01.-02.08.2025 - Zappenduster Festival 2025, Sputnikhalle Münster + Misþyrming + Chaos Invocation + Yoth Iria +++
Review

01.-02.08.2025 - Zappenduster Festival 2025, Sputnikhalle Münster + Misþyrming + Chaos Invocation + Yoth Iria +++

Nach den erfolgreichen Editionen der vergangenen Jahre ging es auch dieses Jahr wieder mit dem Haus- und Hof-Open Air von Black Silence Productions im schönen Münster weiter - long Story kurz: Am 1. und 2. August ward es in der Friedensstadt wieder „Zappenduster“ und die Sputnikhalle erneut Schauplatz eines der stärksten Live-Events im Westen Deutschlands, auch wenn es zunächst in den Wochen vor dem Event einen Wermutstropfen gab..

  • von Haimaxia
  • 19.11.2025

Zappenduster fürs zappenduster?

Es gibt Festivals, die finden einfach statt und alle Mechanismen der Promo- und Vorverkaufsmaschinerie laufen routiniert und geschmiert ab. Und dann gibt es solche, die trotzdem stattfinden. Das Zappenduster 2025 gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie, war doch die Geschichte dieses Wochenendes lange vor dem ersten angeschlagenen Akkord holprig: mit einer finanziellen Schieflage, die bedrückend ehrlich kommuniziert wurde, und dieser fast demütig wirkenden Erkenntnis, dass Leidenschaft alleine eben nicht die Stromrechnung bezahlt. Black Silence Productions stand davor, ein Festival sterben zu lassen, das sich über Jahre hinweg in die Seelenlandschaften von Fans und Bands gefressen hatte.

Dass ausgerechnet ein Mix aus Kulturförderkrediten, kollektiver Spendenbereitschaft und der stummen Wut einer Szene, die sich nicht wegsubventionieren lassen will, dieses Ding rettete, verlieh dem Event jene unterschwellige Spannung, die man sonst nur von Konzerten kennt, bei denen der Proberaum noch nach ungelüfteter Verzweiflung riecht. Ein unterschwelliger Ton von "wir machen es möglich, gemeinsam", der von Anfang an im Beton der Sputnikhalle steckte.

Ein Event mit Durchhaltevermögen und Feuer in der Seele

Black Silence Productions schob also -against all odds- auf zwei Bühnen (in- und outdoor) an diesem ersten Augustwochenende die geplanten insgesamt 16 Bands in die Ohren - mit einem herausragenden, wohlkuratierten Lineup, bei dem man sich schon die Frage stellen muss, warum das Event überhaupt beim Vorverkauf zu strugglen hatte - liegt es daran, dass Anfang August so viele Szenegänger lieber zum Itzehoer Acker gepilgert waren? Ist es die allgemeine Eventdichte im Hochsommer oder war es der Ticketpreis, der fair und angemessen, aber eben doch nicht gering ausfiel? Die bloße Tatsache, dass Sommerfestivals für viele gleichbedeutend mit Camping sind, was in der Münsteraner Innenstadt im Hawerkamp-Komplex schlicht nicht möglich ist, und man auf öffentliche Verkehrsmittel bzw. Hotels/Airbnbs angewiesen ist?

Das Wetter an dem Wochenende ließ für den August leider zu wünschen übrig und man fühlte sich fast an eine vergangene Ausgabe des Festivals erinnert, bei dem das geplante Open Air in Gänze auf die Innenbühne verlegt wurde - der Regen ließ die Pfützen im Sputnik-Innenhof mitunter größer und größer werden, aber Sturm und Wassermassen blieben aus. Zwischendurch gab es durchaus auch mal Sonne. Münster Anfang August: Kein wirkliches Sommer-Feeling, sondern eine Serie von grauem Gemurmel, Nieselregen, Windzügen, die mal über die Asphaltplatten, mal über die Nacken der Besucher fuhren. Für andere Festivals ein Störfaktor, fürs Zappenduster mit wechselndem Bühnenprogramm -mal drinnen, mal draußen- kein Problem. Und mal ehrlich: Diese Musik braucht keine Sonne - das Wetter umrahmte das Bühnenbild. Das Durchhaltevermögen sollte sich auszahlen, das Feuer, welches das Event umsäumt wird so schnell nicht ausgehen.

