Dienstag, 31 März 2020 20:35

Spectral Lore / Mare Cognitum – Wanderers: Astrology of the Nine

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Es ist bereits sieben Jahre her, dass sich die beiden aktuellen Aushängeschilder der "Space-Addicted" Black Metal-Schiene zu ihrer herausragenden Split „Sol“ zusammengefunden haben. Nun schlagen Spectral Lore und Mare Cognitum zum zweiten Streich und haben sich mit ihrer zweiten gemeinsamen Produktion einiges vorgenommen.

Denn die auf den bereits spektakulären Namen „Wanderers: Astrology of the Nine“ hörende Scheibe, fasst eine astrologische Reise durch unser Sonnensystem auf satte zwei Stunden zusammen. Allerdings hat das monumentale Werk nur namentlich viel mit dem legendären Epos von Gustav Holst gemein. Rein musikalisch fahren die beiden eigentliche Solo-Projekte aus USA respektive Griechenland einer etwas härteren Gangart, wenngleich sie vor allem für ihre atmosphärischen Auswüchse bekannt sind.

Aber zum Album: „Wanderers“ – ich kürze den Titel der Einfachheit mal – beginnt mit „Mercury (The Virtuous)“, gespielt von Spectral Lore. Die Reise startet also nahe an der Sonne und knüpft in dieser Hinsicht zumindest namentlich an die Vorgänger-Kollaboration an. Der Opener zeigt in seinen guten acht Minuten auch klar, in welche Richtung sich diese Reise auch musikalisch entwickeln soll. Langgezogene Gitarrenwände und ab Minute 3 auch das passende perkussive Beiwerk dazu. Geschrien wird genretypisch auch und gefühlt aus jeder erdenklichen Richtung. So richtig überraschend ist dieser Start nicht, gut ist er trotzdem.

Mare Cognitum macht anschließend mit „Mars (The Warrior)“ weiter und schlägt, passend zum Namen, einen harten Ton an und klingt dabei noch härter als sein Vorgänger. Die Gitarren rutschen im Zwischenspiel dabei gerne ins Avantgarde ab, wodurch dieser zweite Titel zugleich progressiver daherkommt als sein kleiner Bruder zuvor. Durch den steten Besetzungswechsel zwischen den Songs zeichnet sich also ab, wie die lange Spielzeit des Albums auch durchgehend spannend gestaltet werden soll. „Mars“ zumindest, ist ein äußerst hörenswerter Song. Aber was wäre ein Album mit Beteiligung von Spectral Lore ohne die ruhigen, melancholischen Momente? Richtig, unvollständig. Und mit genau solch einer geradezu entspannten Passage beginnt der Song „Earth (The Mother)“, der sich unserem lieben Heimatplaneten widmet. Doch natürlich bleibt es nicht dabei, denn schon bald bahnen sich die eingängigen Sonaten der Gitarren ihren Weg in die Ohrmuschel und alles geht seinen gewohnten Gang.

Nach etwa einem Viertel der Scheibe hätte man nun eigentlich genug Stoff für ein ordentliches Album beisammen. Denn so abwechslungsreich wie die Songs sind, so komplex sind auch aufgebaut. Beide Musiker geben sich die Klinke in die Hand und hauen einen Über-Song nach dem nächsten raus, beispielsweise „Venus (The Priestess)“, welcher bislang vermutlich den stärksten Ohrwurm-Charakter besitzt. Der klare Gitarrenklang und das hohe Tempo sorgen für die nötige Eingängigkeit in diesem bislang eher schwer zugänglichen Album.

Verlassen wir an dieser Stelle die inneren Planeten und widmen uns dem weiter entfernten Kreis. Diesen leitet Mare Cognitum ein und dreht damit die eigentliche Reihenfolge einmal um 180 Grad. Ein weiteres Detail des nun folgenden „Jupiter (The Giant)“ ist, dass dieser entsprechend seiner Größe nicht nur adäquat benannt wurde, sondern mit einer Laufzeit von 15 Minuten auch den längsten Song des Albums darstellt. In den ersten zehn Minuten offenbart er sich auch als der langsamste Track und verzichtet zunächst auf Blastbeats und anderweitig flotte Rhythmen. Gegen Ende legt der Himmelsgigant aber noch einmal los und explodiert förmlich. Allerdings scheinen die beiden Interpreten den Ausflug in die hinteren Bereiche des Sonnensystems langsam angehen zu wollen, denn auch „Saturn (The Rebel)“ besticht durch eher mäßiges Tempo.

