Samstag, 26 Januar 2019 20:00

UNTER DEM RADAR - ESTONER (STONER/SLUDGE/DOOM METAL)

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Der Untergrund in der Metal-Szene birgt viele abstruse Kombinationen. Viele davon sind vermutlich absoluter Humbug. Aber hin und wieder staunt man nicht schlecht, welche verrückten Ideen doch zünden können. Stoner Metal aus Estland ist beispielsweise so eine kleine Nische, der man vor vielen Jahren noch keine große Aufmerksamkeit hätte beimessen können. Mittlerweile gibt es dort aber ein paar qualitativ hochwertige Vertreter. Unterm heutigen Radar betrachten wir eine Band mit dem völlig passenden Namen Estoner.

Seit 2009 treibt das Quartett aus der estnischen Hauptstadt Tallinn sein Unwesen und ist musikalisch vor allem im Stoner Rock verwurzelt, wie man schon an der ersten Demo aus dem Jahre 2011 sehen kann. Ebenfalls schnell merkt man, dass die Band es lyrisch weniger ernst meint als andere Vertreter des Genres. So existiert bereits seit dieser Demo ein Song mit dem Titel „Darth Vader has a Hangover“, welcher uns direkt ein amüsantes Kopfkino beschert und obendrein auch noch brauchbar intoniert ist. Auf den Tag genau ein Jahr später erscheint dann das erste Album von Estoner mit dem wiederum sehr eigenartigen Titel „The Stump Will Rise“. Anhand der Liedtitel lässt sich hier auch erkennen, dass die Band Wert auf unterhaltsame Kurzgeschichten legt.

Aktuelle Besetzung

Kristian-Peter Vallikivi - Vocals, Gitarre

Ralf Vinkler - Gitarre

Jaanus Luka - Bass

Anton Veeremets - Schlagzeug

Diskographie

2011 Demo

2012 The Stump Will Rise (Album)

2016 Lennud saatana dimensioonis (Album)

Kurzreview zu "The Stump Will Rise"

Bereits mit dem ersten Titel "Greenseeker" wird die schwerfälligere Ader von Estoner spürbar. Zwar orientiert sich die Gruppe nach wie vor an den rockigeren Elementen der Stoner-Sparte, spielt ihre Musik aber deutlich brachialer als noch auf der Demo von 2011. Der erste Tack ist auch direkt knappe neun Minuten lang und folgt einem langsamen Aufbau, bevor nach drei Minuten erstmals der Gesang einsetzt. Dieser erinnert genretypisch an Vertreter wie Black Sabbath oder Candlemass. Die Spielzeit wird gut genutzt, denn auf die drei Minuten Intro folgt eine ebenso lange klassische Doom-Passage, bevor sich der Opener seinem instrumentalen, starken Finale hingibt. „Meet the Abyss“ hingegen ist wieder etwas rockiger und nicht ganz so monumental, womit schon relativ früh im Album für reichlich Abwechslung gesorgt wird. Das liegt auch daran, dass der zweite Titel der Scheibe insgesamt etwas schneller aufspielt.

An Position 3 folgt ein alter Bekannter, nämlich Darth Vader mit seinem Hangover. Allerdings in klanglich besserer Qualität – und um rund 20 Sekunden gekürzt im Vergleich zur Demo-Version. Dieser Fakt ändert aber nichts am guten Gesamtbild des Titels. Nach dem Rückblick folgt mit „Stump“ der namensgebende Song des Albums, welcher erneut eher einer langsameren Gangart folgt und damit eine sehr tragende Atmosphäre bringt. Die Stoner-typische Entspannung versprüht das Album bisher auf jeden Fall. Es wird aber noch experimenteller. Mit „Level 5 Wizard“ bringen die Esten nämlich auch psychedelische Klänge auf die Platte und ergänzen die abwechslungsreiche Instrumentalisierung im späteren Verlauf noch durch kurze Kreischpassagen, welche schon fast an Oranssi Pazuzu erinnern.

Nach diesem Ausflug finden Estoner aber mit „Lsd Vampyr“ zurück in die alten Muster und liefern klassischen, groovigen Stoner Rock. Das eingängige Gitarrenspiel und die flotten Rhythmen laden zum Headbangen ein und sind klare Stimmungsträger des vorletzten Titels. Um „The Stump Will Rise“ nun abzurunden, fahren die vier Tallinner zum Schluss noch einmal alles auf, was sie zu bieten haben und bringen mit „Mindweasels“ sogar noch einen Zehnminüter auf die Scheibe. Wobei dieser nur die ersten sieben Minuten stringent mit Musik füllt und dabei flotter ist, als man bei der Songlänge zunächst vermuten könnte. Gegen Ende folgen dann einige Sekunden Ruhe, bevor zum Schluss noch –ganz im Sinne eines Hidden Tracks– wenige Töne angespielt werden.

Die erste Scheibe von Estoner bringt also mit einer Menge Abwechslung und satten 50 Minuten Spielzeit wirklich Leben in die Bude.

Tracklist:

1. Greenseeker

2. Meet The Abyss

3. Darth Vader Has A Hangover

4. Stump

5. Lvl 5 Wizard

6. LSD Vampyr

7. Mindweasels

Aber damit sind wir noch nicht am Ende des Repertoires von Estoner. Normalerweise würden wir nach einem Album den Radarblick beenden und alles Weitere nur kurz anschneiden. Da das zweite Album „Lennud Saatana Dimensioonis“ (LSD) aber deutliche Unterschiede zum Vorgänger aufzeigt und dennoch sehr hörenswert ist, haben wir uns dazu entschieden, beiden Alben gleichermaßen Aufmerksamkeit zu schenken. Begeben wir uns nach den lebhaften und freudigen Klängen von „The Stump Will Rise“ nun auf eine Reise in finsterere Gebiete.