Aufgeladene Stimmung am Hawerkamp: Tag 1 / Freitag

Die Sputnikhalle samt Appellhof füllte sich Freitag nach und nach, als das Programm gegen 15 Uhr begann. Unser Team schaute sich zuvor schon die neue Merch-Halle an, welche man bisher noch auf keinem Event an selbiger Location zu Gesicht bekam - immerhin entlastete man so das Sputnik-Café, welches im vergangenen Jahr als ein Backstage-Bereich und Merch-Lädchen fungierte - so erhielt das Gelände einen zusätzlichen, fast rituellen Knotenpunkt. Händler wie Apes of Doom wirkten dort weniger wie Verkäufer und mehr wie Archivare des Abseitigen. Zwischen Vinyl, Shirts und Kunst lag der Geruch des „Wenn wir nicht aufpassen, verschwindet das alles irgendwann“. Das Festival-Artwork war ebenfalls in diesem Jahr herausragend schön, wie wir einhellig befanden: typisch Zappenduster, düster, aber nicht kitschig; abstrakt, aber nicht beliebig; mehr Reibung als Dekoration. Es war in dieser Weise ehrlich, wie man es im Underground erwartet: lieber kantig als gefällig. 

Die Hauptbühne draußen war diesmal keine zusätzliche Bühnenbaute wie noch im letzten Jahr, sondern man nutzte die pflanzenumrankte bestehende Infrastruktur für die Bühne, was einfach seinen eigenen Charme hat - und die Sonne, die zwischendurch ja schon da war, schien nicht direkt auf die Künstlerinnen und Künstler auf der Stage, sondern prangte hinter ihnen und ließ, so wie es am Samstag beim Naxen-Auftritt schön zur Geltung kam, den Regen auf dem Bühnendach verdunsten und schenkte dem atmosphärischen, intensiven Auftritt eine schöne Facette.

Erste Wunden & Wunderlichkeiten

Spielten Ultima Necat noch vor vielen Regenschirm-bewaffneten Fans eine solide Auftakt-Show, machten Horresque drinnen im Anschluss ihre Waffen scharf: Die Band, die noch immer auf den Lobeswellen ihres Album-Doppels "Chasms Pt. I" (2020) und "Chasms Pt. II" (2024) surft, legte ordentlich die Messlatte hoch. Bands wie Chaos Invocation mit ihrem jähzornigen und okkulten Touch und Songs wie "Beyond Coming", sowie Rope Sect, im Gegensatz dazu eher ruhiger und beinahe einlullender, waren große Highlights. Der Indoor-Sound war dichter als in den Vorjahren, fast unheimlich gut — was viele auch bemerkten. Der Freitag fühlte sich dadurch nach einer Bestandsaufnahme an. „Wir sind da. Wir leben noch.“

Chaos Invocation / Anna Apostata

Zwischen Apathie und Wahnsinn

Dann Yoth Iria.

Ein Set, das weniger ein Konzert war und eher etwas, das man erlebt und schwer wieder loswird. Der Sänger irrte wie eine ruhelose Gestalt über die Bühne, mal starrend, mal in sich versunken, mal wie ein Schamane, der vergessen hat, an welcher Stelle des Rituals er sich befindet. Das Hinhocken im Schneidersitz, die Kerze, die er mit andächtiger Mimik anbetete, die Momente der Ruhe und des schlichten Starrens ins Publikum — es schwankte zwischen performativer Geste und echter Trance. Und dennoch: Es kippte nie ins Lächerliche. Es war weird, ja — aber ehrlich weird. So wanderte Sänger Merkaal, alias Orestis Oikonomopoulos am Rand der Bühne umher, sprang mitunter ins Publikum, warf sich gar selbst solidarisch mit den klatschnassen Fans in die Pfützen und rutschte auch einmal wegen der Nässe auf den Speakern selbst beim Umherwandern aus - für die einen Rumgehample, für die anderen geniales Method Acting.

Und als die Band die Rotting Christ-erprobten Stücke anriss, vibrierte die Atmosphäre wie in einem Raum, in dem kollektive Erinnerungen aufsteigen. Gerade ein "Non Serviam" knallte ordentlich rein - auch wenn man schon die Frage stellen muss, ob es gut ist, wenn gerade die Stücke aus alten Zeiten so gut sind und nicht das Neuwerk. Dennoch: Diesen Auftritt muss man erlebt haben.

