Sonntag, 02 Oktober 2016 15:07

Dark Millennium - Midnight In The Void

geschrieben von Ghostwriter
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Midnight In The Void Midnight In The Void Dark Millennium

Zeitkapseln sind immer eine interessante Geschichte. Man bekommt in der Regel einen direkten Einblick in eine längst vergangene Ära mittels Briefen, Fotos, Zeichnungen oder ähnlichen Medien. In der Musik sieht das etwas anders aus; und gefühlt öffnet man mit dem neuen Album „Midnight In The Void“ von Dark Millennium eine Zeitkapsel musikalischer Art.

Löste sich die Band nach einer nur dreijährigen Bandgeschichte, zwei Demos und zwei Full-Length-Alben 1994 auf, ist die Re-Union 2016 (also mehr als 20 Jahre später) ein echter Glücksfall für „Musik-Archäologen“. 1993 wohl seiner Zeit (zu) weit voraus, was die sehr durchwachsenen Reviews von Diana Read Peace belegen, passt „Midnight In The Void“ heute wohl eher ins Bild. Werden heute mitunter alle Genres munter miteinander verwoben und vermischt und wird die Doom-Stoner-Psychodelic-Progressive Welle geritten, kommt „Midnight Of The Void“ fast schon etwas spät, um den Zug noch zu erwischen. Trotzdem hat man teilweise das Gefühl, wieder zurück in die Mitte der 90er geworfen zu werden, als In Flames, Atrocity, Samael und Dark Tranquillity das Experimentieren salonfähig machten. Dies aber mit diesem Klischee abzutun wäre dann doch zu wenig, um den Sound der Bad Fredeburger adäquat zu beschreiben. Nach dem ersten Durchhören wird einem zuerst die schiere Länge des Werks auffallen, das sich wie ein Behemoth auf dem Silberling breit macht – die Kreativität bzw. aufgestaute Schaffensfreude musste sich wohl erst Raum machen und dehnt sich auf um die 70 Minuten. Dabei werden Drei-Minuten-Tracks genauso präsentiert wie ein doomig-spährischer 17-Minuten-Koloss und alles dazwischen. Wurde die Kreativität schon angesprochen, ist es genau das, was „Midnight In The Void“ ausmacht.

 

Kennt man genug Werke, die über so eine Strecke eintönig werden, hat man keine Sekunde lang dieses Gefühl, was wohl der sehr freien Metal-Interpretation geschuldet ist. Es wird gegroovt, gethrasht, gedoomt, und ich würde fast sagen progressiv gejazzed, während psychedelische Einlagen mit der „kleinen Tüte“ eingeraucht werden. Der Track „Love Sucks“ könnte aus meiner Sicht fast schon als Paradebeispiel der Wandlungsfreude von Dark Millennium gelten. Gefühlt alle 20 Sekunden findet ein Stilwechsel statt; und es wird gegen Ende hin sogar eine „jammige“ Red-Hot-Chili-Peppers-würdige Einlage geboten. Das hat man zwar auch schon bei anderen Bands gehört, aber nicht bewusst so stimmig, und vor allem nicht ohne den roten Faden auf dem Weg zu verlieren – was bei Dark Millenium bei keinem Song passiert. Die Gefühlschwankungen, die man innerhalb der Songs durchmacht, kommen schnell und abrupt; allerdings wird man trotzdem nicht zu sehr aus der Kurve geschmissen, ohne den Grip zu verlieren. Beim Track „Set In Motion“ ist man beispielsweise bei Minute 01:50 in bester Atrocity-Manier, mit bedächtig-melodischem Keyboard und Growling unterwegs, nur um sich 50 Sekunden später in einer Groove-Metal-Jamsession, in der Bass und Gitarre sich gegenseitig die Bälle zuwerfen zu finden - um wiederum 50 Sekunden später (für meinen Geschmack zu modern) mit Breakdowns „verwöhnt“ zu werden.

 

Die Produktion ist insgesamt etwas zu sauber für meinen Geschmack und wirkt an manchen Stellen trotz der Variation und der analogen Aufnahmetechnik etwas blutarm. Dabei leisten sich die Musiker keine Patzer und man merkt durchaus, dass sich der jeweils einzelne Stil der Bandmitglieder über die Lange Zeit verfeinert statt „verloren“ hat. Abschließend bleibt nur die Frage, ob man so eine Scheibe 2016 wirklich braucht - und die Antwort ist natürlich immer subjektiv. Wer auf ein progressives Stil-Mischmasch mit einer gehörigen Portion Vergangenheit steht, sollte unbedingt zugreifen. Wer allerdings stringende und eingängige Werke favorisiert, dem sei ein Reinhören empfohlen, !bevor! er zur Börse greift.


Tracklist:

01. Strigoi Moon - Slave to the Void

02. Insanity Suck System

03. Dressed for Suicide

04. Something to Die For

05. The Failure

06. Looking Good Dead

07. Rats Leading Rats

08. Love Sucks

09. Set in Motion

10. Among Wolves

11. Headache Machine

12. From a Thousand Years of Yore


Bewertung:

8.0 von 10 Punkten


Weitere Informationen

  • Band: Dark Millennium
  • Album Titel: Midnight In The Void
  • Erscheinungsdatum: 14.10.2016
  • Fazit: Wer auf ein progressives Stil-Mischmasch mit einer gehörigen Portion Vergangenheit steht, sollte unbedingt zugreifen. Wer allerdings stringente und eingängige Werke favorisiert, dem sei ein Reinhören empfohlen, !bevor! er zur Börse greift.
Gelesen 996 mal Letzte Änderung am Sonntag, 02 Oktober 2016 15:12

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