Samstag, 11 Juli 2020 15:28

Unter dem Radar - Sekoria (Melodic Black Metal)

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Wenn man den Black Metal-Underground in Nordrhein-Westfalen nach neuen Formationen durchforstet, werden die Jünger der Musiksparte allerorts die Namen gleich mehrerer aufstrebender BM-Combos raunen, die sich in den vergangenen Jahren einen kleinen, aber feinen Kult um sich aufgebaut haben: Darunter auch Sekoria, die seit 2010 ihre finstere Musik schmieden und immer mal wieder Live-Auftritte im Vorprogramm größerer Namen verzeichnen können. Wir wissen bereits, dass die Band neues Material in der Pipeline hat und es bald ein neues Album geben wird - zu diesem Anlass besprechen wir Sekoria in unserer Rubrik Unter dem Radar.

Aus dem Kader des Wolfsburger Klein-Labels Kernkraftritter Records (bisher überwiegend stark im Death Metal-Newcomer-Bereich, u.a. Inquiring Blood, Kinnara, Scarnival) veröffentlichte das Quartett aus Wenden und Kreuztal in NRW nach einer auf 2009 datierten Demo und ihrem 2012er Independent-Debüt "Iter Stellarum" im Herbst 2015 ihr jüngstes Werk "Im Reich der Schatten". Im Dezember 2019 stellten Sekoria ihr aktuellstes Lebenszeichen in Form des Brecher-Songs "Todgeweihter" vor, welcher als Vorbote eines neuen Opus gilt.

Vor 2013 bestand das Ensemble aus Tobias Forneberg (Bass, Vocals), Felix Piroth (Guitars, Vocals), Mathias Tröster (Drums) und André Schitz (Guitars), ehe Letzterer die Band verließ und durch den bis heute aktiven Matze Markwart ersetzt wurde. Sekorias Black Metal-Triebe sind geprägt von einem pompösen Überschwang, melodischer Epik und symphonischen Klanguntermalungen - damit ist die Band ganz klar in einem Spektrum des Black Metal zu verordnen, der ein wenig "reingewaschener" und "überproduzierter" klingt.   

Aktuelle Besetzung

Tobias Forneberg - Vocals, Bass

Felix Piroth - Vocals, Guitars

Mathias Tröster - Drums

Matze Markwart - Guitars


Diskographie

2009 - Demo (Demo)

2012 - Iter Stellarum (Album)

2015 - Im Reich der Schatten (Album)

2019 - Todgeweihter (Single)

Review zu "Im Reich der Schatten"

Gleich nach dem orchestralen Bombast-Intro „Einbruch der Dunkelheit“ beginnt der Titeltrack, der eben genau die oben genannten Symphonic-Charakteristika verkörpert: Prügelnde Drums, starker, präsenter Gitarren-Einsatz, immer gut nuanciert und unterbrochen oder unterlegt von Orchester-Passagen, alles das in Kombi mit dem „unique“-Gesangsstil von Frontmann und Bassist Tobias Forneberg. Dessen raue Kehlen-Vocals vibrieren irgendwo zwischen klassischem BM-Keifen/-Screamen und einem aber gut verständlichen Shout-Anstrich, die eben dazu führen, dass die Lyrics bedrohlich deutlich, aber auch unbequem bohrend rüberkommen – und das ist eine Schwelle, die eben nicht viele Bruder- und Schwester-Acts schaffen. Während die ungestümen Herren auf dem letzten Album noch zum Teil auf einen Mix aus Englisch und Deutsch in den Texten zurückgegriffen haben, dominiert nun einzig und allein die deutsche Sprache – und die Bilder, die in den Texten gemalt werden, erzählen von Hass, Verzweiflung, der Natur und dem Selbst, stets garniert von orchestralen Untermalungen und anderen Gimmicks.

