Sonntag, 24 Mai 2015 14:18

Quo Vadis "Fans"

geschrieben von Ghostwriter

Vorangegangen war der Aufruf bzw. eher Weckruf des Ragnarock Open Airs, das wir gerne in vollem Umfang zum Lesen geben wollen:

„Diese Party ist für euch UND für uns, weil wir selbst auch Fans sind“. Das stand immer ganz oben in der Philosophie des Ragnarock. Diesen Sommer findet Ausgabe Nr. 14 unseres kleinen Festivals statt.

Ohne Frage; das Ragnarock bringt uns jedes Jahr viele neue Kontakte, neue Freunde, tolle Erinnerungen und die Gewissheit der Unterstützung von Freunden, Familie und Dorfbewohnern. Doch die Zeiten ändern sich. Immer häufiger stellt sich die Frage „Warum machen wir das?“ „Für wenn machen wir das?“ und "was bringt das Ragnarock uns auf unserem Lebensweg?". Wir sind ein kleines Veranstalterteam, alle bringen jedes Jahr große Opfer für das Festival. Der Geldbeutel, die Altersabsicherung, Urlaube, Studium und Familie leiden häufig unter unserem kleinem Herzblut-Projekt mit dem Namen Ragnarock Open Air. Wir stehen momentan (zumindestens sehe ich das so) an einem Punkt, wo wir uns entscheiden müssen, wie es mit dem Ragnarock weitergeht. Das „Musik Business“ ist hart und der Festival-Bereich ist in Deutschland überpräsent und schnelllebig geworden. Wir kämpfen momentan um jeden einzelnen Ticketverkauf, um unsere Ausgaben zu decken. Und das ist leider jedes Jahr so. Daran muss sich jetzt etwas ändern, wenn es eine Zukunft für das ROA geben soll. Die Metal-Szene befindet sich im Wandel. Die Szene ist Underground- und Mainstreambewegung in einem geworden. Große Festivals gehen quasi sofort ausverkauft und kleine Veranstaltungen nagen am Hungertuch. Dany hat das Festival mit der Vision gegründet, etwas für Musikliebhaber zu erschaffen, doch die Musik rückt anscheinend immer mehr in den Hintergrund.


Viele Besucher regen sich über steigende Preise, Müllabgabepauschale, Ticketpflicht, Bierpreise usw. auf. Unsere langjährige Merch-Lady wirft das Handtuch, weil sie es nicht mehr erträgt, dass um jeden Euro gefeilscht wird. Im Eingangsbereich versuchen jedes Jahr viele Besucher entweder umsonst Zutritt zu erhalten oder um 5€ zu „verhandeln“, weil ja die meisten Bands schon gespielt haben. Viele, die irgendwie mit uns in Kontakt stehen möchten auf die Gästeliste gesetzt werden. Stammgäste bemängeln die Professionalisierung und sagen früher war alles locker und irgendwie familiärer.


Das Geld sitzt bei den meisten von uns nicht locker, das wissen wir auch. So ein Festival muss allerdings finanziert werden. Es ist möglich! Dafür brauchen wir allerdings 200 Besucher mehr ODER die aktuellen Besucher verlagern ihren Konsum auf das Festivalgelände und unterstützen die Sache auf diese denkbar einfache Weise. An dieser Stelle sei nochmal erwähnt: Keiner der Veranstalter verdient auch nur einen Euro mit dem Ragnarock! Es gibt auch keine Aufwandsentschädigung oder ein einkalkuliertes Gehalt. Wenn wir von einem Erfolg reden, dann ist die Kasse auf 0€ und das Festival hat sich amortisiert.


