Freitag, 09 September 2016 15:29

03.09.2016 - Jahrhunderthalle Bochum - Sunn O)))

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Sunn O))) Sunn O))) Sunn O)))

Zu einem Konzert von SUNN O))) geht man mit bestimmten Erwartungen. Die zahlreichen Gerüchte, die sich um ihre Auftritte ranken, haben der Band aus den USA einen mystifizierenden Kult-Status verschafft. Kann an Erzählungen über zerspringende Fensterscheiben und Gläser sowie über spontane Magen-Darm-Probleme und Orgasmen aufgrund der extremen Umsetzung ihres Drone Dooms wirklich etwas dran sein oder wurde hier wie so oft maßlos übertrieben? Am 03.09.2016 bot sich in Bochum in der Jahrhunderthalle die Gelegenheit, diese Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Genauer gesagt fand das ausverkaufte Konzert in der Turbinenhalle auf dem Gelände der Jahrhunderthalle statt. Das Gelände, welches außerdem ein Pumpenhaus und ein Dampfgebläsehaus umfasst, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kraftzentrale für die für den Ruhrpott typischen Hochöfen genutzt und bildete mit seinem (k)alten Industrie-Charme eine hervorragend passende Location für die obskuren Doomer. Auch der später als üblich angesetzte Beginn – um 23 Uhr – unterstrich den Eindruck, dass der Abend etwas Besonderes werden würde. Aufgrund des Ausverkaufs war es vor der Halle ziemlich voll und die Schlange am Einlass entsprechend lang, doch dank der guten Organisation ging es zügig voran und es wurden hier von Seiten des Veranstalters in weiser Voraussicht Ohropax verteilt – keine Selbstverständlichkeit! Hinweisschilder, dass der Besuch der Veranstaltung auf eigene Gefahr erfolge und keinerlei Verantwortung übernommen werde, sprachen für sich. Das Publikum war überraschender- und interessanterweise bunt durchmischt: War vielleicht etwas über die Hälfte der Metal-Fraktion zuzuordnen, stellten typische Kultur-Liebhaber den Rest. Diese Mischung war sehr angenehm und zeigte erfreulicherweise eine Offenheit von beiden Seiten. Normalerweise ist es ja eher so: je extremer eine Band, desto spezieller auch das Publikum. Aber wer dachte, dass hier nur Drone Doom-Hardliner auftauchen, hatte weit gefehlt. Dieses Ausnahme-Konzert wollten weit mehr Leute erleben. In der Turbinenhalle selbst verteilte sich die Menge recht gut, so dass zum Glück kein Gedränge entstand und die Erwartung der Dinge, die da kommen, war den Besuchern deutlich anzumerken. Eine Vorband gab es nicht, die Halle wurde mit Sitar-Klängen und Nebel gefüllt. Als die Nebelwand so dicht war, dass man schon ein paar Reihen vor sich nichts mehr erkennen konnte, ging es um 23.30 Uhr mit einer halben Stunde Verspätung los.

Die tiefe Stimme von Attila Csihar, seines Zeichens Sänger bei MAYHEM und aufgrund einer langen Zusammenarbeit auf inzwischen 3 Alben auch Live-Sänger bei SUNN O))), erklang und trug einen kryptischen Sprechgesang vor – zu sehen war nichts außer in wechselnde Farben getauchter Nebel. Es ließ sich nicht bestimmen, ob es eine fremde Sprache war (womöglich Ungarisch?) oder nur Laute, wie Andere der Meinung waren. Zweck erfüllt. Die Intonation nahm an Intensität zu, bis sie schließlich von Schreien durchbrochen wurde. Ob von Attila selbst oder von Zuschauern ließ sich ebenfalls nicht sagen. Nachdem die vermeintliche Rezitation eine gefühlte Ewigkeit dauerte und die Spannung noch zusätzlich steigern ließ, ertönten die ersten Gitarren-Klänge und die Musiker drehten ihre nahezu 16 Verstärker auf. Und wie sie sie aufdrehten: Der Schall kam in ansteigenden Wellen wie eine Wand auf einen zu und nach Erreichen der gewünschten Lautstärke (es sollen angeblich ca. 130 Dezibel sein) war man froh über seinen Gehörschutz. Umso erstaunlicher (und dumm), wie viele Leute gar keinen trugen. Entweder hatten die schon kein Gehör mehr oder brauchten es nicht mehr, aber das war definitiv nicht gesund.

