Samstag, 27 Juni 2020 14:57

Unter dem Radar - Year of the Goat (Doom Metal/Psychedelic Rock/Occult Rock)

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Schwedens Doom-Schmiede hat vor einigen Jahren einen weiteren Nostalgie-verliebten Abkömmling in die Welt gesetzt: Year of the Goat. Die Mannen aus dem schwedischen Norrköping südlich der Hauptstadt Stockholm gründeten sich 2006 und konnten sich mit dem Erfolgsalbum und Geheimtipp "Angels‘ Necropolis" im Jahr 2012 und mehreren EPs eine breite Fanbase erspielen. Wir möchten der Combo daher gerne einen Beitrag in unserer Kategorie Unter dem Radar spendieren.

Während die Band um Sänger und Gitarrist Thomas Sabbathi bis 2014 noch bei Ván Records unterkam, wechselten sie danach zum größeren Label Napalm Records. Sie hauten außerdem mit "The Unspeakable" im Sommer 2015 ihren zweiten Longplayer raus, der ebenso wie der Rest ihres Opus in kalter, hoffnungsloser, doch energisch lamentierender Doom-Manier erstrahlt. Mal Metal-bestimmt, mal schlicht progressiv und soghaft rockend steht das Sextett mit seinem Retro-Stil aber bestimmt nicht mehr im unbekannten Underground-Sud, sondern misst sich mit anderen Landesgrößen. Leichtfüßig und doch melancholisch schmücken die Musiker zudem ihren grimmigen Sound mit allerhand zauberhaften Ornamenten, wie Zucker auf einem Torfmoor. Ob der okkulte Sound ein Anhören lohnt, beleuchten wir weiter unten mit einer Analyse des 2015er Albums.

So war es auch kaum ein Wunder, dass das dritte Album der Band vergangenes Jahr Einschlug wie eine Bombe: Auch "Novis Orbis Terrarum Ordinis" etablierte die Schweden letzten Endes als große Exportschlager des skandinavischen Landes. Hier herrscht der Spirit der 70er und es ist genau so, wie das Label über ihre Zöglinge schreibt: Eine wundersame Verschmelzung von Gothic-Metaphorik und rockigem Doom-Ritualismus. Klar, dass genau diese Luft da drinsteckt: Inspiration durch den Blue Öyster Cult, Mercyful Fate und Bands, die das Doom-Genre mitbegründet haben, sind allgegenwärtig, aber eben auch nicht nachgeahmt, that's the beauty of it. Wer auf Retro steht, wird die Band ohnehin schon auf dem Schirm haben – allen anderen sei gesagt: Der musikalische Ritt durch den Abgrund mit Year of the Goat lohnt sich absolut! 

Aktuelle Besetzung

Thomas Sabbathi - Vocals, Guitar

Pope - Vocals, Mellotron

Jonas Mattsson - Guitar

Linus Lundgren - Guitar

Daniel Melo - Drums

Robin Fjäll - Bass


Diskographie

2011 - Lucem Ferre (EP)

2012 - This Will Be Mine (Single)

2012 - Angels' Necropolis (Album)

2014 - The Key And The Gate (EP)

2015 - The Unspeakable (Album)

2016 - Song of Winter (Single)

2019 - Novis Orbis Terrarum Ordinis (Album)

Review zu "The Unspeakable"

Schon der beginnende Track „All He Has Read“ greift die Hand des Hörers und führt in ein schauriges Reich mit seiner epochalen Länge von über 12 Minuten. Doppel-Lead-Gitarren setzen nach einem Horrorfilm-Intro ein und bilden das Fundament für Thomas Sabbathis Klargesang, dem internationale Medien immer wieder Begriffe wie „majestic“ und „powerful“ attestieren – das kann man nur unterstreichen, mit dem Hinweis, dass die Klangfarbe in der Doom-Flut hier mit ihrem inhärenten Wahnsinn und dem Psychedelic-Witz brilliert, in anderer Musikuntermalung aber wohl weit weniger stark rüberkommen mag. Hierbei schlägt die musikalische Facette in die gleiche Kerbe wie der Sound von Bands wie Witchcraft oder Avatarium, die ebenso aus dem skandinavischen Staat stammen. Vor allem wird diese Nähe bei Stücken wie „The Wind“ unterstrichen, welches zudem noch mit dem Einsatz von Hammondorgel- und Mellotron-Klängen eingeleitet wird. Angsteinflößend wird die Stimmung in jedem Song. Auch die Backing Vocals von Organist Pope tragen zur finsteren Atmo bei. „Pillars of the South“ ist das beste Beispiel – und katapultierte man die mysteriösen Schweden vierzig Jahre in die Vergangenheit, wäre das Stück gewiss ein Hitkandidat, bedenkt man, wie sehr die Stilistik damals in aller Munde war, heute eher ein Nebenprodukt und ganz und gar nicht im Mainstream, auch wenn die Begeisterung steigt.

