Donnerstag, 13 Juni 2019 18:55

30.05.-02.06.2019 - Dark Troll Festival 2019 (10. Jubiläum) - Schweinsburg, Bornstedt - Tag 3

geschrieben von Crimson & Haimaxia
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Dark Troll Festival 2019 Dark Troll Festival 2019

Der letzte Tag eines Festivals ist immer begleitet von Freude und Wehmut zugleich. Die etwas urigen Vera Lux waren glücklicherweise die erste Band des Tages, um die Trübsal (und einen für die einen leichten, für die anderen schweren Kater) vergessen zu lassen. Obwohl seit 2014 aktiv, hat die Band aus Nürnberg bisher nur eine Demo veröffentlicht – man munkelt allerdings, dass sich das in nicht allzu ferner Zeit ändern wird.

Trotz der Tatsache, dass Female Fronted Folk Metal und der deutliche Touch zeitgenössischer Mittelalterbands, wie sie üblicherweise auf dem MPS auftreten, nicht für jedermann etwas ist, sind Vera Lux aber keineswegs als Eluveitie-Abklatsch abzutun: Bereits bei den ersten Tönen wird dem Zuhörer klar, dass hier etwas vollkommen Eigenes geschaffen wurde, das wirklich fantastisch funktioniert und auch weniger Folk-Begeisterte aus den Löchern gelockt haben dürfte. Gelegentliche harsche Töne von der männlichen Stimme Arved lockerten den überwiegend weiblichen Gesang gut auf und ließen von Anfang bis Ende die treue, bereits jetzt anwachsende Fangemeinde vor der Bühne freudig tanzen. Energiegeladen von Anfang bis Ende begeisterten die Franken mit allerlei Instrumenten wie Drehleier und Geige den bereits gut gefüllten Vorplatz und erarbeiteten sich eindeutig eine Empfehlung. Als Anspieltipp sei auf jeden Fall „König aller Lügen“ genannt. Wer aber keinen Humor hatte oder mit dem Who is Who des Stockbrots, der deutschsprachigen Mittelalter-Szene der Stunde, nicht viel anfangen kann, dürfte Reißaus genommen haben.

Die folgenden Tulsadoom waren wohl die größte Überraschung für Teile unseres Teams: Trefflich als Barbaric Thrash Metal betitelt das Trio aus Österreichs Hauptstadt Wien ihren angeschwärzten Hochgeschwindigkeits-Sound. Mit Fellen bekleidet rockten und preschten sie durch ihr Set, erzählten Geschichten aus dem Mythos vom Barbaren Conan und dem Hyborischen Zeitalter aus dem Fantasy-Epos von Robert E. Howard und machten im Schein der frühen Mittagssonne, die den Gästen ohne Gnade auf die Köpfe schien, einfach einen Mordsspaß. Tulsadoom bezeichnet auch Conans Antagonisten in den Werken. Uns eroberten die Wiener, deren letztes Album “Storms of the Netherworld” 2015 bei Nihilistic Empire Records erschien, jedenfalls im Sturm. Mal sehen, was bei der Band als Nächstes ansteht! Wir halten Augen und Ohren offen.

Ein weiteres Highlight, das ebenfalls nur selten in Deutschland live anzutreffen ist, bildeten zweifelsohne die Gäste Sol Sistere aus Chile. Mit ihrem atmosphärischen Black Metal-Sound begeistern die Südamerikaner bereits seit ihrem Debüt-Album “Unfading Incorporeal Vacuum” von 2016 - jüngst erschien auch das Nachfolgewerk “Extinguished Cold Light” bei Hammerheart Records (u.a. Ereb Altor, Sammath). Die Bandmitglieder haben allesamt schon viel Erfahrung bei unterschiedlichen anderen Projekten gesammelt - vor allem sollte Alfredo Pérez dem informierten Black Metal-Jünger bekannt sein, welcher seit vergangenem Jahr am Mikro steht. Der Chilene ist unter anderem auch Kopf von Concatenatus und bei unzähligen südamerikanischen Bands als Live-Support bei Gigs rund um den Globus dabei. Eine starke Performance, die jedoch  leider wie so oft wohl bei Nacht weitaus mehr gezogen hätte.

