Interview - Dany Reinhardt (Ragnarock Open Air)

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Manchmal führt die Wahl von Festivalnamen zu einiger Konfusion. Mir persönlich war bis vor drei Jahren das Ragnarök in Franken ein Begriff, während mir das Ragnarock, obwohl schon seit mehreren Jahren erfolgreich, unbekannt war. Einer Kontaktherstellung durch unseren Metal-Anwalt und dem folgenden direkten Kontakt mit Veranstalter Dany Reinhardt ist es zu verdanken, dass wir Dany mit ein paar Fragen zum R.O.A löchern können.

UG: Servus Dany! Freibier Parties, kleines Dorf in Hessen, Metal – Das klingt ja erstmal alles sehr untergründig. Erzähl doch noch ein bisschen genauer wie es zu der Entscheidung kam aus dem Partybetrieb langsam ein Festival zu machen?

Dany: Diese Entwicklung war von unserer Seite überhaupt nicht beabsichtigt. Wir haben nicht einmal selbst die Idee gehabt, aus einer Party mit Livemusik ein kleines Underground-Festival zu machen. Es waren vielmehr unsere Gäste, die uns dazu ermutigt haben. Wenn man durch Mundpropaganda und Empfehlungen fast 300 Leute mobilisieren kann, ohne Werbung für die Veranstaltung zu machen – was würde wohl passieren, wenn man das Ganze etwas ernsthafter aufziehen würde…? Gesagt, getan – wir gaben dem Ganzen einen Namen und machten ein Festival daraus! Ganz so einfach war es dann natürlich nicht…


UG: Eure Maxime scheint dem Motto von Undergrounded sehr ähnlich – keine Gewinnabsicht, Beleben der Metalszene und Förderung von lokalen Bands. Während andere Festivals sich in derselben Timeline von 500 Mann auf 30.000 Mann gesteigert haben und die Ticketkosten explodiert sind, seid ihr euch treu geblieben. Mal Hand aufs Auge, war es schwierig, nicht irgendwann die Non-Profit Attitüde aufzugeben?

Dany: Dazu kann ich nur sagen, dass wir nie die Wahl hatten, deutlich größer zu werden. Wir investieren so viel Geld, wie wir auftreiben können und machen im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste daraus. Es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass wir auf zusätzliche Einnahmen verzichten würden, obwohl man sie uns anbietet. Wenn wir einen Investor finden würden, der uns die Möglichkeit zum Wachstum bieten könnte, würden wir da sicherlich drüber nachdenken; auch wenn wir schon allein aus Platzgründen (das Campinggelände ist bereits jetzt zu 90% ausgelastet) die Tickets auf 1200 Stück limitieren würden. Das bleibt auch definitiv unser Ziel: Ein familiäres Festival zu feiern, ohne ständig das Damoklesschwert der Privatinsolvenz über dem Kopf hängen zu haben.

 

Im Laufe der Jahre musste die anfängliche Euphorie allmählich den unschönen Stolpersteinen der Realität weichen. Wer den größten Teil seines Lebens der Musik widmet, ist noch längst nicht in der Lage, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die finanziell auch zu stemmen ist – auch wenn man tief in der Metalszene verwurzelt ist, kommen hier ganz neue Anforderungen auf einen zu. Die Besucher sehen die Party und den Spaß, den so ein Festival bedeutet. Ein viel zu großer Teil der Arbeit hinter den Kulissen wird aber am Schreibtisch erledigt, wo mit Steuergesetzen und Behördengenehmigungen gekämpft wird. Das nimmt man natürlich alles gern in Kauf, aber da das Orga-Team sich selbst keinen Cent in die eigene Tasche steckt und die meisten Helfer ehrenamtlich mitmachen, muss man natürlich nebenbei noch mit seinem eigentlichen Beruf Geld verdienen. So komme ich auf 70 - 80 Arbeitsstunden pro Woche, 11 Monate im Jahr. Wenn also irgendwann ein finanzielles Polster angelegt werden könnte, um wenigstens die Gefahr des finanziellen Ruins aus dem Weg zu räumen, würde ich ehrlich gesagt den Vorwurf der Kommerzialisierung in Kauf nehmen ;-)


UG: Klingt wie mein Tagesablauf wenn du mich fragst - Wer und wenn ja wie viele sind denn das „Team“ hinter dem Ragnarock?