„The Emma“ als Single-Auskopplung zu wählen, kann man diskutieren, hat der Song eben doch eine Zähigkeit an sich, die Year of the Goat als viel trägere und behäbigere Sound-Bastler dastehen lässt, als man durch die ersten Stücke erwartet. Poetische Lyrics garnieren das ganze Album, bei Track 3 gar besonders. Allein das Musikvideo in der Optik alter Schwarzweiß-Stummfilme entführt schon authentisch in alte Zeiten – dazu treten gehobenes Englisch und die Erzählung eines verschollenen Schiffs, die einem durchaus im Gesamtmix die Schuhe ausziehen kann. „The beauty of the ocean – who wants her gone?“ heißt es etwa, gefolgt von einem Chor, der die Worte „The ones who call out the unspeakable name of the one“ verkündet. Die geheimnisvolle Mystik des Albums wird auch schon am Front-Cover deutlich. Und so ziehen alle zehn Songs der Platte in gnadenloser Zauberkraft vorbei, ohne jeglichen Ausfall, facettenreich und nie langweilig. „Vermin“ kommt aufwiegelnd und abwechslungsreich, (sogar mit einer ulkigen Kuhglocke zwischen den regulären Drum-Sounds, aber wieso nicht?), während „World of Wonders“ wieder wie ein trägheitzerfressener Riese umherschlurft und „Black Sunlight“ als Hymne der Schattenwelt genau so auch von Papa Emeritus und seinem Ghost-Gefolge hätte geschrieben sein können.

Am Ende definitiv noch hervorzuheben, was die Truppe aus dem bereits von ihrer dritten EP „The Key And The Gate“ von 2014 bekannten Titelsong gemacht haben – der Song kommt als wohl rasantestes Exemplar der Platte, wenn nicht gar der ganzen Diskographie der Herrschaften und beeindruckt als Bonus der limitierten Version. „Riders of Vultures“ als Ausklang ist noch einmal einer dieser ruhigen, das Böse heraufbeschwörenden Bohrer-Songs, der als Endstück nicht besser gewählt sein könnte, vor allem durch seinen apokalyptischen, lateinischen Final-Choral, der den Hörer fast schon in eine Oper schmeißt.

Zum Glück steht auch "The Unspeakable" im Zeichen des vielversprechenden Vorgängerwerks. Heutzutage ist es ein besonders schwieriges Unterfangen, überhaupt in all dem Gleichklang Bands wie Year of the Goat zu finden. Ihr kunstvoll-okkultes Naturell funktioniert auf dem Feldzug pechschwarze Elegie und Ästhetik aus dem Stein zu meißeln wahnsinnig und erschreckend gut zugleich. Progressive-Anleihen, ein seichter Psychedelic-Anstrich, verstörende Soundkonstrukte… das Gesamtbild von "The Unspeakable" und allen Werken von YOTG strahlt ungemein betörend und wartet mit unerwartet zauberhaftem Glanz auf, trotz der schwermütigen Düsternis, die sich durch alle Stücke zieht. Das liegt vor allem am getragen-langsamen Schritttempo, dem wonnigen Mellotron-Einsatz und den klagenden, aber klaren Gesangsstil am Mikro. Gleiches vollbringen derzeit höchstens ihre hochgelebten Landesbrüder und Häretiker Ghost, auch wenn deren Fokus noch mehr auf Blasphemie und Satanshuldigung liegt - stilistisch liegen sich beide Kombos jedoch gar nicht so fern.

Trackliste:

01. All He Has Read
02. Pillars Of The South
03. The Emma
04. Vermin
05. World Of Wonders
06. The Wind
07. Black Sunlight
08. The Sermon
09. The Key And The Gate [Alternative Version] [Bonus]
10. Riders Of Vultures

Weitere Informationen

Gelesen 732 mal Letzte Änderung am Dienstag, 11 August 2020 14:06
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

The Emma Year of the Goat / The Unspeakable / Napalm Records