Montag, 23 September 2019 11:09

13.-14.09.2019 - PROPHECY FEST 2019 - BALVER HÖHLE, BALVE - TAG 2

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Prophecy Fest 2019 Prophecy Fest 2019 Header

Auch der zweite Tag des diesjährigen Prophecy Fests wartete mit starken Line-Up auf. Waren zur ersten Band noch viele Festivalbesucher auf dem kleinen, aber feinen Campground verblieben, frühstückten beim bereitgestellten, kostengünstigen Buffet oder tranken noch gediegen einen Wein auf dem Vorplatz der Höhle, ging es im Inneren der Balve Cave mit den Holländern von Laster los. Die dreiköpfige Post Black Metal-Combo aus Utrecht überzeugte mit ihrem avantgardistischen Auftritt und mal harschen, mal progressiven Sound. Stücke von ihrem aktuellen Album „Het wassen oog“ wie „Vacüum != Behoud“ oder „Schone schijn“ stellten dabei unter Beweis, was viele an der Band so fasziniert: Laster spielen Black Metal, ohne wirklich die klassischen Brandzeichen des Black Metal zu tragen. Auf der Bühne tragen die Herren dabei stets anonymisierende, weiße Schädelmasken, die auch auf Promo-Bildern der Band zum Wiedererkennungswert beitragen, die Vocals stammen dabei von allen dreien aus dem Ensemble und erinnern noch am ehesten ans Genre Black Metal – letztendlich ist die Musik aber häufig eher rockig, nur um dann wieder in chaotischen Kaskaden auszubrechen. Schade, dass Laster so früh auf der Bühne standen, entwickelten sie sich doch zu einem der interessantesten Acts des gesamten Festivals!

Tchornobog gehören ebenfalls zu den noch recht neuen Nesthäkchen unter den Fittichen von Prophecy Productions. Ihr zäher, atmosphärischer Doom Metal mit Black/Death-Elementen und okkulten Anschlägen hätte eigentlich in der Höhlenkulisse besonders ziehen müssen. Markov Soroka, Kopf hinter dem gesamten Werk, stammt gebürtig aus der Ukraine und gründete seine Band 2017 in seiner neuen Heimat in Portland, Oregon. Gemeinsam mit Gina Eygenhuysen am Bass und Jordi Farré an den Drums hob er nun sein Brainchild auch auf den Status einer Live-Band.  Dabei lag der Fokus auf dem 2017er selbstbetitelten Debütalbum, von dem auch Moloch-Songs wie das alleine zwanzigminütige „I: The Vomiting Tchornobog (Slithering Gods of Cognitive Dissonance)“ gespielt wurden. Kreierten Tchornobog, die auf der Bühne komplett mit verbundenen Augen agierten, eine packende, intensive Atmosphäre? Die Antwort lautet „Ja“. Schafften Sie es, über die Akustik hinaus mit einem eindrucksvollen Auftritt und vor allem zu dieser frühen Stunde aber lange zu fesseln? Leider nein. Dafür war die Uhrzeit falsch, der Auftritt zu sehr ohne wirkliche Höhepunkte.

Fen aus der englischen Hauptstadt London verzauberten danach aber das Publikum auf allen Ebenen: Nicht nur teaserten die Briten ihr im Dezember erscheinendes Album „The Dead Light“ an, sondern lieferten auch noch einen herrlichen Überblick über ihr bisheriges Werk mit Songs wie „Winter II (Penance)“ vom letzten, hochgelobten Werk „Winter“ oder „Menhir-Supplicant“ von „Carrion Skies“. Der tatsächlich hochgradig eigenständige Stil der Band lädt dabei ähnlich wie das Highlight des Freitags Alcest zum Träumen ein, berührt auf spiritueller Ebene und überzeugt auch mit ästhetischer Poesie in den Lyrics. Auftritte von Fen avancieren jedes Mal zu einer Erfahrung, die größer ist als die Summe ihrer Teile – während jeder Song für sich eine wunderbare Reise darstellt, ist das Gesamtgefüge aber schlicht etwas Besonderes, auch wenn die Bauteile jedes Mal andere sind. Gewiss sind auch bei Fen die Lieder von extremer, ausladender Länge – aber im Gegensatz zu ihren Vorgängern Tchornobog berührten die Briten auch mit ihrer Live-Show, ihren ganz und gar nicht so behäbigen Songstrukturen und einer beflügelnden Bühnenpräsenz viel mehr.

