Interview mit Yvonne Christ (Tolerance Festival)

Als Vorsitzende des Vereins „Ummerstadt ist BUNT e.V“, veranstaltet Yvonne Christ in regelmäßigen Abständen in Ummerstadt das Tolerance Festival. Unter dem Motto „Festival für Weltoffenheit und Solidarität“ wird es unter anderem von Bündnis „Denk Bunt“, „Die PARTEI“ und anderen Organisationen supportet und ist im Billing wohl auch „bunt“ zu nennen.

Da momentan das Thema „Political Correctness“ überall hochkocht, wollten wir Yvonne, die im Verein auch als Dipl. Soz. päd. im sozialpsychiatrischen Dienst arbeitet, zu ihrem Standpunkt befragen:


UG: Hi Yvonne!

Yvonne: Hi!

 

UG: Setzen wir uns gleich direkt ins Fettnäpfchen. In letzter Zeit hört man überall: „Metal im Osten, vor allem der Black Metal, ist ‚rechtsversifft‘.“ Was denkst du?

Yvonne: Das kann ich so nicht bestätigen. Mit Sicherheit haben die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auch Einfluss auf die ostdeutsche Metalszene. Aber mit Verallgemeinerungen tue ich mich generell schwer. Da die Neonazi-Szene in Ostdeutschland aktuell mehr Sympathisanten findet, werden „rechtsversiffte“ Black Metal-Bands, die es schon immer gab, natürlich ein größeres Publikum ansprechen. Ganz subjektiv betrachtet geschieht das aber auch in die andere Richtung. Viele Metal-Bands aus dem Osten stehen klar gegen Rechtsextremismus und entsprechende Entwicklungen.


UG: Aktuell ist genau das aber das Problem – durch „Extremisten“ in beiden Lagern wird die „moderate Mitte“ aufgeweicht bzw. in eines der beiden Lager gezwungen. Es gibt im Metal gefühlt nur noch Schwarz-Weiß und kein Grau. Wo genau zieht man deiner Meinung nach die Grenze?

Yvonne: Gezwungen wird keiner. Auch diesbezüglich finde ich es falsch, zu verallgemeinern. Jeder Musiker, jede Band hat die Möglichkeit für sich zu entscheiden, ob und inwieweit er/sie sich mit ihrer Musik politisch positionieren möchte. Ich kenne viele Bands, die nach wie vor die Meinung vertreten, Metal solle möglichst unpolitisch sein und dies auch leben. Diese Freiheit besteht auch im Metal und jede Band kann für sich entscheiden. Also kein Zwang. Wie im wirklichen Leben.

Letztlich gründet sich eine Band ja zunächst mal der Musik wegen. Und so soll es auch sein.
Grenzwertig wird es für mich erst dann, wenn Hass und menschenverachtende Inhalte auf der Bühne, in den Texten etc. transportiert werden.

Als linksgrünversiffter Gutmensch begrüße ich es allerdings natürlich, wenn sich eine Band - gerade aufgrund aktueller Entwicklungen - klar gegen Rassismus positioniert. Nicht im extremen Sinne, sondern rein aufgrund eines gesunden Menschenverstandes. Ganz wichtig bei alldem: Die Musik sollte immer im Vordergrund stehen.

 

UG: „Grenzwertig wird es für mich erst dann, wenn Hass und menschenverachtende Inhalte auf der Bühne, in den Texten etc. transportiert werden.“ - Aber genau darum geht es ja bei vielen Metalgenres, wie z.B. Porngrind, Black oder Death Metal, wo es um Abgründe der Menschen geht und solche Themen besungen werden. Hier ist es oftmals nicht möglich, eine Grenze zwischen einer Erzählung, Glorifizierung oder reiner Propaganda zu ziehen. Im Thrash Metal wird sehr oft Gesellschaftskritik geübt, aber für nicht-Metal-affine Menschen könnte das genauso gut „Gutheißen oder Abfeiern“ der Thematik wirken. Oder nehmen wir Sabaton mit dem Song „Ghost Division“ als Beispiel.

Nicht wenige Gruppierungen ziehen solche Songs bzw. Lyrics heran, um das Thema künstlich aufzublasen und dann mit kruder Argumentation ganze Festivals zu kippen. Nagt da nicht die – aus meiner Sicht – inzwischen übertriebene „Political Correctness“ an der Kunstfreiheit bzw. wird da die aktuelle politisch aufgeheizte Lage dazu genutzt, eben durch Verallgemeinerungen der Szene zu schaden? Noch vor ein paar Jahren war das alles kein echtes Thema...

Yvonne: Du hast Recht. Da muss ich mich korrigieren. Es gab schon immer Bands, die sich in ihren Texten gesellschaftskritisch oder zu „den Abgründen der Menschen“ äußern, was ja grundsätzlich nicht negativ zu bewerten ist, und viele Bands ausmacht. Für mich wird es erst dann kritisch und radikal, wenn eine Band das Ganze missbraucht. Wenn sie bspw. offen gegen Minderheiten hetzt, Hass schürt, auf einschlägigen Konzerten auftritt oder sich von der entsprechenden Szene widerspruchslos missbrauchen lässt. Das macht für mich den Unterschied aus. Insofern hat jede Band als „Individuum“ für sich die Freiheit zu entscheiden, wie wichtig ihnen Political Correctness ist und ob das ihre Musik beeinflussen soll. Und mal ganz plakativ… so manche Band wäre ohne halbnackte Mädels auf der Bühne kaum vorstellbar. Solange keine dazu gezwungen wird, ist doch alles im grünen Bereich. *lacht*. Im Metal und für jede/n Musiker/Band gibt es ja keinen Regelkatalog. Jeder hat da eine künstlerische Freiheit - die meiner Meinung nach dann endet, wenn sie missbraucht wird.

