Samstag, 16 Mai 2020 18:05

Unter dem Radar - Galar (Black/Folk Metal)

geschrieben von Wolle Kroni
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Eine schon etwas in die Jahre gekommene Black Metal-Perle des Untergrunds, welche sicherlich nicht die mediale Aufmerksamkeit genossen hat, die sie verdient hätte, dreht sich zum wiederholten Male auf dem Plattenteller und verbreitet nun so gar keine vorsommerliche Stimmung: Galar aus dem hohen Norden zaubern auf dem 2015 erschienen "De Gjenlevende" eine kalte und zugleich eine erhabene Klangreise aus dem Hut - seitdem gab es noch keine neuen Releases, aber wir möchten dem geneigten Leser diese kongeniale Gruppe nicht vorenthalten, weswegen sie prädestiniert für einen Artikel in unserer Rubrik "Unter dem Radar" scheint.

Galar wurden 2004 im norwegischen Black Metal-Hort Bergen noch als quasi-Ein-Mann-Projekt gegründet, aus dem ja bekanntlich so einige namhafte Genre-Vertreter entsprungen sind. Sowohl als Live-Unterstützung und auch als Session-Musiker gab es so einige Mitgliederwechsel - aber das Kern-Duo um Are B. "Fornjot" Lauritzen und Marius "Slagmark" Stegegjerde-Kristiansen bildet das Herz des Projekts. Vor allem beim Amt des Schlagzeugers gab es diverse Wechsel und so waren u.a. der griechisch-stämmige Aeternus-Drummer Phobos, der auch bereits bei Live-Gigs von Gorgoroth am Start war, sowie Mistur-Drummer Tomas Myklebust bereits Teil des Ensembles. Für Live-Konzerte wirken nebst den genannten Akteuren auch noch Tim August "Specter" Birkeland (ebf. Aeternus, Gravdal, Tortorum, Vulture Industries) an der Gitarre und Simon Futterlieb (ebf. Vulture Industries) am Bass mit.

Während 2005 das erste Demo der Band entstand und 2006 das Langspiel-Debüt mit dem Album "Skogskvad" beim mittlerweile eingestampften Label "Heavy Horses Records" erschien, agierten Galar damals noch weitgehend ohne viel Szenebeachtung. Spätestens aber mit dem 2010er Nachfolger "Til alle heimsens endar" gehören Galar zu den echten Geheimtipps der norwegischen Schmiede aus dem Hordaland. Dieser spezifische Klang wurde 2015 auf dem bis dato aktuellsten Werk "De Gjenlevende" noch verfeinert. Das Besondere am durchaus sehr melodiösen, vom Folk- und Klassik-Naturell geprägten Sound ist auch der Einsetz für Black Metal eher untypischer Instrumente wie dem Fagott und dem Einsatz von diversen Streichinstrumenten. Vor allem luden sich die Musiker seit dem zweiten Album auch so einige Gäste ein, um ihrer Musik den ikonischen Touch zu schenken und es sind u.a. Ricardo Odriozola an der Violine, Hans Gunnar Hagen an der Bratsche und Siri Hilmen ("Til alle heimsens endar"), sowie Kristina Winiarski ("De Gjenlevende") am Cello zu hören und es gibt immer wieder weiblichen Gastgesang von Tatiana Palanca beim jüngsten Werk.

Aktuelle Besetzung

Are B. "Fornjot" Lauritzen - Vocals (Clean), Piano, Keyboard, Fagott

Marius "Slagmark" Stegegjerde-Kristiansen - Vocals, Gitarre, Bass

Tomas Myklebust - Drums

Session/Live

Tim August "Specter" Birkeland – Gitarre

Simon Futterlieb - Bass

Diskographie

2005 – Galar (Demo)

2006 – Skogskvad (Album)

2010 – Til Alle Heimsens Endar (Album)

2015 – De Gjenlevende (Album)

Review zu "De Gjenlevende"

Der bereits dritte Longplayer der seit 2004 existierenden Band, welcher 2015 über Dark Essence Records (u.a. Helheim, Slegest, Taake) erschienen ist, ist wie eingangs erwähnt stark von Black Metal mit Folk-Einschlag geprägt und wird durch eine Prise klassischer Musik gewürzt. Chorale Gesänge und Folk-Elemente wechseln sich fortlaufend ab und wirken wie aus einem Guss. Der Opener, benannt nach dem Albumtitel, leitet mit einen kurzen Akustikpart ein und prescht dann gleich nach vorne. Abwechslungsreich musiziert das Duo und schnell wird klar, wohin die musikalische Reise gehen wird: Galar schaffen es auf kongeniale Weise eine hoffnungsbefreite, düstere Atmosphäre mit eigentlich luftigen, erfrischenden Folk-Klangbildern zu verknüpfen und damit ins Gegenteil zu verkehren.

Im darauf folgenden "Natt ... og taust et forglemt liv" geht es etwas vertrackter und komplexer zur Sache. Wohlig klingende Piano-Sounds fügen sich in die Soundcollage ein, wirken dabei mitunter etwas deplatziert, jedoch in Anbetracht des Gesamtwerkes doch wieder stimmig. "Bøkens hymne" klingt nach Aufbruchsstimmung, während "Ljós" eine wunderschöne Klangreise ist, die vollends zu überzeugen weiß und rein instrumental vorgetragen wird. Klavier und Geige bilden hier eine perfekte Symbiose und schaffen eine wunderbare Collage, bevor es mit "Gjeternes tunge steg" wieder etwas schroffer zu Werke geht. Der Rausschmeißer "Tusen kal til solsang ny" vereint nochmals alle Elemente von Galar und wirkt episch, erhaben und ist leider viel zu schnell vorbei. Ganz großes Kino.

Galar mangelt es sicherlich nicht an Ideenreichtum und Können. Sie haben ihren eigen Stil geschaffen und ziehen alle Register auf "De Gjenlevende". Wer eintönigen Black Metal und „Voll auf die Fresse“ erwartet, ist hier mit einem Kauf sicherlich falsch beraten. Galars Opus ist komplex, feinfühlig und überraschend. Es benötigt, ja verdient eine Auseinandersetzung mit diesem wunderbaren Werk, denn erst nach mehrmaligen Hören im stillen Kämmerlein erschließt sich einen ein wunderbares Album, das auf eine Reise einlädt, die gesäumt ist von wunderschönen Bildern. Beinahe märchenhaft. Die im Album dabei spärlich gesäten Black Metal-Elemente mit überschaubaren Ausbrüchen von Raserei sind die Extra-Prise Salz, die dieses Album benötigt, um sich vollends entfalten zu können. Vergleiche zu anderen Bands sind schwierig, da Galar sich eines Potpourris verschiedener Stile bedienen. Das steht ihnen gut und man darf gespannt sein, wann die Band mit neuen Material aufwartet!

Trackliste:

01 De gjenlevende
02 Natt ... og taust et forglemt liv
03 Bøkens hymne
04 Ljós
05 Gjeternes tunge steg
06 Tusen kal til solsang ny

Weitere Informationen

Gelesen 516 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2020 15:32

Medien

De Gjenlevende Galar / Dark Essence Records