Auch Year of the Cobra hätten eigentlich in der Balver Höhle viel mehr überzeugen müssen – das Duo um das Ehepaar Amy Tung Barrysmith am Bass und Gesang und Johanes Barrysmith am Schlagzeug lieferte auf ihrem 2016er Debüt „…In The Shadows Below“ beeindruckenden, hypnotisierenden Psychedelic Rock mit starkem Doom-Einfluss und legt Anfang November mit dem Successor „Ash and Dust“ nach, von dem auch neue Stücke gespielt wurden. Um als Zwei-Personen-Projekt einzuschlagen und zu beeindrucken, braucht es einiges an Talent und Power – man denke nur an Bands wie Bölzer, Mantar oder Sun Worship, auch wenn man die Genres nicht vergleichen kann. Year of the Cobra gelang es auf jeden Fall ihre starken Songs so gut es ging zu präsentieren, erreichten aber live nicht das Niveau der Studio-Aufnahmen, was leider wirklich ernüchternd war. Der gitarrenlose Sound sollte eigentlich hochinteressant sein und viele freuten sich auf den Programmpunkt, was die Fülle vor der Bühne verriet – trotzdem plätscherte der Auftritt oszillationslos an unserem Team vorüber. Wirklich schade!

Die Norweger Vemod sind stete Gäste auf dem Prophecy Fest – und das hat einen einfachen Grund: Ihr atmosphärisches, dunkles Meisterwerk „Venter på stormene“, welches 2012 erschien, war ein derart großartiges Black Metal-Opus, das man rundum als perfekt bezeichnen kann, welches live zu erleben einer außerkörperlichen Erfahrung gleichkommt. Bei der Bühnenshow war man bemüht die Kulisse eines nächtlichen Sternenhimmels hervorzurufen und der insgesamt sehr bedächtige Charakter ihrer Musik, der einen weiteren, echten Höhepunkt des Tages lieferte, war einfach wunderschön. Außerdem brachte er noch einmal auf den Punkt, was Prophecy Productions eigentlich ausmacht: Spiritualität, Einklang von Seele und Natur, Faszination des Düsteren. Mit unfassbar stimmigem Intro-Ritus, bei dem Jan Even Åsli zunächst zu entzündeten Räucherstäbchen ein mysteriöses Schlüsselbund erhob und zu langatmigem Ambient-Sound seine „Aaah“-Gesangs-Passagen präsentierte, während eigentlicher Frontmann und Gitarrist Azazil ein Glockenspiel zückte. Erst dann irgendwann Black Metal-Stürme, monoton, doch von blanker und roher Schönheit: Der Astronomie scheinen Vemod besonders verbunden zu sein, auch thematisch drehen sich die Songs um Nordlichter und das Weltall. Atmosphärisch und wundervoll – wobei der diesjährige Auftritt ehrlicherweise nicht an den großartigen Abschluss-Gig der 2015er Erstausgabe des Fests heranreichte.

Ebenfalls 2015 schon dabei waren Darkher um Jayn Hanna Wissenberg und Drummer Shaun Taylor-Steels. Damals wie heute umgab man sich mit weit weniger Pomp auf der Bühne als andere Acts, präsentierte sich klanglich auch ruhiger, meditativer und mit Gothic-Feeling. Neben wunderschöner, dunkler Stimmen-Forcierungen aber kein Nachdruck im Gesamtauftritt, trotz Middle Earth-Fantasy-Couleur und Gitarrenspiel mit Cello-Bogen. Womöglich für viele zu experimentell, richtige Begeisterung nur inselweise, obwohl auch hier viele interessierte Fans vor der Bühne standen und doch gerade das 2016 erschienene Album „Realms“ mit intensiven und starken Songs wie die beiden „Buried“-Teile, „Moths“ oder „The Dawn Brings A Saviour“ besonders viel Zuspruch bekam. Auch 2019 lieferten Darkher in der Höhle in Balve ab, blieben aber leider im Kontext anderer Combos des Tages blass.

Als dritte Band, die ebenfalls 2015 bei der Erstausgabe dabei war, folgte nun Empyrium, erneut um Markus „Schwadorf“ Stock, dessen Herzblut-Projekt mit anderen nicht minder interessanten Musikern wie etwa Evíga von Dornenreich für ein rar gesätes Konzert auf die Bühne gebracht wurde. Seit ihrem Live-Debüt auf dem Wave Gotik Treffen 2011 waren die gefeierten Empyrium ihrerseits gefragt und umschwärmt wie nie zuvor. Als reines Studio-Projekt waren die Jungs immer ein Geheimtipp unter den Fans. Um Empyrium existiert ein beinahe kultischer Hype, wie man immer wieder mitbekommt, wenn man sich mit Freunden des Labels Prophecy und dem Event umgibt: Und diese Begeisterung ist mehr als begründet. Gerade ältere Stücke wie „Where At Night The Wood Grouse Plays“ oder „The Ensemble of Silence” sind wahre Klassiker von einer unvergleichlichen Tiefe. Der diesjährige Auftritt kam aufgrund der Setlist auch insgesamt etwas rockiger daher und gleichzeitig tauchen Empyrium mit ihren atmosphärischen, emotionalen Aufs und Abs ihr Publikum immer wieder in einen Sturzbach von Gefühlen, rufen Gänsehaut hervor oder lassen Tränen in die Augen fluten. Romantisch, mystisch. So wurde die Truppe um Markus Stock und Thomas Helm ihrem Quasi-Headliner-Joch trotz der Tatsache, dass die Band gefühlt weniger Live-Konzerte gespielt als Alben herausgebracht hat, mehr als gerecht.