Dany: Nach mehrjährigem Personalwechsel hat sich 2010 ein Team aus fünf Verrückten gefestigt, das tatsächlich funktioniert. Von den ursprünglichen 6 Gründungsmitgliedern bin seit 2008 nur noch ich übrig und habe mir nach diversen Fehlgriffen nach und nach besagte 4 Mitstreiter ins Boot geholt, auf die ich uneingeschränkt vertrauen kann - unbezahlbar!

 

UG: In der History gibt es 2007/2008 ja auch einen Break in Form eines finanziellen „Fiaskos“. Wie kam es dazu und wie seid ihr damit umgegangen bzw. was waren die Lehren die ihr gezogen habt?

Dany: 2007 hat ein Sturm viele Zelte unserer Besucher zerstört, so dass sie am zweiten Tag des Festival bereits abreisen mussten. Wir haben dann (damals nur zu dritt!) einen Kredit aufgenommen, den wir erst 2010 abbezahlt hatten. Das hat natürlich auch die Investitionsmöglichkeiten in diesen 3 Jahren beeinflusst. Eine Lehre in diesem Sinne kann man schlecht aus einer solchen Situation ziehen – wer eine Open Air Veranstaltung macht, sollte sich bewusst sein, dass mit dem Wetter das komplette Event steht oder fällt. Wir machen weiter!


UG: Auch 2013 sieht das Billing großartig aus. Neben Sodom, Desaster, Black Messiah und Adorned Brood als bekanntere Mainacts tritt auch jede Menge Undergroundprominenz auf. Was ist dir bei der Bandauswahl ein besonders Anliegen, auch im Hinblick auf die Fans des R.O.A?

Dany: Der musikalische Fokus des Ragnarock entspricht natürlich den Vorlieben des Veranstalters (hehe) und liegt im Bereich Death- und Thrash Metal. Wichtig ist uns im Team, aber dem Feedback nach zu urteilen auch der Audienz, dass ein möglichst vielfältiges und ausgewogenes Programm geboten wird. So kann es durchaus vorkommen, dass nacheinander Bands aus den Bereichen Black Metal, Stoner Rock, Dark Metal, Gothic Rock und klassischem Heavy Metal spielen. So sollte für jeden Besucher etwas dabei sein…


UG: Gibt es den typischen Ragnarock Fan? Und wenn ja wie würdest du den charakterisieren?

Dany: Da ich im Laufe der Jahre sehr viele unserer Gäste persönlich kennengelernt habe, schätze ich den Anteil an Musikern im Publikum auf etwa 50%. Das ist ein Phänomen der kleinen Festivals, so etwas wird es auf keinem Wacken oder Summerbreeze geben. Für mich macht es das spannender, weil natürlich die Qualität der Bands objektiver beurteilt wird und es dem Musiker oft nicht um große Namen geht. Das führt konsequenterweise zu größerer Aufmerksamkeit gegenüber den Underground-Bands. Die freuen sich, wir freuen uns, das Publikum auch und alle sind glücklich ;-)

Auch sonst habe ich das Gefühl, dass wir weniger „Wackener Ballermann-Mentalität“ da haben; die Leute sind entspannt, der corpsepaintige Düstermetaller feiert mit dem 80er-Jahre-Kuttenträger, die Stimmung ist ausgelassen – aber es gibt relativ wenig grenzdebiles Gegröle, das mich persönlich an den Mainstream-Festivals extrem stört. Fazit: Ich bin sehr zufrieden mit dem „typischen“ Ragnarock Fan!


