Samstag, 21 Februar 2015 00:04

NOCTURA V mit SCALPTURE / DESOLATE FIELDS / SEKORIA / VYRE --- am 21.02.2015 im Falkendom Bielefeld

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Das NOCTURA V hätte ein Beispiel eines untergründig-unterbesuchten Konzerts in Ostwestfalen werden können. Hat man die allgemein gängige, postwinterliche Unlust im Hinterkopf, bei diesen Außentemperaturen und Witterungsverhältnissen eher die Katze vor dem Kamin zu bürsten und dabei Musik aus der eigenen Konserve laufen zu lassen, als sich zu einem Event zu bemühen, sind Bedenken über niedrige Besucherzahlen seitens Bands und Organisatoren vorprogrammiert. Im Metal friert man allerdings nicht - grimmiges Zittern aus Wut über zu wenig Kälte ist eher üblich.

Gitarrist Gerben und seine Kollegen von DESOLATE FIELDS aus den Niederlanden geben sich backstage sehr erstaunt über die Vielzahl an Fans, die schon vor Beginn die Location säumen. Veranstalter Julian zählt mit etwa 140 Gästen eine volle Bude mit schwarzen Zahlen (das darf ruhig schon mal vorweg erwähnt werden); und während Undergrounded bei der Verköstigung der Bands hilft, sind die meisten Besucher schon beim ersten Sound- und Lightcheck mit dabei, um den Opener sehen zu können.


scalpture01swSCALPTURE


Das Bielefelder Death-Metal-Quartett SCALPTURE eröffnet im Heimspiel das fünfte Noctura in einem nahezu vollen(!) Falkendom mit BORN IN BATTLE. Der straighte, bratige Engl-Gitarrensound zu gefechtsbereiten Growls, das uhrwerksgenaue Schlagzeug und der satte Bass verfehlen ihre Wirkung im Zusammenklang nicht: die Stimmung steht von Anbeginn des ersten gespielten Riffs. Kriegsthematiken sind Inspiration Nummer Eins für SCALPTURE, und die Nummer haben sie wirklich drauf. Eigentlich ist die allgemeine Laune der Fans für Live-Todesgeballer noch latent zu fröhlich, sodass man vermuten kann, es wäre Bier oder Alkohol getrunken worden. Nicht für lange: mit SCALPTUREs viertem Song über den Minenpanzer "Keiler", der sich grob als gewaltiger Doom-Death einschubladisieren lässt, kommt die erste große Eiskalt-den-Rücken-runter-Welle. Tight!As!Fuck! reihen sich Schlag an Schlag ohne Diskrepanzen, ohne Mitleid oder Gnade - man sieht und fühlt die Minen sprichwörtlich eine nach der anderen detonieren, während der vertonte Panzer seine Strecke durch das Feld unbeirrt kontinuierlich fortsetzt. Opener oder nicht, SCALPTURE stehen ihre Mannen bis Ende und haben die Aufmerksamkeit des Bielefelder Publikums zurecht von Anfang bis zum Schlussklang! "Das Rad nicht neu erfinden und schon gar keine Experimente, dafür voll aufs Fressbrett, mit eigener Note" - so der Grundsatz der Band.

scalpture03SCALPTURE

Musikhistorisch betrachtet ist Krieg seit 45 Jahren ständiger Begleiter und nie versiegende Inspirationsquelle des Metal seit seiner Entstehung bzw. Gründung - rechnet man ab dem Release der "Paranoid" von BLACK SABBATH im September 1970. Man erinnere sich an die politischen Umstände Ende der 1960er / Anfang der 70er Jahre mit dem verlustreichen Vietnamkrieg, der bis etwa 1975 andauerte, an das Spannungsfeld des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie an den ersten Golfkrieg. Nimmt "War Pigs" von BLACK SABBATH als erster direkt kriegsthematisierender Song im Metal eine reflektierend-kritische Aussage ein ( [...] "In the fields the bodies burning / As the war machine keeps turning / Death and hatred to mankind / Poisoning their brainwashed minds." [...] ), nutzen spätere Bands insbesondere im extremen Metal das Potential der Zerstörung als Steigerung des Ausdrucks für ihre Musik. BOLT THROWER, ASPHYX, HAIL OF BULLETS, BLASPHEMY, MARDUK, PANZERCHRIST oder ENDSTILLE mag man sich heuer assoziativ ohne schwere Geschütze kaum vorstellen. (SABATON lassen wir in diesem Zusammenhang mal außen vor, Anm. d. Red.)

