Montag, 31 Dezember 2018 16:32

FINALE GEDANKEN ZUM JAHR 2018 - ODER: "DEATH TO FALSE METAL"

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Habt ihr euch schon alle brav eure Euros für die Early Bird-Tickets für das Festival-Jahr 2019 zusammengekratzt? Unschlagbare Rabatte, wer sich jetzt schon für nur 120€ statt den üblichen 170€ aufwärts sein Ticket fürs Summer Breeze oder ähnliche Events einheimst. Aber diese großen Abfertigungsmaschinerien unterstützt man als wahrer Fan des Undergrounds nicht. So ist es doch, oder?

Oder?

2018 ist vorbei und schon wird nach den Adventskalendern mit reichlich Bandbestätigungsfutter der Ticket-Verkaufswahn für den kommenden Annus und die nächste Saison geschürt. Wir denken im kalten Winter aber einmal kurz an unser Jahr 2018, welche Events unsere Redaktion besucht hat und warum wir Undergrounded betreiben und das auch weiterhin tun wollen.

Zurückspulen: Wir erinnern uns kurz an die längst vergangene Zeit zurück, ein jeder von uns, da er oder sie das erste Mal mit seiner favorisierten Strömung des Metals oder den bekanntesten Bands, die es so gibt, in Berührung gekommen ist. Natürlich hat auch jeder von uns zuerst von den allergrößten Festivals gehört, die jedes Jahr in Deutschland und ganz Europa aufgezogen werden - auch vom Wacken Open Air hört man sicher, wenn man weniger Metal-kundig ist, zu aller Erst. Wenn ja selbst die Tagesschau jedes Jahr Anfang August den Beginn des selbst als solchen deklarierten „Holy Ground“ proklamiert! Und auch Teile unserer Redaktion, mit Leib und Leben Verfechter des Untergrunds und Anfechter der kommerziellen Ausbeutung der Metal-Fans, haben ihre Karrieren in der Musik oder als Musikliebhaber auf dem Acker bei Itzehoe in den frühen 2000ern oder früher begonnen.

Aber was bieten solche Groß-Events eigentlich für den Underground? Denn dieser ist ja nach wie vor laut Marketingmechanismus auf dem Wacken oder dem Breeze vertreten – nicht umsonst laden sich beide Festivals regelmäßig spezielle Gäste ein, über die wir unsererseits regelmäßig bei Club-Konzerten berichten und die wir fördern wollen und für gute Bands halten. Trotzdem verteufeln wir diese Lager-Events. Warum eigentlich?

Da wären zum Einen Dinge, die ziemlich obvious sind und die eigentlich jeder 18-Jährige nach seinem ersten Festival-Exzess auf der Kuhweide hinter Hamburg oder beim Flugplatz Dinkelsbühl (um nur diese zwei als Exempla gratia zu nehmen) bemerkt: Der Ticketpreis ist immens, irrsinnige Laufwege sind zurückzulegen, beinahe den Bands spottende, kürzeste Spielzeiten von 30 Minuten oder (bei technischen Schwierigkeiten / Verzug im Ablauf) weniger, erschreckend teure Essens- und Getränkepreise. Die Liste ist lang. Dazu Schnickschnack, der mit Sicherheit Spaß macht, wenn man besoffen ist, aber eigentlich ziemlicher Kirmestinnef ist, den wir gar nicht erst erwähnen wollen. (Hat sich wirklich jemand die 3D-gedruckten Summer Breeze-Trinkhörner gekauft? Immerhin waren die bei 10€ Preis randvoll gefüllt. Einziger Trost. Danach ist es doch echt peinlich. Auch wenn sie vegan sind und immerhin einen stylishen Breeze-Sticker hatten. *Ironie aus*) Mal ehrlich: Nimmt die jemand zu anderen Festivals mit, ohne Gefahr zu laufen, mit selbigen verhauen zu werden?)

