Donnerstag, 01 Dezember 2016 12:02

Saor - Guardians (Leservoting: Album des Jahres 2016)

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Guardians Guardians Saor

Saor haben sich innerhalb kurzer Zeit einen Namen im atmosphärischen Black Metal gemacht. Nachdem innerhalb von zwei Jahren mit „Roots“ und „Aura“ zwei grandiose Alben die Ohren erfreute, haut das schottische Ein-Mann-Projekt mit „Guardians“ anno 2016 ein Album raus, das ganz weit oben anzusiedeln ist.

SAOR steht im gällischen für „frei“ und findet sich in der Phrase „Saor Alba“ (Free Scotland) wieder. Seit 2013 ist Saor aber noch mehr: Saor ist Andy Marshall. Der Glasgower versteht es wie kein zweiter, seine schottische Heimat musikalisch aufleben zu lassen und verbindet dabei keltischen Folk mit grandiosem, atmosphärischem Black Metal. Bereits das letze Album, „Aura“, war 2014 eines der besten Alben seines Jahrgangs, bereits unter „schwer zu übertreffen“ kategorisiert, ein wirklich unfassbares, atemberaubendes Album, ein eigentlicher Höhepunkt. „Guardians“ übertrumpft das Ganze allerdings noch einmal.

Gut zwei Jahre hat sich Andy Marshall nun Zeit genommen, um an „Guardians“ zu arbeiten. Das neue Album besticht bereits optisch durch ein schönes, aber kaltes Cover. Auch Gastmusiker wurden auf „Guardians“ mit Bedacht gewählt. Saß beim Vorgänger noch Austin Lunn (Panopticon) hinter den Drums, hat nun Bryan Hamilton (Cnoc an Tursa) diese Aufgabe übernommen. Ex-Eluvetie-Geigerin Meri Tadić übernahm eben dieses Instrument in zwei Songs („Guardians“ und „Hearth“).

Der Titeltrack und Opener läuft nur wenige Sekunden, eine ruhige Gitarre wird gerade von einem Dudelsack untermauert, und schon fängt ein die Atmosphäre unweigerlich ein. In der großen Menge der Atmospheric Black Metal-Bands besitzt Saor einen gigantischen Wiedererkennungswert.
Allein der Einsatz der Folk-Instrumente sticht heraus: Kein freudiges Gezwitscher und Gedudel, sondern emotionsgeladene Melodien, die mit dem harschen und harten Black Metal des Schotten Hand in Hand gehen, sich gegenseitig unterstützen und gegenseitig hochschaukeln.

Wenige Augenblicke sind vergangenen und der Dudelsack, die schweren Gitarren, die treibenden Drums versetzen den Hörer in die schottischen Highlands, in der man sich zwischen grünen Hügeln und Bächen umher wandern sieht, den rauen Wind spürt. Dominiert wird Saors Musik noch stärker als zuvor von Gitarre und Drums, was die Folk-Elemente nur noch kostbarer macht. Gerade an der Tin-Whistle merkt man das: War sie auf „Aura“ noch über weite Strecken mitbestimmend, ist sie auf „Guardians“ nahezu Rarität – dem Album schadet das überhaupt nicht, man freut sich aber umso mehr, das kleine Instrument zu hören.

Der Klang hat sich im Vergleich zum Vorgänger ebenfalls verbessert. Immer noch sehr natürlich, aber klarer, was den Detailreichtum und die vorhandene Spielfreude Marshalls hervorhebt. Auch wenn Austin Lunn bei weitem kein schlechter Drummer ist, wirkt das Schlagzeug durch die verbesserte Produktion ebenfalls kraftvoller.

