Dienstag, 01 September 2015 12:24

28.-30.08.2015 Rocken Festival, Rodgau

geschrieben von Ghostwriter
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Das erste Rocken Festival ist vorbei und wir waren im Vorfeld durchaus kritisch eingestellt LINK. Natürlich hat es uns trotzdem interessiert wie sich ein Event schlägt, das ohne Expertise in dieser Größenordnung zum ersten Mal gleich so auffährt. Wir hatten zwei unabhängige Berichterstatter im Bandtross vor Ort gehabt, die euch dieses Bild vom ersten „Rocken“ Zeichnen.

 

Bericht 1:

Es war eine absolute Katastrophe - Es ging schon am Vortag damit los, das eine Mail geschickt wurde, die Orga sei Online nicht mehr zu erreichen und nur im Notfall anzurufen. Es wurden jedoch kurzfristig ein paar Slots verschoben, da (ein Tag vor dem Festival) in Erfahrung gebracht wurde, dass ab 24 Uhr keine Musik mehr gespielt werden darf. Somit wurde unsere Zeit von ursprünglich Freitag, dann ohne Absprache auf Samstag, dann wieder Freitag und schlussendlich mehrfach munter im Slot hin und hergeschoben - Dass bei uns Leute berufstätig sind war dabei offensichtlich egal und wir mussten komplett Umplanen und waren kurz davor, den Gig zu kippen

 

Auf Anfrage wurde nur lapidar entgegengeworfen, dass der Veranstalter nun keine Bands mehr tauschen könne und man das untereinander ausmachen soll (wie auch immer das hätte gehen sollen). Wir hatten uns trotzdem entschlossen das Ding durchzuziehen und waren eine Stunde vor dem Gig vor Ort. Die Orgas wirkten ziemlich planlos und verwiesen auf den Veranstalter, von dem sie aber keine Infos bekamen. Bei der Bühne angekommen war wenigstens der Aufbau und Soundcheck ganz okay, bis der Veranstalter dann 10 Minuten vor dem Auftritt meinte: "Ihr müsst nun doch auf der anderen Bühne spielen".

 

Trotz mehrfacher Nachfrage gab es für uns dann kein Stagewasser – Und das in der brüllenden Hitze der nichtklimatisierten Halle. Der Auftritt selber war nur katastrophal zu Nennen – Defektes Bühnenequipment (eigenes Equipment durfte man nicht Mitbringen bzw. war dazu angehalten das Vorhandene zu Nutzen), Störgeräusche von allen Seiten (Grauenhafte Akkustik der Halle), unterdimensionierte bis praktisch nicht vorhandene Beleuchtung und gähnende Leere vor der Bühne – So haben wir den Auftritt einfach nur hinter uns gebracht und wollten uns dann, nur noch genervt, Getränke abgreifen. Unsere „Gage“ bestand aus fantastischen 5 Biermarken und der Knaller war dann noch, dass wir uns die billigen Plastikbecher für die Getränke für 2 Euro nicht leihen, sondern kaufen mussten. Wir haben dann den Plan länger zu bleiben direkt verworfen, da der kleine Zeltplatz offenbar nicht einmal über Dixies verfügte und bis 1900 Uhr praktisch immer noch keine Gäste (bis auf die Member der vielen Bands) anzutreffen waren.

 

Bericht 2:

Die erste Auflage dieses Festivals hatte im Vorfeld reichlich Staub im Internet aufgewirbelt. Noch ein weiteres Festival in Deutschlands ohnehin überfüllter Festivallandschaft wäre an sich keine Erwähnung wert gewesen, dann aber gleich eine dreitägige Veranstaltung mit rund 100 Bands auf drei Bühnen – quasi eine Art Bonsai-Wacken -, zumal für eine Erstauflage…das sorgte im Vorfeld für reichlich Gerede. Die sich mit der Zeit abzeichnenden Details taten ihr übriges: Ein sich immer wieder änderndes Preissystem für die Karten sorgte gleichermaßen für Verwirrung wie vermutlich Missmut bei denen, welche sich ihre Karte erst zum Normalpreis gekauft hatten, um dann feststellen zu müssen, dass die Karten später zum Dumpingpreis angeboten wurden. Als der Veranstalter über die Werbung verkündete, er sei selbst noch nie auf einem Festival gewesen und habe noch nie ein derartiges Konzert organisiert, schien es klar, dass das Festival ein Riesenchaos würde. Ein Eindruck, der sich durch Mails des Veranstalters einen Monat vor dem Termin, dass er dringend Leute von den Bands für den Aufbau benötige, noch verstärkte.

 

Naja, wir wollten unseren Teil dazu beitragen, also traten Elvenpath zu 60% am Freitagmorgen an, um PVC-Rollen zu verlegen und sonstige Aufbauarbeiten zu leisten. Zum Glück waren insgesamt genügend Helfer zusammengekommen, damit alles pünktlich hinkam. Das Bürgerhaus in Nieder-Roden erwies sich als für ein Festival an sich gut geeignete Location. Die drei Konzerträume teilten sich folgendermaßen auf: Ein Konferenzraum bildete den „kleinen Saal“ – gut für kleinere Bands, allerdings stand hier später die Luft, daß man sie hätte schneiden können…das Wetter war nämlich das ganze Wochenende über ordentlich heiß. Der „große Saal“ erinnerte mich schwer an die Aula meiner alten Schule – hier war der Sound am besten und die klimatischen Bedingungen am angenehmsten. Tja und dann die „große Halle“ – das war die Turnhalle, welche nicht nur tagsüber ordentlich von der Sonne aufgeheizt wurde und jegliche Konzertstimmung ad absurdum führte sondern auch schlicht zu groß war. Für Tankard oder Powerwolf wäre das Fassungsvermögen adäquat gewesen, aber die waren eben nicht zugegen.