Mit den aus Litauen stammenden Romuvos und den aus dem französischen Chambéry angereisten Himinbjorg tauchten zwei Bands die Besucherschaft in den nächsten Stunden wieder in pagane Klangwelten: Die Balten aus dem aktuellen Kader von No Colours (u.a. derzeit Abyssic Hate, Sterbend) könnten gar nicht besser ins Billing passen und erfreuten sich eines größer werdenden Publikums im Burginneren. Wer sich bereits zum größten Festival des Baltikums, dem Klikum Zaibu, informiert hatte und sich die exzellenten Live-Videos der Location angeschaut hat, der kannte die dortigen Dauergäste bereits und freute sich gleich nach Bestätigung, dass sie dieses Jahr auch auf dem Dark Troll auftreten würden. Himinbjorg um den begabten Multi-Instrumentalisten Zahaah blicken ihrerseits bereits auf 20 Jahre Bandhistorie zurück und stellten ihre Expertise imposant zur Schau. Vor allem die Stücke ihrer ersten Alben fanden hier großen Zuspruch.

Die Schweden von Fejd durften ebenfalls ihre Dark Troll-Premiere feiern und stellten ihr vielseitiges Repertoire an Instrumenten zur Schau: So würzten die aus Lilla Edet stammenden Herren ihre Interpretation eingängigen Folk Metals etwa mit Moraharpa (vgl. Nyckelharpa), Drehleiher, Maultrommel oder obgligatorischen Bagpipes. Schön war das alle Mal, richtig beeindrucken konnten Fejd uns aber nicht.

Winterfylleth hingegen entwickelten sich zu einem umso eindrucksvolleren Programmpunkt. Zwar standen die nur bei der Hälfte unseres Teams auf der Liste der Bands, die man sich definitiv anschauen sollte, trotzdem mischten wir uns alle ins Gemenge des sich immer mehr füllenden Innenhofs. Im Nachhinein war das die einzig richtige Entscheidung, die man um ein Haar hätte bitterlich bereuen müssen: Die Engländer bauten eine einzigartige Atmosphäre auf und waren an diesem Tag nicht zu überbieten. Gerade „Whisper Of The Elements“ hinterließ bei uns eine Gänsehaut. Aber auch die neueren Stücke vom 2018er Album “The Hallowing of Heirdom” waren nicht ohne. Das ist Musik, die vor allem live in den Bann zieht, dass man es kaum glauben möchte. Die Klangfarben und Emotionen, die hier herüberkommen, sind unvergleichlich schön, obschon gepaart mit eigentlich düsterem Black Metal. Auch hier kann man nur wie schon bei Saor zuvor sagen, dass der poetische Charakter der altenglischen Lyrics heraussticht und beeindruckt.

Mgła, die in den vergangenen Monaten für Kontroversen sorgten und sich mit dem Nazi-Vorwurf konfrontiert sahen, standen als Headliner des letzten Tags im Folgenden auf der Bühne. Dass es daraufhin in Deutschland auch abgesagte Konzerte gab, dürfte ebenfalls bekannt sein - aber die Veranstalter diverser Club-Locations und auch des Dark Troll Festivals ließen sich von dieser Kontroverse nicht beirren. Wie die Band bei Facebook verkündete, sieht sie sich als Opfer einer Hetzkampagne und gab an, in dieser Causa auch rechtliche Schritte einzuleiten. Wären die Krakauer allerdings politisch bedenklich oder in die Kategorie NSBM einzuordnen, so würden sie mit Sicherheit keine Bühne in namhaften Underground-Locations oder auf dem Dark Troll finden. Seit einigen Jahren verbreitet sich der Hype um die Polen wie ein Lauffeuer: Seit dem 2012er Album “With Hearts Towards None” und spätestens seit dem 2015er “Exercises in Futility” erfreut sich die Band um M. aka Mikołaj Żentara, die auf der Stage stets anonymisiert und mit Nylon- oder Sturmmasken verhüllt auftritt, ihrer wachsenden Fanbase. Was haben es aber auch Songs wie “With Hearts Towards None I” oder “Exercises in Futility VI” in sich! Auch an diesem Abend versammelte die Band gefühlt das gesamte Festival vor der Bühne.

