Roadburn Redux – eine ganz persönliche Wahrnehmung
Blog

Roadburn Redux – eine ganz persönliche Wahrnehmung

Das Roadburn Festival steht seit Jahren bei mir im Kalender, aber irgendwie wollte es nie klappen, dass ich mich mal auf die Reise nach Tilburg mache. Dabei waren die Lineups und Konstellationen der verschiedenen Künstler und Bands in den letzten Jahren immer herausragend und unheimlich vielseitig.

  • von Torn
  • 25.04.2021

Dieses Jahr hat sich das Roadburn-Team den pandemiebedingten Gepflogenheiten angepasst und das Festival auf die Bildschirme dieser Erde verfrachtet. Das ersetzt zwar keine Live-Show mit applaudierendem Publikum und dem ganzen Drumherum, war aber eine nette Alternative. Nachfolgend eine kurze persönliche Reise.

Ich nehm’s vorweg: ich habe mir nicht alle Konzerte, alle Musikvideos oder Albumpremieren angesehen. Und ich habe auch nicht allen Interviews gelauscht oder alle Textbeiträge gelesen. Denn was hier an Programmfülle auf die Beine gestellt wurde, war enorm – und zwar zu gleichen Teilen an Masse und an Qualität. Dennoch konnte ich einigen Darbietungen frönen und möchte einige meiner Highlights einmal in Kürze Revue passieren lassen.

Donnerstag

Passenderweise startete das Roadburn Redux, so der diesjährige Alternativtitel des Festivals, sehr gemächlich und damit genau richtig zum Donnerstag-Feierabend. Die Space-Rocker Kairon; IRSE eröffneten den Reigen mit einer Performance ihres letzten Albums „Polysomn“. Die Platte kenne ich und war mir daher sicher, dass das Konzert an sich wohl taugen wird. Aber die Visualisierungen setzten dem ganzen schon hier die erste Krone auf. Nicht nur, dass die Band in einem Raum voller Teppiche und Pflanzen spielte, auch die Effekte und Kamerablenden, die der Musik angepasst wurden, machten diesen Auftakt zu einem Erlebnis. Diese Art der Inszenierung hat also ihre Vorteile, auch wenn das ganze Setting live natürlich viel intensiver gewirkt hätte. Ich war auf jeden Fall gespannt, was nach diesem Auftakt noch kommen sollte.

Freitag

Für mich wurde es am Freitag etwas langsamer und gleichzeitig etwas kraftvoller. Nadja präsentierten eines ihrer 2021 erschienen Alben, namentlich „Seemannsgarn“. Wobei der Begriff „Album“ hier etwas weit geht, da es sich um einen einzigen Song handelt, der sich in rund 40 Minuten schwerfällig und monoton aufbaut und im Finale derartig laut dröhnt, dass es im Wohnzimmer bebte. Skurril, aber unterhaltsam. Diese Bezeichnung passt auch zur italienischen Krachkapelle Nero di Marte, die in einem verhältnismäßig kurzen Set frei nach dem Motto „That escalated quickly“ agierten und binnen Sekunden eine Baller-Orgie sondergleichen lostraten. An dieser Stelle setzte erstmalig der Überraschungseffekt ein, die Band kannte ich tatsächlich vorher nicht. Aber für die eine oder andere Neuentdeckung ist das Roadburn ja bekannt.

Machen wir also gleich damit weiter und springen zu einem, abermals sehr ruhigen, Vertreter der anspruchsvollen Tonkunst. The Devil’s Trade präsentierte sein Album „The Call of the Iron Peak” und stellte damit einen krassen Kontrast zum vorherigen Progressive-Death-Geholze dar. Ein Mann, eine Gitarre und eine knappe Stunde Zeit. Was der Ungar Dávid Makó an Gefühl in seine Lieder steckt ist schon klasse. Da braucht es auch nicht mehr, um ein gelungenes Set zu spielen. Voller Gefühl steckte auch das Set von GOLD, um mal wieder einen bekannteren Namen zu nennen. Erst kurz vor dem Festival hatte Sängerin Milena Eva ein sehr düsteres Detail ihrer Vergangenheit bekannt gegeben und dadurch die Stimmung für viele Fans der Band noch angetrieben. Musikalisch war es dann wie erwartet: herausragend. Aber viel herausragender war der Rückhalt und der Zuspruch für die Band, der einem im Chat entgegenschwappte. Spätestens hier lernte man die lobenswerte Community des Roadburn kennen.

An sich wäre dies schon ein gelungener Schluss für den Freitag gewesen, aber ein paar hochkarätige Sets fehlen uns noch. Diese bestanden aber vor allem aus Albumpremieren der härteren Gangart. Regarde les Hommes Tomber spielten ihr fabulöses Album „Ascension“ und erschütterten die Lautsprecher auf unnachgiebige Weise. The Ocean gaben den zweiten Teil von „Phanerozoic“ zum Besten und trafen damit ebenfalls voll ins Schwarze. Zwei brachiale Alben, die trotz der fehlenden Bühnenshow nicht an Resonanz verloren. Das visuelle Material sprach hier Bände und stellte auch das nachfolgende Cover-Set von Inter Arma in den Schatten.