Yoth Iria / Anna Apostata

Freitags bekamen wir weiterhin noch Ghost Bath zu hören - nachdem die Ukrainer White Ward erneut absagen mussten, konnten die Veranstalter mit den US-Amerikanern mehr als würdigen Ersatz ans Land holen. Auch wenn der DSBM-Sound nicht jedem schmeckte und die Band wohl ihren Zenit "Moon Lover" mit den nachfolgenden Alben nie mehr toppen konnte - das war ohne Frage stark. Das Finale mit Inter Arma konnte leider nicht so überzeugen - zwar gab es nochmal ordentlich Futter für alle Death Metal-Enthusiasten, aber der frickelige, chaotische Tech-Death-Sound der Truppe holte dann nicht mehr alle ab und die Halle wurde leerer. Schön jedoch, dass auch mal andere Genre-Schären angefahren werden, auch wenn sie nach den Performances der übrigen Bands wie ein Fremdkörper daherkamen, der sich durch die Erwartungshaltung frisst. Hochkomplex, technisch brillant, aber stimmungsmäßig wie ein plötzlich eingewechselter Spieler, der ein anderes Regelwerk gelernt hat. Für manche ein Hochgenuss, für viele ein Störgeräusch. Der Underground hat jedoch Platz für beides.

Der Kampf geht weiter: Tag 2 / Samstag

Samstags wurde es dann grundsätzlich etwas namhafter: so waren neben Dödsrit, die unangekündigterweise am Abend direkt nach ihrer Performance eine Special-Gudsforladt-Show in petto hatten, und Misþyrming am Start, supportet von Imperial Triumphant und Los Males Del Mundo.

Gerade aber die beiden eröffnenden Bands sollen nicht unerwähnt bleiben: Deathless Void gruben sich durch den gesamten Körper und rüttelten direkt alle wach, die nach kurzer Nacht noch die Müdigkeit in ihren Knochen verspürten. Undergrounded sieht es als seine Verantwortung, alle Leserinnen und Leser mal mit der Nase auf ihr Debüt-Album "The Voluptuous Fire of Sin" von 2024 zu stoßen - ein Hochgenuss, sowohl auf Platte, als auch live. Die noch wesentlich unbekannteren Servant aus dem Hause AOP Records konnten sich auch 2024 mit ihrem Album "Death Devil Magick" profilieren und ihr Auftritt ist auch kurzerhand in Gänze auf unseren Youtube-Channel gewandert. 

Deathless Void / Anna Apostata

Von Neuentdeckungen und orchestriertem Chaos

Konnten Naxen mit ihren Song-Kolossen zum durchs Wolkendickicht brechenden Sonnenschein verzaubern (by the way: Simon Wiedenhöft, Hauptveranstalter und Kopf hinter Black Silence Productions war hier ebenfalls auf der Bühne zu sehen), drohte die aberwitzige Überraschung aber im Innern der Sputnikhalle: Ondfødt. Roh, fokussiert, keinerlei Füllmaterial. Diese Art von Auftritt, nach dem man sich fragt, warum diese Band bisher nicht größer ist - oder jedenfalls, warum sie bisher noch nicht auf dem eigenen Radar aufgetaucht ist, wo man sich doch selbst stets als Tümmler im großen weiten Ozean des Undergrounds wähnt. Mit ihrer neuen Platte "Dimsvall", im Mai diesen Jahres bei Eisenwald erschienen, dürften die Finnen (ja, trotz schwedischen Bandnamens) wohl noch die ein oder andere AOTY-Topliste füllen. Starke Neuentdeckung! Eine melancholisch flackernde Wucht, wie sie die uns schon seit dem Party.San 2024 hochgeschätzten Los Males Del Mundo abfeuerten, war dagegen schlicht solide - die Show der Spanier wirkte jedoch besonders im seichten Regenschauer und einbrechendem Abendlicht wie die Vertonung eines stillen Weltuntergangs.

Imperial Triumphant aus den USA stellten das komplette Kontrastprogramm. Jazzige Dissonanz, goldene Masken, fraktale Rhythmen.  aManche Zuschauer sahen nach dem Set aus, als bräuchten sie erst einmal fünf Minuten, um wieder linear denken zu können. Die einen feiern das orchestrierte Chaos, die Spielfreude, die Kreativität, die versprühte Dekadenz - die anderen raunen "Brimborium Elephant" und wenden sich gelangweilt ab. Ein Beispiel, wie Avantgarde auf härteren Festivals funktioniert: Nicht als standardisierter Konsum, sondern als provokante Zumutung. Ihr neues Album "Goldstar" jedoch prangt sogar in mainstreamigeren Gefilden als Jahres-Highlight. Wer keine Lust auf Feuerwerk aus Trompeten, Sektkorken und musikalische Experimente hat, nimmt einen gewaltigen Satz zurück - der Rest strahlte bis über beide Ohren. 

