Dienstag, 25 August 2015 09:06

Unter dem Radar: The Day of Locusts (Progressive Sludge)

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Bandlogo Bandlogo The Day of Locusts

Im Jahr 2009 kam die Verfilmung des bereits 1939 erschienenen us-amerikanischen Literaturklassikers „The Day oft he Locust „ („Tag der Heuschrecke") weltweit in die Kinos. Etwa zur selben Zeit taten sich die drei Musiker Neill, Heiniman und Dave Guy unter dem Namen „The Day of Locusts" zusammen, um ihre Vorstellung von" sludge riffs, neurotic time signatures and layers of heaviness" zusammen zu bringen.


Fasziniert vom eigenen Sound wurde dieser zunächst im Londoner Untergrund an lebenden Probanden getestet und für gut befunden, bevor das Trio im Juni 2010 ein Studio betrat. Sludge ist zäh und braucht Zeit zum Gären, so dass es bis 2011 dauert bis die EP „Ascent, Fire, Failure and Blood" das Dunkel des Undergrounds erblickte. Dieses erste Release umfasst 3 Tracks mit einer Spielzeit von über 20 Minuten. Der Opener „Within Threads of Filth and Flesh", für deren Mastering sich Drummer Dave Guy verantwortlich zeichnet, findet sich auch auf dem Metal Hammer Sampler 261 – Guardians of the Riff von 2014.


Live haben die „Heuschrecken" schon die Bretter mit Bands wie Dopethrone, Slabdragger, Bast, Gurt, Eye Of Solitude und Pale Horse geteilt.


Auch in diesem Jahr begab sich die Band ins „Marburg Records" Studio von Nico Rubner, um ihr Full Length-Debut einzuhämmern. Nicos Studio hat schon die Geburt weiterer feiner Sludgewerke gesehen, war also eine gute Wahl. Pünktlich zum Ragnarock Open Air 2015 erscheint dann eine erste, auf 50 Stück limitierte Vorauflage von „From The Gutter to The Gods".


bandfoto


Aktuelle Besetzung:

NEILL - 7 String Madness and vocal gurns

HEINIMANN - Bass Quakes

Dave GUY - Mind Hammering Beat Graftin


Diskographie:

2011: Ascent, Fire, Failure and Blood (EP)

2015: From the Gutter to the Gods


Review „From The Gutter to the Gods"


gutter


Sludge ist nun wirklich keine eingängige Musik und nichts für Hintergundbeschallung. Zäh wie Klärschlamm kriecht der Sound in die Gehörgänge, setzt sich fest und ist schwer wieder loszuwerden. Sludge ist wie die dreckige Schwester des Doom. Aber es lohnt sich, in den „Schlamm" einzutauchen und unter die Oberfläche zu schauen.


„The Day of Locusts" bieten dem geneigten Hörer „Progressive Sludge". Angewidert werden die Puristen die Augen verdrehen, denn das Wort „Progressive" kann ja nichts Gutes verheißen, ja stellt eine Gefahr für die klassischen Genregrenzen dar. Nun ist Sludge aber eine Musik, die sich nur schwerlich irgendwo reinzwängen lässt, die Konsistenz verbietet das. Ganz besonders die Musik von „The Day of Locusts".


Wagt man den Durchstoß der Oberfläche, erhört man eine faszinierende, vielschichtige gewebte Musikwelt. Und vielschichtig ist hier wirklich Programm. Schon beim ersten der acht Tracks, MMXV, wird der Song langsam Schicht für Schicht aufgebaut. Besonders gefällt mir bereits hier, wie das Schlagzeug abgemischt ist, es klingt voll und nimmt den Raum ein, den es braucht, um nicht nur Rhythmus-Lieferant zu sein, sondern als eigenständiger Melodiegeber neben Gitarre und Bass zu bestehen. Obwohl es sich hier „nur" um das Intro zu Platte handelt, kommt der Song schon mit einer Dauer von über 4 Minuten daher. Neben den Instrumenten sind hier Samples von Sirenen und Menschenmengen zu hören. Fast sanft rollt das Gitarrengrollen heran, das zunächst als Soundbett eine Erzählpassage untermalt, dann aber den Song vollständig übernimmt und den Hörer auf Track zwei des Albums vorbereitet.


