Interview mit Christian Krumm (Autor von "At Dawn They Sleep")
Interview

Interview mit Christian Krumm (Autor von "At Dawn They Sleep")

Was passiert, wenn ein Nachwuchs-Schreiberling eines kleinen Online-Fanzines, der mehr und besser Foto´s schiessen kann, einen Schriftsteller, der hauptberuflich in der Schreibwerkstatt der Universität Duisburg/Essen Seminare für wissenschaftliches und kreatives Schreiben veranstaltet, bei einem Hausbesuch interviewen will? Sein Konzept wird über Bord gehen. So oder so....

  • von Ghostwriter
  • 21.03.2014

Aber der Reihe nach: an einem schönen lauen Märzabend mache ich mich auf, um jemanden aus der Nachbarschaft zu besuchen. Er wohnt nicht mal 15 Minuten zu Fuß von mir entfernt in Duisburg. Dieser Jemand ist der Buch-Autor Christian Krumm, der in der Metal-Szene bisher durch seine beiden Sachbücher „Kumpels in Kutten“ und „CENTURY MEDIA - Do It Yourself – Die Geschichte eines Label“ für Aufsehen gesorgt hat. Christian Krumm veröffentlicht nun am 01.04.2014 seinen ersten Roman „At Dawn They Sleep“, der im Metal-Millieu angesiedelt ist. Aus diesem Grund möchte ich (neben einer Buch-Kritik) ein Interview mit dem Autoren auf Einladung bei ihm zu Hause führen. Ich Naivling bin nun eingestellt auf ein munteres Frage-Antwort-Spielchen, wie ich das schon mit einigen Band-Mitgliedern durchexerzieren durfte. Also Diktiergerät im Anschlag, Stichwortzettel mit vorgefertigten Fragen auf Papier und im Kopf, alles toll. Den Roman habe ich bereits lesen dürfen, dank eines Vorab-Manuskriptes, welches mir Norma Schreiber, ihres Zeichens die Promoterin von Christian per E-Mail zugeschickt hatte. Ich bin ja so gut vorbereitet...
 
Bei Christian zu Hause angekommen, geht es erstmal an das Begrüßungsritual - Man kennt sich, so habe ich Christian Ende 2012 bei einer seiner Lesungen zum Century Media Buch, damals noch als normaler interessierter Gast, kennengelernt, ihn danach ein paar mal zufällig getroffen und immer recht angenehme Gespräche über Metal, den Metal... und Metal geführt. Nach dem kurzen „Hey, cool, Du hier, was geht?“ nehmen wir in der Küche Platz,öffnen stilecht die erste Kanne Bier und ich leg Diktiergerät, Stift, Zettel mit meinen Fragen und gute Laune auf den Tisch. Während des nun startenden Smalltalks zu Beginn des Interviews merke ich schon, so wird das nix. Wir quatschen bereits seit über einer Stunde angeregt über den Roman, die anderen Bücher, dies, das und den Metal im allgemeinen und speziellen.

Für alle, denen der Name Christian Krumm gar nix sagt, eine kleine Vorstellung seiner Person: In Krefeld 1977 geboren, Abitur, Studium, Doktortitel. Die klassischer Akademiker-Karriere, oder?
Nicht ganz, denn seit Anfang der 1990er Jahre hat Christian den Metal für sich entdeckt und es zeitweise sogar als Schlagzeuger in diverse Bands geschafft. 2010 dann sein erstes Sachbuch im Heavy Metal-Bereich. „Kumpels in Kutten – Heavy Metal im Ruhrgebiet“ schlug ein wie eine Bombe und sein Nachfolge-Werk „CENTURY MEDIA – Do it Yourself – Die Geschichte eines Labels“ konnte 2012 ebenfalls mächtig abräumen. Und nun versucht sich der promovierte Historiker an seinem ersten Roman mit dem Titel „At Dawn They Sleep“ . Moment mal. Kommt euch bekannt vor? Genau! Denn so heißt auch ein Song von SLAYER. Jawoll, dieser Buch-Titel ist bewußt so gewählt. Im Song kommen die „Bloodsucking Creatures of the Night“ vor. Im Roman, der keine Fantasy- oder Horrorgeschichte erzählt, wie man vielleicht vermuten könnte, sind die „Creatures of the Night“ synonym für uns Metal-Heads zu sehen. Mehr zum Inhalt und der Story erfahrt ihr in der Buch-Kritik an anderer Stelle hier. Heute möchte ich etwas über die Entstehung und das drumherum eines solchen Werkes herausfinden und mehr über den realen Menschen hinter den Worten und Buchstaben des rein fiktionalen Romans erfahren.
 
