Sonntag, 12 Juni 2016 10:26

Cairiss - Fall

geschrieben von
Artikel bewerten
(4 Stimmen)
Fall Fall Cairiss

Kennt ihr das, wenn ihr beim Durchstöbern von Youtube plötzlich auf einen Song trefft und nach dem Hören einfach vollkommen weggeblasen in eurem Stuhl sitzt und sicher seid: Ich hab ein Juwel gefunden. So erging es mir 2014, als ich den Demo-Track „Disgraced“ der jungen britischen Post-Black-Metal-Band CAIRISS hörte. Seitdem hält mich der Song gefangen. Die Band hat innerhalb dieser zwei Jahre immer wieder davon gesprochen, dass eine EP in Arbeit sei. Alle paar Wochen spielte der Song auf meinem Handy oder meinem Laptop, alle paar Wochen hoffnungsvoll die Facebook-Seite der Band gecheckt – es schien, als sei die EP irgendwo auf der Strecke geblieben. Umso größer die Freude, als Mitte April plötzlich die Mitteilung kam: Die EP kommt!

Also das Ding gekauft, runter geladen und angehört. So viel Vorfreude auf ein paar Musikstücke hatte ich lange nicht mehr. Gleichzeitig war ich mir natürlich eines Problems bewusst: „Disgraced“ - einer der drei Songs der EP „Fall“ - wurde von mir hochstilisiert, meine Erwartungen waren verdammt hoch. Entschuldigt die lange Vorgeschichte, doch für mich sind Cairiss kein normales Musikprojekt, sondern vielmehr eine Sehnsucht, die nach zwei Jahren erfüllt wurde.

Kommen wir aber (endlich, ich weiß) zur Musik. Drei Songs, 30 Minuten Spielzeit, mehr als ordentlich für eine EP. Den Anfang macht „For The Lives He Stole“. Ein schwerer, melancholischer Gitarrenbeginn, der sehnsuchtsvoll und ruhig in die EP einführt und nach 70 Sekunden dann ebenso schwer und melancholisch an Härte gewinnt. Nach rund zwei Minuten nimmt der Song dann Tempo auf und groovt sich im Midtempo ein, unterstützt vom Freya-Jane Browns klarem Soprangesang. Was, Soprangesang und Black Metal? Nun, die Band nutzt die Einordnung Black Metal sehr weitläufig, der Großteil ihrer Musik lässt sich schwer in eine Schublade stecken und erinnert mich häufig an die Norwegerin Sylvaine oder französische Sheogaze/BM-Bands wie Alcest oder Les Discrets.

Aber zurück zu Freya-Janes Gesang: Die Frontdame gehört stimmlich zweifellos zum Besten, was ich bisher im Metal gehört habe. Freya-Jane kann sowohl teuflisch gut und voller Ausdrucksstärke screamen, stellt aber in den Großteilen der Songs vor allem ihre hervorragende, volle Sopranstimme unter Beweis. Das Feld an Ton- und Stimmungslagen, die Freya-Jane auf den drei Songs abdeckt, ist beeindruckend. Allgemein wirkt der Gesang, ob klar oder nicht, absichtlich ein wenig entrückt und steht mit der Musik stärker auf einer Stufe, bildet einen musikalischen Gesamtkörper, wo instrumentale und gesangliche Parts zusammengehören.

Die 2013 in Southhampton gegründete Band überzeugt nicht nur durch gute Songtexte, sondern vor allem durch ergreifende Stimmung, eine starke Vokalistin und einer außergewöhnlichen Konzeption. Jede Menge Tempowechsel sorgen für Variabilität innerhalb der Musik, gleichzeitig verliert das Quintett nie den Faden. Das Gitarrenspiel von Martin Williams (Ex-Saturnian, Ex-Sferic, Ex-Aklash, Ex-Dystopiate) und Ethan Bishop wirkt technisch fehlerfrei, ist jedoch oft simpel gehalten. Gleichzeitig verstärkt es dann aber die Wirkung eines Solos, wie es gegen Ende von „For The Lives He Stole“ anzutreffen ist. Versteht mich nicht falsch: Die Instrumentierung auf der EP ist extrem gut gelungen, keines der Instrumente sticht jedoch heraus (auch das Keyboard glücklicherweise nicht!) oder stellt sich im Rahmen der Musik in den Vordergrund. Harmonie ist hier das Stichwort.

Jeder der drei Songs hat in dem stimmigen Gesamtkonzept der EP seine eigene Aufgabe und Wirkung. Während der einleitende Song ein gebündeltes Paket des gesamten Könnens der Band darstellt, ist „Disgraced“ düsterer und emotionaler. Der abschließende Titeltrack „Fall“, der von ruhigem Gitarrenspiel und fast schon flüsterndem Klargesang geprägt ist, schließt die EP atmosphärisch ab.

Nach dem ersten Hören war ich definitiv erleichtert. Das Warten war nicht umsonst, die EP gefällt. In den gut 20 Durchläufen, die ich seitdem hinter mir habe, konnte ich mit jedem Mal feststellen, wie gut das Debüt der Briten ist. Jeder Song besticht zuerst unbemerkt durch eine hohe Komplexität, jeder Durchlauf lässt neue Details erkennen.

Cairiss sind zweifellos ein Untergrund-Juwel. Was ein Demo-Song auf Youtube vor zwei Jahren an Potenzial angedeutet hat, wurde durch die EP und zwei weitere Songs verdeutlicht. Bereits jetzt bewegen sich die Briten auf hohem Niveau und liefern komplexe, harmonische und einfach stimmige Musik ab, die nicht wirklich in eine Schublade passt. Eine wundervolle Stimme rundet das Ganze ab. Ihr merkt schon, ich hätte noch viele weitere lobende Worte in petto, aber kurz und bündig: Hört euch die EP an, am besten mehrfach. Ich bin gespannt auf kommende Werke.

Bewertung: 9/10 Punkten

Tracklist:

01 For The Lives He Stole
02 Disgraced
03 Fall

Weitere Informationen

  • Band: Cairiss
  • Album Titel: Fall
  • Erscheinungsdatum: 06.06.2016
  • Fazit: Bereits jetzt bewegen sich die Briten auf hohem Niveau und liefern komplexe, harmonische und einfach stimmige Musik ab, die nicht wirklich in eine Schublade passt. Eine wundervolle Stimme rundet das Ganze ab. Ihr merkt schon, ich hätte noch viele weitere lobende Worte in petto, aber kurz und bündig: Hört euch die EP an, am besten mehrfach. Ich bin gespannt auf kommende Werke.
Gelesen 1289 mal Letzte Änderung am Sonntag, 12 Juni 2016 10:34

Medien

Disgraced (Demo) Cairiss