Samstag, 19 Oktober 2019 16:53

UNTER DEM RADAR - APHONIC THRENODY (FUNERAL DOOM/DEATH METAL)

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Aphonic Threnody? Nie gehört. Die international bunt zusammengemischte, schwermütige Doom-Kombo wartete 2014 erst mit ihrem ersten Longplayer auf, nach einzelnen Splits und EPs. Wie die Mitglieder aus Großbritannien, Italien, und Chile, zeitweise sogar aus Belgien und Ungarn, überhaupt über lange Strecken ohne Komplikationen zusammenarbeiten können, sei zunächst einmal dahingestellt – jedoch ist "When Death Comes" ein monumentales Zeugnis dafür, dass ihr Co-Working nicht bloß funktioniert, sondern einen wahren Über-Kataklysmus produziert hat. Klar, dass wir der Anhängerschaft des Doom Metals gerne diese herausragende Band in unserer Rubrik "Unter dem Radar" vorstellen wollen.

2012 gegründet von den zwei italienisch-britischen Musikern Riccardo Veronese am Bass und an der Gitarre und Roberto Mura an den Vocals trat das Projekt Aphonic Threnody zum ersten Mal mit ihrer 2013er EP "First Funeral" in Erscheinung, damals u.a. mit dem ungarischen Cellisten Ábel Libisch und dem griechischen Keyboarder Kostas Panagiotou. Nach zwei Splits mit der georgischen Doom Metal-Band Ennui und dem deutschen Ein-Mann-Projekt Frowning erschien ihr starkes Erstlingswerk, um das es in unserer Rezension gehen soll. Auch das 2017 Folge-Album "Of Loss & Grief" sei dem geneigten Doom-Verehrer ans Herz gelegt. 

Der im Nachhinein zur Band hinzugetretene Chilene Juan Escobar hatte zunächst noch lediglich Keyboard- und Piano-Sounds beigetragen, aber im Anschluss an den letzten Longplayer auch das Vocal-Amt von Roberto Mura übernommen. Über Frühjahr und Sommer wurde auch bekannt, dass das Konglomerat auf Hochtouren an ihrem dritten Album "The Great Hatred" arbeitet, welches via Transcending Obscurity (u.a. Jupiterian, Marasmus, Soothsayer) noch 2019 erscheinen soll.

Stilistisch geht es bei Aphonic Threnody mal in der klassischen Tradition des Doom Metal zu, mal brechen aber auch Elemente des Death Metal hervor - dabei baut die Band eines besondere, beklemmende, bohrende Atmosphäre auf, die es schlicht in sich hat. Das ist die Art Doom Metal, die das Herz einfängt und es in die Hölle hinabzerrt. Ihr werdet schon sehen!

Aktuelle Besetzung

Riccardo Veronese - Guitars, Bass

Juan Escobar - Keyboards/Piano, Vocals

Justin Buller - Guitars

Regular Guests:

Kostas Panagiotou - Keyboards/Piano

Ábel Libisch - Cello

Val Atra Niteris - Drums

Diskographie

2012 - First Funeral (EP)

2014 - Immortal in Death (Split /w Ennui)

2014 - Of Graves, Of Worms, and Epitaph (Split /w Frowning)

2014 - When Death Comes (Album)

2015 - Of Poison and Grief (Four Litanies for the Deceased) (4-Way Split /w The Blessed Hellbrigade, Y'ha-nthlei, In Lacrimaes et Dolor)

2017 - Of Loss & Grief (Album)

2019 - The Great Hatred

Review zu "When Death Comes"

Schleppend träge Basseinlagen zu Orgelklängen, die dem ganzen tatsächlich das Brandmal „Begräbnisdoom“ einbrennen, erklingen zu typischen Growl- & Grunt-Gesängen, während eine melodische Leadgitarre schöne, langsame Rhythmen vorexerziert: Der Beginn der Debüt-Platte einer hammermäßigen Band wie Aphonic Threnody allein ruft schon Gänsehaut hervor. Die Atmosphäre wirkt tatsächlich wie ein einziges, schwermütiges Wehklagen, ein Lamento über Tod und Vergänglichkeit. Zeitlupentempo zu Tastenspiel von Piano und Keyboard, hier und da ein Death Metal-reifer Hochpunkt. Schon „The Ghost’s Song“ mit seinem repetitiven Riffing leiht den ersten Minuten einen kraftvollen Sog, der den Hörer gleich bannen kann. Dann cleaner Chorgesang, wie ein Duett mit der tiefen Gurgel des damaligen Sängers, des Sardiniers Roberto Mura.