Klar, man kann auch als Fan vom Underground Spaß an Bands haben, die auf der Hauptbühne herumtollen. Unsere Redaktion ist beispielsweise immer noch im Clinch über den steilen Aufstieg von Behemoth, deren Musik vornehmlich abgefeiert wird, deren Status aber mittlerweile doch zumindest diskutabel ist. Man muss Adam Darski auch nicht mögen, um Behemoth zu feiern. Aber mittlerweile sieht man posierende Mädchen mit „The Satanist“-Pulli, die sich zeitgleich auf dem gleichen Event bei Papa Kakerlake (ja, die waren dieses Jahr auch dort) die Seele aus dem Leib kreischen.

So langsam mag es aus dem Text herauszulesen sein: Auch Menschen aus unserem Team waren dieses Jahr beim Summer Breeze. Aber bevor uns Heuchlerei vorgeworfen wird, möchten wir zum eigentlichen Kern dieses Textes kommen: Der Underground ist ja auch bei diesen dämonisierten Groß-Events vertreten und hat seine eingeschworene Hörerschaft auch dort. Man könnte nämlich nicht sagen, dass die Plätze vor den Stages bei Truppen wie den großartigen Auðn, Alcest, Harakiri for the Sky, Attic oder Vreid leer gewesen wären. Im Gegenteil. Wie traurig wären diese Festivals auch, wenn man Kommerz-Hausnummer über Kommerz-Hausnummer einlüde, ohne wenigstens die Chance auf einen Geheimtipp oder eine musikalische Alternative zur Erzfeindin des guten Geschmacks zu haben? Oder zu den ulkig-charmanten, aber eher witzfigürlichen Herren wie Powerwolf, Sabaton oder den unglaublich bösen Amon Amarth?  Man könnte ja fast schon den Veranstaltern vorwerfen, dass sie darum wissen, dass solche Bands natürlich ordentlich die Massen locken, aber auch bei eingefleischten Puristen auf Ablehnung stoßen und polarisieren, und deshalb manche Bands als Alibi auftreten lassen. Aber das ist eine andere These.

Was wir gerne aber zur Diskussion stellen wollen: Darf man als leidenschaftlicher Undergroundler, der seine Kutte voll mit Bands hat, die 75% der Besucher der Großfestivals nicht kennen, überhaupt dahin? Darf eine Band, die sonst vor 30 Leuten im örtlichen Metal-Club auftritt, die Chance, auf dem Wacken Open Air oder dem Summer Breeze zu spielen, wahrnehmen ohne das Gesicht/den Ruf zu verlieren? Bei allem Ärger über diese Großabfertigungs-Veranstaltungen mit ihrem mehr als zweifelhaften Publikum sind wir der Meinung, dass man den Untergrund-Keim auch auf großen Festivitäten unterstützen und akzeptieren sollte - solange sich die Bands dort selbst durch Fleiß und Können hingearbeitet haben und ihre Roots nicht vergessen haben.

Dann ist es bei der Unterstützung aber nicht damit erledigt, sich zwischen Floor Jansen-Gedächtnis-Nightwish und „Eonian“-Ära-Dimmu Borgir mal eine Black Metal-Band aus Norwegen anzugucken, die dieses Jahr kein anderes Festival besucht. Dann muss man auch die Touren in seinem Veranstaltungsort des Vertrauens besuchen, auch mal nen Zwanni für Merch ausgeben und mal kleinere Festivals besuchen. Einfach mal über den Schatten springen und seinen Urlaub nicht fürs Giga-Event verbraten, sondern zum Dark Troll auf die Schweinsburg fahren oder ins Umland von Berlin zum UTBS. Auch wenn man kein Black Metal-Fanatiker ist, gibt es kleine unterstützenswerte Events.

Wir hätten da im kommenden UG-Kalender einige Empfehlungen für euch und sind für euch da.

Danke für eure Aufmerksamkeit – The Underground will never die!

Gelesen 2814 mal Letzte Änderung am Montag, 31 Dezember 2018 16:45
Haimaxia

Impavidi progrediamur - sic itur ad astra.


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