 

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UG: Sprichst du bei den halbnackten Damen von Debauchery? *lacht* Nein, ich weiß ja, was du meinst, und das ist ja dann auch die besagte Kunstfreiheit. Als privat eher linksorientierter Mensch kommt mir da bei einigen „Kollegen“, wie z.B. den Metalfans Gegen Nazis, das blanke Kotzen – bei denen habe ich nur das Gefühl bzw. leider die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wille zur Differenzierung gibt und lieber erst Mal der große Hammer geschwungen wird, sobald der Hund des Nachbarn des Bassisten mal zu sehr die rechte Pfote gehoben hat. Bei mir hört, um beim Genre zu bleiben, Black Metal dort auf, wenn auf einem Album einer Band ohne Zweifel rechte Propaganda betrieben und z.B. der Holocaust glorifiziert bzw. selektive Misanthropie betrieben wird – also „Alle Scheisse außer Rasse XY“.

Ich kann nicht verstehen, dass man, wenn eine Band mal Neunzehnhundert-irgendwas ein Album rausgebracht hat und sich seither mehr der Musik als der Politik gewidmet hat, diese Leichen hervorholt. Da wird dann gleich ein ganzes Festival in Misskredit gebracht bzw. versucht, es zu stoppen. Man gesteht den Leuten nicht zu, dass sie selber entscheiden können, ob sie das hören wollen oder nicht. Ab wann würdest du ganz konkret für dein Festival eine Band nicht mehr buchen bzw. was für Kriterien hast du/ habt ihr beim Tolerance Festival?

Yvonne: Das sind Dinge, die ich auch beobachte und sehr skeptisch sehe. Ich habe das Gefühl, dass solche Aktionen die ganze Thematik noch schüren und sich die Fronten verhärten. Das finde ich nicht gut, auch wenn ich „Metalfans gegen Nazis“ in anderen Dingen Ok finde. Ich gebe dir absolut Recht mit deiner Aussage, dass bei vielen der Wille zur Differenzierung von Gegebenheiten fehlt. Allzu schnell werden heutzutage Urteile gefällt und entsprechend gehandelt. Umso wichtiger finde ich, dass Bands und Veranstalter ganz klar zu dem stehen, was sie tun und sich durch „unqualifizierte“ Meinungen nicht verunsichern lassen. Allen kann und muss keiner gerecht werden. Die „radikalen Bands“ leben uns das leider vorbildhaft vor.

Fürs Tolerance Festival gibt es eigentlich nur ein Entscheidungskriterium: Die Bands, die bei uns auftreten, müssen sich mit unserer Message identifizieren können, also offen zu Toleranz, Weltoffenheit und Solidarität stehen können! Das muss nicht zwangsläufig über die Musik transportiert werden. Wir hatten bisher sowohl Black Metal-Bands als auch Doom-Bands bis hin zu Ska-Bands auf der Bühne stehen. Allein ein Slot auf dem Tolerance ist Ansage genug.

 

UG: Leider ist momentan durch die ganze aufgeheizte Stimmung schnell Panik geschürt und mit einem Hakenkreuz und einer reißerischen Vorverurteilung in den „Nichtfachmedien“ bzw. den Medien mit zweifelhaften Zielen eine bessere Story gewonnen als mit einer guten Berichterstattung. Da braucht es in der Regel kein Benzin, um das noch weiter anzufachen. Ich gebe dir auch Recht, wenn du sagst, dass das die ganze Sache noch mehr schürt. Bands, die rein künstlerisch schon in die Tonne gehören, bekommen mit so einem „Ruf“ in manchen Kreisen erst recht noch Aufwind, obwohl sie, wenn man sie denn mal spielen sehen würde, ganz schnell von selbst wieder von der Bildfläche verschwinden würden. Ich meine damit auch auf keinen Fall, dass man NS-Bands gewähren lassen sollte. Aber man sollte doch bitte mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangehen, die echten Nestbeschmutzer von den BM-Bands separieren und dann den mündigen Hörer entscheiden lassen.

Ich denke ihr macht auf jeden Fall Einiges richtig - auch wenn ich persönlich mit den weicheren Genres bei euch nix anfangen kann. *lacht* Umso mehr hat es mich gefreut, Absent/Minded bei euch auf dem Billing zu sehen! Wo wird bzw. wo soll es denn 2017 mit dem Tolerance Festival hingehen?

Yvonne: Mich hat es auch sehr gefreut, Absent/Minded bei uns auf dem Billing zu sehen. Die konkreten Planungen für 2017 laufen wieder ab Januar, aber konzeptionell werden wir nicht viel verändern. Da wir als Organisatoren selbst einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack haben und das Tolerance Festival unter dem Motto „Toleranz beginnt mit Vielfalt“ steht, wird es wieder eine Mischung aus Metal, Hardcore, SkaPunk etc. geben. Wir sehen in diesem Konzept auch die Möglichkeit, über mögliche Telleränder hinweg zu sehen und sich für neue musikalische Impulse zu öffnen. Du bist natürlich ganz herzlich eingeladen! Für konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge sind wir sehr offen.


UG: Mal sehen, vielleicht mal inkognito, um meinen Ruf zu wahren. *lacht* Danke für deine Zeit - Ich drück euch auf jeden Fall die Daumen für 2017!

Yvonne: Hehe... wir wahren die Schweigepflicht. Danke dir! Bis bald!

 

Das Interview führten Grave von Undergrounded und Yvonne vom Tolerance Festival.
Mehr Informationen zum Event findet ihr HIER


Gelesen 1026 mal Letzte Änderung am Dienstag, 20 Dezember 2016 23:04

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