Samstag, 19 September 2020 14:08

Unter dem Radar - Gigan (Technical Death Metal)

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Death Metal ist seit den 80ern eine grotesk vielfältige Spielwiese für Jung und Alt... tja, oder so ähnlich. Seit nunmehr 30 Jahren stampfen sich jedenfalls immer mal wieder neue Bands aus der Grube und setzen alles daran ihren Platz in der Szene zu ergattern und den einstigen Größen wie Death oder Bolt Thrower nachzueifern. Allerdings hat sich diese schwergewichtige Stilrichtung auch enorm weiterentwickelt, wie unser heutiges Porträt der amerikanischen Technical Death-Prügelknaben von Gigan zeigt.

Auch wenn das Quartett schon seit 2006 seine Saiten zupft und seine Trommeln wirbelt, so ganz bekannt ist die „world's state-of-the-art psychedelic extreme metal band", wie sich Gigan auf ihrer Facebook-Seite nennen, in unseren Landen noch nicht. Das mag einerseits daran liegen, dass die deutsche Death Metal-Szene in den letzten Jahren selbst ordentlich Zulauf hatte und mit Bands wie Sulphur Aeon oder Chapel of Disease auf hohem Niveau ablieferte. Andererseits ist die Spielart, die Gigan anschlagen, auch nicht die alltagstauglichste und gemeinverträglichste, die es in der Szene gibt, wie ihre Eigenbezeichnung vielleicht schon vermuten lässt. Grundsätzlich steht einer überprogressiven, temporeichen und komplexen Spielart aber nichts im Wege, wie die Beliebtheit einer Band wie Ulcerate zeigt.

Aber genug der Vergleiche - zeigen wir lieber, was Gigan können und was sie auszeichnet. Den Nerds in der Szene wird sicherlich auffallen, dass der Bandname sich vom namensgleichen Monster aus dem japanischen Godzilla-Universum ableitet und zunächst vielleicht stutzen lässt (vor allem, wenn man das Daikaiju-Vieh mit seiner eingebauten Kreissäge in der Brust vor Augen hat). Aber auch thematisch findet man sich in den Texten der Band überwiegend in einem solchen bizarren Sci-Fi-Milieu wieder – sofern man denn etwas vom dem Gegrunze versteht, welches Frontmann Jerry Kavouriaris da von sich gibt.

Der Fokus in der Musik der US-Amerikaner liegt aber mit Sicherheit auch eher auf dem abartig komplizierten Riffing und den teils sehr überraschenden Tempowechseln. Bei Alben-Titeln wie "Quasi-Hallucinogenic Sonic Landscapes" oder "Multi-Dimensional Fractal-Sorcery and Super Science" verwundert einen die ganz eigene instrumentale Darbietung aber auch nicht wirklich. Weiter unten schauen wir uns das letzte Album von Gigan mal etwas genauer an.

Aktuelle Besetzung

Eric Hersemann - Bass, Gitarre, Synthesizer, Theremin, Xylophon

Nate Cotton - Drums

Jerry Kavouriaris - Vocals

Rajan Davis - Bass

 

Diskographie

2007 – Footsteps of Gigan (EP)

2008 – The Order of the False Eye (Album)

2011 – Quasi-Hallucinogenic Sonic Landscapes (Album)

2013 – Multi-Dimensional Fractal-Sorcery and Super Science (Album)

2017 – Undulating Waves of Rainbiotic Iridescence (Album)

 

 Review zu "Undulating Waves of Rainbiotic Iridescence"

...wobei wir natürlich hoffen, dass es nicht das „letzte“ Album ist, aber "Undulating Waves of Rainbiotic Iridescence" ist nun einmal die zuletzt erschienene Platte der Amerikaner und stammt aus dem Jahr 2017. Und die beginnt verhältnismäßig gemächlich mit einem ungewöhnlich leiernden Gitarrenspiel in einer etwas matschigen Klanglandschaft. Allein das Trommelspiel ist in den ersten Minuten progressiv und gibt dem Rest der Bagage Zeit, um in Fahrt zu kommen. Gegen Ende des ersten Zehnminüters "Wade Forward Through Matter and Backwards Through Time" zeigt sich, dass dieser seinem Titel alle Ehre macht und nach dem schleppenden Beginn in einem sehr chaotischen Wirrwarr endet. Die Zeichen stehen also gut, dass Gigan uns abermals ein wahnwitziges Technikwerk um die Ohren hauen.

