Interview mit Ralf Klein und Olli Hippauf (Macbeth)

offizielles Bandfoto offizielles Bandfoto Macbeth

Wer die Bandgeschichte von Macbeth kennt, weiß, dass sie mit Tiefschlägen und Niederlagen gepflastert ist, aber auch immer wieder vom Aufstehen und Weitermachen geprägt ist. Dieses Jahr feiern die Thüringer ihr 30jähriges Bestehen und zeigen mit ihrem neuen Album, dass sie noch lange nicht am Ende sind. Auf dem Metal Frenzy dieses Jahres ergab sich die Gelegenheit, sich mit Olli Hippauf und Ralf Klein zusammen zu setzen und ein wenig über die Geschehnisse der Bandgeschichte zu sprechen und die Hintergründe dazu zu erfahren.

UG: 30 Jahre Macbeth! Und das bei einer Bandgeschichte, wo manch einer schon längst aufgegeben hätte. Wie fing das damals an? Wer von euch hatte die Idee, eine Metalband in der DDR zu gründen?

Macbeth: Es ging bei einer Faschingsfeier in unserer Schule los. Da hatte eine Karaokeband mit nachgemachten Instrumenten aus Quietschpappe (Styropor) AC/DC „gespielt". Die ganze Schulaula ist durchgedreht, wobei die Jungs scheiße waren. Da haben wir uns gesagt, das machen wir das nächste Jahr selber. Wir haben dann Instrumente selber gebaut, damit es professioneller aussieht und haben dann Deep Purple gecovert. Die Aula ging noch mehr ab, als letztes Jahr und da haben wir uns gesagt: „Das müssen wir jetzt in echt machen". Wir wollten definitiv Rockstars werden und haben deswegen die Band gegründet.


UG: Wie kam es zu dem Einfall, dass ihr euch Macbeth nennt und somit die Staatsmacht in dem Punkt, das eine Band keinen englischen Namen haben darf, austrickst?

Macbeth: Zu DDR-Zeiten hättest du dich entweder Universum, Der Blaue Planet, Zenit oder so nennen können, aber wir wollten eigentlich einen englischen Namen. Aber es wären nur deutsche Namen gegangen. Bei "Iron Eagle" zum Beispiel hätte man bei der Einstufung, wo man als Band vorspielen musste, um eine Auftrittserlaubnis zu bekommen, gesagt: „Nein, das geht nicht". Dann haben wir nach einer Literatur-Figur gesucht, die sie nicht anfechten konnten und kamen auf Macbeth. Bei unserer Einstufung wurde uns auch gesagt: „Der ist aber sehr originell, der Name! Der gefällt uns ausgesprochen gut." Und ein Jahr später hieß es bei unserem Verbot dann: „Wie kann man sich nur nach so einer blutrünstigen Figur benennen?"


UG: War die Namensgebung von euch auch der Anlass, dass die Stasi usw. euch genauer ins Auge gefasst hat?

Macbeth: Nein, das nicht. Die waren zwar nicht begeistert davon, wussten aber nicht worum es geht und was die Band bei den Fans auslöst. Die New Wave Of British Heavy Metal war im Osten aber genauso wie eine Dampfwalze unterwegs wie im Westen und wir waren eine der wenigen Bands, die überhaupt Metal gespielt haben. Und wir waren auch eine der wenigen Bands, die auch mal härteres Material gespielt und nicht nur Iron Maiden gecovert haben, so nach dem Motto „Härter, schneller, weiter" und „Wer schneller spielt, ist eher fertig". Damit zogen wir natürlich eine Menge Leute an und die Konzerte von Macbeth waren voll. Das hat dann natürlich die Stasi auf den Plan gerufen, weil sie in dieser „Ansammlung von vielen subversiven Gestalten" in gleichmäßigem Erscheinungsbild eine Gefahr für den sozialistischen Staat bzw. als eine neofaschistische Bewegung gesehen haben.


UG: Was ist denn die witzigste Anekdote in der Bandgeschichte, die euch noch in Erinnerung geblieben ist.

Macbeth: Im Nachhinein betrachtet war es die Sichtweise von der Staatsmacht auf unsere Musik, Konzerte und unsere Fans. Wir haben zum Beispiel mal bei einem Konzert "Fast As A Shark" von Accept gespielt und alle im Publikum gröhlten "Heidi Heido Heida" mit. Nach dem Konzert kam dann einer von der Stasi hinter die Bühne und fragte entsetzt: "Was war denn das?". Oder es wurde festgestellt, dass vor der Bühne die Leute "ja richtig gekämpft haben, die sind ja richtig ausgeflippt", weil sie so zu unserer Musik abgegangen sind. Die sollten mal heute dabei sein!

