Samstag, 28 Februar 2015 12:30

A Forest of Stars - Beware The Sword You Cannot See

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Beware The Sword You Cannot See Beware The Sword You Cannot See A Forest of Stars

Das Setting: die 1890er. Verregnetes England. Black Metal würde man sicherlich nicht in diese Zeit verfrachten, wenn man an das ideale Setting der extremen Musiksparte denkt – anders bei A Forest Of Stars, diesem berüchtigten Konglomerat exzentrischer und ambitionierter Musiker, die sich als Vertreter einer prunkvollen, aber auch von Gegensätzen durchfressenen Epoche in der Vergangenheit Englands präsentieren. Ihre lyrischen Exzesse zelebrieren sie zwischen Opium- und Absinth-Konsum, satanischen Riten, Séancen und okkult-finsterer Stimmung. All das, wie bei einem Bastard der literarischen Werke Edgar Allan Poes und Oscar Wildes, nur eben mit erfrischenden Legierungen aus harten Instrumentenwänden, ungestümem Temporeichtum und traditionell gehaltvollem Folk-Glanz unterlegt. Dass die Dame und die Herren gerade weg gesprochen nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, machen ja schon alleine die Beinamen der Einzelnen im Mitgliederindex „Katheryne, Queen of the Ghosts“ oder „The Resurrectionist deutlich. Die Avantgarde-Favoriten und verschrobenen Ladies & Gentlemen vom gediegenen und dekadenten Sternenwald-Club rafften sich dieser Tage ein weiteres Mal zusammen, ihre verschrobenen Köpfe ineinander zu stecken und ein neues Tonwerk zu schmieden, das ihren einzigartigen Sound auf ein neues Level treibt. Was soll man sagen zum Stil der merkwürdigen Briten-Bruderschaft aus dem viktorianischen Zeitalter? Werfen wir zunächst mal einen näheren Blick auf die neue Platte der kauzigen Wunderkinder, die mit ihrem so unvergleichlichen „puzzling“-Sound in der Szene ohnegleichen sind.

Gleich im „Drawing Down The Rain“ wird die gesamte Bandbreite der eigenwilligen und vor allem experimentierfreudigen Truppe deutlich: heftige Hochgeschwindigkeitspassagen wechseln auf melodiöse Folkausflüge, getragen-schwermütiger Clean-Gesang auf typisch-schwarzmetallisches Screaming und es gibt einen träumerischen und überaus melancholischen Farbanstrich durch den abwechselnden Duett-Aufbau im Song von Frontmann Mr. Curse und Violinistin Katheryne. Das alles dabei sehr progressiv und extrem abwechslungsreich. Kein Wunder daher, dass diesem Song im Vorfeld auch ein visuell anspruchsvoll gestaltetes, wenngleich seltsames Video beschert wurde. Designt und realisiert vom britischen Künstler Ingram Blakelock, genannt „The Projectionist“, der auch schon für das „Gatherer of the Pure“-Schattenspiel-Video vom 2012er Werk verantwortlich war und welchen die Band liebevoll als „eigenen Kellersklaven“ in einem Facebook-Post umschrieb. Hier zieht eine nicht näher definierte gesichtslose Puppengestalt durch eine postapokalyptische, computergenerierte Welt. Und bei allen Göttern, diese verdammt geniale, wunderschöne Lyrik auf hohem Englisch-Niveau, die dieser einzigartigen Musik spendiert wurde! Skandierte und immer wiederholte Textfetzen wie „all our ears are open - all our eyes are smiling, gracelessly receiving empty threats of heaven” stimmen da ganz gantastisch auf die satanisch angehauchte, verbitterte Stimmung ein, die das Album über vorherrscht. Allerdings wirkt die Instrumentierung, das gezeichnete Bild im Sound, das alles dann auch wieder ein klein wenig anachronistisch, befinden wir uns ja eigentlich optisch und rein gefühlsmäßig im 19. Jahrhundert in der Musik von A Forest of Stars. Und eigentlich erinnert das Artwork und die Kleidung der Musiker ja auch eher an ein Klassik-Orchester oder gar eine Steampunk-Formation.

