Montag, 21 November 2016 10:41

Forlatt - Lysende Skygger (Doppelreview)

geschrieben von Ghostwriter / Inlé
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(6 Stimmen)
Lysende Skygger Lysende Skygger Forlatt

Manchmal laufen Werke durch die Redaktion, die einerseits gelobt -und andererseits verrissen werden. In solchen (zugegeben) seltenen Fällen gehen diese durch einen weiteren Qualitätscheck um dem Künstler gerecht zu werden. „Lysende Skygger“ von Forlatt war so ein Fall und wir wollen euch das „Battle der Reviewer“ zwischen dem Ghostwriter und Inlé nicht vorenthalten. Dies ändert natürlich nichts daran, dass final der Hörer entscheidet!

Ghostwriter:

Unkontrollierter Soundbrei – So oder so ähnlich könnte mein Vorabfazit zur neuen Forlatt Scheibe lauten, zumindest blubbert diese Gedankenblase bei der Frage dazu direkt und ohne Umschweife hoch. Wurde die letzte Scheibe „Ingenting“ des Solokunstprojektes Forlatt wohl noch gefeiert, kann ich dies für „Lysende Skygger“ leider nicht wiederholen.

Die CD startet mit „From Obscurity Downwards To Illusion“ und einem Cembalo inspirierten Intro, das den Eindruck eines einsamen Schlosses in den Kaparten erweckt, bevor die Gitarre(n) und die Drums einsetzen und man sich zum ersten Mal fragt ob die „beiden“ jemals miteinander gesprochen haben. Das Stück wirkt insgesamt wild zusammengeschustert und man hat sich wenig um Harmonien gekümmert. Man könnte fast meinen in ein Jazzstück von Beelzebub persönlich gestopft worden zu sein und der Eindruck sollte sich noch festigen.

„Path Among Empty Columns“ setzt zum wohl langsamsten Überholmanöver der Geschichte an, als es bei ca. Minute 3 anfängt von einem sehr beschaulich-getragenen Klangspiel zu einem rumpelnden Gitarrenstück zu faden, was knapp 90 Sekunden dauert. Das klingt spätestens in der Mitte des Niemandslands gnadenlos nervig und man wünscht sich, dass es doch bitte etwas schneller gehen möge. Genau wie beim ersten Song gilt hier offenbar mehr Geräuschmasse als Klasse und es wirkt nur hemmungslos überladen und dementsprechend rauschig. Sich auf die einzelnen Elemente zu konzentrieren ist dadurch fast unmöglich und zum ersten Mal auf der Scheibe fängt mein Kiefer an zu schmerzen.

Das kurze Stück „Leichtelektron“ hätte aus meiner Sicht eine Chance gehabt, wenn man den nervigen Taktzähler in die Tonne geklopft hätte. So würde nur ein monotones 3-Tasten Klavierstück mit etwas Gitarrenspiel im Hintergrund bleiben, das ein wenig meditatives Abgleiten ermöglicht hätte.

„The Center Oppressive“ klingt zu Beginn, als ob der Atmosphärengenerator vollends ausgerastet wäre. Es rauscht, es klimpert, es dröhnt und irgendwo im Hintergrund jodelt die Gitarre und paukt das Drumset, bevor es sich mit monotonem Geprügel auf die Hi-Hats lautstark zu Wort meldet. Das wirkt unfreiwillig komisch, vor allem als dann auf einmal der Bass (oder die Gitarre?) zu einer Art „Bumblebees Flight“ ansetzt. Ich hatte keine andere Wahl als den Song zu skippen (Geräusche, die körperliche Schmerzen erzeugen, gehören auf den Bau, aber nicht auf so eine CD). Im krassen Gegenzug dazu das „Outro“ „Meerelektron“, das wieder etwas beschaulicher zu Werke geht und mich an Ulf Söderberg bzw. sein Projekt Sephiroth erinnert, nur eben auf Äther. Auch hier fehlt es nicht an Dissonanzen – Dieses Mal Marke „Langsames Slippen des Tonkopfes über eine Freitag der 13. LP“ und auch hier stört es den Songfluss aus meiner Sicht empfindlich. Dabei hat die Scheibe durchaus seine Momente – Diese sind allerdings rar und man bekommt sie auch nur in homöopathischen Dosen serviert. Die CD lebt definitiv von den ansprechenden atmosphärischen Klangbildern die gezeichnet werden, bevor der Stift abrutscht und das Kunstwerk zu einem „Van Gogh“ versaut.


Bei „Lysende Skygger“ geht es mir grundlegend zu unstet zu und hat man sich bei einem Song erst mal auf den „Groove“ eingefunden, kommt unter Garantie wieder irgendeine störende Dissonanz, die einem den Hörgenuss verleidet – Wäre das Ding nicht mit Black Metal, Post-Rock gelabelt, sondern mit Dark-Jazz-Ambient-Drone-Irgendwas, wäre man diesem wohl gerecht geworden, aber so ist es leider eine (ärgerliche) Mogelpackung, die mir wortwörtlich körperliche Schmerzen verursacht hat.


