Samstag, 22 Februar 2020 17:14

Unter dem Radar - Code (Black/Post Metal)

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Bereit für etwas Beruhigendes für Seele und Geist? Die Band Code, oft als <code> stilisiert, gilt gemeinhin als absoluter Geheimtipp im avantgardistischen und experimentierfreudigen Black Metal und ist seit ihrem letzten Full Length-Release "Mut" von 2015 mehr oder weniger auf Tauchfahrt. Die Musiker aus London sind mit ihrem Ideenreichtum und ihrem virtuosen Spagat zwischen Black Metal-, Progressive- und Post-Elementen bereits seit zwei Dekaden zu Werke, auch wenn die Geschichte der Band durchsetzt ist von Pausen und Ensemble-Wechseln. Das Schöne und gleichwohl Tragische an der Musik der Band ist eigentlich, dass Schubladendenken und klare Güteprädikate einfach nicht mehr funktionieren. Code spielen Black Metal, ohne dass es Black Metal ist - und allein dadurch haben sie sich einen Artikel in unserer Rubrik redlich verdient.

Code wurde bereits Ende der 90er Jahre von Gitarrist Aort gegründet, damals noch unter dem Namen Seasonal Code. Seit Jahren schon in viele weitere Projekte involviert (u.a. Blutvial, die ebenfalls erst kürzlich einen UdR-Artikel erhielten, sowie Binah und Tome of the Unreplenished) arbeitete dieser in den Folgejahren mit vielen namhaften Künstlern zusammen, darunter Sänger und Bassist Vicotnik (Dødheimsgard, Strid, Ved Buens Ende), Drummer AiwarikiaR (früher Ulver, nur auf der Platte "Nouveau Gloaming"), sowie Tausendsassa Kvohst alias Mathew McNerney, seines Zeichens Gehirn von Grave Pleasures und Hexvessel (auf den drei ersten Alben bis 2009).

Nach dem gefeierten Werk "Resplendant Grotesque" von 2009 pausierte die Band einige Jahre, ehe 2013 "Augur Nox" und 2015 "Mut" erschienen, mit denen die Medienaufmerksamkeit für die britische Combo weit größer wurde. Vergleicht man die Performance der ganzen Band auf dem 2013er Album mit dem 2015er, so merkt man schnell, dass der Sound in seinem ganzen, prachtvollen Schwarzmetall-Auswuchs komplett umgekrempelt wurde. Den Job am Mikro übernahm 2011 Wacian, eigentlich bei den Genre-fremderen Hard Rock-Mannen von Alternative Carpark aktiv. Schon im Vorfeld war klar: Das Klangbild auf "Mut" würde in einer ganz anderen Couleur erstrahlen als die bisherige Diskographie der Briten. Und man will verdammt sein: Wie man die Platte auch dreht und wendet und im Licht beschaut, jedes Mal schimmert eine ganz neue, flammende und innovative Facette auf, wie es den Anschein macht. Mehr dazu in dem Platten-Review weiter unten.

2017 veröffentlichte die Band noch gleich zwei EPs - seitdem war es wieder recht still um das Kollektiv. Erst im Dezember allerdings kündigte die Band via Facebook an bei Dark Essence Records untergekommen zu sein und teaserte gleich ein neues Album für 2020 an. Man darf gespannt sein!

Aktuelle Besetzung

Aort - Guitars

Andras - Guitars

Lordt - Drums

Syhr - Bass

Wacian - Vocals

Diskographie

1999 - Volume 1-Instrumental Passages (Demo)

2000 - Winter's Clarity (Demo)

2001 - The Law of Transmission (Demo)

2002 - Neurotransmissions: Amplified Thought Chemistry (Demo)

2005 - Nouveau Gloaming (Album)

2009 - Resplendant Grotesque (Album)

2011 - Aortian Dialectus (Compilation)

2013 - Augur Nox (Album)

2015 - Mut (Album)

2017 - Lost Signal (EP)

2017 - Under The Subgleam (EP)

Review zu "Mut"

Schon beim Antesten der Platte wird deutlich, dass das Folgende fantastisch und exaltiert wird und sich bestens für einen schlendernden Gang durch die Wildnis eignet, in Einklang mit Natur und sich selbst. Ganz gediegen startet die Platte nach einem kurzen Intro mit dem träumerischen Song „Undertone“. Um mal ganz klar zu machen, was mit dem Konsum von „Mut“ bevorsteht: Man verspricht Black Metal, doch als Hörer denkt man unweigerlich zunächst an Tool. Haargenau so kryptisch, lyrisch besonders und intensiv ist der Song.