UG: Plauder doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen, irgendwelche Skandale im Backstage oder andere erwähnenswerte Vorkommnisse im Schatten des Festivals bzw. dein persönliches Highlight und dein schlimmster Albtraum der letzten Jahre?

Dany: Naja, wirkliche Skandale sind bisher ausgeblieben, es gibt halt immer mal was zum schmunzeln, wenn Musiker backstage in Unterwäsche vor ihrem Spiegel ihr Schminkköfferchen auspacken oder zur Latenight-Show auf die Bühne getragen werden müssen, weil sie sich ungezügelt über die Whisky-Vorräte im Backstage hergemacht haben. Negatives gab es glücklicherweise bis auf besagtes Unwetter 2007 eigentlich nicht. Ausser vielleicht, als uns während des Aufbaus die komplette Bühne zusammengekracht ist – aber da wurde niemand verletzt, also ist das wohl eher positiv zu bewerten. Das müsste übrigens auch 2007 gewesen sein, ein richtiges Unglücksjahr…


Meine Highlights aufzuzählen, würde sicher den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ein Beispiel ist sicherlich die Verpflichtung von Entombed 2008 – eine meiner Lieblingsbands, die ich als junger Metalhead auf einem Poster an der Wand hängen hatte – und plötzlich spielen sie auf „meiner“ Bühne; das war schon ein geiles Gefühl. Und dann auf jeden Fall das Highlight jeden Jahres: Unsere weitgehend ehrenamtlichen Helfer! Über 100 Freiwillige, die mit viel Spaß und noch mehr Einsatz das Ragnarock so besonders machen. Meine Eltern sind genauso involviert wie meine Schwestern, Freunde, Verwandte und Bekannte aller Altersstufen und Lebensstile. Eine tolle Mischung ist das und es kommen sehr interessante Diskussionen zustande. Als Meilenstein würde ich auch die Produktion unseres eigenen kleinen ROA-Dokumentationsfilms "A Metal Hamlet" sehen, der etwas detaillierter beleuchtet, weshalb wir diese Veranstaltung machen und wie wir es umsetzen. Den Film gibt´s auf DVD und kostenlos bei youtube zu sehen.


UG: Und wie war 2012 für euch? Habt ihr euch alle eure Erwartungen erfüllen können?

Dany: Absolut! Es läuft organisatorisch immer besser und auch die Besucherzahl nimmt von Jahr zu Jahr zu (wenn auch sehr, sehr langsam). Es gibt immer wieder neue Kleinigkeiten, die verbessert werden können und das versuchen wir dann auch umzusetzen. Und solange das Ding Spaß macht, erfüllen sich auch unsere Erwartungen, denn mehr braucht es nicht.


UG: Und unser Klassiker – Stell dir vor du triffst dich selbst im Sommer 2001 mit dem Wissen von heute und hättest die Chance dir etwas auf den Weg zu geben. Was würdest du sagen?

Dany: Junge, du hast doch überhaupt keine Ahnung, was da auf dich zukommt. Du wirst dich furchtbar übernehmen, viele Jahre sehr viel arbeiten und dafür finanzielle Engpässe ernten. Du wirst Freunde vernachlässigen und deine Partnerin zur Verzweiflung treiben. Du bist zu naiv hierfür und kein guter Geschäftsmann, also solltest du besser was vernünftigeres mit den nächsten 12 Jahren anfangen. Ach, und noch etwas: Tu´s einfach trotzdem, sonst würdest du es sicherlich bereuen - und nichts tun kann Jeder!


UG: Dann sind wir auf jeden Fall gespannt wie sich das Ragnarock 2013 entwickeln wird und wer weiß, vielleicht sieht man Undergrounded auch auf dem „Rock“!!


Das Interview führte Grave von Undergrounded und Dany Reinhardt vom Ragnarock Open Air Mehr Infos hierzu findet ihr unter:

 

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Gelesen 2471 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 19 Juni 2013 14:14

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