Mittwoch, 11 Juli 2018 00:00

05.07.-07.07.2018 - Under The Black Sun Festival - Freilichtbühne Friesack - Tag 3

geschrieben von Grave & Haimaxia
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Under The Black Sun Festival Under The Black Sun Festival Flyer

Der dritte Tag des UTBS kündigte sich schon kurz nach Sonnenaufgang als schwüler Sommertag an. Nachdem unser Team die Nacht noch im Backstage verbracht hatte und einige Interviews geführt, Material gesichtet, Fotos bearbeitet und Eindrücke zu Papier gebracht hatte, begab man sich etwas müde, doch nicht ohne Tatendrang wieder zum Gelände. Dem Friesacker Publikum wurde online angekündigt, welche Veränderungen es in der Running Order für den Finaltag des Festivals geben sollte: Mosaic, deren Auftritt am Vorabend gecancelt wurde, sollten am frühen Abend den Slot von den Augsburgern Schrat übernehmen, welche ihrerseits statt der österreichischen Okkult-Rocker 777 das Festival beenden würden. Etwas schade, dass 777 ohne Angabe von Gründen entfielen – dafür sollten die Freistaatler das UTBS 2018 mit einem gehörigen Wahnsinnstrip schließen, dazu jedoch später mehr.

 

Während Shroud of Satan ihre puristische, eindrucksvolle Show unglücklicherweise kurz nach Sonnenzenit in der Atmosphäre der ganz und gar nicht zuträglichen Mittagshitze durchzogen und die ersten Besucher mit einer Livedarbietung ihres Albums „Of Evil Descent“ bescherten, dürften vor allem Blood Red Fog aus Finnland um das Instrumentaltalent B.R.F. zum ersten Highlight des Tages geworden sein. Die Band aus Jyväskylä, aus dem Kader des in Tampere ansässigen Labels Saturnal Records (u.a. Barathrum, Djevelkult), hatte auch erst Anfang des Jahres neues Material herausgebracht. So wurden die Fans, die sich früh von ihrem Morgen-Pils auf dem Campground lösen konnten mit neuen Stücken von „Thanatotic Supremacy“ bedacht und durften eine intensive, emotional geladene Show depressiven Black Metals bezeugen.

 

Trotzdem schienen Gluthitze und zwei Tage Festival in den Knochen der Besucher zu stecken. Cirith Gorgor, die kurz darauf auf den Plan traten, um die kampfmüde Truppe vor der Bühne zum Gefecht zu animieren, konnten allerdings auch trotz martialischen Auftretens und in WW1-Apparel und Militärmantel gekleidet gefühlt wenig ausrichten. Man muss der Kombo aber definitiv Respekt zollen, mit wie viel Willen und Energie sie das Set und den an Endstille erinnernden Sound an das Publikum trugen. Die Vocals fügten sich nahtlos in die Soundwand ein und auch sonst schrieben es sich die Niederländer auf die Fahne, Apocalyptic Black Metal zu liefern – eine musikalische Konzeption, die tatsächlich ziemliche Endzeitstimmung verbreitet und eine dichte Atmosphäre kreiert. All das könnte aber auch deutlich mitreißender und wortwörtlich berauschender sein. Man möchte fast sagen, dass Cirith Gorgor hier in eine Rolle schlüpfen wollen, derer sie nicht gewachsen sind.

 

Throneum, deren Gig um eine Stunde vorgezogen wurde, waren zum bisherigen Programm ein weiterer Kontrast, der gegenüber den übrigen Acts nicht so recht in die Running Order passen wollte. Zu austauschbar, zu eintönig und ohne echte Überraschungen präsentierte die 3-Mann-Kombo einen leider uninspiriert wirkenden Knüppelmix, der nur von einer Handvoll Die-Hard Fans gewürdigt wurde, die dafür aber umso mehr zelebrierten, was die Polen hier zu ihrem 20-jährigen Jubiläum spielten. Ärgerlich für manche Anhänger, die einige Songs oder gar den ganzen Gig verpasst hatten, da sie die Umstellung in der Running Order nicht mitbekamen. Mit ihrem zünftigen, aber außer verrohtem, durchtriebenem Sound gänzlich ohne Spannungskurve daherkommenden Black/Death-Mix blieben Throneum aber eher blass.