Im zweiten Song „Hive Mindless“ packt man ja beachtlicherweise auch noch einige Orgelklänge aus und fährt etwas im Tempo herunter, erschafft aber ein wahrhaft zum Verstandverlieren geniales Crescendo, das sich immer weiter aufschaukelt, um schlussendlich in einer Resonanzkatastrophe unterzugehen – und genau davon handelt das Lied auch thematisch, kollektiver Wahnsinn in der Schwarmintelligenz der Menschen. Nie zuvor harmonierte der Black Metal-Sound so gut mit dem unschuldig dahinschwingenden Klang einer Klarinette. Die morbide Note der Textschreiber kommt in „A Blaze Of Hammers“ noch einmal hervor, wenn es heißt „if this cortex is remotely cerebral, I'll eat the mind from under your hat”. Auch hier wieder ein Hin und Her zwischen harter Gitarren- und Schlagzeugwand und Violinen- und Akustikgitarre-begleitetem Interludium beinahe gesprochener Vocals. Im treibenden Instrumental-Sound des Giganten-Stücks „Proboscis Master Versus The Powdered Seraphs Pawn On The Universal Chessboard“ meint man zwischen dem Gitarrenfeuer und den Geigen-Intermezzi gar eine unheimliche, übernatürliche Präsenz zu spüren, so heimtückisch entführen die Sieben Kreativköpfe die Hörer ihrer neuen Platte in eine Realität und Gegenwärtiges vergessen lassenden Etappe.  Die letzten sechs Songs stellen im Grunde genommen einen auseinander gebrochenen 21-minütigen Ultra-Song dar. Wo im ersten Kapitel, mit fast drei Minuten vergleichsweise kurz, beinahe wie einem Björk-Stück gearbeitet wird und wieder der Frauengesang im Fokus steht, wechselt die Stimmung dann schnell zu einem rasanteren Ausbruch. So fügen sich die letzten Songs des Albums zu einem schwarzbunten Mix voller Cleverness zusammen, die einer kleinen Black Metal-Operette nahe kommen. Final Chapter VI lässt mit „Let There Be No Light“ noch einmal in einer sehr ruhigen, meditativen End-Phase die Stimme der Geisterkönigin an der Violine erstrahlen, bevor das Album nach gut einer Stunde innovativer, rätselhafter Songgüter endet, über die man nur nachgrübeln und sich das Hirn zermartern kann.

„Beware The Sword You Cannot See“ ist eine mannigfaltige, malerisch hypnotische Odyssee voll von schauerlichen und gespenstischen Passagen, die alle den Geist des viktorianischen Zeitalters über den Durst geschlürft haben. Prozessionsmusik, getragen, facettenreich, heftig und graziös zugleich. Und um eins in aller Deutlichkeit zu unterstreichen – sowas hat man noch nicht gehört. Mit ihrem Outfit und dem Ölgemälde ihrer unzeitgemäßen Thematik zwischen Jack The Ripper, anti-methodistischem Gehabe und der Metaphorik vom „Alice im Wunderland“-Autor Lewis Carroll sitzen die verfemten „A Forest Of Stars“ nicht nur zwischen den Stühlen des Black Metal, sondern scheinen gar eine ganz andere Reise nach Jerusalem zu spielen als alle anderen Bands im Genre. Zur Hölle damit, durch ihre psychedelische Art und die wohlklingende Kombi aus Brutalität, Anmut und Träumerei müsste man eigentlich schon wieder eine neue Schublade in den Musikschrank bauen und den Bandnamen einritzen. Mr. Curse als kreatives Gehirn hinter dem Projekt umschrieb das neue Album jüngst schon als „Kaninchenloch des Todes“ und „mentalen Kollaps“. Ein Album wie eine unvorhersehbare und unberechenbare Herausforderung, die dem Titel „Hüte dich vor dem unsichtbaren Schwert“ mehr als gerecht wird: wunderschöner Sound, im Kern für alle Progressive-Fans zugänglich, von unglaublichen Dramaturgie-Meißlern, der womöglich für manch einen Hörer ohne Zugang verklingen mag, da der Aufbau der Lieder zu komplex und die Texte zu poetisch und unfassbar anmuten mögen. Platt gesagt: „muss man halt mögen und sich drauf einlassen können“. Folgen wir dem Songtext von „A Blaze Of Hammers“ und erheben unseren Kadaver herz-hoch. Let’s ride the worms. Yeah, we‘re gonna. “Beware The Sword You Cannot See” erschien am 27.02. via Prophecy Productions/Lupus Lounge.

Weitere Informationen

  • Band: A Forest of Stars
  • Album Titel: Beware The Sword You Cannot See
  • Erscheinungsdatum: 27.02.2015
  • Fazit: : „Beware The Sword You Cannot See“ ist eine mannigfaltige, malerisch hypnotische Odyssee voll von schauerlichen und gespenstischen Passagen, die alle den Geist des viktorianischen Zeitalters über den Durst geschlürft haben. Prozessionsmusik, getragen, facettenreich, heftig und graziös zugleich. Und um eins in aller Deutlichkeit zu unterstreichen – sowas hat man noch nicht gehört.
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