"Elemental Transmography" kommt dem auch direkt nach und präsentiert sich recht typisch für Technical Death, wenngleich Gigan auch hier wieder eine Spur abgedrehter zu Werk gehen als vergleichbare Genre-Vertreter. Auf jeden Fall fehlt es ihnen nicht an Wumms und Dröhn, ganz im Gegenteil. In "Plume of Ink Within a Vacuum" halten sie sich ihrer Linie der anspruchsvollen Songtitel treu und es wird ab der ersten Sekunde geprügelt und geschreddert, was das Zeug hält. Das Riffing entstammt allem Anschein nach direkt der Hölle und gibt sich mit den überkomplexen Drum-Facetten die Klinke in die Hand. Die gelegentlichen Schreie Kavouriaris' tun ihr Bestes, um auch Freunde nicht nur reiner Instrumentalmusik zu begeistern.

Mit "Ocular Wavelengths‘ Floral Obstructions" legen Gigan sogar noch eine Schippe in Sachen Abwechslung drauf. Was anfänglich etwas nach Autoalarmanalage klingt, entpuppt sich vor allem im Mittelteil als grooviges, kompaktes Walzwerk und als ein Höhepunkt der noch jungen Scheibe. Danach nehmen sie allerdings etwas Tempo raus, was der dichten Aufmachung ihrer Musik aber keinen Abbruch tut. Generell sind Gigan nicht die rasanteste Death Metal-Band auf Erden, aber "Hyperjump-Ritual Madness" nimmt die ursprüngliche Geschwindigkeit wieder auf und ist technisch sicher eines der Stücke der Platte mit dem größten Anspruch.

Gegen Ende fahren Gigan noch einmal alles auf, was sie auf "Undulating Waves of Rainbiotic Iridescence" bisher gezeigt haben. "Clockwork With Thunderous Hooves" ist brachial und progressiv und der letzte Titel "In Between, Throughout Form And Void" verbindet das vertraute Gitarrenspiel des ersten Titels mit dem Groove des vierten Stücks, der Progressivität des sechsten und mit der instrumentalen Dichte aller anderen Songs. Die letzten Minuten gleichen einem instrumentalen Outro, was sich ganz gut eignet, um das Album ein wenig Revue passieren zu lassen.

Unser Fazit: Hier ein abgefahrenes Riff, da eine Knüppelsequenz. Alles in allem wissen Gigan, wie sie sich und ihre Instrumente richtig in Szene setzen. Wie schon auf den beiden direkten Vorgängern macht auch "Undulating Waves of Rainbiotic Iridescence" alles ziemlich gut und richtig. Die Abwechslung ist erschreckend, die Präsentation unheimlich dicht. Aber eben genauso fordernd. Gigan ist sicher nicht jedermanns Sache. Wer von technisch verworrenem Death Metal nicht genug bekommen kann und ab und an mal frischen Wind in den Boxen braucht, findet hier einen wahren Leckerbissen!

Tracklist:

01. Wade Forward Through Matter and Backwards Through Time
02. Elemental Transmography
03. Plume of Ink Within a Vacuum
04. Ocular Wavelengths’ Floral Obstructions
05. Hideous Wailing of the Ronowen During Nightshade
06. Hyperjump-Ritual Madness
07. Clockwork with Thunderous Hooves
08. In Between, Throughout Form and Void

Weitere Informationen

Gelesen 660 mal Letzte Änderung am Sonntag, 04 Oktober 2020 15:44
Torn

Kommt Zeit, kommt Unrat.

Medien

Undulating Waves Of Rainbiotic Iridescence Gigan / Willowtip Records

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