Oder bei einem Konzert war die Hauptbühne kaputt und man hatte Ersatz mit Euro-Paletten geschaffen. Wir standen quasi Auge in Auge mit dem Publikum. Zur Sicherheit wurden wir mit einem "Sperrgürtel von Ordnungskräften" abgeschirmt, damit uns die Massen nicht überrennen. Diese Geschichte hat uns lange keiner geglaubt und sie wurde immer als aufgeblasen abgetan, aber als wir unsere Stasi-Akten vorliegen hatten, stand das wortwörtlich so drin und wurde damit bestätigt.

Es ist eigentlich witzig, aber auch traurig zu gleich, das wir unbewusst die Rolle des Bösen gepflegt haben, obwohl wir nur unsere Musik gemacht haben. Heavy Metal stand und steht aber nun mal für Provokation und Rebellion, das kam aber bei den oben nicht so gut an. Das gipfelte dann halt auch in dem Verbot von 1986, wodurch aber der Kult um uns noch weiter gehypt wurde.



Im Herbst 1986 spielten Macbeth ein Konzert in ihrer Heimatstadt Erfurt. Als die Polizei am Ende des Konzerts eine Zugabe verweigerte, reagierten die Fans, angeheizt von vorweg gegangenen Konzert, ungehalten und es kam zu "Ausschreitungen" auf dem Heimweg. Die Stasi nahm dies zum Anlass und hängte ein Spielverbot über Macbeth, entzog ihnen den Proberaum und die Zulassung für den Band-LKW und verhängte ein Bußgeld. Über das Verbot, seine Hintergründe und alles, was danach geschah, führte undergrounded im Februar 2014 ein Interview mit Ralf Klein, welches ihr hier nachlesen könnt. Desweiteren lohnt es sich, einen Blick auf die Seite von Macbeth zu werfen, auf der sie den Umgang der Stasi mit der Band anhand der original Akteneinträge aufgearbeitet haben.


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Macbeth im Interview mit Undergrounded@Metal Frenzy 2015


UG: CAIMAN hieß dann der Nachfolger von MACBETH, aber lange ruhig blieb es nicht, denn Detlef Wittenburg, euer Sänger, wurde verhaftet. Denkt man dann nicht gleich: Sind die schon wieder hinter uns her?

Macbeth: Den hatten sie definitiv auf dem Kieker gehabt! Es war damals auch schon so wie heute: Der Frontmann ist der, auf dem sich alle Blicke richten, der ist der Kopf! Und so war es halt bei Wittenburg auch. Da hatte man sich gedacht: "Wenn der weg ist, dann ist die ganze Band auch weg vom Fenster." Denn der eigentliche Grund für seine Verhaftung war eine Bagatelle und man kann schon von Rechtsbeugung sprechen. Denn für einen Schaden von heute gerechnet 5000€ würde man keinen anderthalb Jahre einsperren. Zumal der Schaden gar nicht zustande gekommen war. Wittenburg hatte noch bei einer anderen Band gespielt. Die hatten ihre Konzerte immer auf Kasse gespielt, was damals so üblich war. Man musste ja alles bezahlen können, Band-LKW, Proberaum, usw... Als er dann aussteigen wollte und nach einer Auszahlung fragte, wollten sie die ihm nicht geben, weil er ja aussteigen wollte. Nach anderthalb Jahren ist er dann auf die blöde Idee gekommen, sich mit Equipment auszuzahlen. Mit seinem Schlüssel zum Proberaum, den er immer noch hatte, ist er dann in diesen gelangt und hat sich dann Sachen im Wert, von dem er dachte, was ihm zusteht, mitgenommen. Er verkaufte die Sachen beim An- und Verkauf, musste aber seine Personalien dafür angeben. Wie der Zufall es so will, kam einer der Beklauten in diesen Laden und fand dort die Sachen, die alle aber noch da waren. Es war also kein Schaden entstanden, aber man dachte sich bei der Stasi: "Aaah, der Wittenburg, da war doch schon mal was!" und haben das volle Programm aufgefahren und sein Haus durchsucht. Wittenburg hatte damals in der Klinik gearbeitet und als man bei der Durchsuchung noch Glasballons und reinen Alkohol fand, die er aus der Klinik mitgenommen hatte, wurde er dann wegen "Diebstahls von sozialistischen Eigentums" angezeigt, festgenommen und eingesperrt. Es ging aber mit CAIMAN trotzdem weiter, halt nur zu viert!


UG: In der Wendezeit ging es ja bei CAIMAN/MACBETH richtig rund mit Ausstiegen von Bandmitgliedern und leider auch mit dem Selbstmord von Wittenburg. Wie habt ihr die Wendezeit, die ja eigentlich für viele eine Zeit der Freude war, persönlich erlebt?