Mit dem Erreichen des Neptuns nimmt unsere Raumfähre dann wieder an Fahrt auf und Mare Cognitum befördert uns per Wurmloch in ein schieres Meer aus progressiven Riffs und stimmigen Gesangspassagen. Während anderes Bands in dreiminütigen Songs bereits alles gesagt haben, verlässt man sich hier darauf, die Harmonien trotz des dauerhaften Geknüppels Schritt für Schritt zu erarbeiten. Dieses Konzept zieht sich durch das gesamte Album und gibt jedem Track seine Berechtigung. So auch „Uranus (The Fallen)“, der in seinen Anfangsminuten schlicht aus einer monotonen Gitarrenwand besteht und sich nach und nach durch Growling und Bassline zu einem komplexeren Titel wandelt. Dabei wird auch das Trommelspiel mit jeder Minute aggressiver und endet schließlich mit lautem Knall. Jedoch endet damit nicht auch gleich der Song, denn zur Abrundung des Ganzen gibt es zum Abschluss noch eine etwa dreiminütige ruhigere Passage, in der unter anderem ein Klavier ertönt.

Zum großen Finale dieses fulminanten Albums tun sich beide Künstler zusammen und präsentieren uns mit „Pluto (The Gatekeeper)“ einen Doppelsong, dessen erster Teil instrumental und eher ambient-orientiert ist. So finden weder Gitarre noch Schlagzeug ihren Weg in den äußersten Teil unseres Orbits, es wird lediglich mit Rauschen und Synthesizern gearbeitet. Das Ende unserer zweistündigen Reise wird also noch langsamer aufgebaut als die einzelnen Stationen zuvor. Im zweiten Teil des Pluto kombinieren die Künstler dann die vorher herausstechenden Elemente: sie beginnen mit langsamem, aber progressiven Instrumentalwerk und kreischen sich durch das All. Melodisch ziehen sie dabei alle Register und fahren für die letzten Minuten eine weitaus rauere und härtere Gangart als in den atmosphärisch starken eineinhalb Stunden zuvor. Auch gesanglich arbeiten die Koryphäen tiefer und dunkler, sodass Plutos letzte Momente teilweise eher nach beispielsweise „The Ruins of Beverast“ und Konsorten klingen.

Es ist also vollbracht, die Reise an den Rand unseres Sonnensystems hat ihr Ende gefunden und man bleibt stumm in der Heliopause zurück. Spectral Lore und Mare Cognitum haben es geschafft, eines der ambitioniertesten Projekte der letzten Jahre auf die Beine zu stellen – und sie übertreiben maßlos. Nicht nur sind zwei Stunden für ein Black Metal-Album geradezu utopisch lang. Auch sucht die Komplexität, mit welcher sie uns hier entgegentreten ihresgleichen. Lediglich im Mittelteil geht den beiden etwas die Luft aus und die 20 Minuten rund um Jupiter und Saturn gestalten sich etwas langatmig. Dafür hat man aber ja noch eineinhalb Stunden, in denen man aus dem Kopfnicken kaum noch herauskommt. Ganz klar ist, dass Freunde des direkten und umweglosen Black Metal mit diesem Album so ihre Schwierigkeiten haben könnten, denn der direkte Zugang fällt mitunter schwer. Wer eingängige Melodien mag, versucht sich zu Beginn vielleicht an den ersten beiden Tracks von Spectral Lore. Man kann mit „Mars“ und „Venus“ von Mare Cognitum aber auch ohne Umschweife in die Vollen gehen. Wir ziehen den Hut vor diesem außerordentlichen Album und freuen uns, wenn wir in weiteren sieben Jahren die nächste Split der Black Metal-Astronauten in den Händen halten.

Trackliste:

1. Spectral Lore - Mercury (The Virtuous)
2. Mare Cognitum - Mars (The Warrior)
3. Spectral Lore - Earth (The Mother)
4. Mare Cognitum - Venus (The Priestess)
5. Mare Cognitum - Jupiter (The Giant)
6. Spectral Lore - Saturn (The Rebel)
7. Mare Cognitum - Neptune (The Mystic)
8. Spectral Lore - Uranus (The Fallen)
9. Mare Cognitum / Spectral Lore - Pluto (The Gatekeeper) Part I: Exodus though the Frozen Wastes
10. Mare Cognitum / Spectral Lore - Pluto (The Gatekeeper) Part II: The Astral Bridge

Bewertung:

10 / 10

Spectral Lore auf Bandcamp

Mare Cognitum auf Bandcamp

I, Voidhanger Records

Weitere Informationen

  • Band: Spectral Lore / Mare Cognitum
  • Album Titel: Wanderers: Astrology of the Nine
  • Erscheinungsdatum: 13.03.2020
  • Fazit: Melodisch, progressiv, komplex. Das sind nur drei Adjektive, mit denen sich „Wanderers: Astrology of the Nine“ beschreiben lässt. Spectral Lore und Mare Cognitum geben wirklich alles, um zwei Stunden spacigen Black Metal interessant zu gestalten und sie schaffen es schlussendlich auch. Wenngleich der Mittelteil schwächelt, fangen die ersten und die letzten vier Songs dieses Manko mit Leichtigkeit auf. Wer sich auf eine hochwertige, atmosphärische Reise durch das All begeben möchte, ist hiermit sehr gut beraten.
Gelesen 1683 mal Letzte Änderung am Dienstag, 31 März 2020 21:11

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Mare Cognitum / Spectral Lore - Mars (The Warrior) / Earth (The Mother) Mare Cognitum / Spectral Lore / I, Voidhanger Records
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