Bei „Canticum Maris“ (lat. "Liedchen des Meeres") zum Beispiel werden einfach mal Orgel- & Akkordeon-Klänge untergebracht, die aber auch zum Seemanns-Touch (hier bitte keinen Santiano-Folk-Shanty im Kopf haben, sondern ein sturmgegerbtes und aufwühlendes BM-Crescendo) des Liedes passen – apokalyptisch wird das Meer hier als „Vernichter der Harmonie“ besungen. Wieder positiver kommt da „Der Sturm, den ich rief“ vor, der als Lebenshymnus interpretiert werden kann – „zu leben, das heißt zu fühlen frei zu sein“, heißt es hier.  Abwechslungsreiches Spiel mit dem Tempo kennzeichnet einen jeden Song der guten 63 Minuten Spielzeit des Albums, die im Übrigen in gnadenloser Kurzweil vorüberziehen.  Highlights sind definitiv noch „Der Fall“ mit seinem kernigen „Treibend, treibend“-Sog, der unerbittlich mitreißend den ohnehin schon sehr rasanten Song in einen kleinen Orkan wandelt. Dazu tritt ein Blastbeat-Sturm im Refrain-Part, der sich gewaschen hat. „Die Nachtigall“, der auch schon länger im Live-Programm der Jungs herumgeistert und vordergründig (nicht zuletzt ob des zarten und zunächst in eine falsche Richtung lenkenden Titels) eher nach einem ruhigen, ästhetischen Song aussieht, aber nach brutalem Eingangs-Stakkato eine tragische Geschichte vom Scheitern und Suizid erzählt („vom Pech verfolgt, vom Ruhm verlassen // tanzende Schatten, das Herz versteift (…) hört sie singen, die Nachtigall“). Mit dem 8-Minuten-Weltuntergangs-Hünen „Ein letztes Mal“ endet die Platte schließlich und fährt in den letzten Minuten ein Wind-gewogenes Piano-Outro samt Chor und Streichern auf. Ein stimmungsvolles und würdiges Ende.    

Hier wird viel geboten. So viel, dass man ganze Romanseiten füllen könnte, um auf alle Facetten einzugehen. „Im Reich der Schatten“ wird zu einem echten Instrumenten-Brett und bringt mal eben so ein gutes Lehrbeispiel dafür, was das Prädikat „epic“ in der Stil-Beschreibung der Packungsbeilage eigentlich bedeutet: Extrem satte, fast überbordend klare Produktion, ein Gefühl des „Erschlagenseins“ durch die Orchester-Elemente. Im Prinzip wurde das Kochrezept der opernhaften Power Metal-Gestalten da draußen, die ganz genau so ihre Hörerschaft vor eine facettenreiche Klangwand führen und betasten lassen, hier minutiös auf härtere Klänge umgemünzt. So muss man den Stil der vier Mannen hier ja schon wieder etwas feiern für diese Plackerei.  Wer hingegen als kritischer Minusmensch an die Songs von Sekoria herangeht, wird womöglich genau das bemängeln – typischer Black Metal aus der Garage auf Tape aufgezeichnet sieht freilich ganz anders aus. Wer den Jungs Böses will, wird die Texte vielleicht auch als „pathetisches Gewäsch“ abtun, wenigstens stellenweise – richtig aufgesetzt empfindet man die kreierten Atmosphären und Erzählstränge jedoch nur dann, wenn man lyrisch unzugänglichere, schwierigere und verschleierte Inhalte bevorzugt, anstatt eben das Kind beim Namen zu nennen und mal auf poetisch-verpackte Metaphern  zu verzichten. Das ist in etwa so, als ob man Hohlbein-Literatur mit anspruchsvolleren Autoren beim deutschen Buchpreis vergleicht: Die Storys fesseln, aber die Ausführung hakt, wenn der Ausdruck eindimensional für die eine Partei oder zu vielschichtig für die andere wird. Sekorias Stücke sind eben etwas mehr „straight-forward“ und haben einen einfacheren Zugang. So what. Funktioniert. Wuchtig und extrem cool, und definitiv kein Kitsch. Mal schauen, was die Jungs in Zukunft in Petto haben! Mit „Im Reich der Schatten“ schenken sie der deutschen Szene schonmal einen geschliffenen Edelstein, der leider für die Puristen zu stark bearbeitet, für Liebhaber des Melodischen, fett Produzierten aber von immensem Wert sein dürfte.  

Trackliste: 

01. Einbruch der Dunkelheit
02. Im Reich der Schatten
03. Die Nachtigall
04. Ein neuer Weg
05. Wesen der Zeit
06. Canticum Maris
07. Der Sturm, den ich rief
08. Vendetta
09. Der Fall
10. Die vergessene Welt
11. Thron aus Eis
12. Ein letztes Mal

Weitere Informationen

Gelesen 772 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 29 Juli 2020 01:10
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.

Medien

Die Nachtigall Sekoria / Im Reich der Schatten / Kernkraftritter Records

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