Isländische Autorität & ein Special zum Finale

Wenn Misþyrming eine Bühne betreten, verändert sich die Luft und alles wird still im Publikum. Die isländische Melancholie, welche schon alleine durch Sprache und Abgelgenheit deutlich macht, die Schärfe der Riffs, die strenge Bühnenpräsenz — hier geschah kein Konzert, sondern ein Angriff mit chirurgischer Präzision. Selbst der Regen schien kurz aus Respekt innezuhalten. Immer wieder sehenswert dürfte es kaum verwundern, dass man in Sachen extremer Musik von der Insel aus Feuer und Eis nicht an dieser Band vorbeikommt. Tageshöhepunkt - easily.

Nachdem zum Finale Dödsrit bestehend aus Musikern aus den Niederlanden und aus Schweden ihr Song-Feuerwerk mit Stücken ihres 2024er Drittlings "Nocturnal Will" abgefeiert hatten, staunte man nicht schlecht - diejenigen, die nicht bereits selig nach den Isländern das Gelände verlassen hatten, wurden noch mit einem besonderen weiteren Gig beschenkt: Da Dödsrit zu diesem Zeitpunkt mit dem Projekt Gudsforladt tourten und auch im Live-Ensemble aushalfen, holte die Band kurzerhand den US-Amerikaner David Meredith auf die Bühne, der sonst allein seine Musik schmiedet - und so gab es noch einmal unverhofft ein paar Songs aus der mittellterlich angehauchten Sagenwelt und vom Album "Friendship, Love and War" von 2022 zu hören. Eine schöne Überraschung - und zwar eine solche, wo man ehrlich fragen darf, ob diese überhaupt mit den Veranstaltern abgestimmt wurde, so spontan wirkte dieses Unterfangen.

Die Summe aller Teile – mehr als ein Festival

Was das Zappenduster in diesem Jahr besonders machte, war natürlich einerseits das hochkarätige Programm, bei dem es neben Geschmacksfragen im Grunde nur starke Performances gab - aber auch Folgende: Alles wirkte etwas griffiger. Die Gespräche, die Verbindungen, der Blickkontakt zwischen Fremden, das Gefühl, gemeinsam etwas zu supporten. Haften blieben auch Kleinigkeiten, die den Geist dieser Ausgabe ausmachten: Das fast rührende Improvisationstalent der Crew und die gute Orga (Gruß an Manuel, der wieder Simons rechte Hand bildete), die faire Preisgestaltung in Zeiten, in denen manche Festivals ihre Besucher melken ohne Ende - sowie das Gefühl, dass jede Band, selbst die kleinste, Teil eines größeren Unterfangens war. Das Zappenduster 2025 war ein Festival, das überlebt hat, und genau deshalb so scharfkantig strahlte.

Es war ein Statement:
Dass Subkultur, wenn sie fallen sollte, zumindest kämpfend fällt.
Und dass sie, wenn sie getragen wird, stärker aus der Dunkelheit zurückkommt, als sie hineingegangen ist.

Wir hörten bereits, dass neben der Wintermelodei im Dezember auch schon das Zappenduster 2026 geritzt ist. Wir sind gespannt und empfehlen das Event uneingeschränkt! 

Soo schön die Rettungsaktion war — sie kann aber nicht in die Zukunft führen. Kulturförderkredite sind eben genau das: Kredite. Und kurzfristige Spendenaktionen sind Flickwerk, keine nachhaltige Geschäftsstrategie. Die Szene steht vor strukturellen Fragen: Wie stabilisieren wir Orte, wie Events, die die Subkultur tragen? Welche Fördermodelle sind realistisch? Black Silence Productions zeigte, was möglich ist, wenn viele Hände anpacken — aber es zeigte auch, wie fragil dieser Möglichkeitsraum ist.

Fotos: Anna Apostata

Bericht: Haimaxia

Bewertung
Haimaxia

He whispers, when the demons come. Do you make peace with them or do you become one of them?

+