Samstag, 30 November 2019 17:41

UNTER DEM RADAR - KAPALA (BLACK/DOOM METAL)

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Immer wieder entdeckt man Bands, die eine betörende Mystik an sich haben und deren Konzept fesselt: Die rituellen Black Metal-Sintfluten von Kapala aus der Ruhrmetropole Essen gehören definitiv zu den besonderen Newcomern in der Szene und haben sich ihren Platz in unserer Rubrik Unter dem Radar redlich verdient.

Zunächst namenlos gegründet 2014 von den früheren Bandmitgliedern Rob (Drums) und Andy (Bass) erschien die erste Demo von Kapala im Jahr 2015, nachdem für die Urbesetzung und die ersten Aufnahmen die heutigen Musiker Om (damalig an der Gitarre), Tehom (Vocals) und Asaru (Gitarrist) ins Ensemble dazutraten. Gleichzeitig bestritt das neu geformte Quintett im Jahr 2015 auch die ersten Live-Auftritte.

Als im Jahr 2016 die beiden Gründungsmitglieder die Band verließen, trat zudem noch Almir als Gitarrist zur Band dazu und es gab mit Plaguewielder am Bass einen kurzen Ersatz. Om wechselte daraufhin an die Drums und nach einem ruhigeren Jahr 2017 begann die Band 2018 mit dem Songwriting in der noch immer aktuellen Besetzung. Hier destillierten und formten die Jungs den einzigartigen, mitunter okkulten, düsteren und meditativen Sound von Kapala, irgendwo zwischen harschen Black Metal-Tönen und zähen Doom Metal-Eskapaden.

Im Jahr 2019 holte man sich mit Kenaz einen Session-Musiker und Live-Support am Bass hinzu und die junge Band ging mit dem Release ihres Live-Tapes „Bunker Zeremonie“ -als verheißungsvoller Vorgeschmack aufs Debütalbum Anfang des Jahres veröffentlicht- mit großen Schritten auf den Release des ersten Longplayers „Der Suchende“ zu. Dessen Erscheinen am 9. November wurde am selben Tag auf dem It’s Time To Die Festival in Marl zelebriert.

Aktuelle Besetzung

OM - Drums

Tehom - Vocals

Asaru - Guitars

Almir - Guitars

Kenaz - (Session-) Bass & Backing Vocals 

Diskographie

2015 – Demo 2015 (Demo)

2019 – Bunker Zeremonie (Tape)

2019 – Der Suchende (Album)

Review zu „Der Suchende“

Kapala liefern mit ihrem ersten Werk „Der Suchende“ nach der Demo und ihrem Live-Vorgeschmack in Form der „Bunker Zeremonie“ ein Werk mit einer hochinteressanten, inhärenten Mystik ab: Schon der eröffnende Song „Initiation Metamorphose“ besticht bereits stilistisch und inhaltlich mit seinem progressiven Aufbau eines zähflüssigen, schmerzerfüllten Black Metal-Stakkatos. Dazu Beschreibungen einer meditativen Trance, in die uns Kapala mit dem trefflich betiteln Werk entführen und zu einer Suche nach dem Selbst einladen. In den ruhigeren Songpassagen des mehr als Intro fungierenden Titels geben Textstellen wie „So sterbe ich, um erneut geboren zu werden“ schon ganz gut den Tenor des gesamten Albums vor. Sinnsuche, Selbstfindung, die Auseinandersetzung mit dem Ich, mal wahnhaft aus der Perspektive eines geplagten Geistes, mal wieder gesetzt in Form spiritueller Bindung an nicht näher benannte Leere und die Seelenwelt.

„Tief unten“ als erster richtiger ‚Brecher‘ besticht im Anschluss vor allem im beginnenden Instrumental-Katarakt, der tatsächlich ganz schön in den Schläfen bohrt und das tief darin liegende hervorkehrt. Dazu untermalen die exzellenten Gitarrenriffs hier Frontmann Tehoms Vocals, der sich mit Texten wie „Oh, Herz des Höchsten, treibende Kraft der Zerstörung“ und „Oh, unbeschreiblicher, pulsierender Muskel der Macht“ gemäß des Titels ganz schön in philosophische, existenzielle Gefilde gräbt – so wird der gut 6-minütige Song-Hüne schon früh zum ersten Highlight.

