Freitag, 01 November 2019 10:41

UNTER DEM RADAR - NJIQAHDDA (BLACK/SLUDGE METAL)

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Manchmal geht man im Leben komische Wege. Wenn man dann durch irgendwelche Zufälle in der experimentellen Ecke des Metal landet und sich irgendwo zwischen Black Metal à la Krallice oder Drone Metal wie Sunn O))) bewegt, kommt man irgendwann an den Punkt, wo die Musik immer schräger, die Alben immer verwirrender und das gesamte Bandkonzept schlichtweg eigenartig wird. Mit Njiqahdda ist unser Team über genau solch ein Projekt gestolpert und ist seit einigen Jahren von der Fülle und der Diversität der Alben dieser Band beeindruckt. In jedem Fall war klar, dass die US-amerikanische Band sich ihren Platz in unserer Rubrik UdR redlich verdient hat. 

Gleich zu Beginn möchte man einmal feststellen, dass die beiden Akteure hinter Njiqahdda auch Nebenprojekte unterhalten, welche gleichsam experimentell sind. Oaks of Bethel beispielsweise rückt in die oben genannte Drone-Ecke, während Funeral Eclipse eher in schwarzmetallische Gefilde abgleitet. Njiqahdda kombinieren beides, sind dabei aber oftmals rockiger und psychedelischer unterwegs. Außerdem verbinden sie Drone und Black Metal irgendwo in der Mitte und haben daher auf vielen Platten einen sehr sludgigen Sound (kann man das so sagen?). Aber eben nicht auf allen Platten. Die Anfangsjahre ab 2005 waren geprägt von dröhnenden, langatmigen, ausufernden Stücken. Ab 2009 konzentrierte man sich auf eine avantgardistische Spielart des Black Metals und spätestens mit dem „Serpents in the Sky“-Album 2013 kamen immer mehr die Post Rock-Elemente durch.

Die atemberaubend große Diskographie Njiqahddas zeichnet sich auch durch die atmosphärischen Ambient-Einschübe aus. Passenderweise geben sich die zwei Musiker auch lyrisch vorwiegend esoterischen Themen hin und überlassen die weltlichen Themen ihren Nebenprojekten. Auffällig ist, dass in der Anfangszeit teilweise drei Alben innerhalb eines Jahres erschienen sind. Daraus ergibt sich auch diese gigantische Diskographie, wenngleich die Produktivität ab 2013 abgenommen, beziehungsweise sich auf EPs konzentriert hat. Um hier einen halbwegs adäquaten Überblick über das Schaffen der beiden Jungs aus Illinois mit den Satzzeichen "/" und "_" als Künstlernamen zu geben, werden wir nachfolgend drei Alben, je eines aus den unterschiedlichen Schaffensphasen, rezensieren. Es eignen sich aber eigentlich alle, das Durchhören überlassen wir aber den Interessierten ?!

Aktuelle Besetzung

/ (Eric Henderson) - Vocals, Gitarre, Keyboard, Recordings
_ - Vocals, Bass, Drums

Diskographie (main)

2007 - Njimajikal Arts (Album)

2007 - Almare Dosegaas Fyaltu (Album)

2008 - Ints | Nji | Verfatu (Album)

2008 - Mal Esk Varii Aan (Album)

2008 - Nji. Njiijn. Njiiijn. (Album)

2009 - Taegnuub–Ishnji Angma (Album)

2009 - Alkas Nortii Maane Solbaartu–Aski (Album)

2009 - Yrg Alms (Album)

2010 - II–A Yrg Alms Reinterpretation (Album)

2010 - Divisionals (Album)

2011 - Divisionals Part 2 (Album)

2011 - The Path of Liberation from Birth and Death (Album)

2011 - Disciples of the Flame (Agni Yoga) (Album)

2013 - Serpents in the Sky (Album)

2015 - Life Will Always Go On… (Album)

Review zu „Nji. Njiijn. Njiiijn.“ (2008)