Und so schwadronieren wir weiter, kommen von Höxken auf Stöxken (Achtung Ruhrpott-Slang!) – das Heavy-Metal-Universum hat mit all seinen Unterarten, Genres und Querverbindungen eine so gewaltige Sogwirkung, daß es Einen verschlucken kann, bevor man sich versieht. So geschieht es uns gerade im Gespräch und genau von diesem Sog handelt auch ein wenig der Roman. Wir sprechen über die titelgebenden „Creatures of the Night“ aus dem Titel(song) „At Dawn They Sleep“. Diese Nachtkreaturen stehen synonym für den „gemeinen“ Metal-Head. Wir (ich zähle mich stolz dazu) Metal-Heads gehen unserem normalen, zivilem Leben nach, mit Job, Freundin, Kumpels, also ganz normal, so wie alle anderen auch. Aber abends und nachts ziehen wir los, gehen auf Metal-Konzerte oder Festivals und leben unser etwas anderes Leben, vereint in der Leidenschaft zur Musik, zum Lebensgefühl des Heavy-Metal. Christian will mit dem Roman nun weiter erkunden, um wen genau es sich bei dieser Spezies im Einzelnen handelt. Zentrale Fragen sind hier: Wer sind diese Metal-Heads? Was macht diese Menschen aus? Was macht sie so Besonders?

In seinen beiden Sachbüchern hat der Autor dieses Phänomen rund um den Metal und seine Sogwirkung bereits ausgeleuchtet. Nach seinem Empfinden fehlt da bislang aber noch etwas, das er nun mit den künstlerischen Mitteln des Romans (er)füllen kann. In Sachbüchern regiert die Sache, das Faktum. Gefühl ist dort eher untergeordnet. Heavy Metal ist aber Gefühl, Leidenschaft, Emotion und Energie pur. Dieses Gefühl kann ein Autor mit den Freiheiten der Romanform transportieren und dem Leser unmittelbar erfahrbar machen. Soweit die Vision und das Anliegen, wie Christian es mir gerade eben äußerst lebhaft schildert. Wir schweifen weiter umher im Metal-Universum, und als ich beiläufig die Band CROSSPLANE erwähne, die im Roman explizit genannt wird, sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Und Hurra!! Ich hab jetzt doch wirklich etwas Interviewähnliches.
 
Also frage ich nach, wie Christian´s Verbindung zu CROSSPLANE genau ausschaut, wann und wie sie sich kennen gelernt haben. “Die Verbindung ergab sich über ihr Management, in diesem Fall über Anja Rinne von Marblestone Entertainment. Sie begann ihre Karriere im Musikgeschäft Anfang der 90er bei Century Media. Für das Buch über das Label habe ich ein Interview mit ihr geführt und ca. ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung schrieb sie mir, ob ich nicht Bock hätte, für Crossplane einen regelmäßigen Blog zu machen. Ich gebe zu, zuerst habe ich gezögert. Den Ausschlag gab einfach, dass ich mich mit den Jungs von Anfang an total gut verstanden habe. Wir unterstützen uns ja auch abseits des Blogs gegenseitig. Sie sind absolut bodenständige, musikbesessene Rock ‘n‘ Roller und obwohl Celli mit Onkel Tom und August mit Exumer die großen Bühnen bespielen, wollen sie alle mit Crossplane weiterkommen. Und das ist mir persönlich wichtig: Es gibt nicht nur sehr viel Sympathie, sondern ich respektiere auch in hohem Maße die Art, wie sie die Dinge angehen.“
 
Also habt ihr seitdem engeren Kontakt und bestimmt auch einiges gemeinsam erlebt? „Oh, ja! Erlebt haben wir in der Tat schon einiges, obwohl ich ja weiß Gott nicht immer dabei sein kann. Aber bei ihren Gigs bei Rock in den Ruinen, beim Dong Open Air, in Hamburg oder in Berlin als Support von Sodom habe ich auch so ein kleines bisschen Tourfeeling geschnuppert. Das fehlte mir ja noch in meiner Erfahrungssammlung. Ich fühle mich schon als ein gewisser Teil der Band, ähnlich wie ein Manager, ein Roadie oder der, der den Merchandise-Stuff an den Mann bringt (da habe ich dann auch schon einmal ausgeholfen) und das ist einfach super. Möchte ich nicht missen.“
 
