Dienstag, 06 Januar 2015 19:53

DEAD EMBER: RECKONING

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RECKONING RECKONING Dead Ember (2014)

Wo beginnt Alternative, wo hört er auf? Ab wann spricht man von Core, und wann wird aus alternativ progressiv?
Das Verschwimmen der Grenzen und der oftmalige Hang zu einem verzärtelten Metalübersichtseintopf machen den Alternative Metal innerhalb der großen Szene zu einem diskutablen Genre, das gerade von Fans traditioneller Metallmusik kategorisch abgelehnt wird. Versinnbildlicht gesprochen setzt sich der Alternative kaum bis schwer durch, da die diversen zusammengesetzten Puzzleteile am Ende ein Mosaik oder impressionistisches Gesamtbild ergeben und die typische expressionistische Härte, Klarheit, Direktheit, die geradlinige Aussagekraft und das frontale, kompromisslose Affektieren des Hörers metal-unlike in dessen Einzelelemente zurück zerfällt oder verwischt.

Die hier rezensierte Five-Track-Promo RECKONING (zu deutsch: "Abrechnung; 2014) der Detmolder Alternative-Metaller DEAD EMBER ist kein Beispiel für Weichspülergedudel, Planlosigkeit oder undurchsichtigen Mischmasch; der Ténor ihrer Musik ist Death Metal der stark melodischen Art, kombiniert mit Elementen von US-typischem Metalcore und modernem Hardrock. Harte Clean-Vocals mit einem schnellen, phasig klingenden Delay-FX wechseln sich zeitweise mit Growl-Einlagen ab, eine virtuose Leadgitarre rockt über leicht nasalen Rhythmusgitarren und die Schießbude reizt ihre vielschichtig gegebenen Möglichkeiten gut aus. Mit den schier unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten des Alternative Metal zeigen sich bei tieferem Einblick schnell Schwachpunkte auf: wie bekommt man einen roten Faden in die Musik, wie behält man trotz melodischer Elemente und wechselnder Tempi die Härte bei, auf welche Art und Weise bekommt man einen hohen Wiedererkennungswert mit möglichst wenigen Einschränkungen und wie fertigt man die Einzelelemente zu einer akzeptablen Gesamtpassform?

DEAD EMBER - das sind Yannic Lindheim an denVocals, Michael Pankratz an der Lead, Dominic Bussemas an der Rhythmusklampfe, Marco Kühlert am Bass und Felix Jansen an den Drums - befinden sich in ihrer zweijährigen Bandgeschichte noch relativ am Anfang des Geschehens, was man noch nicht an den ersten paar gespielten Takten, aber nach einem aufmerksamen ersten Durchhören der RECKONING vermuten kann. Der erste Song THE BETRAYER'S THRONE spielt in dropped C, startet bratig-todesmetallisch mit einem zweiteiligen Intro durch. Ab dem ersten Einsatz der (clean) Vocals verliert der Song Stück für Stück an Härte bis zum ersten Tiefpunkt im Chorus "Fight This War / Stronger Than Before /...". Ein absoluter Gegensatz zwischen Lyrics und Musik tut sich da auf, und die Kurve zurück kriegt man bis zum Outro nicht mehr. Insgesamt fünf retardierende Momente wegen Breaks und Tempowechsel verschleppen nicht nur Puls und Metrum, sondern reißen den Song insgesamt auseinander und hinterlassen am Ende ein musikalisches Fragezeichen. Nein. Nein nein nein.


Beinahe attacca geht es in SEE THE LIGHT, der aus weniger mehr macht, kurz und knackig. Der Beginn ist straighter mit klarem, drängendem Puls - die rockig-frechen Vocals passen zum Leadsolo wie die Faust aufs Auge und umgekehrt, AufDieFresse bis nach dem gelungenen 32el-Bassdrum/Rhythmusgitarren-Break! Die kleine härtetechnische Kuhle nach unten vor dem Solo wäre nicht vermisst worden, hätte sie gefehlt, doch beim zweiten Chorus geht es nach der Manier des Anfangs ordentlich ab, kontinuierlich bis zum Schluss. GIVE 'EM HELL öffnet dem Hörer von Beginn an ein Fenster zu einer anderen Ebene: die neue Tonart in Fis, das repetitive Grundriff in Achteln verleihen diesem Song einen affektierten, melodiösen Grundcharakter in tenuto - in der Gesamtbetrachtung funktioniert GIVE 'EM HELL musikalisch als Ruhepunkt, was danach beim kontrastierenden nachfolgenden Song CUT THE SURFACE noch deutlicher wird. Dieser erinnert stark an UNEARTH, ist von allen Tracks der härteste, unerbittlichste und auch stimmigste, bricht nicht ein und zieht somit die Punktewertung wieder an. Der Titelsong THE RECKONING vereint Virtuosität und Härte mit kurzweiliger Abwechslung und musikalischer Eintimmigkeit sowie einer Extraportion Ausgefeiltheit. Macht beim Hören Spaß und steht im Einklang mit dem Track davor auf einem stabilen Fundament, von dem aus mit hoher Wahrscheinlichkeit effektiv weitergebaut werden kann.

 

Trackliste:

1. THE BETRAYER'S THRONE

2. SEE THE LIGHT

3. GIVE 'EM HELL

4. CUT THE SURFACE

5. THE RECKONING

 

Bewertung

5 von 10 Punkten

Weitere Informationen

  • Band: DEAD EMBER
  • Album Titel: RECKONING
  • Erscheinungsdatum: 01.01.2014
  • Fazit: Musikalisch stehen die Jungs noch am Anfang, haben aber die Neulingsphase hinter sich. Überzeugt hat mich die EP innerhalb dieses großflächigen und mehrdeutigen Metal-Genres "Alternative" nur zur Hälfte: mir fehlen über weite Strecken Härte und klare Höhepunkte wo sie sein sollten sowie Geschlossenheit innerhalb der Songs, bei GIVE 'EM HELL und ganz besonders bei THE BETRAYER'S THRONE. Die genretypische Abwechslung und Mehrschichtigkeit ist gegeben; überzeugende, vielseitige Gitarrensoli und Main Vocals mit hohem Wiedererkennungswert punkten hier ebenfalls - es hapert aber noch am Songwriting und daran, dass vermutlich wegen zu viel Inspiration aus diversen musikalischen Richungen für mich keine klare Linie vom ersten bis zum letzten Song auf der CD erkennbar ist. Die Soundqualität ist für eine im Untergrund produzierte Scheibe mehr als in Ordnung. Es geht auf jeden Fall ein wenig mehr in puncto Rhythmusgitarrenhärte ("attack", Klarheit) - wenn gewünscht - und in der Auswahl der Drumsamples und deren FXe für Bass, Snare und Toms. Das Albumcover ist schlicht gehalten und effizient, kein komplexes Artwork, wirkt universell professionell. Insgesamt ist die Scheibe für mich in vielerlei Sicht eine halb-runde Angelegenheit, darum gibt es 50%.
Gelesen 1101 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 07 Januar 2015 11:03

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