Beginnen wir relativ früh in der Geschichte Njiqahddas mit dem Album „Nji. Njiijn. Njiiijn“, welches gleichzeitig eines der wichtigsten und herausragendsten Alben der Band sein soll. Aber warum ist dies so? Vielleicht weil es in seiner gesamten Gestaltung wegweisend für den Stil der beiden Musiker ist. Die überwiegend langsamen, monotonen Melodien rauschen durch die Lautsprecher und werden durch teils sehr schnelles, teils behäbiges, aber zumeist progressives Trommelspiel begleitet. Der stark verzerrte Kreischgesang passt anfangs nur so halb ins Bild und wird erst nach und nach zu einem akzeptierten Element. Soweit zu den ersten 5 Minuten der Platte. Es folgt ein Schnitt, die Gitarre darf kurzzeitig allein spielen, dann ziehen Njiqahdda das Tempo an – aber verändern sonst relativ wenig. Die Melodie variiert minimal, der Gesang wird zwischendrin tiefer.

In der zweiten Hälfte des Openers „Nortii Maatu“ wird dieser um einige Oktaven nach oben geschraubt und bekommt so eine Art Metafunktion im Song, während die restlichen Instrumente ihre eingegrooveten Bahnen nur geringfügig verlassen. Doch so schnell, wie dieser Schritt gegangen wurde, bewegt man sich wieder zurück und schafft ein rund zweiminütiges Interludium, bestehend aus gedämpften Keyboard-Klängen, einer Basslinie und sehr unverständlichem Gesang. Nach rund 16 Minuten hat der Spaß ein Ende und man fragt sich, was man da gerade vernommen hat. Ja, die Songs von Njiqahdda sind in der Regel (deutlich) länger als zehn Minuten. Und die Monotonie trägt zur nicht gerade ausgeprägten Stimmungsfarbe bei, auch das ist typisch. Aber all das mag man zum Zeitpunkt des ersten Hörens der Band noch nicht ganz begreifen, aber dürfte wohl entweder zur Ablehnung oder zum Befeuern der Neugier führen. Das Album geht ja auch noch eine knappe Stunde…

Mit „Aasklamantii Ligmett Aursag“ wird die Stimmung dann etwas fröhlicher, wenn man das so formulieren möchte. Die ersten Klänge erinnern zwar gerne etwas an Lifelover, aber das ist auch genau der Level an Fröhlichkeit, den Njiqahdda hier versprühen. Insgesamt unterscheidet sich der zweite Titel der Scheibe vom ersten nur marginal und primär durch die höhere Tonlage eigentlich aller Instrumente. Das Stück „Sigmaatiiolaa“ wird schließlich zum Highlight des Albums und besitzt die vermutlich eingängigste Melodie. Der tiefere, aber nach wie vor rauschende Gesang ist vergleichbar zu vielen heutzutage bekannteren Atmospheric Black-Keulen, erinnert mitunter aber vor allem an Darkspace, allerdings mit einem etwas geringeren Tempo. Nicht, dass Njiqahdda hier völlig lahmarschig daher schlurften, aber mit den Schweizer Dauerknüpplern können sie auch in diesem dritten Song von „Nji. Njiijn. Njiiijn.“ nicht mithalten. Auch qualitativ vielleicht nicht ganz, hörenswert ist er dennoch.

Die einleitenden, sehr distanziert klingenden Gitarrenklänge von „Urmae Copistrum Xaaqa Qahdda“ stellen sich später als weiteres Stilmittel von Njiqahdda heraus; auch auf den neueren Platten beginnen viele Songs ähnlich. Auf dieser ersten Scheibe sorgte das allerdings für einen Kontrast, der vielleicht dazu gedacht war, die letzten 20 Minuten der Scheibe vom Rest abzugrenzen. Danach schlagen die Jungs aus Chicago aber wieder in die alte Kerbe und dröhnen sich durch Mark und Bein.

Vor allem mit der zweiten Hälfte von „Njijn. Njiijn. Njiiijn.“ haben Njiqahdda gezeigt, welche Qualitäten schon in diesen jungen Jahren der Band vorhanden waren. Die ersten beiden Titel hingegen sind etwas gewöhnungsbedürftiger, schwer verdaulich ist das Album allemal. Wer auf derartige Brocken steht und auch mit einer wenig euphorischen Stimmung etwas anfangen kann, ist hier gut bedient.