Wir verlassen nun das Schlachtfeld und sind wieder zurück im Falkendom, wo sich DESOLATE FIELDS bereit machen, um uns in astral-atmosphärischere Gefilde ihrer Spielart des Post Black Metal zu scheuchen. Ihre Deutschlandpremiere hätten sie sich laut Aussage nie besser vorstellen können: Bude voll, Ohren offen, und die Fans Eyes'n'Ears für eine Flut an musikalischen Informationen von der Bühne, die einen nach der eingängigen Musik von SCALPTURE doch latent überfordern kann. Mit zwei Gitarren, einem Stagepiano mit verschiedenen Synthies, enorm feuernder Schießbude, virtuosem Bass und einem Sänger, der ab und an zu den Tasten wechselt und von da aus screamt und shoutet, fluten DESOLATE FIELDS mit einer schwer klar zu beschreibenden, energetischen und doch atmosphärischen und abwechslungsreich-gekonnten Musik die aufmerksame Fanmenge; es geht von Song zu Song, offene Mäuler und schwingende Matten - beeindruckend, was die Jungs da treiben, und die zweite von vier individuellen und hervorragenden Bands des Abends.

desolatefields03DESOLATE FIELDS

 

SEKORIA aus dem Sauerland machen nicht viele Worte on stage. Als erste Black-Metal-Band (mit deutschen Songtexten, ohne Anspruch auf norwegische Trveness oder winterliche Hetzjagden durch die Wälder) mit Synthesizerflächen unter dem energetischen Tremolo-Geblaste, mit zwei Mann an den Mikros, einem optisch und akustisch unglaublichen Tier am Schlagzeug und auf höchstem spieltechnischem Niveau drücken sie einen Wall aus purer Energie über die headbangende Fanmenge. SEKORIA spielen - grob ausgedrückt - eine offensivere Art des Black Metal, der zum Abgehen drängt; in etwa vergleichbar mit der Livepräsenz der Stockholmer VALKYRJA, plus Elektronik (welche ihrer Live-Energie eher förderlich ist). An Black Metal, auch im Melodic-Sektor, gibt es Einiges an Grütze und Copycats; SEKORIA gehören zu weder noch, das ist klar, und erhalten den Platz für die energiegewaltigste Bands des Abends.

sekoria01SEKORIA

 

Last and Least for the night: VYRE! Erst einmal verdutzte Gesichter: der Sänger sitzt am Drumset, links außen ein Mann in weißem Sakko am E-Cello, rechts außen der Keyboarder in ähnlicher Kluft (den man leider mehr sehen als hören konnte) und die Manneken an den Klampfen vorne. Trotz Krankheitsfällen treten VYRE souverän auf (Respekt und danke dafür!), sie spielen ... ja, sie spielen sphärischen Metal mit ... im Stil von ... auf VYRE-Art. Statisch und doch breit im Spektrum schieben sich Takte um Takte, Songs um Songs mit einem schieren Wust an ausgeklügelten Elementen, Phrasen, Klangflächen und Riffs, es fesselt, es verwirrt und beeindruckt! Ein paar Fans sind noch nachgekommen, absolut volles Haus: man kommt nicht mehr durch den Saal. Fantastisches und ganz großes Live-Kino zum Schluss!

vyre0102VYRE

 

SCALPTURE, DESOLATE FIELDS, SEKORIA und VYRE. Vier Größen hat man erleben dürfen - davon zwei Local Acts, zu Anbeginn des Events und als i-Tüpfelchen - auf die man wirklich stolz sein kann. Jede Band dieses Abends hat sich (wieder) einen Namen gemacht, ihre Musik sich in die Hirne eingebrannt, und das mit Professionalität und ohne jegliche kommerzielle Attitüde.

sekoria06SEKORIA - backstage mit Fotografin Charly (m.)


Vielen Dank an den Veranstalter Julian Rü und an seinen Teamkollegen aus dem Falkendom, danke an die Fans, die die Hütte vollgestopft haben! Vielen Dank an Charly, die Begleitknipsmaus von SEKORIA und an Julian Huchtmann für das Bereitstellen und teilen der Livebilder mit Undergrounded (checkt mal seine Website http://www.kompott.org), danke an den Soundmann und an alle vier Bands für das hervorragende fünfte NOCTURA!

fans02

Gerne mehr davon!
 

 

Setlists

SCALPTURE

Born Into Battle

Desert Storm

Barrage

Keiler

Onwards

Incursion

On Killing Fields

Surrender Is No Option

 

DESOLATE FIELDS

Vultures

Heeding the Call (Demo 2014 Title Track)

Grey (first demo)

Environmetal

Hollow Earth

Banish

Puzzles (Demo 2014)

 

SEKORIA

Vendetta

Thron aus Eis

Nachtigall

Wesen der Zeit

Die Vergessene Welt

Nie gestorben, nie gelebt

Ursprung der Zeit

Zu den Sternen

 

VYRE

Miasma

Diabolum Ex Machina

Coil Of Pipes

Digital Dreams

Neutronenstern

Weitere Informationen

  • Band(s): SCALPTURE, DESOLATE FIELDS, SEKORIA, VYRE
  • Wann: 21.02.2015
  • Wo: Falkendom, Bielefeld
Gelesen 2212 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 26 Februar 2015 21:39
Maessayah

I need a Klingon woman for companionship. Earth females are too fragile.


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