Samstag, 03 Mai 2014 00:00

Unter dem Radar: Lumsk (Folk Metal / Progressive Rock)

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Als im Team die Idee aufkam, ein paar der zu wenig beachteten Perlen aus dem eigenen Musikarchiv ans Licht zu holen, war Lumsk einer der ersten Namen, die zur Sprache kamen. Lumsk (norwegisch für hinterlistig) kenne ich nun schon ein paar Jahre. Was aus meiner Perspektive noch mit typischen Folk Metal (Åsmund Frægdegjevar, 2003) angefangen hatte, reifte beim Album Troll (2005) zu etwas wirklich Außergewöhnlichem. Die Band traut sich was, hat keine Scheu vor ausgefallenen Instrumenten (Blechbläser!) und kann weibliche Stimmgewalt ganz ohne Kitsch so mit Metal verbinden, dass einem die kalten und warmen Schauer nur so in Salven unter die Haut krabbeln.

 Die hinterlistige Band gründete sich 1999 in Trondheim und brachte 2003 mit Åsmund Frægdegjevar das erste Studioalbum heraus. Das Konzeptalbum, das eine Heldenlegende zum Thema hat, legte schon eine relativ experimentelle Richtung vor. Bekannte eher leichtfüßige Elemente des Folk Metal werden hier schon sehr geschickt über einen sehr dichten Soundteppich aus Klassik und Metal gelegt, der im Rhythmus auch mal drauf los stampft. Manch filigraner Gitarrenpart lässt schon erahnen, dass Gitarrist Eystein Garberg durchaus noch progressivere Ambitionen hat.

 

2005 gewann die Band beim norwegischen Musikfestival by:Larm eine nicht unbeträchtliche Summe als Stipendium, die ihnen zusammen mit der neuen Sängerin Stine-Mari Langstrand die Produktion des zweiten Studioalbums „Troll" ermöglicht . Die klassische Gesangsausbildung von Frau Langstrand kommt dem Album sehr zu gute. Im selben Jahr brachten sie außerdem die Single Nidvisa heraus, mit deren Verkauf die Aktionsgruppe „Gi oss jula tilbake" unterstützt wurde, die sich gegen die immer früher einsetzende Weihnachtsdekoration in Kaufhäusern wehrt.

 

Auch musikalisch wurde die Band etwas milder und brachte 2007 ihr drittes Studioalbum „Det vilde kor" heraus. In diesem Album wird der gleichnamige Gedichtband von Knut Hamsun vertont und ich kann keine treffendere Genrebezeichnung als die von Wikipedia vorgeschlagene finden: Progressive Rock, Lullaby. Nach Veröffentlichung des Albums verließen Ketil (Gitarre) und Siv Lena (Violine) die Band zwecks Familiengründung, was für Lumsk einen gewaltigen Rückschlag bedeutete.

 

Diverse Livemusiker kamen und gingen aber dennoch wurde seit 2009 es merklich still um die Band. Im Zuge der Recherche für diesen Artikel habe ich die Hoffnung schon fast aufgeben. Bis ich dann über ein paar Ecken endlich den Kontakt zu Espen Warankov Godø, Gründungsmitglied, schaffen konnte, der Licht ins Dunkle brachte.

 

Nach den Rückschlägen in Form von Austritten hat sich die Band tatsächlich erst einmal zurückgezogen. Aus erster Hand können wir jetzt jedoch berichten, dass sich etwas regt in Trondheim. Lumsk nimmt ein neues Album auf, diesmal aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit auf eigene Faust und ohne Label. Wenn das nicht genau die Linie ist, die wir bei Undergrounded verfolgen. Seit euch sicher, dass wir euch genauestens über die Vorgänge rund um Lumsk und ihr neues Album berichten werden.

 

 

lumskPicture by Anja Elmine Basma - http://www.anjabasma.no/



Aktuelle Besetzung


Espen Warankov Godø – Keyboards, Piano (2000-)

Eystein Garberg - Guitar (2001-)

Espen Hammer - Bass guitar (2002-)

Ketil Sæther - Guitar (2004–2007, 2009-)

Vidar Berg - Drums (2005-)

Annelise Ofstad Aar - Vocals (2009-)



Diskographie


2001 Demo 2001 

2003 Åsmund Frægdegjevar

2005 Troll

2005 Nidvisa (single)

2007 Det Vilde Kor



Review zu "Troll"



Lumsk Troll

 

 

Ich habe mich bewusst dafür entschieden das zweite Album der Band näher vorzustellen, weil es in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes darstellt und gleichzeitig auch viele Facetten der Band zeigt. Rein formal ist "Troll" genau wie die beiden anderen Alben von Lumsk ein Konzeptalbum, aber die Songs folgen nicht einem einzelnen Handlungsstrang. Jeder Song für sich erzählt eine Volkssage aus dem Reich der Trolle und Geister. Die Texte stammen von den beiden Autoren Birger und Kristin Sivertsen.