Trackliste:

01. Nortii Maatu

02. Aasklamatii Ligmett Aursag

03. Sigmaatiiolaa

04. Urmae Copistrum Xaaqa Qahdda

 

Review zu „Yrg Alms“ (2009)

Nur ein Jahr später, 2009, hatte sich das durchgehende Rauschen in Njiqahddas Klangwelten weitestgehend erledigt. Die eigenartige Sprache, die die beiden in ihren Songs verwenden, ist allerdings auch auf dem Album „Yrg Alms“ erhalten geblieben. Ebenso die Gitarre im Hintergrund des Intros, welche die Melodie für die folgenden 15 Minuten schon einmal in die Hirnrinde meißelt. Insgesamt kommt der erste Titel „Ingratuu Maate Lagentii“ soundtechnisch runder daher als das eingangs besprochene Album. Dazwischen gab es aber ja auch noch ein paar unerwähnte Platten. Njiqahdda haben die Zeit also für den Feinschliff genutzt und spielen ab sofort, deutlich vernehmbar, Black Metal. Aber auch wieder nicht nur. Für Black Metal waren die vielen elektronischen Elemente eher ungewöhnlich. Die akustischen Phasen im ersten Titel brachten auch den Funeral Doom mit in die Diskussion. Njiqahdda lässt sich eben nicht in einem Genre zusammenfassen und Schubladendenken ist hier Fehl am Platz. 

Dies verdeutlicht auch „Sombre Fortu“, der zweite Song von „Yrg Alms“, der weitaus näher am Post Rock als am Metal nagt. Das Gitarrenspiel ist weiterhin melancholisch, der cleane Gesang im Rückraum des Tonstudios sorgt auch nicht für gehobene Stimmung, aber für gelungene Abwechslung. Dieses vergleichsweise kurze Intermezzo mündet allerdings in weitere 50 Minuten, die sich der bekannten Muster bedienen. „Saavolungaat“ ist in den ersten zehn Minuten sicher eines der härtesten Lieder der Scheibe, gestaltet seine Schlussminuten aber wiederum sehr atmosphärisch, gar idyllisch. Nach diesem Highlight folgt mit dem Titelsong ein weiteres herausragendes Stück. Dieser Song klingt zwar fast genauso wie die anderen, dröhnt aber mehr und geht damit einen Schritt in der Bandgeschichte zurück und schlägt so die Brücke zwischen den diversen Stilen Njiqahddas. Mit dem Outro verlässt man die Metal-Schiene aber komplett und findet sich wirklich eher im Drone oder Ambient wieder. Eine knappe Viertelstunde lang sieht man sich dem Rauschen und Sausen des Keyboards ausgesetzt und wird somit erst richtig weich in der Birne. Positiv weich.

Njiqahdda selbst sagen auf Bandcamp, dass „Yrg Alms“ ein neuer Schritt in ihrer Entwicklung sei, sowohl ideologisch als auch musikalisch. Sie fanden schwierig, dieses komplexe Album fertig zu stellen, weil es eben nicht nur Black Metal sein sollte, sondern gleichzeitig viele Elemente verbinden sollte. Schlussendlich sehen die beiden das Album als eines ihrer stärksten an und bezeichnen es als „Meisterwerk Njiqahddas“. Dieser Bewertung möchte man sich gerne anschließen und kann ihr Statement nur unterschreiben. Sie kombinieren viele Elemente, bleiben dabei aber vergleichsweise einseitig in der Präsentation. „Yrg Alms“ ist sehr monoton, sehr atmosphärisch und in seiner Aufmachung konsequent. Well done!