Trackliste:

1 From Obscurity Downwards to Illusion

2 Path Among Empty Columns

3 You Can't Escape From Nothingness

4 Leichtelektron

5 The Center... Oppressive

6 Meerelektron

 

Bewertung Ghostwriter:

3,0 von 10 Punkten

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Inlé:

Das zweite Forlatt Album nennt sich „Lysende Skygger“ und zeigt einmal mehr, dass sich verwaschene Sounds nicht dumpf im Einheitsbrei der Post- Black Metal Szene eingliedern lassen, sondern verdeutlichen die konzeptionelle Verbundenheit von diversen stilistischen Merkmalen, die sich unterschiedlich entfalten können. Das Ein-Mann-Projekt aus Deutschland jedenfalls eröffnet mir eine weitere Dimension in akustischer Wahrnehmung…

Mit Klavier und einer herrlich in Moll gehaltenen, getragenen Melodie wird der Grundstein für die kommenden Minuten inszeniert. Nach knapp 2 Minuten wird diese Melodie durch stark verzerrte Gitarren und einer treibenden double bass drum abgelöst. Die wunderbar verwaschenen Soundwände durch Hall und noch mehr Hall befördern „From Obscurity Downwards To Illusion“ direkt in eine endlose rauschige Nacht. Laut-/Leise Dynamiken wechseln sich ab und der Einsatz von Tasteninstrumenten erzwingt eine neue Aufmerksamkeit. Ja, es mag beim ersten Hören so anmuten als wäre hier beliebig agiert worden. Mit zunehmender Rotation aber, kommt ein ganz anderes Bild zum Tragen und wenn man sich darauf eingelassen hat, sich mit Kopfhörern in die Dunkelheit begibt, kann man die Tristesse förmlich auf der Haut kratzen fühlen. In der Mitte des knapp 13-minütigen Lieds erscheint dann diese außergewöhnliche Leadmelodie, die sich auf dem vorangegangenen Album „Ingenting“ schon angedeutet haben. Es gesellt sich ein Blast dazu und dann erst öffnet der Himmel die Schleusen und beschert eine Sintflut aus Hall, Soundwänden und verspielten Gitarren.

„Path Among Empty Colmuns“ startet erst wirklich nach 4 Minuten, aber dann ertönen Sequenzen von getragenen Post-Rock-lastigen Momenten. Diese absolute Traurigkeit, kombiniert mit akustischer Schönheit der führenden Gitarrenmelodie - daran scheitern manche Post Rock Bands vergeblich. Man ist gedanklich von allem so weit weg und alles liegt unter Eis, doch es knackt und bricht, es schreit und man wünscht sich, dass diese Minuten einfach kein Ende nehmen mögen. Knappe 7 Minuten dauert der Klimax an– so stelle ich es mir zumindest vor. Hier werden keine Langsam-/Schnell-Passagen benötigt um Atmosphäre zu entfachen. Es geht nur um dieses eine Gefühl, und als die letzten ausklingenden, zum Teil disharmonischen, Swells vorüber sind, wird es zur Wirklichkeit.

In der Mitte von „Lysende Skygger“ befindet sich mit knapp 20 Minuten der längste Track des Albums und beginnt mit einer auf dem Tasteninstrument gespielten Melodie ebenso tragend. Eine zurückhaltende Gitarrenwand unterstützt den Spielfluss, tritt immer mehr in den Vordergrund, bis diese dann komplett die Führung übernimmt. „You Can’t Escape From Nothingness“ besticht durch eine Vielzahl von Wechsel an Tempora Tempiwechsel: Von schnelleren Versatzstücken bis hin zu palm muted Downtempo-Parts. Es überwiegen aber stets die Gitarrenwände - diese leicht verwaschenen Parts, die immer wieder durch das Dickicht scheinen - und es gesellen sich im Hintergrund leicht störende Geräusche dazu, die aber zum Gesamtkonzept passen. So ruhig wie die zwanzig Minuten begonnen haben, so ruhig schweben die letzten Gitarrenswells in die Sphäre und gehen in „Leichtelektron“ über, das ohne „Drumbeat“ wesentlich mehr hergegeben hätte. Der Rest des Gebildes ist nämlich reiner Post-Rock und die Leadmelodie an sich wäre ideal gewesen, um einen perfekten Übergang zu gewährleisten.

„The Center…Oppressive“ kombiniert noch einmal die Facetten des Forlatt’schen Schaffens in all seinen Einzelheiten und der Mix aus cleanen und verzerrten Gitarren funktioniert, die fulminante Wall of Sound erklingt und die Drums mit reichlich Hall unterlegt ergeben zusammen die Melancholie, aus der man sich irgendwann nicht mehr entziehen kann. Natürlich kann man die Produktion an sich kritisieren, denn ein etwas ausgewogeneres Lautstärkenverhältnis würde den Songs dienlich sein. Aber um ganz ehrlich zu sein bevorzuge ich bei dieser Art von Musik, die nicht so einfach daherkommt, einen nebulösen Klang, der besonders unter Kopfhörern zur Geltung kommt

Die Songstrukturen an sich, man möge mir verzeihen, könnten stringenter bzw. fokussierter auf die Stärken sein. Man kann gerne Zwischenspiele arrangieren, ich bin sogar ein Fan von „durchgehenden“ Alben, aber diese müsste man schon in einen passenden Kontext setzen. Ich bin mir aber sicher, dass wir in Zukunft noch einiges von Forlatt zu hören bekommen und bin da durchaus offen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass das Projekt weiter eigene Wege gehen und mit genrefremden Elementen spielen oder diese verstärkt einsetzen Ich bin gespannt!

 

Trackliste:

1 From Obscurity Downwards to Illusion

2 Path Among Empty Columns

3 You Can't Escape From Nothingness

4 Leichtelektron

5 The Center... Oppressive

6 Meerelektron

 

Bewertung:

7 von 10 Punkten

Weitere Informationen

  • Band: Forlatt
  • Album Titel: Lysende Skygger
  • Erscheinungsdatum: 06.09.2015
Gelesen 701 mal Letzte Änderung am Dienstag, 22 November 2016 09:13

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You can't escape from nothingness Forlatt

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