Das 12-minütige Opus „Beyond the Zero" beginnt mit menschlichem Herzschlag, der von doomig tiefem Gitarrensound abgelöst wird. Die Lyrics befassen sich mit dem Preis, den die Menschheit für den industriellen Fortschritt zu zahlen hat. Sludge-typisch wird hier angeklagt und der Schmerz herausgeschrien. Dieser Track ist daher geradezu archetypisch für das Album einerseits, welches die menschliche Hybris thematisiert und mit dieser abrechnet und für das Genre andererseits. Musikalisch bietet „Beyond the Zero" Parts in unterschiedlichen Tempi und die für „The Day of Locusts" so typischen Progressiv-Phasen. Nicht umsonst gibt die Band unter anderem auch Pink Floyd als Einfluss an. In den ruhigeren, melodiegeschwängerten Abschnitten verkünstelt sich die Band im positivsten Sinne. Spektakulär sind auch immer wieder die geradezu versteckten Gitarrensoli, hier bei Minute 7.40.


Noch länger als sein Vorgänger ist Lied Nummer 3 „Misery Swallowed Whole". Textlich schließt der Song an seinen Vorgänger an, nimmt sich aber noch mehr Zeit, den Schmerz der verletzten Natur zu transportieren. Ein tiefes, tiefes Bassfundament ist die Grundlage für Neills getriebene Vocals. Diese bohren sich intensiv in die Gehörgänge und verleihen dem Album erst so richtig seine „Sludge-ichkeit" und bilden gleichzeitig einen Kontrast zu den wundervollen Progressive-Parts, so wie bei Minute 10. Fast 15 Minuten musikalische Entdeckungsreise.


Lied 4 „Through The Eyes Of Daedalus" ist mein Lieblingstrack auf dem Album, der in besonderer Weise die Vielschichtigkeit wiederspiegelt. Das leise, sachte Intro diess Songs aus folkigem Schlagzeug und Akkustikgitarre klingt zunächst nach Folk Noir, steigert sich dabei beharrlich an Lautstärke und Aggression bis man auf einmal beim Einsetzen der Vocals wieder metertief im „Schlamm" steckt. Auch hier gibt es wieder ein verstecktes Frickel-Solo zu entdecken.


Track 5 „Apokalypsis" ist rein instrumental und sehr ruhig und bildet gleichermaßen den Ausklang, oder besser: den Nachhall von „Through the Eyes of Daedalus" wie auch die Brücke zu dem mächtigen „And the Wages of Sin is Death", dem schnellsten Song auf dem Album, der mit seinem Death-metalligen Einstieg einen rüden Kontrast zu dem vorgehenden Instrumentalstück setzt. Hier zeigt sich erneut die Vielschichtigkeit des Albums. Gleich zu Anfang gibt es schon wieder ein kurzes Flitzefinger-Zauberkunststück von Neill. Bei dem hohen Tempo der Nummer verwundert es nicht, dass diese „nur" knappe fünf Minuten Spielzeit hat.


Es folgt das instrumentale Zwischenspiel (Interlude) „War Nam Nihadan". Eine Phrase aus dem persischen, die folgende Bedeutung hat: Jemanden umbringen, beerdigen und dann Blumen auf dem Grab wachsen lassen, um es zu verstecken. Auch hierbei geht es gemächlich zur Sache, es wird mit elektronischen Sounds gearbeitet, insbesondere mit dem Brummton eines nicht korrekt verkabelten Verstärkers.


Unbemerkt beginnt so Track Nummer 8 „Damnation of Memory", der fast schon Dream-Theateresk verträumt beginnt und wieder mit einem fantastischen Solo aufwartet. Schicht für Schicht baut sich der Song über 2 Minuten auf, bis sich wieder der Sludge ergießt. Man sollte sich hier von der Virtuosität nicht täuschen lassen, denn der Dreck lauert schon im nächsten Part. Dezent eingesetzte Choräle untermauern die in diesem Song thematisierte Hilflosigkeit. Der Mensch lernt nichts und alles wiederholt sich. Ein grandioses Finale.




 

 

 

 

Weitere Informationen

  • Band: The Day of Locusts
  • Album Titel: From the Gutter to the Gods
  • Erscheinungsdatum: 24.07.2015
  • Fazit: Respekt vor diesem Album, ein Debüt nach Maß. Alle Liebhaber von „low and slow" kommen hier voll auf ihre Kosten, aber auch Progheads sollten hier mal ein Ohr riskieren. Oder besser zwei oder drei, denn die Komplexität der Arrangement erschließt sich nicht beim ersten Hördurchgang. Ein spannendes Konzeptalbum, das in drastischen Bildern beschreibt, was der Menschheit droht, wenn sie der Sonne zu nahe kommt. Selbstüberschätzung und Größenwahn sind hier der Pfad zum Untergang.
Gelesen 1524 mal Letzte Änderung am Sonntag, 06 September 2015 11:18
Lawbringer

Unter Waffen schweigen die Gesetze.


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