Stilistisch geben sich Kapala trotz omnipräsenter Doom-Einflüsse und für Black Metal-Verhältnisse doch teils gut verständlicher Vocals aber doch eher der rasanten, von melodiösen Passagen unterbrochenen Black Metal-Fasson hin. Aber es gelingt den Essenern, hier jedem Song eine eigenständige Note zu verleihen, so ist auch „Des Gewundenen Weg“ im Folgenden mal peitschend schneller Natur, mal mit cleanen Vocals im Mittelpart von einer trägen und entschleunigenden Gangart. Tatsächlich wirkt das Stück -mit 4 Minuten kürzester Track des Albums- mit seiner „Ich werde eins mit der Leere“-Catchphrase auch insgesamt eher trist und hoffnungsbefreit. „Azoth“ und „Therianthropie“ sind da wohl die intensivsten Stücke, was das inhaltliche Konzept Kapalas anbetrifft: Die Rede ist vom Ekel vor der Welt, in der wir leben, vom fehlenden Halt, vom angeketteten Ego, davon, endlich frei sein zu wollen, sich selbst zu entfalten, sinnbildlich als gefangenes Tier im Käfig des Körpers. Schwere Kost, aber eindringlich und lohnenswert, wenn man auf Details achtet. Nicht nur textlich, sondern auch konzeptionell wissen die Stücke auf dem Album zu gefallen, da sie durch ihr Abwechslungsreichtum und Variation von Härte und Ruhe, Wachrütteln und Hypnose ganz schön interessant und fragmentiert sind, also mehr zu einem Gesamterlebnis verschwimmen. Vor allem sollte man sich mal das Ideenreichtum der Musiker zu Gemüte führen, welches Lust auf so viel mehr macht.

Kapala schmieden hier etwas gänzlich Eigenes, auch wenn es keine Neuheit ist, Black Metal-Charakteristika mit okkulten, dem Doom-Genre entlehnten Sprenklern zu versehen. Weniger geläufig dürfte hingegen der Bandname der Jungs sein: Als Kapala wird im altindischen Sanskrit eine abgetrennte Schädelkappe genannt, die vor allem in den Tantra-Strömungen des Hinduismus und Buddhismus als entweder aufwendig gestaltetes Kunstobjekt oder sogar als Trinkschale oder Tablett verwendet wird. So wird auch das Plattencover von der Künstlerin hinter Temple of Thava zu einem kongenialen Streich für sich: Räucherstäbchen, die in den „leftovers“ eines Schädels abbrennen, dem man tatsächlich den oberen Schädelpart abgetrennt hat. Auch die letzten beiden Stücke des Albums, „Der Gebrochene und der Meister“ und „König der Könige“ folgen dem Schema, das die Band aufgebaut hat: Mal bedienen sich Kapala dabei Motiven der Alchemie, wenn die Rede vom Stein der Weisen ist, mal welchen aus der hinduistisch-buddhistischen Mythologie, im finalen Lied wird gar die Weisheit der Sphinx angerufen und wir befinden uns im altägyptischen Setting.

Das Debüt hat es in allen Belangen ganz schön in sich. Nicht nur überzeugen die Essener mit tiefschürfender, hermetischer und anspruchsvoller Lyrik, sondern verpacken diese auch scheinbar mühelos in einem musikalischen Konzept, welches mal chaotisch-abwechslungsreich, mal monoton und minimalistisch daherkommt – aber dieses Gesamtpaket im okkulten Setting, in dem eine rauschhafte, emotionale Höllenfahrt durch die menschliche Psyche begangen wird, hinterlässt definitiv Spuren beim Hörer, wenn man sich darauf einlässt, und wird somit zu alles anderem als einer Easy Listening-Erfahrung. Mitunter hakt das Konzept vielleicht noch am monotonen Gleichklang, der im Black Metal-Naturell eigentlich besser funktionieren sollte. Hierfür gibt es mehrere Gründe: Wo die Stimme von Frontmann Tehom für die einen womöglich ein bohrendes Menetekel für die Selbstzerschichtung liefert, sorgt der raue und dissonante Klang seiner Vocals, die gemartert und gequält herüberkommen, gegebenenfalls bei anderen dafür, dass die Songs nicht so stimmig wirken, da wenig variiert wird. Aber herausstechen tun die heiseren Vocals in ihrer Stimmfarbe, die stellenweise an Bands wie Narvik oder Total Negation erinnert, absolut, was wohl vor allem an der erzählten Story und dem „unique“ Sound liegen mag, der hier geschmiedet wurde - kalt und schaurig. Außerdem mögen manche vielleicht die rituell-liturgische Art mitunter nicht präsent genug finden, während andere mehr klassische Black Metal-Elemente vermissen werden. Wir sind jedenfalls extrem gespannt darauf, was die Band in Zukunft so zu bieten hat!

Tracklist:

01. Initiation Metamorphose

02. Tief unten

03. Des Gewundenen Weg

04. Azoth

05. Therianthropie

06. Der Gebrochene und der Meister

07. König der Könige

Weitere Informationen

Gelesen 283 mal Letzte Änderung am Sonntag, 01 Dezember 2019 18:16
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

König der Könige Kapala / Der Suchende / Independent

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