Kurzreview zu "Lennud Saatana Dimensioonis"

„LSD“ beginnt mit dem Schwergewicht „Vägisammas“. Bei fünf Minuten Spielzeit fragt sich der geneigte Leser nun zu recht, warum wir hier den Begriff „Schwergewicht“ verwenden. Nun ja, das Gitarrenspiel ist in erster Linie wesentlich tiefer als bisher von Estoner bekannt und drückt schon alleine dadurch. Aber außerdem kommt der eröffnende Song mit seiner gesamten, behäbigen Dynamik eher wie eine Dampfwalze daher. Der cleane, schon fast klerikale Gesang wird häufig durch diverse Schreie ergänzt. Wir hatten oben schon einen Vergleich zu den finnischen Kollegen von Oranssi Pazuzu hergestellt, welcher hier wieder und vermutlich noch stärker greift. Estoner  sind mit ihrer zweiten Scheibe offenbar im Sludge Metal angekommen und präsentieren diesen noch psychedelischer als auf Platte Nummer Eins.

„Teleporteerumine“ führt die prägnanten Elemente des ersten Tracks auch gnadenlos fort und zerstampft alles, was bisher noch verschont geblieben ist. „Reptiloid“ hingegen gibt uns in den ersten Minuten etwas Verschnaufpause, bevor wieder ordentlich losgedröhnt wird. Aber generell ist der dritte Titel des Albums weniger brachial, dreht nur gegen Ende noch etwas auf. Die fröhlichen Spielweisen der ersten Scheibe vermisst man aber definitiv, alles klingt düsterer und ungelenker. Gemeinsam haben die beiden Alben aber den langsamen Aufbau – zumindest bei den meisten Songs. „Null“ kommt allerdings direkt zum Punkt und erspart sich eine aufwändige Einleitung. Erneut fällt der leiernde Clean-Gesang auf, der dem ganzen noch eine schwermütigere Note aufdrückt. Besonders hervorzuheben ist der krasse Tempowechsel in der Mitte des Titels. Nach einer etwa 40-sekündigen Bassline geben Estoner richtig Gas und präsentieren eine gelungene Instrumental-Abrissbirne. Damit wurde spannungstechnisch ziemlich genau auf der Mitte des Albums ein Höhepunkt gesetzt, der nachhaltig hängen bleibt.

Der nahtlose Übergang zu „Megawatt“ verschärft die Situation nochmals. Auch hier wird mit einer wahren Gitarrenwand gearbeitet, bevor zunächst der Schlagzeuger und dann die gesamte Truppe vollkommen ausrasten und scheinbar allem und jedem die Fresse polieren. Dieses Tempo wird dann auch bis zum Ende des Songs durchgezogen, bevor mit „Hüvasti, kosmiline monoliit“ die nächste langsame Keule angerauscht kommt. Der Groove sitzt tief und brennt sich tief in die Nackenmuskulatur. Damit wird der Weg zum letzten Titel, abermals mit rund zehn Minuten Spielzeit, geebnet. „Lend Saatana Dimensioonis“ als Schlusstrack dröhnt anfänglich nicht ganz so mächtig wie seine Vorgänger und gibt sich abermals vielschichtiger und verspielter. Erst nach ein paar Minuten wird der Druck erhöht, wobei die Spielart verträumt bleibt. Das ändert auch der einsetzende Growlgesang nicht, da dieser etwas im Gitarrenmeer untergeht. Estoner verzichten hier auf herausstechende Momente und geben dem Schlusslicht der Scheibe Zeit, sich zu entfalten.

Tracklist­:

1. Vägisammas

2. Teleporteerumine

3. Reptiloid

4. Null

5. Megawatt

6. Hüvasti, kosmiline monoliit

7. Lend Saatana Dimensioonis

Insgesamt kommt „Lennud Saatana Dimensioonis“, welches beim estnischen Klein-Label Golem erschienen ist (u.a. Kannabinõid), wie eine Planierraupe daher und ist damit sogar eine Schippe brachialer als „The Stump Will Rise“. Generell kommt das erste Album der Herren aus dem Baltikumstaat vergleichsweise fröhlich und eingängig daher.  Ein direkter Vergleich ist aber relativ schwierig, da Estoner mit ihrem zweiten Album eine andere Stilrichtung fokussieren und dabei viel mehr experimentieren als noch vier Jahre zuvor. Dennoch passt die Stimmung bei beiden Alben und keines ist langweilig oder ideenlos.

Abzuwarten bleibt jedoch, ob das junge Quartett mit der zweiten Scheibe nun seinen musikalischen Arbeitsbereich gefunden hat, oder doch eher zurück in den klassischen Stoner oder Doom Metal findet. Vielleicht schießt man sich auch komplett auf die Sludge-Schiene ein und wird mit dem dritten Album noch brachialer. Uns soll es Recht sein, solange die Qualität auf dem bisherigen Niveau bleibt. Müsste man Punkte vergeben, so bewegen sich beide Alben sicher ab 8 von 10 aufwärts. Und vielleicht dürfen wir Estoner sogar demnächst einmal live in Deutschland begrüßen? Wir würden uns freuen!

 

 

Weitere Informationen

Gelesen 1569 mal Letzte Änderung am Sonntag, 09 Juni 2019 12:56
torn

Kommt Zeit, kommt Unrat.

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Lend Saatana Dimensioonis Estoner - Lennud Saatana Dimensioonis / Golem

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