Freitag, 27 September 2019 11:17

21.09.2019 - ZEISS PLANETARIUM, BOCHUM - SPECIAL SHOW +++ HALLIG

geschrieben von
Hallig Hallig Special-Show Planetarium Bochum

Am 21.09.2019 fand im Ruhrgebiet ein ganz besonderes Event für Black Metal-Liebhaber statt: Die Band Hallig brachte ihren atmosphärischen Sound in eine nicht ganz konventionelle Konzertstätte und präsentierte Songs ihrer bisherigen beiden Alben "13 Keys to Lunacy" (2012, Folter Records) und "A Distant Reflection of the Void" (2018, Talheim Records) im Zeiss Planetarium Bochum. Hier spendierte sie ihrem Publikum eine besondere Show "unter den Sternen" mit dem 360°-Projektor - und das als wahrscheinlich erstes Black Metal-Event dieser Art und damit ein Muss für Hörer extremer Musik und für Freunde von Astronomie und Bildern vom Sternenhimmel.

Das Konzert war für 22 Uhr am Abend angesetzt und es bot sich auf dem Vorplatz der Bochumer Eventstätte bereits eine Stunde zuvor ein Bild vieler Metalfans, so wie es wohl vor dem Planetarium selten zu sehen ist. Auch wenn Hallig gewiss nicht die ersten sind, die Anstoß für eine Musikshow liefern: Ob mit klassischer Musik und einem kleinen Orchester, ob Psychedelic Rock von Pink Floyd oder Bands wie Electric Moon oder mit elektronischer Musik wie der von Jean-Michel Jarre - eine Show auf der Kuppelfläche kann die Besucher zu diversen musikalischen Klängen in den Sternenhimmel eintauchen lassen. Umso angenehmer, dass das Planetarium auch mit einem Ausflug in ein weit extremeres und weniger massenverträgliches Genre ein Experiment wagt, das sich auszahlen sollte: Hallig sorgten für ein de facto ausverkauftes Haus. 

Gewiss war der späte Abend mit einer doch recht kurzen Show von lediglich 60 Minuten (Konvention für Shows im Planetarium Bochum, alle Vorstellungen, egal ob wissenschaftlicher Natur, Kindershow oder Kulturevent) kein normaler Konzertabend für die Besucher. Klar, man trank das eine oder andere Fiege-Pils am Getränkestand, aber beim Aufsuchen der Sitzplätze, die ja eigentlich bei Black Metal ganz und gar nicht gang und gäbe sind, war bereits klar, dass das Podest, auf dem die Band performte, gänzlich aus dem Fokus geriet. Vor allem, wenn man sich im Stuhl nach hinten lehnte und die Kuppel an der Decke beobachtete, geriet die Truppe in den Hintergrund und lieferte bei der Show eine einmalige Live-Untermalung der eindrucksvollen Bilder. Gerade aus dem Black Metal-Genre dürfte man das Konzept, dass die Aufmerksamkeit nahezu in Gänze von den Musikern weggelenkt wird, um die Akustik in Paarung mit den Bildern in Gänze für sich sprechen zu lassen, noch recht avantgardistisch empfinden. Gewiss gibt es Live-Shows, die mit Lichtkunst oder Videos auf den Bannern hinter der Band bestechen, oder Gruppen, die durch eine Kostümierung oder Verschleierung den Fokus von den Musikern nehmen - aber hier nahm das Ganze wortwörtlich andere Dimensionen an.

Beworben wurde die Veranstaltung so: "In ihren Liedern, die oft tiefe kosmische Visionen zeichnen, vereinigen Hallig die Wildheit nordischer Klänge mit eingängigen Melodien in dichter Atmosphäre. So wie die in der Nordsee liegenden Halligen gleichzeitig der Einsamkeit als auch den stürmischen Gezeiten ausgesetzt sind, spiegelt sich jene Stimmung in der Musik Halligs wieder. Rasende Blast-Beats treffen auf epische Rauheit und mischen sich mit akustischen sowie klar gesungenen Passagen zu einer Reise vom tiefsten Meeresgrund hoch in astrale Sphären." Während das Publikum noch etwas skurril vom Planetariumsteam begrüßt wurde, auf das reichhaltige Show-Angebot hingewiesen wurde und zum Black Metal-Experiment mit (Zitat!) "solchen Leuten auf der Bühne" willkommen geheißen wurde, hatten Hallig aber schnell alle im Saal in den Bann ziehen können:  Begann die extra für die Musiker zusammengestellte Projektor-Show noch mit einem sternengespickten Himmel und Hallig-Logo vor einer brennenden Flamme, so ging es mit farbverfremdeten Aufnahmen aus dem Meer über psychedelische Farbkaleidoskope wieder hin zu Aufnahmen aus der Natur und dem Weltraum. Genau wie Dr. David Bowman im Stanley Kubrick-Klassiker "2001-Odyssee im Weltraum" fand man sich während der starken Show irgendwann in einem rauschhaften Bilderwahnsinn wieder, der es schlicht in sich hatte. Ob man nun teilweise Objekte wie schwarze Löcher, rotierende Neutronensterne oder andere Objekte aus der Astronomie und den Weiten des Universums sehen wollte, durfte jeder Besucher für sich selbst entscheiden. In jedem Fall sind die Achterbahnfahrten durch fremde Welten, Wurmlöcher und vorbei an Planeten und Monden eine unglaubliche Reise gewesen. Halligs Stücke dazu waren hypnotisch, zogen in den Bann und entführten in ganz andere Sphären. Genau deshalb eigneten sich Halligs Stücke besonders für die Ambition einer Planetariumsshow.