Schon vom Stimm-Timbre her gleicht Sänger Wacian -so, wie er seinen Gesangsapparat hier präsentiert- absolut dem Kreativkopf Maynard James Keenan. Im folgenden „Dialogues“ wird dann das „postige“ Traumebenen-Level noch einmal auf die Superlative getrieben: In seelenstarker Stimmlage, hoch und energiegeladen, dennoch irgendwie klagend, bohrt sich der Vokalistentenor in den Gehörgang und geht ins Herz hinein.

Dreckiger und angeschwärzter wird es erst mit dem Song „Affliction“, welchem auch ein stimmungsvolles Lyric-Video spendiert wurde. Wir sehen Nah- und Zeitrafferaufnahmen aus der Natur: Herabfallende Tautropfen, wachsende und wieder vergehende Flora.

Hier klingt nicht nur die Musik mehr nach Psychedelic Rock, auch gewinnt man mitunter den Eindruck, das lyrische Ich müsse langsam aber sicher seinen Verstand verloren haben und diesen erst einmal wiederfinden, da sich ruhiger, klarer Gesang mit beinahe gelalltem Gesang die Hand reicht - irgendwo zwischen gescreamten und abgehackt-ausbrechenden Textpassagen, die das morbide Poetenherz entfachen. Hier besonders im Gedächtnis einbrennend: „tyrant eyed, rejecting light – an uneven crawl of hunger“. In einem Interview erwähnte Texter Wacian bereits, seine Lyrics hätten etwas von einem Fieberwahn. Dem schlitternden Nadir der Platte folgt mit „Contours“ wieder ein etwas heiteres Stück. Und so reichen sich unentwegt exzellente Aspekte die Hand auf dieser Tour-de-Force. Das Nachfolgende hört der instrumentenkundige Hörer wohl ungern: Gitarren und Schlagzeug treten vor Wacian das Album durch ganz schön in den Hintergrund und klingen nur in seltenen Momenten verzerrt – wie ein geschicktes und modernisiertes Begleitelement der Vocals also. Mehr und mehr gewinnt man auch den Eindruck, Wacian sänge nicht bloß seine metapherngespickte Lyrik, sondern schauspielere regelrecht und nähme eine Rolle für ein Theaterstück ein. Die Platte dreht im Tempo auch Stück für Stück etwas mehr auf: So kulminiert „Mut“ nach der noch sehr gemachen Odyssee „Cocoon“ und der Intellektuellen-Schelte „Numb, An Author“ am Ende im Bombast-Song „The Bloom In The Blast“. Hier treibt die Truppe noch einmal ihre Songwriting-Künste an die Grenzen: Ein lakonischer „Refrain“, wenn man ihn so nennen darf, trifft auf eine majestätische Instrumentierung, bevor das Album abrupt sein Ende findet.

 

Die Musik von Code hat etwas Transzendentes und in sich gekehrt Bewusstseinserweiterndes inne, verdient aber keineswegs mehr das Prädikat Black Metal. Davon ist man wohl durch den radikalen Musikerwechsel in den Jahren 2010 und 2011 in Gänze weg. Wobei es gelogen wäre, den extremen Wandel einzig dem Wegfall einiger schaffender Hände zuzuschreiben, wenn man noch einmal das letzte Album Revue passieren lässt. Die fünf Herren aus London haben mit „Mut“ (und man ist sich nicht mal sicher, ob hier bewusst ein deutsches Wort gewählt wurde, oder ob der Albumtitel eine gewollte Falschschreibung des Wortes „mute“ sein soll, da die Englänger bestimmt so den aus dem Deutschen entlehnten Begriff aussprechen werden) einen wahren, rockigen auditiven Meditationssoundtrack geschaffen, atmosphärisch tief und emotional integer. Die knappen 35 Minuten kommen einem viel, viel länger vor, die Tiefe eines jeden Songs, obschon sie alle nur um 3-4 Minuten messen („Dialogues“ ausgenommen), ist erstaunlich. Die Platte ist für alle etwas, die Post-Klänge mögen, auf zurückhaltendere, kunstvollere und vor allem anspruchsvollere Musik à la Opeth stehen – anspruchsvoll deshalb, weil dieses Audio-Essay etwas ist, das erkundet und verstanden werden muss, bevor es seine volle Wirkung entfalten kann. Aber auch ohne tiefer über das Gehörte nachzudenken zieht die Platte und entführt auf eine lange Wanderung. Code-Fans müssen sich nach den vorherigen Werken wohl ganz schön umgewöhnen – aber wer auch nur ein wenig offen ist für Neues und nicht in Engstirnigkeit verfahren, der wird die Platte lieben lernen, wenngleich vor Verblüffung erstarren.

Trackliste:

01. On Blinding Larks

02. Undertone

03. Dialogue

04. Affliction

05. Contours

06. Inland Sea

07. Cocoon

08. Numb, An Author

09. The Bloom In The Blast

Weitere Informationen

Gelesen 1242 mal Letzte Änderung am Freitag, 13 März 2020 16:35
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

Inland Sea / Mut / Agonia Records