Trackliste:

01. Ingratuu Maate Lagentii

02. Sombre Fortu

03. Saavolungaat

04. Yrg Alms

05. Abyssii Iiortuu Liomaatiin

 

Review zu „Serpents in the Sky“ (2013)

Ihr habt es bis hier hin geschafft? Herzlichen Glückwunsch! Nun dürft ihr euch, nach dem harten Tobak bisher, über vergleichsweise leichte Kost aus dem Hause Njiqahdda freuen. Nachdem man eine weitere musikalische Wandlung unternommen hat und bei den Alben „Divisionals“ (Teil 1 und 2) und „The Path of Liberation from Birth and Death“ bereits den eh schon unkonventionellen, schwarzmetallischen Rahmen verlassen wollte, ging man mit „Serpents in the Sky“ nun endgültig diesen Weg. Allein dass in die ersten zehn Minuten bereits aus zwei Songs bestehen, wäre schon bemerkenswert genug für das bisherige Schaffen der Band. Dass nun aber auch noch der Gesang verständlich wird und fast nach Cult of Luna klingt, ist ein weiteres Indiz für den Stilwechsel bei Njiqahdda. Auch die Monotonie ist weitgehend verschwunden. Stattdessen präsentiert man mit „Gaia“ und „The Veil of Allaeius“ zwei sehr rockige Songs, mit äußerst griffigem Gitarrenspiel.

„With Clouds“ hingegen erinnert – den Vergleich kann man heute gut treffen, damals gab es sie noch nicht – an Khôrada, sowohl musikalisch als auch gesanglich. Insgesamt ist die Stimmung nicht mehr so drückend wie noch 5 Jahre zuvor. Die klaren Sounds und die schwindenden Ambient-Passagen schaffen mehr Geradlinigkeit und erzeugen beinahe Ohrwurmcharakter, auch etwas Neues für die Illinoiser. Ganz verlassen konnten sie ihre alte Hülle aber dennoch nicht. „She Which Water Holds“ könnte in den Anfangsminuten auch gut zu einem der älteren Alben gehören, stellt im Verlauf aber den Sludge Metal klar an die erste Stelle des Albums, sofern man eine Genrebezeichnung sucht.

Die Songs werden zu diesem Zeitpunkt wieder länger, sind aber aufgrund der neuen Orientierung der Band deutlich variantenreicher und nicht mehr so monoton. Fröhlich sind sie jedoch immer noch nicht. Der Titeltrack „Serpents in the Sky…“ plätschert über weite Strecken gemächlich daher und überzeugt vor allem durch seine (seltenen) Tempowechsel und das hervorragende Solo in der Songmitte. Der zweite Teil „…and the Men Behind the Sun“ schließt daran nahtlos an und ist gleichzeitig der längste und komplexeste Titel des Albums.

Insgesamt hat sich der Stilwechsel für Njiqahdda also gelohnt. Und für Progressive Sludge-Freunde, die Bands wie Khôrada, Isis oder Cult of Luna etwas abgewinnen können, lohnt sich „Serpents in the Sky ebenfalls.

Trackliste:

01. Gaia

02. The Veil of Allaeius

03. With Clouds

04. She Which Water Holds

05. Exclave

06. Serpents in the Sky…

07. …and the Men Behind the Sun

Fazit:

Trotz der zahlreichen Elemente, die sich durch die gesamte Historie Njiqahddas ziehen, hat sich der Stil der Band über die etwa fünfzehnjährige Bandgeschichte massiv gewandelt. Angefangen mit einer Kombination aus Drone, Ambient und Black Metal über psychedelische Ausschweifungen bis hin zur Sludge/Post Metal-Kapelle in den letzten Jahren. Das heißt, bis 2017. Seit der einzigen EP „Clouds Upon the Sanctuary“ ist nämlich bisher nichts mehr von den einst so produktiven Amerikanern erschienen. Die bisherige Diskographie liefert allerdings genug Material um die Zeit bis zu einer möglichen neuen Platte von Njiqahdda zu überbrücken. Hier ist wirklich für nahezu jeden etwas dabei, wobei sich die Geister ob des großen Repertoires der Band sicher scheiden werden. Allen, die Interesse gewonnen haben, möchten wir aber vor allem die drei besprochenen Tonträger ans Herz legen.

Weitere Informationen

Gelesen 419 mal Letzte Änderung am Sonntag, 03 November 2019 22:06
torn

Kommt Zeit, kommt Unrat.

Medien

The Divine Paradox Njiqahdda / Upon The Sanctuary / E.E.E. Recordings