Auch von der Songauswahl her schmiedeten Hallig ein Programm, welches man nicht anders als ein Destillat des Besten vom Besten ihrer bisherigen zwei Alben nennen könnte: Mit dem Opener "A Dawn Beneath Titanium Clouds" hieß die Band ihr Publikum willkommen, welches zwar hauptsächlich, aber dennoch nicht ausschließlich aus Metal-Anhängern bestand. Ihr 2018er Album "A Distant Reflection Of The Void" kürte unser Team auch vergangenes Jahr zu unserem Album-Favoriten (Review hier). Auch "The Starless Dark" oder das vom 2012er Debüt stammende "Am Firmament" kamen hochemotionaler und tiefschürfender Vocals daher und passten perfekt zum Setting, welches mit der Show über den Köpfen aufgebaut wurde. Vor allem war es großartig eine Live-Show der Band mit ihren zwei Sängern im gesanglichen Gegenwirken zu sehen, was leider nicht bei jedem Gig in der Vergangenheit der Fall war. Der atmosphärische, beinahe liturgische Klargesang verlieh im Wechsel mit den ekstatischen Growls den Stücken eine besondere Intensität, die nachzuahmen sich manche Bands des Genres nur wünschen können.

Der musikalische Höhepunkt wurde wohl mit den außerordentlichen Liedern "To Walk With Giants" und "If I Am The Storm" erreicht. Mit Textstellen wie "In pounding waves none will remain / They carved a new god out of gold" oder "A storm will rise with gusts of wind / as cold as ice" untermauerte die Band in ihrer dichten, hermetischen Lyrik zusammen mit den dichten Black Metal-Klängen, dass sie nicht nur zu der kreativen Speerspitze der deutschen Black Metal-Szene gehört, sondern schaffte es auch mit einer Veranstaltung wie dieser sich nachhaltig im Gedächtnis der Black Metal-Anhängerschaft über das Ruhrgebiet hinaus einzubrennen. Gewiss ist das Sounderlebnis in einem kleinen Club oder einer Konzerthalle ein anderes, schon alleine aufgrund der Tatsache, dass der Planetariumssaal aufgrund der Architektur nicht zugeschnitten für Musikshows ist - aber trotzdem muss man hervorheben, dass der Klang der Stücke gut und intensiv war, auch wenn in einem Club womöglich der reine Druck und die Lautstärke, an die man gewöhnt ist, ein ganz anderes Level erreichen. Bei einer Show wie dieser fielen leider auch Kameras und Handybildschirme nochmal negativer auf, als sie es ohnehin schon in einem kleineren Konzertsaal tun, was die einen Besucher mehr, die anderen weniger als Störung empfanden.

Wir können eigentlich angesichts dieses einzigartigen Events nur hoffen, dass das keine einmalige Show war und dass in der Zukunft vielleicht noch andere Bands des Genres auf die Idee kommen, eine derartige Show auf die Beine zu stellen - die Weltraumthematik ist ja nun nichts, was Hallig exklusiv für sich gepachtet hätten. Sie haben nun den Maßstab für eine Planetariumsshow gesetzt, an den man immer wieder erinnern wird. 

Weitere Termine im deutschsprachigen Raum:

12.10.2019 - Club Eule, Dresden - Herbstnacht VI (mit Zeit, Thromos)

Photos by Anna Apostata

Weitere Informationen

  • Band(s): Hallig
  • Wann: 21.09.2019
  • Wo: Zeiss-Planetarium Bochum, Castroper Str. 67 44791 Bochum
Gelesen 948 mal Letzte Änderung am Samstag, 12 Oktober 2019 14:54
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

Neues Land Hallig / A Distant Reflection of the Void / Talheim Records

 Undergrounded 2017 -  ImpressumDatenschutzerklärung