Wieviel "autobiographisches" steckt im Roman? Repräsentiert ein Teil von Alioscha (die vermeintliche Hauptfigur des Romans) dich oder von wem ist er "inspiriert"? "Ja, diese Frage habe ich schon oft gestellt bekommen und mittlerweile verstehe ich, dass es unterschiedliche Antworten darauf gibt. Erstens: Ja, es ist sehr autobiografisch, aber nicht Alioscha oder eine andere Hauptfigur ist ich, sondern letztlich sind alle Figuren ich. Aber das zu sagen ist wenig sinnvoll, denn es ergibt sich aus der Tatsache, dass ich die Geschichte geschrieben habe. Zweitens: Ja und nein, die Figuren sind Teile meiner Erfahrungswelt, aber ich kann nicht behaupten, dass eine von ihnen speziell mich (oder eine andere reale Person) repräsentiert. Drittens: Nein, die Figuren müssen der Logik der Handlung folgen und sich ihrem Schicksal unterwerfen. Das hat nichts mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun."

Alle drei Antworten sind irgendwie Quatsch, daher sage ich mal so: Einige meiner Freunde und Bekannten, die den Roman gelesen haben, meinten, mich an gewissen Stellen wiedererkannt zu haben. Aber diese Stellen haben sie mir nicht verraten.“ Nun, in der Vorbereitung auf das Treffen mit dem Autoren und beim Lesen des Vorab-Manuskripts konnte ich mich mich selbst in einigen Passagen und Teilen ein Stück weit selbst entdecken und wiederfinden. Meiner Meinung nach werden verdammt viele Leser ein Stück von sich selbst im Roman entdecken genau das könnte ein „Erfolgsgarant“ sein. Der Roman schafft Identifikation.

Wie genau hat dein Tagesablauf während der heißen Phase des Schreibens ausgesehen? Wie hast du zivilen Beruf und Schreiberei in Einklang gebracht? „Ganz einfach. Ich habe Urlaub genommen und zwölf bis vierzehn Stunden am Tag geschrieben. In der „heißen Phase“ war ich komplett in der Geschichte drin, da kam mir die Außenwelt wie ein Film vor und ich war auch nicht immer sicher, wie ich mich verhalten sollte. Es fühlte sich an, als wandere man in einem Zwielicht. Abends war ich manchmal geistig so komplett ausgelaugt, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Alles in allem ein schönes Gefühl.“

Schon fast zwangsläufig stellt sich nun die Frage dem „Was kommt danach“? „Nun, ich habe letzte Woche mit der Konzeption des nächsten Romans begonnen. Geschichten schreiben bedeutet auch immer eine Flucht und gerade jetzt, da mit „At Dawn They Sleep“ vieles zu erledigen ist, brauche ich diesen gedanklichen Ort der neuen Geschichte. Das kann man auch den Lesern mit auf dem Weg geben. „At Dawn They Sleep“ zeigt die Welt, in der ich mich fast zwei Jahre lang regelmäßig vor der Wirklichkeit versteckt habe. Und ich fühlte mich sehr wohl darin.“

Da er in seiner letzten Antwort etwas kryptisch meint, dass es noch einiges mit „At Dawn They Sleep“ zu erledigen gibt, macht mich das naürlich nochmals neugierig und ich harke nach und bohre ein wenig.
So kommt abschließend noch etwas echt Spannendes ans Licht. Begleitend zum Roman wird eine Art Soundtrack entstehen. Des Buch-Autors umtriebige und verdammt kreative Promoterin Norma hatte eine Riesen-Idee und trat in Kontakt zu nicht weniger als 22 Metal-Bands. Diese haben sich begeistert gezeigt. Ergebnis wird nun sein, dass sämtliche Bands jeweils einen Song zum Roman beisteuern und teilweise sogar eigens hierfür einen neuen Song schreiben/komponieren. Was eine ambitionierte Idee und was ein weiteres gigantisches Projekt.... Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal erzählt wird !!


Schlußwort(e):
Hallo, Ihr da draussen.... Ich hoffe, dass dieses etwas andere Interview/Story Euch nicht zu sehr gelangweilt hat. Wie Eingangs schon erwähnt, hatte ich das als „klassisches“ Interview geplant. Aber im Laufe der über 4 Stunden, die ich da bei Christian zu Hause in seiner Küche verbringen durfte ist in mir genau diese Form von Story als die passende nicht mehr aus dem Kopf gegangen und konnte nicht anders „erzählt“ werden............


Weiterführende Links im WWW:
Christian Krumm facebook:  https://www.facebook.com/pages/Christian-Krumm/1411586109078197
Der Roman bei facebook:    https://www.facebook.com/atdawn.theysleep.5?fref=ts
Homepage des Verlages:     http://www.verlag-schmenk.de/
Der CROSSPLANE-Blog:       http://crossplane.wordpress.com/
 

Ghostwriter

+