Wie soll man nun ein Konzert beschreiben, das kein Konzert im klassischen Sinne war, das in 90 Minuten nur vier Lieder umfasste und das derart dröhnte, dass einem Hören und Sehen verging im wahrsten Sinne des Wortes? Und es war eine derart intensive körperliche Erfahrung, dass es schwerfällt, Eindrücke angemessen wiederzugeben: War der einzigartige minimalistische Drone Doom einmal richtig im Gange, fühlte man sich wie in einem Strudel, der einen in ungeahnte Tiefen zog. Die extremen Bass-Frequenzen, die SUNN O))) zu erzeugen vermögen, gingen einem durch Mark und Bein und beinahe jeder Ton, jeder Akkord fühlte sich in allen Körperwindungen anders an. Je tiefer, desto mehr schüttelten die Bässe die Eingeweide durch. Unendlich in die Länge gezogene Töne, aufgebrochene Takte, unglaubliches Dröhnen, Attilas tiefer Gesang, dazu der undurchsichtige Nebel in Kombination mit einer Licht-Show, die die Halle in wechselnden Farben tauchte – Wahnsinn! Die Atmosphäre bereitete das Gefühl, in einer surrealen und erbarmungslosen Industrie-Maschine zu stecken, die unaufhaltsam arbeitete und wummerte. Hier wurden Frequenzen auf die Ohren und in den Körper gedrückt, die man sonst nicht zu hören (oder spüren) bekommt. Interessanterweise konnte man sich trotzdem auf Zimmerlautstärke unterhalten und fallende Bierbecher – der Klassiker – erschienen vergleichsweise ungewohnt laut. Daran ließ sich erkennen, dass man es hier mit au0ergewöhnlichen Tiefen zu tun hatte, die das Gehör offenbar anders verarbeitete als „normale“ Geräusche. Es wirkte, als würde die Verarbeitung über zwei verschiedene Kanäle laufen. Je tiefer, desto körperlicher! Entsprechend der Warnungen vor SUNN O)))-Konzerten brach weiter vorn tatsächlich jemand zusammen und wurde rausgetragen. Vielleicht lag dies aber auch an der vernebelten Luft und der Hitze in der Halle. Sobald der Nebel sich etwas lichtete, konnte man dieBand auf der Bühne ausmachen, die in Mönchskutten gehüllt war.

Gönnte man sich zwischendurch eine kleine Ruhepause vor der Tür, konnte man von draußen feststellen, dass die komplette Location vibrierte und der Schall sogar noch vom Nachbargebäude zurückgeworfen wurde. Außerdem waren hier ein paar Besucher zu finden, denen es offensichtlich schon zu viel geworden war. Im zweiten Teil der Show – wenn man sie überhaupt unterteilen konnte – kam dann auch die Posaune von „Monoliths & Dimensions“ zum Einsatz und Attila betrat im bekannten Spiegel-Outfit die Bühne. Da der Nebel nicht mehr so dicht war, wurde damit nun noch eine effektvolle Licht-Performance eingebaut. Jeder Effekt der Show für sich wirkte gleichermaßen verstörend sowie beeindruckend und das Gesamtbild war absolut monumental, imposant und an Extremität nicht zu überbieten. Sogar ein Gefühl des Grusels beschlich einen manchmal. Man vermag die wahre Intensität des Konzertes nicht mit Worten auszudrücken – das muss man erlebt haben! Die in allen Hinsichten reduzierte Show, die statischen Bewegungen der verborgenen Musiker, die Licht- und Nebel-Effekte, der unmenschliche Gesang, das unbeschreibliche Dröhnen – was hier geboten wurde, kam aus den tiefsten Tiefen der Hölle!  

Entsprechend wurden Stephen O’Malley, Greg Anderson und ihre Mitmusiker nach Verstummen des letzten Tons mit viel begeistertem Applaus bedacht und jeder Besucher musste erstmal in die natürliche Dimension zurückfinden. Übrig blieb ein leicht flauer Magen, ein dumpfes Gefühl im Kopf und absolute Begeisterung über diese außergewöhnliche Erfahrung! SUNN O))) und die Industrie-Location boten ein stimmiges und geheimnisvolles Gesamtbild und auch von der Organisation her war es ein rundum gelungener Abend. Jeder, der sich für Musik egal welcher Richtung interessiert, sollte sich einmal einen Auftritt dieser Ausnahme-Band gönnen, um die Wirkung von Musik mal auf eine andere Art und Weise zu spüren!

Weitere Informationen

  • Band(s): Sunn O)))
  • Wann: 03.09.2016
  • Wo: Jahrhunderthalle Bochum
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