Aus unserer Sicht sinkt das Interesse an der Musik stark. Nur noch namhafte Bands bekommen die Klicks und sind es Wert, live gesehen zu werden. Dany sagte bereits: "Es war nie Intention, die ersten 5 Gruppen ohne Publikum auftreten zu lassen". Die Nachfrage nach guter Musik ist da, allerdings steigt der Anteil an Besuchern die einfach nur eine „geile Party“ haben wollen. Das sind dann auch die Besucher die gerne mal „verhandeln“ und nur zum Headliner ihren Arsch hoch kriegen. Bandtechnisch ist unser Budget vollkommen ausgereizt. D.h. es wird, wenn wir auf diesem Preis/Besucher Niveau bestehen bleiben, keinen krassen Sprung geben. Auch werden wir keine Party-Headliner ankarren. Alestorm, Sabaton und Konsorten gibt es ohnehin an jeder Steckdose live zu erleben. Bei uns gibt es bevorzugt extremere Metal-Genres.


In einem anderem Post wurde schon über das „nahende Ende des Festivals“ gesprochen. Also was können wir tun? Da sind wir momentan selber ein bisschen ratlos. In diesem Jahr wird es wie schon angekündigt ein Festivalshuttle geben. Der Laufweg ist also schon mal eliminiert. Dieser Shuttle Service kostet uns natürlich auch wieder Geld (Miete+Personal). Deshalb werden wir pro Camper eine Gebühr von 5€ nehmen müssen, dafür kann der Shuttleservice das ganze Festival über genutzt werden. Die Tickets werden nun auch am Campingplatz bei Einfahrt auf das Gelände kontrolliert, Tickets können nun auch dort erworben werden. Wildcampern und Menschen, die nur Campen wollen, raten wir, Zuhause zu bleiben.“


Ihr seid noch dabei? GUT!

 

Als langjährige Supporter des Ragnarock haben wir das Festival als kleines Juwel der Szene kennengelernt, das es zu unterstützen und zu bewerben gilt. Leider beobachten auch wir die angesprochenen Trends immer mehr. Vom Aussterben der Metalheads - die noch wegen der Musik einige Strapazen auf sich genommen haben - hin zum Partygänger der die Megalomanie der „Big 10“ sucht und der die Tickets lange kauft bevor er überhaupt weiß welche Bands spielen. Klar, die kleinen Festivals, allen voran das Ragnarock haben ihre Schwächen. 500 Meter zum Festivalgelände, kein Manowar, Metallica oder Slayer auf dem Billing und einen Campingplatz auf dem man diesselben Nasen 5-Mal sieht und mit den Nachbarn noch wirklich ins Gespräch kommt.

 

Aber hat uns das in den späten 90ern oder frühen 2000ern wirklich gestört? Wer noch weiß wie es in Abtsgmünd war, wo es erstmal nen knappen Kilometer einen Berg runtermarschieren musste um überhaupt zur Schleuse zu kommen weiß noch von was ich rede. Man ging Morgens runters, lud sich voll und taumelte erst Abends wieder zufrieden nach oben um dort mit der gleichen Gruppe weiterzusaufen. Wenn Festivals wie das Ragnarock, das Boarstream, das M.I.S.E Open Air, das Metal Frenzy oder auch das MFF irgendwann nicht mehr existieren sollten, weil es zu wenig Supporter gibt oder weil die Veranstalter den Sinn dahinter nicht mehr sehen, wäre das ein schwerer Schlag für die Szene. Mit dem Tod dieser Teilweise traditionsreichen Veranstaltungen, die sich lange gegen den eigenen Ausverkauf gestemmt haben, würde der Metal in Deutschland aus unserer Sicht seine Seele, seine Macken und auch sein Gesicht verlieren. Und mehr denn je zählt der Ruf zu den Waffen:


Geht da raus, hört euch die Newcomer an, belebt die glorreichen Zeiten wieder und scheisst auf den Mainstream der nichts anderes tut als euch ein durch den Fleischwolf gedrehtes buntes Abziehbild einer Idee zu verkaufen, die nur noch nach schalem Becks und Linkin Park schmeckt...

 

P.s der Ticketpreis all der oben genannten Festivals zusammen kostet nur ein bisschen mehr als ein Wacken Ticket...

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