Was lange währt, wird endlich gut. Enisum hatten die Ehre die letzte Band des Festivals zu sein und seit ihrem letzten Auftritt vor zwei Jahren wurde kaum eine Band so sehr erneut in Bornstedt erwartet wie die Italiener. Schon früh wurde bekannt gegeben, dass die Band auf ihrer “Moth’s Illusion”-Tour zu ihrem neuen Album auf dem Dark Troll Halt machen würde und sie somit den Wunsch vieler erfüllte, ein zweites Mal hier zu spielen. Sichtlich ausgedünnt schien es vor der Bühne, lagen ja immerhin auch 3 teils sehr heiße Tage hinter allen Festivalbesuchern. Ungeachtet dessen stieg die Freude, als die Band um Kopf Lys die Bühne betrat und mit “Anesthetized Emotions“ bereits jeden vor und hinter der Bühne zum rhythmischen Kopfschütteln animierte. Die in dezentem Blau- und Grünlicht gehaltene Bühne half ebenso wie die abkühlende Dunkelheit um die Burg die Atmosphäre zu unterstreichen. “Last Wolf” war live sogar noch viel beeindruckender und härter als auf dem neuen Langspieler, während “Ballad of Musinè” oder “Petrichor” jeden vor der Bühne sanft zum Träumen einluden. Diese perfekte Mischung aus Härte und meisterhafter Atmosphäre, vor allem beim viel zu zeitigen letzten Song und Evergreen “Arpitanian Lands” ließ uns dann doch eine kleine Träne über die Wangen kullern, als sich gegen zwei Uhr morgens der Platz leerte. Trotzdem zog es unser Team noch zum Merchstand, um alles mitzunehmen, was die Italiener mitgebracht hatten.

Das letzte Bier ward rasch ausgetrunken und ein Fazit lässt sich schnell ziehen: Auch nach 10 Jahren Dark Troll ist das Festival keinen Tag langweilig. Es ist und bleibt verdient das schönste Festival der Welt und wird auch bis zum letzten Tag eine treue Fangemeinde haben. Wir können auch nicht so richtig nachvollziehen, warum es in unserem Freundes- und Bekanntenkreis für die 2019er Ausgabe des Dark Troll Stimmen gab, die sagten, dass sie das Billing eher enttäuschte - wie in jedem Jahr standen auch diesmal mit Waldgeflüster, Saor, Finsterforst, Mgła oder Kampfar wahre Hochkaräter der Szene auf der Bühne und es gab mit Enisum, 1914, Sun of the Sleepless und Sarkrista großartige Perlen des Untergrunds zu bestaunen. Bis auf das Gerücht, dass die Viking/Pagan Metal-Combo Crom im kommenden Jahr dabei sein werden, gibt es noch keine Bandbestätigungen für 2020, eins ist jedoch klar: Wir sind auch vom 21.-23.05.2020 wieder in Bornstedt und unterstützten dieses einmalige Festival, welches zurecht als schönstes Festival gilt, nicht nur wegen erlesener Musik, sondern auch wegen der unschlagbaren Location.

Photos by Huldu Art/Sebastian Rump

Weitere Informationen

  • Band(s): Vera Lux, Tulsadoom, Sol Sistere, Romuvos, Himinbjorg, Fejd, Winterfylleth, Mgła, Enisum
  • Wann: 01.06.2019
  • Wo: Burg Bornstedt
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