Mittwoch, 09 August 2017 14:16

Draupnir - Taruja

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Taruja Taruja Draupnir

„Die Blockflöte ist der schmählichste Tod des erneut stets sterbenden großen Pan.“ Niemand, der jemals die Aufführung der Blockflötenklasse einer Grundschule miterlebt hat, würde Adorno in diesem Punkt widersprechen. Dass das Instrument aber nicht nur benutzt werden kann, um den Flötenvater im Grabe rotieren zu lassen, beweisen die sechs münsteraner Folkmetaller von "Draupnir" auf dem Erstlingswerk "Taruja" dankenswerterweise recht eindrücklich, auch wenn sie dabei das vorhandene Potential häufig nicht zur Gänze ausschöpfen.

Was man dem Album dabei besten Gewissens attestieren darf, ist eine gehörige Portion Mut. Die Söhne Münsters schreiten sehr häufig über sehr geringfügig ausgetretene Pfade in dem von fotoshootingaffinen Bands übervölkerten Wald des Folk-Metal. Unkonventionelle Harmoniefolgen, interessante Melodie- und Songstrukturen und ein noch nicht oft gehörtes Arrangement, das die klassische Metalbandbesetzung mit erwähnter Blockflöte und bläserversessenen Keyboards erweitert, finden sich in vielen interessanten Momenten, welche eine Bereicherung für das an sich schon vielseitige Sammelsurium der unterschiedlichsten Stilrichtungen des Folk-Metals auf „Taruja“ darstellen.


Ein besonders gutes Beispiel ist die achttaktige Hauptmelodie der „Nibelungen“, die sich in zwei viertaktige Motive gliedert, welche jeweils sehr in sich geschlossen und damit erst einmal unabhängig voneinander sind - beziehungsweise beim ersten Hören als voneinander unabhängig wahrgenommen werden. Je häufiger man allerdings den Repeatbutton drückt, desto mehr fügt sie sich zu einer Einheit zusammen, die hinterher nur schwierig in ihre Bestandteile auszulösen ist. Derartige Spielereien sollten sich mehr Bands trauen, denn das ist im Endeffekt, was bei Musik, wie der von Draupnir, einen gewissen Wiederhörwert bedingt. Andere Qualitäten zeigen sich beispielsweise im Beginn des „Winterliedes“, welches zwar nicht zwingend durch absolute Innovation glänzt, aber mir zeigt, dass irgendjemand in der Band zum einen Jason Becker gehört und zum anderen das Schreiben von Arpeggien verstanden hat. Das ist musikalisches Handwerk, das in einem Maße solide ist, wie man es bei kleineren Bands selten findet.


Das Problem bei mutigen kreativen Entscheidungen ist, dass sie häufig einen Drahtseilakt darstellen. Der Grat zwischen innovativ und musikalisch unfreiwillig ist sehr schmal und auch wenn sich der Mut an vielen Stellen auszahlt, muss an anderen das Sicherheitsnetz herhalten. Das Outro von „Irrlicht“ wirkt vor allem in den letzten Zügen so, als würde eine Band im Proberaum testweise ein Ende zusammenstolpern und der Übergang vom Gitarren- ins Flötensolo in „Blutmond“ krankt an ganz ähnlichen Problemen. Auch in Sachen Arrangement wurden einige fragwürdige Entscheidungen getroffen, so kommt man nicht umhin sich bei der „Jagd“ zu fragen, was im Post-Verse die Leadgitarre unter der Flöte zu suchen hat oder wer auf die Idee kam, das Pseudoblechbläsersample in den „Nibelungen“ in fast allen Teilen nach der Vorstellung der Hauptmelodie so tief zu setzen - und dann auch sehr konstant die Anschwellzeit des Samples zu vernachlässigen, so dass es kontinuierlich so klingt, als wäre der Keyboarder über den Valiumvorrat der Band hergefallen und hätte die Spuren im daraus resultierenden Halbkoma eingespielt.


Der Mix schwankt leider auch je nach Arrangement stark in der Qualität, vor allem in Bezug auf das Schaffen eines nachvollziehbaren akustischen Raumes. Während der Beginn des „Winterliedes" wunderbar organisch klingt, fallen im späteren Verlauf gerade die Rhythmusgitarren – die an vielen Stellen auch gerne etwas präziser hätten eingespielt werden dürfen - aus dem Gesamtklang hinaus. Dafür sind gerade die Vocalperformaces von Sänger Daniel und Sängerin Katharina lobend hervorzuheben, die sich beide bestens in das Klanggefüge der Band einreihen und dem Ganzen ein noch etwas mehr eigenständiges Profil und Wiedererkennbarkeit verleihen, als die Musik der Band bei allen Stilvariationen sowieso schon unbestreitbar hat. Allgemein wirkt das Album an vielen Stellen einfach nicht ganz ausgereift - so als wäre es noch nicht ganz da, wo es sein wollte und sollte. Andererseits ist es an vielen Stellen mit Potential gesegnet und es macht – und das ist bei dieser Spielart des Metals vermutlich das wichtigste – Spaß. Denn bei allen Makeln ist es doch häufig mitreißend und eingängig und man kommt nicht umhin sich zu fragen, was mit etwas mehr Feinschliff an Songs und Produktion möglich gewesen wäre. Man darf daher gespannt auf die weitere Entwicklung dieser vielversprechenden Folk-Metalband sein.


Tracklist:

1. Irrlicht

2. Die Jagd

3. Blutmond

4. Die Nibelungen

5. Lebenslust

6. Winterlied

7. Ruf zum Turnier

8. Für Rum und Ehre

 

Bewertung:

7 von 10 Punkten


Weitere Informationen

  • Band: Draupnir
  • Album Titel: Taruja
  • Erscheinungsdatum: 17.12.2016
  • Fazit: Draupnir haben mit ihrem Erstlingswerk „Taruja“ ein beeindruckend diverses, von vielen schönen Ideen und handwerklichem Geschick gezeichnetes Album abgeliefert, das allerdings noch beileibe genug Verbesserungspotential besitzt, um das Nachlegen mit einem weiteren Silberling zu Recht zu verlangen.
Gelesen 646 mal Letzte Änderung am Samstag, 12 August 2017 20:25

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Taruja (Preview) Draupnir

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