 

Manche Besucher bekamen erst im Anschluss daran die Info zum “Hereinrutschen” von den Unglücksraben Mosaic mit, wie es schien, da Friesack nicht gerade mit bester Netzabdeckung gesegnet ist. An dieser Stelle hätte man sich auch Aushänge am Geländeeingang sowie den Getränkeständen gewünscht. Die aus Gotha stammenden Mystiker um Sänger und Kopf Martin Falkenstein waren nun an der Reihe, den Gig des Vortages nachzuholen und waren – aus unserer Sicht – der geheime Headliner des Abends. Kaum war die Bühne mit für die Zeremonie hergestellten Opfergaben in Form von gebundenen, in Tierknochen eingewobenen Korn- und Blumengarben geschmückt, betrat der Frontmann grün geschminkt die Bühne und zog das Publikum in den Bann des Rituals. Die besondere Atmosphäre, die Mosaics Live-Gigs zu eigen ist, konnten manche Untergrund-Kundige bereits erleben. Ihre Werkzeuge, um zu betören, zu zerstören und neu zu erschaffen, werden facettenreich eingebunden, das Gitarrenspiel von Inkantator Koura und Live-Support Sulphur könnte Aufsätze über string-gewordene Virtuosität inspirieren. Nicht umsonst wurde im Anschluss das Mosaic-Merch am Folter Records-Stand zur heißen Ware.

 

Chaos Invocation, unüblicherweise dieses Jahr als einzige Gäste vom Label World Terror Committee, rissen im Folgenden wieder mit Althergebrachtem Black Metal-Zunder die Bühne ab und durchbrachen gleich wieder die mystische Atmosphäre, welche von ihren Vorgängern aufgebaut wurde. Die Rheinland-Pfälzer um Sänger M. bewarben dabei ihr passend betiteltes, im März erschienenes Album „Reaping Season, Bloodshed Beyond“. Fans von richtig schönem „Raw Black“ enttäuschte dieser Auftritt nicht. Sie konnten vor allem durch die wahnwitzig schnellen Passagen, düstere Atmosphäre und den Black Metal-Old School-Vibe bestechen, der über allem schwebte und durchaus an skandinavische Vorbilder erinnerte.

 

Wer sich im Folgenden zum ordentlich angeschwärzten Thrash Metal-Exzess der Mainzer Jungs von Nocturnal nicht in Gänze die Seele aus dem Leib geschwitzt hatte, durfte dem experimentellen und aufgrund ihrer Herkunft interessanten Gig der asiatischen Gäste Sigh beiwohnen. Die Kombo aus der japanischen Hauptstadt Tokio schafft nun bereits seit 1990 ihre eigenwillige, von allerhand skurrilen Elementen durchsetzte Interpretation des Black Metal und war bereits im Jahr 2013 beim Under The Black Sun zu Besuch. Vielleicht zog es auch vor allem die Festival-treuen Besucher vor die Stage, die wussten, dass die Japaner eine, ob der abstrakten Ader der Songs, faszinierende Show abliefern. Ein kleiner Dämpfer jedoch: Mika Kawashima, alias Dr. Mikannibal, die attraktive Zweitstimme von Sigh, die beim 2013er Gig noch dabei war, war in diesem Jahr leider nicht mit angereist und die Band bestritt ihren Auftritt ohne die Ehefrau von Frontmann und Bandgründer Mirai Kawashima. Eine etwas längere und in moderatem Englisch geführte Unterhaltung während des Soundchecks wurde aber von einem Auftritt gefolgt, der es in sich hatte: So spielten Sigh das erste Mal in ihrer fast dreißigjährigen Bandgeschichte ihr 1993er Debüt-Album „Scorn Defeat“ in Gänze live und dürften wohl einige Skeptiker überzeugt haben, dass auch extreme Musik aus Fernost seinen Charme hat – und dabei verlangen die Avantgardisten mit ihrem defragmentierten Psychedelic Black Metal zwischen normalen Growls, hohen, deplatziert anmutenden Schreien, Retro Orgel-Sounds, traditionell japanischen Instrumenten und Querflöten-Einsatz ihrer Hörerschaft einiges ab. Die einen loben sie über alle Maßen, die anderen lehnen sie ab – wieder mal eine Band, an der sich die Geister scheiden.