Saor lebt von Andy Marshalls grandioser Komposition und Konzeption. Jedes Instrument ist stimmig im Gesamtrahmen der Lieder. Der Schotte scheint für jeden Augenblick das richtige Gespür zu besitzen – ob langsamer und ruhiger, schneller und härter. Seine Vocals drängen sich zudem nicht in den Vordergrund, sondern wirken viel mehr wie kräftige Echos, die vom Wind getragen durch die Täler hallen. Am deutlichsten wird seine spielerische Freude aber anhand der Gitarrenarbeit. Dabei fällt es wirklich schwer, einen bestimmten Aspekt herauszugreifen, harmoniert alles einfach gut. Was Marshall allerdings an der Gitarre hinlegt, ist atemberaubend. Dichte, atmosphärische Wände, aber vor allem immer wieder majestätische Riffs, die vor Schönheit, Melancholie und Emotionalität nur so strotzen. Insbesondere das Schlussriff von „Hearth“ hat es mir dabei angetan. Beim ersten Hören trieb es mir die Tränen in die Augen, einfach wow. Mehr kann ich dazu wirklich nicht sagen. Am besten trifft es der bereits erwähnte Austin Lunn: „They are the band I have been waiting to hear for years and years“ - mit dem Zusatz: obwohl ich es gar nicht wusste. Dass jeder der fünf Songs über zehn Minuten geht, das Album insgesamt 56 Minuten Spielzeit aufweist, verfliegt angesichts der Stimmigkeit. Wenn die Länge der Songs im zweistelligen Bereich ist und trotzdem als kurz wahrgenommen wird, dann ist das ein Qualitätsmerkmal. Dabei funktionieren die fünf Songs als Einzelstücke ebenso imposant wie als Gesamtwerk, erzeugen alleinstehend oder zusammen tolle Bilder, Eindrücke, Emotionen. Was Guardians scheinbar mühelos gelingt: Jede einzelne Sekunde ist auf einem konstant unfassbar hohen Niveau, versucht sich zu übertrumpfen und führt zu einem Meisterwerk nach dem anderen.

Was mich hier zudem persönlich sehr freut: Bisher waren es meist die Drittwerke einer Band, die mich am meisten enttäuschten - „Guardians“, für das ich sehr hohe Erwartungen hatte, ist davon allerdings weit entfernt.

Man hat es wohl gemerkt: Das ist weniger ein Review als eine Liebeserklärung. Nicht ohne Grund. Das Album alleine macht Fernweh auf Schottland. Es gibt nicht viele Musiker, die ein solches Album nahezu alleine auf die Beine stellen können, mir fallen da maximal eine Handvoll ein. Andy Marshall ist definitiv einer davon. Hört auf jeden Fall rein, ob auf Youtube oder Bandcamp, zweifellos (und nach dem Review wohl auch wenig überraschend) mein heißer Kandidat auf Album des Jahres. Manchmal braucht es tatsächlich nicht viel zum Glück: ein Glas Scotch und Saor reichen vollkommen aus.

 

Bewertung: 10/10 Punkten

Tracklist:

01 Guardians
02 The Declaration
03 Autumn Rain
04 Hearth
05 Tears of a Nation

Gastmusiker:

Bryan Hamilton (Cnoc An Tursa) – Schlagzeug
John Becker (Austaras) – Streicher
Meri Tadić  (Ex-Eluveitie, Irij) – Geige (Songs 01 & 04)
Reni McDonald Hill – Bodhrán (Song 02)
Kevin Murphy – Sackpfeife


Weitere Informationen

  • Band: Saor
  • Album Titel: Guardians
  • Erscheinungsdatum: 11. November 2016
  • Fazit: Das ist weniger ein Review als eine Liebeserklärung. Nicht ohne Grund. Das Album alleine macht Fernweh auf Schottland. Es gibt nicht viele Musiker, die ein solches Album nahezu alleine auf die Beine stellen können, mir fallen da maximal eine Handvoll ein. Andy Marshall ist definitiv einer davon. Hört auf jeden Fall rein, ob auf Youtube oder Bandcamp, zweifellos (und nach dem Review wohl auch wenig überraschend) mein heißer Kandidat auf Album des Jahres. Manchmal braucht es tatsächlich nicht viel zum Glück: ein Glas Scotch und Saor reichen vollkommen aus.
Gelesen 1509 mal Letzte Änderung am Montag, 12 Dezember 2016 12:01

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