Vielen Besuchern sind Bethlehem um Jürgen Bartsch keine fremde Band, gehören sie doch zur langjährigen Garde des Labels und begründeten sie doch in den 90ern Jahren im Prinzip im Alleingang das Genre „Dark Metal“ mit ihrer düsteren Atmosphäre, ihrer verspielten, melodischen Abart des Black Metal-Genstrangs und ihren schizophrenen, chaotischen und mitunter dadaistischen Lyrics. Trotzdem kannten nicht alle im Publikum die Band mit ihrem 2016 ans Vocal-Amt getretenen Neuzugang Onielar, bekannt als satanische Frontfrau des Darkened Nocturn Slaughtercults. Dass aber gerade ihre hohen Screams, ihre inbrünstige Vortragsart der kafkaesken Lyrics zu den Stücken Bethlehems besonders passen, wissen Anhänger der Kultband durch die neuen Stücke der Alben „Bethlehem“ (2016) und „Lebe dich leer“ von 2019 – aber auch alte Stücke wie beispielsweise die „Dictius Te Necare“-Classics „Schatten aus der Alexander Welt“ oder „Tagebuch einer Totgeburt“ überzeugten mit ihrer Darbietung besonders. Natürlich darf man im Kontext anderer Prophecy-Bands die Frage stellen, ob die beschworene Atmosphäre mit Naturverbundenheit, Spiritualität, künstlerischem Anspruch und erlesenen Bands, inwiefern die teils ironischen, teils brutalen Black Metal-Ergüsse mit Punk-Gehabe von Bethlehem zum Prophecy Fest und in den Gesamtkosmos des Labels passen. Nach Empyrium kamen Onielar und Bartschs Horror-Kaleidoskope mit verrohtem Black Metal-Vorschlaghammer jeweils nicht wie ein intensives Grand Finale, sondern wie ein bohrendes Martinshorn daher.

Man durfte gespannt sein, was im Nachgang noch vom norwegischen Künstler Mortiis zu erwarten war. Als einziger Label-fremder Gast sollte sein Dungeon Synth und Industrial-Sound gerade in einem wortwörtlichen „Dungeon“ mit der Balver Höhle doch eine besondere Wirkung entfalten, sollte man meinen. Dass sein Auftritt zum Schluss aber mehr oder weniger wie ein Abgesang wirkte, zu dem man das Feld räumte, war sicherlich so nicht gedacht. Nach wenigen Minuten lichteten sich die Reihen nämlich nach und nach. Nicht, weil viele mit düsterer Ambient-Musik nichts anfangen konnten, sondern weil die fortgeschrittene Stunde und die ereignislose Live-Darbietung eher für Müdigkeit sorgten, denn für eine rauschhafte, beklemmende Erfahrung, wie sie wohl intendiert war. Man hatte die stille Hoffnung, doch ein paar rockigere Stücke von Mortiis, seines Zeichens früherer Bassist der Black Metal-Fürsten Emperor, zu hören. Aber tatsächlich verkam der Gig zu einem reinen, stampfenden Synth-Playoff. Vielleicht musste man dafür auch zugänglicher sein – wir gehörten jedenfalls zu denen, die den Gig nicht bis zum Ende verfolgten.

Erneut lockte man internationales Publikum ins beschauliche Balve im Sauerland, um im Kultur-Point Balver Höhle atmosphärischer und kunstvoller Musik zwischen zarten Piano-Klängen, Neofolk, Dark- und Post Rock und Black Metal zu lauschen. Die Kenner wissen nämlich: Bands im Aufgebot von Prophecy sind mal eher vom düsterem Gewand, mal spirituell und postmodern-metallastig. Die Geschäftsphilosophie liegt in der Vermarktung „einzigartiger Musik, die die Genregrenzen überschreitet und aus dem Rahmen fällt“ – und das stellte das Label auch am Wochenende des 13. und 14. September wieder unter Beweis. Mittlerweile ist auch ganz deutlich klargemacht worden, dass das Prophecy Fest weiterhin nur alle 2 Jahre stattfinden soll. Im Jahr 2020 wird es aber erneut einen US-Ableger geben. Wir sehen uns also frühestens im Jahr 2021 in der Balver Höhle wieder!

All Photos by Anna Apostata

Weitere Informationen

  • Band(s): Laster, Tchornobog, Fen, Year of the Cobra, Vemod, Darkher, Empyrium, Bethlehem, Mortiis
  • Wann: 14.09.2019
  • Wo: Balver Höhle, Helle 2 58802 Balve
Gelesen 428 mal Letzte Änderung am Freitag, 18 Oktober 2019 11:45
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.