 

Gegen Abend, als das Klima wieder angenehmer wurde, sah man bereits die Musiker der tschechischen Band Master’s Hammer über das Gelände wandern, allen voran den kauzigen Frontmann František Štorm. Dass die 1987 gegründete Band, welche 1991 mit ihrem Debüt „Rituál“ ein für die gesamte Black Metal-Szene prägendes Album herausbrachte, nach langen Jahren der Abstinenz wieder unterwegs ist, ist bei rar gesäten Live-Terminen und trotz ihres Kultstatus‘ vielleicht an manchen vorbei gegangen, wie es scheint. Die witzigen Ansagen des Hutträgers am Mikro, die aberwitzigen Storys um jeden Song und dessen Bedeutung (Master’s Hammer schreiben ihre Stücke in ihrer Heimatzunge) und Erklärungen, warum es die alte Garde freut, so viele „young people“ in den Reihen zu sehen, machten den Gig bereits unvergesslich. Vor allem, dass es auch einige Stücke von jener bereits erwähnten, richtungsweisenden Scheibe aus der Anfangszeit der Band gab, dürfte einige vor der Bühne gefreut haben.

 

Schrat schlossen im Anschluss das diesjährige Under The Black Sun Festival mit fachmännischem Black Metal auf deutscher Sprache. Das im April erschienene dritte Album „Alptraumgänger“ im Gepäck und ordentlich Corpsepaint und Blutspuren im Gesicht zerlegten die Bajuwaren um Sänger Dragg noch einmal die Stage. Glück und zusätzliche Motivation für die Band, die ja ursprünglich nachmittags auf dem Plan standen, dass sie nun die Gelegenheit hatten, ein so großartiges Underground-Festival wie das UTBS beenden zu dürfen. „Fun“-Fact: Während sich andere Gruppen, um bedrohlich zu wirken, Kunstblut oder Schweineblut-Produkte ins Gesicht kippen, bewiesen Schrat wahre Authentizität, hatten sie sich doch extra im Backstage nicht zu knapp eigenes Blut entnehmen lassen. So wurde der Gig auf alle Fälle zu einem starken und fulminanten Finale.

 

Fazit: Was die Veranstalter hier jedes Jahr auf die Beine stellen, ist eine wahre Perle des Black Metal-Untergrunds in Deutschland. Gemeinsam mit der herausragenden Kältetod-Legion, welche für Technik, Catering und Security verantwortlich sind, arbeitet Joerg Schröder, Chef von Folter Records, jedes Jahr mit einem verlässlichen, sympathischen und emsigen Team zusammen. Auch dieses Jahr wurde ein hochwertiges Line-Up zusammengestellt. Zur neuen Location in Friesack, zu der das Festival seit seinem letztjährigen zwanzigsten Jubiläum wechseln musste, mögen sich womöglich noch die Geister scheiden, vor allem derer, die jahrelang die alte Lokalität bereist hatten – trotzdem muss das Fazit lauten, dass der Friesacker Acker und die Freilichtbühne eine großartige Alternative darstellen, vor allem, nachdem man dieses Jahr mal das Festival in vernünftiger Wetterlage erlebt hat. Schade natürlich, dass es am zweiten Festivaltag zu so großem Delay gekommen war, aber dafür hatte man ja eine Lösung finden können, die im Großen und Ganzen in Ordnung war. Begeistern konnten uns in diesem Jahr auf jeden Fall so einige Bands und Persönlichkeit, sowohl auf, als auch hinter der Bühne – und selbst als im Untergrund ansässig konnten wir durch das Aufgebot des UTBS wieder so einige Bands entdecken, die wir noch nicht auf dem Schirm hatten und konnten einige Gespräche und Interviews führen, die interessant und aufschlussreich waren oder eine ziemliche Brisanz aufwiesen, wie unser Interview mit dem gebürtigen Iraner Lord Magus Faustoos zeigt. Zusätzlich möchten wir noch einmal unterstreichen, was mittlerweile eigentlich klar sein sollte: Keep your fucking politics out of metal.

Fotos by Anna Apostata Arts will follow soon!

Weitere Informationen

  • Band(s): Shroud of Satan, Blood Red Fog, Cirith Gorgor, Throneum, Mosaic, Chaos Invocation, Nocturnal, Sigh, Master's Hammer, Schrat
  • Wann: 07.07.2018
  • Wo: Freilichtbühne Friesack
Gelesen 308 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 11 Juli 2018 00:30