 

Nach dem Aufbau konnte ich freitags nicht zu den Bands bleiben sondern kam dann am Samstag gegen 15.00 an. Ein Rundgang durch die Räume bestätigte schlimme Befürchtungen: Die Bands spielten vor beinahe leeren Räumen (insbesondere die Turnhalle bot einen traurigen Anblick). Allerdings wurde beim „Einchecken“ deutlich, daß die Organisation doch deutlich strukturierter und professioneller war als gedacht. Insgesamt waren sämtliche Abläufe gut durchgeplant, was ja bei einer derartigen Anzahl von Bands auch nötig war. Von der Lagerung des Equipments über das Betreten des Backstagebereichs bis zum Auftritt selber schien alles im positiven Sinne preußisch durchstrukturiert. Von dem befürchteten Chaos war nichts zu bemerken. Der Veranstalter hatte ganz offensichtlich viel Zeit und Mühe darin investiert, die Abläufe möglichst sinnvoll durchzuplanen – Respekt. Daß es trotzdem in den Tagen unmittelbar vor dem Festival zu mehreren Veränderungen in der Running Order kam, war zwar etwas anstrengend, ist bei einer derartigen Anzahl von Bands allerdings wohl auch nicht ganz unvermeidlich.

 

Des weiteren wurden die Bands sehr gut behandelt. Das Equipmentlager war bewacht, am Catering wurde nicht gespart, zwar gab’s nur ein Freibier pro Person, dafür alkoholfreie Getränke und Essen unbegrenzt umsonst und diverse Alkoholika zu fairen Preisen. Und es stand nicht nur in jedem Raum eine Backline zur Verfügung, sondern auch Verstärker und die üblichen Schlagzeugkleinteile, die man sonst immer mitnehmen muß (Becken, Snare, Fußmaschine), waren vorhanden. Nun sind Gitarristen ja immer etwas eigen und bestehen auf ihrem speziellen Sound, weshalb Oli und ich trotzdem die eigenen Amps eingepackt hatten, aber Manuel freute sich sichtlich, mal mit nichts anderem als seinen Sticks anreisen zu müssen.

 

Es kamen mit fortschreitender Stunde dann doch noch mehr Leute und der große Saal war, als wir um 19.00 an der Reihe waren, auch durchaus respektabel gefüllt - das anfangs verhaltene Publikum wurde im Laufe der Dreiviertelstunde, die uns zur Verfügung stand, dann auch immer lauter. Danke Rodgau – das war klasse! Auch über die anschließenden Verkäufe am Merchandisestand konnten wir nicht klagen; offenbar hatten wir doch einige Leute überzeugen können. Wenn man selbst spielt, kommt man aufgrund des ganzen Krempels drumherum ja kaum dazu, sich noch andere Bands anzuschauen, demzufolge schaffte ich es heute nur zu einer weiteren Truppe. Profet zerlegten um 21.00 den kleinen Saal nach Strich und Faden, so gehört sich das – immer wieder eine gern gesehene Abrißbirne. Aber es war heiß und die meisten Leute kühlten sich um diese Uhrzeit dann doch lieber draußen ab. Insgesamt war das Festival heute recht gut besucht, auch wenn Zahlenschätzungen aufgrund der Verteilung über drei Räume und den Außenbereich schwerfallen.

 

Am Sonntag war das Bild dann schon ein anderes – zahlreiche Besucher waren heute nicht mehr erschienen oder gingen schon am Nachmittag. Zwar hatte ich heute entsprechend mehr Zeit, um mir Bands anzuschauen – K.I.T. waren genial-dilettantisch wie immer, Snakebite rockten die Halle mit 80er-Hardrock, Epicedium bestachen mit technisch anspruchsvollem Death Metal, Cirqles fabrizierten ein unidentifizierbares Etwas, das mich recht bald wieder vertrieb, Thornbridge lieferten einmal mehr Power Metal der Extraklasse ab und machten hungrig auf die Veröffentlichung ihres ersten vollen Albums. Dazwischen konnte man beobachten, daß so mancher Verkaufsstand bereits wieder eingepackt hatte – so ab 16.00 war die Zuschauerkulisse äußerst spärlich.

 

Zusammenfassend möchte ich festhalten, daß das erste Rocken Festival deutlich geordneter und besser ablief, als wohl jeder im Vorfeld dachte. Dafür und für die sehr gute Behandlung der Bands ein dicker Daumen nach oben. Allerdings befürchte ich, dass der Veranstalter nach diesem Wochenende mit einem ebenso dicken Minus aus der Sache herausgehen wird. Ob das Festival daher nochmals stattfindet, mag man sehen. In diesem Fall wäre es sinnvoll, den Sonntag zu streichen und die viel zu große Turnhalle abgesperrt zu lassen. Mit zwei Tagen und zwei Bühnen wäre eine Zweitauflage sicherlich deutlich adäquater konzeptioniert. Und es wäre wünschenswert, daß sich mehr Metalfans dazu aufraffen, ein kleines Festival zu besuchen, auch wenn bekanntere Namen fehlen – denn den Underground zu unterstützen, fängt bei den lokalen Bands an. Till / Elvenpath


Weitere Informationen

  • Wann: 28.08.2015
  • Wo: Rodgau
Gelesen 2234 mal Letzte Änderung am Dienstag, 01 September 2015 12:32