Lead- und Rhythmus-Gitarren verschmelzen nun bei „The Children’s Sleep“, hervorstechend jetzt von den flankierenden Reststücken. Passend und durchdacht basteln Aphonic Threnody hier ein Konstrukt zusammen, das auf einer windumwehten Gletscherspitze zu thronen scheint, bevor dieser brachial zerbricht und ins Tal herabfließt. „Our Way To The Ground“ dreht in Relation zum vorher Gehörten sogar noch einmal richtig in Tempo und Kraft auf, beginnt mit einsamen Piano-Passagen, stapelt dann aber progressiv alles gemeinsam Erklingende aufeinander und wiegelt sich zu einer stimmungsvollen, ganz und gar epischen Katastrophe auf. Stark. Und mir entgleitet auch ein anerkennendes „Chapeau“.

Schwierig wird es vor allem dann, wenn man die Pilger von Aphonic Threnody mit anderen Schaffenden vergleichen möchte. Ja, ähnliche Vibes schlagen auch andere Bands des Genres an. Die melancholisch-okkulte Facette in den Liedern mutet stellenweise gewiss wie ein Stück der Finnen von Profetus an, und das permanent aus den Lautsprechern kriechende Leiden in der Stimme erinnert doch deutlich an die neuen Platten der Kieler Truppe Ophis. Nichtsdestotrotz sind Verwandtschaftsbezüge in Klang und Habit hier eher unangebracht. „When Death Comes“ ist originell, mutet aber trotzdem stellenweise wie bereits Gehörtes an. Garniert mit einem Streusel aus urgeschöpften Passagen, die wirklich Beklemmungen hervorrufen können. 

Wer mit dem dehnbaren Doom-Genre nicht viel anfangen kann, ist bei Aphonic Threnody klar fehl am Platz. Bereits der 18-Minuten-Gigas „Death Obsession“ beispielsweise stellt den Geduldsfaden eines jeden Aufmerksamkeitsdefizitären auf eine schier endlose Zerreißprobe und ist gewiss nicht gemacht für Konsumenten klarer, einfacher Liedstrukturen à la Strophe-Refrain-Strophe-Refrain. Die Scheibe „When Death Comes“ kleidet sich in grauer Tristesse, kargen Landschaftsbildern und einer gewaltigen Traurigkeit, die beim Hören unentwegt mitschwingt. Fünf ewig lange Arrangement-Songs, alle mit deutlich über 10 Minuten Laufzeit, fügen sich zum Gesamtwerk von knapp über einer Stunde Länge zusammen. Ihre Stilistik ist zäh, dickflüssig und dissonant – das wiederum charakterisiert den Sound von Aphonic Threnody, zu deutsch etwa „missklangliches Klagelied“. Doom Metal von Herrschaften, die sich auskennen,  mit Elementen, die allerdings weder neu noch frisch daherkommen, eher müde und matt, was aber bei diesem Genre kein Wunder ist. Und dennoch: Eine merkwürdige Harmonie schafft die Truppe hier in einem Musikgefilde, das sonst wirklich eher nicht zusammenklingend und verworren tönend auftritt. Die Band hat hier mit ihrem Erstling einen soliden Fels aus dem Gestein geschliffen, veredelt mit hörenswerten Passagen, bei denen man die Augen schließen mag und sich erschießen lassen will vom sachte penetrierenden Silberkugelprojektil der allmählich sich aufrichtenden Liedkolosse. Ein depressiver Soundtrack, fürwahr. Selten hatte man das Gefühl, nicht ein Album zu hören, sondern eine Erfahrung zu teilen. "Ein Geist ist eine Emotion, ausgebogen aus jeglicher Form, verdammt sich selbst zu wiederholen, für alle Zeit."

Tracklist:

01. The Ghost’s Song

02. Death Obsession

03. Dementia

04. The Children’s Sleep

05. Our Way To The Ground

Weitere Informationen

Gelesen 519 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 23 Oktober 2019 04:45
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

The Children's Sleep Aphonic Threnody / When Death Comes / Doomentia Records

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