Samstag

Der Samstag begann sogar für Roadburn-Verhältnisse außergewöhnlich, und zwar mit einem Dokumentarfilm über das Les Feux de Beltane-Festival in Frankreich. In einem abgeschiedenen Dörfchen im Wald treffen sich eingefleischte Schwarzmetall-Fans und geben sich voll und ganz ihrer okkulten Freizeitbeschäftigung hin. Das Festival setzt den Fokus auf authentische Geschichten, Individualismus und ist dabei kein bisschen kommerziell oder von Partygeiern überströmt. Nach dieser spannenden Perspektive auf unser aller Lieblingsgenre wurde es dann aber auch wieder musikalisch und Wesenwille hämmerten ihr brachiales Set herunter. Das erste wirkliche Highlight für mich war aber etwas später dann Solar Temple. Auch hier ist man ja eher düstere, rabiate Klänge gewohnt, tatsächlich spielten die Niederländer aber ein eher spaciges Stoner-Doom-Set und überraschten damit positiv. Es dauerte zwar ein bisschen, bis ich mich dem Umstand angepasst hatte, aber die Darbietung war letztendlich klasse.

Und es wurde ab diesem Zeitpunkt auch nicht mehr schlechter. Während Wayfarer kurz aber prägnant von sich Eindruck verschafften, dröhnte es bei Neptunian Maximalism eine gute Stunde lang aus allen Röhren.  Der irre Mix aus Gitarren-Schranz, Blasinstrumenten und freier Improvisation war dabei mindestens genauso unterhaltsam, wie von Platte. Wenn gleich ich manchmal nicht wirklich weiß, wo die mit ihrer Musik hinwollen. Ein klarer Fall als Gegenbeispiel war dann Steve von Till mit seinem Programm „A Remote Wilderness“. Durch Neurosis bekannt geworden, ist von Till auch als Solokünstler seit Jahren geschätzt und erfolgreich und zeigte hier auch, dass dies absolut berechtigt ist. Atmosphäre und Emotionen gingen Hand in Hand und schafften ein wenig Ruhe nach den beiden lautstarken Kapellen zuvor.

Ein besonderes Schmankerl hatte sich das Roadburn aber für den späten Abend vorgenommen. The Nest, im Kern bestehend aus Wolvennest und ergänzt durch einige Gastmusiker, hatten sich eine besondere Show überlegt, die an Tiefgang und Abwechslung alles Bisherige übertraf. Verstärkt wurde die Truppe dabei unter anderem von Alan Averill (Primordial) und Alexander von Meilenwald (The Ruins of Beverast), was dem Ganzen noch eine besondere Note verlieh. Für mich eines der absoluten Highlights vom Roadburn Redux.

Sonntag

Für den letzten „Festival“-Tag hatte ich drei Sets auf dem Zettel, beginnend mit einer Band, die ich seit Jahren schon immer mal live erleben wollte: Hexvessel. Vor einer Bühne wäre die Stimmung vermutlich eine ganz andere gewesen, aber dass die Truppe um Kvohst auch noch ausgerechnet ihr erstes Album „Dawnbearer“ in voller Länge spielte, stimmte mich doppelt freudvoll. Schließlich haben sie das Niveau dieser Platte seitdem nie wieder erreicht. Wie erwartet wurde die Atmosphäre abermals zusätzlich von der guten Visualisierung getragen, sodass die Vorstellung der Vorfreude auch gerecht wurde. Etwa die gleichen Voraussetzungen brachte Wolvennest mit sich, die ihre neueste Scheibe „Temple“ präsentierten und damit auch voll ins Schwarze langten. Alles, was die Scheibe ausmacht, kam auch in dieser Version zur Geltung und übertraf meine Erwartungen sogar. Damit waren die Belgier endgültig das Sahnehäubchen des Roadburn Redux.

Fazit

Es ersetzt zwar kein Live-Festival, aber das Konzept des Roadburn Redux sucht dennoch seinesgleichen. Die zahlreichen Videobeiträge, Konzertaufnahmen, Interviews und sonstigen Formate sorgten für eine abwechslungsreiche und hochkarätige Unterhaltung. Für jeden war etwas dabei und man konnte sich das Festival ganz nach seinem Belieben zurechtpacken. Die Sessions, die ich gesehen habe, bewegten sich alle im Bereich gut bis sehr gut und schafften Raum für besondere Momente, wie eben die beiden Sets von Wolvennest. Ich konnte zwar immer noch kein Roadburn vor Ort in Tilburg erleben, die Redux-Variante hat jedoch einen guten Eindruck hinterlassen. Wird Zeit, dass wieder Festivals stattfinden!

Blogbeiträge spiegeln die Meinung des jeweiligen Verfassers wieder und müssen nicht zwingend die Meinung von Undergrounded repräsentieren. Du willst deine Meinung veröffentlicht sehen? Schreib uns eine Mail an info@undergrounded.de und wir setzen uns mit dir in Verbindung

Torn

Kommt Zeit, kommt Unrat.

+