Macbeth: Eigentlich war es schon so, wie es jeder empfunden hat, die Freude über den Mauerfall war groß. Wenn einer ein Jahr vorher gesagt hätte "Die Mauer fällt und die DDR ist Geschichte", den hätte man den Vogel gezeigt. Wir saßen vor dem Fernseher und es war unfassbar, was da abging. Da hatten wir auch für die Band das Gefühl, dass es jetzt vorwärts gehen wird, doch dann ging Hanjo (Pabst, damaliger und heutiger Bassist) in den Westen. Einen hätten wir ja noch verkraftet, doch nach dem auch Rico Sauer (damaliger Schlagzeuger) in den Westen ging, standen wir erst mal ohne Personal da. Zum Glück haben uns Rochus ausgeholfen, die letzten Gigs spielen zu können. Als Detlef Wittenburg aus dem Gefängnis kam, waren wir auch gleich wieder mit ihm im Gespräch wegen der Band. Doch eines Tages saßen wir in der Kneipe und haben in der Zeitung gelesen, das Wittenburg tot ist. Wir wollten es natürlich nicht glauben, dachten, es sei ein Namensvetter. Wir riefen dann bei ihm auf Arbeit an und bekamen leider die Bestätigung, dass er sich erhängt hatte. Das war dann wie ein Schlag in die Fresse und es war erst mal Schluss!


UG: 1993 folgte dann der zweite Selbstmord eines Bandmitgliedes und die vorerst endgültige Auflösung von MACBETH. Wie seid ihr damals damit umgegangen?

Macbeth: Wir haben es ja dann erst mal komplett sausen lassen. Aber wie es halt so ist, Mucker bleibt Mucker! Wer einmal Musik macht, macht dass immer mit Leib und Seele. 1993 haben wir uns gedacht, wir machen noch mal ein Comeback. Es lief aber zwischenmenschlich einiges schief bei uns, da der Alkohol vieles kaputt gemacht hatte. Die Bude war beim Comeback zwar brechend voll, aber wenn die Hälfte der Band rotzvoll auf der Bühne steht und man dem Publikum nichts bietet, dann wenden die sich auch wieder ab. Die haben ja mittlerweile Metallica, Slayer und andere Bands live sehen können, da war das Interesse an uns spürbar gering. Dann noch der Selbstmord als I-Punkt oben drauf, da war dann definitiv Feierabend bei uns!


UG: Kommen wir aber nun zur den neueren Zeiten: Wer wagte denn 2006 den ersten Schritt in Richtung Wiedervereinigung der Band?

Macbeth: Eigentlich ging es ja 2003 schon wieder los, als ein damaliger IM, der uns bespitzelt hatte, zu uns kam und fragte, ob wir zu seinem 40. Geburtstag spielen könnten. Da wir nicht ewig nachtragend sein wollten, haben wir das auch gemacht. Wir mussten aber erst mal wieder eine Band zusammen bekommen und haben genommen, was wir gekriegt haben, auch wenn mancher nur besoffen spielen konnte. Wir waren so etwas wie ein Sammelbecken von gestrauchelten, alten Metalern, denn wir haben dann noch Olli (Hippauf) als Sänger aufgenommen, da er von seiner Band rausgeschmissen wurde. Olli hatte ja noch einen gut bei Macbeth, weil wir ihm damals den Bassisten geklaut hatten. Also müssen wir eigentlich diesem IM dankbar sein, dass der so abgebrüht war, uns zu fragen, ob wir für ihn spielen wollten.

Der Auslöser für das Album war aber ein Konzert mit In Extremo, was wir danach gespielt hatten. Wir hatten nur mal den Namen gehört, kannten die aber nciht weiter. Beim Soundcheck kam dann auf einmal Micha Rhein und meinte: "Ihr seid Macbeth? Das glaube ich jetzt nicht, das war mein erstes Metalkonzert 1987". Das war total geil. Wir haben dort auch vor einem großen Publikum gespielt. Als dann Olli mit unseren selbstgebrannten Demos hoch zum Merch wollte, hat er auf der Hälfte des Weges schon den ganzen Karton verkauft. Er kam hoch und meinte "Hier, alles verkauft!" und wir konnten es nicht glauben. Es war zwar nur ein kleiner Karton, aber der war wirklich leer. Das war dann das Zeichen für uns, jetzt können wir eine Platte machen, jetzt können wir es riskieren!


UG: Was für ein Gefühl ist das, wenn nach all dem ganzen Scheiß, der hinter einem liegt, dann endlich das lang ersehnte Debütalbum fertig ist?

Macbeth: Das war geil, das war spektakulär!

Klar sagt man sich heutzutage und im Nachhinein, da hätte man dies, das und jenes noch besser machen können, aber die Platte klingt, wie damals die Umstände bei Macbeth waren. Es waren ja nur noch Hanjo, Olli und Ralf (Klein) von den alten Mitgliedern dabei und wir mussten von Null wieder anfangen und Leute suchen. Wir mussten dann auch schnell feststellen, du kannst nur so gut spielen, wie der schlechteste Mann in der Band. Deswegen klingt die Platte so, wie sie klingt.


