Da denke ich an die Desertfest Reihe, die Doom over Leipzig, Doom over Vienna, Doom over xyz, oder andere Stonerfestivals mit langjährigem Bestehen. Die Gründe für das Scheitern von Festivals sind sicher unterschiedlich. Ich habe selbst auch auf keinen Fall ein Geheimrezept in der Tasche, habe aber sicherlich den Reiz des kleinen Clubkonzerts für mich entdeckt und glaube an diesen Rahmen. Ich habe in den letzten Jahren Gefallen daran gefunden, Dinge so zu nehmen wie sie sind, anstatt mich an schwer zu erreichenden Visionen zu verbeißen. Der Easy-Flow ist immer charmanter, als Gezwungenes. Ich glaube, die Dimension von Post Valley ist gut gewählt, um die Essenz meiner Idee erlebbar zu machen.

UG: Das nehmen wir als Schlusswort! Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führten Florian Häuser und Lawbringer für Undergrounded.

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