 

Zum anderen konnte die Band hier musikalisch aus dem Vollen schöpfen und den unverwechselbaren Stil von Lumsk herausarbeiten und prägen. Was bei Åsmund Frægdegjevar noch einfach guter Folk Metal war wurde mit Troll wirklich herausragend und einzigartig. Allein schon die Stimmgewalt von 18 gastierenden Vokalisten, die die ohnehin schon stimmgewaltige Stine-Mari Langstrand unterstützen, und die unerschrockene Auswahl weiterer klassischer Instrumente (Fagott, Cello, Violine) zeigen, dass hier wirklich nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt wurde.

 

Aber nun zum eigentlichen Album. Der erste Track Nøkken bildet eine sehr sinnvolle Brücke vom letzten Album zur Stimmung von Troll. Was mit leichtherzigen Folkmelodien beginnt wird in der zweiten Hälfte des Songs stimmungstechnisch in den Abgrund und die grausigen Details hinabgezogen, die Volkssagen und Märchen in ihren ursprünglichen Fassungen offenbaren. Eigentlich – wie oft auch bei klassischer Musik – ist es ein doppelter Genuss, wenn man sich mit der Bedeutung der Texte vertraut macht und beim Hören dann feststellt wie kongenial Lumsk das was die Texte erzählen musikalisch umsetzen. Der Artikel würde aber unglaublich lang werden, wenn ich das jetzt für jeden Track aufdrösele. Wer sich dafür interessiert findet aber brauchbare Übersetzungen aller Texte im Netz (z.B. hier). Dann kann man wirklich die grollenden, stampfenden Laute der Åsgårdsreia hören, die durch die Nacht reitet um Ahnunglosen die Seele zu stehlen. Musikalisch profitiert Lumsk auf ganzer Linie von einer guten Produktion. Durch den satten, klangvollen Sound wird überdeutlich, dass Eystein Garberg und Ketil Sæther ihre 6-Saiter voll im Griff haben und das Album mit glasklarem Timing durch wummernd-brachiale und progressive Parts zu einem echten Hochgenuss machen. Auch wenn Violine und Flöte ganz klar zu den typischen Folkinstrumenten gehören, schert sich Lumsk einen Dreck um ausgetretene Pfade bzw. kreuzt diese nur um zum nächsten bewussten Stilbruch anzusetzen. Eine Solistin wie Stine-Mari bringt zusammen mit den 18 Gastvokalisten (u.a. Andreas Kjerkol Elvenes mit herrlich tiefer Bassstimme) so eine Stimmgewalt auf, dass Lumsk mit diesem Album ohne Probleme auf jeder Opernbühne auftreten könnte. Auch wenn die Gangart des Albums sich insgesamt ein wenig vom metallischeren Debüt entfernt hat, bleibt die Band ihrem Namen treu und führt den Hörer geleitet von glockenhellem Gesang in immer wieder neue Abgründe.

 

Das Herzstück des Albums stellt für mich Trolltind dar. Nachdem es erst einmal ruhig und mit gefühlvollen Trompetenparts angeht (habe ich das gerade wirklich geschrieben? Ich mag Trompeten eigentlich nicht... ) entfalten Lumsk die gesamte Bandbreite ihres Könnens und steigern sich mit doomlastigen Riffs und epischem Chor in einen grandiosen Refrain hinein. Gitarre und Violine stehen im direkten Dialog miteinander und lassen die Leichtigkeit einfacher Folkmelodien hinter sich. Zu Trolltind konnten Lumsk dank Stipendium auch ein aufwändigeres Video drehen.

 

Auch die nachfolgenden Songs enthalten ungenierte Anleihen von Doom Metal bis zur klassischen Oper, die das Element des Bedrohlichen in die meist (für die eine oder andere Seite) böse endenden Volkssagen bringen. Auch wenn jeder Song für sich ganz unterschiedliche Töne anschlägt, wird das Ganze so abgerundet und stellt ein gelungenes Konzeptalbum dar.

 

In Zusammenschau kann man sich an dieser Stelle fragen: Ist das noch Metal? Wie so oft sind Genrebezeichnungen hier zu eindimensional um eine Band oder auch nur ein Album als Ganzes zu fassen. Wer bei Folk Metal eingängige Schunkelrhythmen, bekannte keltische Melodien oder herzhafte Mitsingrefrains erwartet, wird von diesem Album vollkommen enttäuscht sein. Liebhaber stimmungsvoller bis epischer Musik mit dem gewissen Etwas dagegen, die auch nicht vor genrefremden Instrumenten und progressiven Gitarrenparts zurückschrecken und eine ausgebildete Stimme zu schätzen wissen, kommen voll auf ihre Kosten.

 

Ich bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen, und überzeugt davon, dass das musikalische Genie, das in Lumsk steckt, auch ohne großes Label ein herausragendes Album herausbringen kann.


Tracklist


01. "Nøkken" (The Neck) – 3:33

02. "Dunker" – 4:03

03. "Åsgårdsreia" (The Wild Hunt) – 4:33

04. "Trolltind" (Troll Peak) – 4:16

05. "Allvis" – 6:41

06. "Perpålsa" – 3:37

07. "Blæster" – 8:39

08. "Byttingen" (The Changeling) – 5:00

Gelesen 3861 mal Letzte Änderung am Sonntag, 18 Mai 2014 20:09
Vanessa

Manche sagen, ich sei bekloppt - Ich finde mich Verhaltensorginell


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