UG: Auf "Macbeth" folgten "Gotteskrieger" und "Wiedergänger". Wenn ihr von jedem Album ein Lieblingssong nennen müsst, welcher wäre das jeweils?

Macbeth: Eigentlich sind alles unsere Lieblingssong, da gibt es keine Unterschiede!

Aber wenn wir uns entscheiden müssten, dann wäre das auf der "Gotteskrieger" der gleichnamige Song, "Maikäfer flieg" und "Golgatha". Auf der "Wiedergänger" sind es "Kamikaze", "Wiedergänger" und die "Stalingrad-Triologie".


UG: Letzte Frage, euer Jubiläum fällt ja mit 25 Jahre Wiedervereinigung zusammen. Was hat sich für euch am meisten geändert, sowohl in Deutschland als auch in der Metalszene?

Macbeth: Es fällt auf, dass jetzt eine wieder Tendenz zu erkennen ist, dass sich die Leute selbst beschränken, in dem was sie sagen. Es ist teilweise wie zu DDR-Zeiten und dem Meinungsdiktat damals, dass man sich einfach aus Sachen raushält aus der Angst, verhaftet und eingesperrt zu werden. Heute haben viele wieder Muffe, ihre Meinung zu äußern, weil sie Angst haben, dass diese als nicht politisch korrekt ausgelegt wird und sie wegen dieser beruflich Probleme bekommen könnten. Wir haben manchmal im Proberaum Gespräche, bei denen sind viele verbotene Wörter dabei, die man in der Öffentlichkeit einfach so nicht sagen kann, weil diese einen eventuell mal schaden könnten, aber wir verstehen untereinander, was wir damit sagen wollen. Aber die Frage ist mittlerweile wieder, ob jemand den Satz, den du sagst, auch wirklich richtig versteht, sowie du ihn meinst oder nur so versteht, wie er es will. Man muss wieder aufpassen, wie man was formuliert, ohne dass einem ein Strick daraus gedreht wird und das ist ein scheiß Gefühl, wenn das alles wieder in die Richtung geht, dass man sich fragen muss: "Kannst du das jetzt so bringen? Oder schreit dann wieder einer aus einer anderen Richtung?" Man geht heutzutage wieder viel vorsichtiger, weil jederzeit vor einem ein Fettnäpfchen stehen kann, in das man reintritt, weil man ihn nicht gesehen hat. Schlau ist es, sich zur Zeit eher etwas bedeckt zu halten und das ist unangenehm, denn es gibt gewisse Themen, die werden dadurch totgeschwiegen. Da regen sich alle drüber auf, aber keiner sagt etwas zu diesen Themen. Jeder hat Schiß, dass er mit seiner Meinung oder seinen Aussagen wieder in eine Richtung eingeordnet, die einem Probleme bereitet. Es geht uns ja auch als Band so, da bezeichnen uns einige als Nazi-Band, wo wir uns fragen, warum.


UG: Dann schiebe ich mal noch eine Frage hinterher: gab es mal die Diskussion in der Szene, ob ihr rechts seid?

Macbeth: Ja, leider! Da kam kurz etwas im Zuge mit dem In Extremo-Konzert auf. Da wurden wir danach von einem gefragt, ob wir eine rechte Band seien. Auf die Frage, wie er darauf komme, antwortete er, dass unter den Zuschauern Typen gewesen wären, die rechts aussahen und die voll bei unserer Musik abgegangen sind. Die hatten wohl Runen an der Jacke, aber deswegen auf eine Rechte zu schließen, ist etwas fraglich. Er führte dann aber den Bogen noch weiter und erzählte dann, dass ja In Extremo bei dem Abschiedskonzert der Böhsen Onkelz auf dem Lausitzring als Vorband dabei waren. Die haben ja so viele rechte Fans und In Extremo hat die nun bestimmt viele mitgezogen und diese haben uns nun wiederum bei dem Konzert gesehen. Somit wären wir dann ja auch eine rechte Band. Da haben wir ihn nur gefragt, wie scheiße muss man im Kopf sein, um auf so einen Zusammenhang zu kommen.

Obwohl wir ja viel über die Weltkriege und auch viel über Stalingrad singen, muss man aber auch sagen, dass wir eigentlich noch nie Ärger mit unseren Texten hatten. Und auch die Diskussionen darüber, ob wir nun rechts seien, halten sich zum Glück in Grenzen.


UG: Das lassen wir als Schlußsatz stehen! Vielen Dank für das Interview!


Das Interview führten Ralf Klein und Olli Hippauf für Macbeth und Oli für Undergrounded. Foto beim Interview: Thorsten Fiolka

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