Interview mit Yücel Erol (Baden Metal)

Yücel Erol, Kind von türkischen Einwanderern, ist seit knapp 30 Jahren unterwegs in Sachen Metal und der geheime Emir der süddeutschen bzw. der badischen Szene! Sein Herz schlägt für alle härteren Töne und neben der Peperonizucht widmet er seine gesamte Freizeit den dunklen Künsten.

Ein Interview mit Yücel ist längst überfällig und so haben wir uns über die schwäbische Grenze ins tiefste Baden gewagt, um ein paar Fragen an ihn zu richten!


UG: Servus Yücel!

Yücel: Hi!


UG: Du bist der Gründer von „Baden Metal“ – Sag uns doch in ein paar kurzen Sätzen wie alles angefangen hat!

Yücel: Bevor ich den Metal für mich entdeckte, hatte ich schon eine Vorliebe für Bands und Musiker, die anders sind - sei es Aussehen oder Musik. Daher zählen auch heute noch ADAM AND THE ANTS oder SIGUE SIGUE SPUTNIK zu meinen Lieblingen. KISS waren natürlich durch ihre Masken und Shows ebenso anziehend und sie waren die Lieblingsband meines Bruders, daher kam ich nicht ganz um sie herum. Zum Schluss noch die RAMONES, die mit ihrem Film "Rock N Roll High School" die rebellische Seite in mir weckten. Mir gefielen ihre Songs auf Anhieb. Zu Baden Metal hier die kurze Version: Seit 1986 Metalfan, 1987 hatte ich mein erstes Konzert. 1992 als DJ Fuß in der Karlsruher Metalszene gefasst. 1996 und 1997 als Radio DJ gearbeitet. 2002 kam mir die Idee zu einem Webzine. Es sollte anders sein als die, die zu jenem Zeitpunkt existierten. Da entschied ich mich, für die Region, in der ich lebe, eine Übersichtsplattform zu schaffen mit allem, was es gibt. So wurde Baden Metal geboren.


UG: Hattest du eine Art Mentor, der dir das gezeigt hat, oder wie bist du gerade zu den unbekannteren Bands gekommen?

Yücel: Eigentlich nicht. Ich habe damals die Zeitschriften meines Bruders studiert. Metal Hammer, Rock Hard, Crash. Später habe ich mir die "Heavy Metal Lexikon"-Bücher von Matthias Herr besorgt sowie die "Black Metal Bible“. Im Vergleich zu meinem Bruder war ich eher auf Fanzines fixiert wie das Underground Empire von Stefan Glas oder das That's It von Jochen Heinlein und dann gab es noch die Rockfabrik-Zeitung. Bezogen auf den Metal Hammer habe ich vieles gekauft, was verrissen worden ist, was sich als kluge Entscheidung herausgestellt hat. Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen (Stichwort Herkunft, Label, Producer, Studio etc.), also alle Infos zu verarbeiten. Bei SHRAPNEL wusstest du, hier gibt es Guitar Heroes und Prog Bands, bei UNDER ONE FLAG waren Thrash und Death Metal Bands sowie BATHORY, EARACHE, MANIC EARS und PEACEVILLE haben den Grind-/Crustcore und Death Metal. Oder wenn ein gewisser Producer am Werk ist wie Alex Perialas, Scott Burns, Jim & Tom Morris, Michael Rosen, Mark Dodson, Colin Richardson, dann wurdest du hellhörig. In den Academy Studios wiederum hattest du Bands wie MY DYING BRIDE, AANATHEMA, PARADISE LOST. Da interessiert es dich dann wenig, was ein Metal Redakteur schreibt, wenn du die nötigen Infos rund um die Platte erfährst.

Ich hatte mit 14 einen guten Freund über eine Zeitungsanzeige kennengelernt, mit dem ich viel Austausch hatte. Er hatte im Musikbereich inseriert und ich hatte die Scheiben, die er suchte. Wir liehen uns gegenseitig unsere Vinylscheiben aus, um Bands anzutesten. Hatten einen ziemlich identischen Musikgeschmack, wobei er mich zum Grindcore angestiftet hat. Bis dahin waren im extremen Metalsektor S.O.D., M.O.D., D.R.I. und NUCLEAR ASSAULT meine härtesten und schnellsten Bands, die ich hörte. Durch ihn kam ich dann auf WEHRMACHT, NAPALM DEATH, CARCASS und dann wurde ich zum EARACHE Fan und holte mir das ganze Labelrepertoire mit UNSEEN TERROR, BOLT THROWER, MORBID ANGEL und Konsorten.


UG: Das klingt wie ein Traum, gerade für die jüngeren Metalfans, die diese Zeit als Oldschool-Keimzelle der heutigen harten Musik sehen. Was sind denn heutzutage deine bevorzugten Genres?

Yücel: Ich sehe mich heute mehr als Musikfan, da ich nicht nur Metal höre. Musik spricht einen entweder an oder nicht; da ist es völlig egal, wie es sich nennt. Natürlich ist der Metal bei mir dominierend. Höre hier alles von Hard Rock bis hin zu Death und Black Metal. Bevorzuge insbesondere die Richtungen Prog inklusive Technical/Prog Death & Thrash sowie Doom Metal in all seinen Facetten. Heute höre ich mir gerne Sachen an wie MIKE TRAMP, ein hervorragender Mensch und Künstler, zu dem ich mich seit seinen WHITE LION Tagen tief verbunden fühle. MY DYING BRIDE natürlich, die seit 1992 meine Top Band ist. TESTAMENT sind heute nach wie vor top. QUIREBOYS bringen richtig gute Alben heraus. Oder Sachen von WARLORD (USA), WHILE HEAVEN WEPT, CANDLEMASS. Die Sachen von BATHORY sind und bleiben zeitlos genial wie auch KING DIAMOND und MERCYFUL FATE.

Würde gerne noch regionale Bands erwähnen, doch es wäre nicht fair, die einen zu erwähnen und die anderen nicht. Es sind einfach zu viele. Ob ihre Veröffentlichungen oder ihre Konzerte - es tut gut zu sehen, wie sich all diese Bands mehr denn je anstrengen. Verglichen mit den Veröffentlichungen der 90er und 2000er ist heute mit den jetzt zur Verfügung stehenden Möglichkeiten noch mehr machbar. Die Liebe und Hingabe jedoch bleiben in all den Jahrzehnten gleich und besitzen jede für sich ihren eigenen Charme und Geschicht(ch)en.


UG: Das klingt sehr breitgefächert und spiegelt sich wohl auch gut in deinen einzelnen "Unternehmungen" wider - Du verkaufst auf Festivals Merch, hast deine eigene Samplerreihe und sogar dein eigenes Festival?

Yücel: Festivals liegen derzeit auf Eis. Wir hatten von 2004 bis 2013, glaub ich, 16 Veranstaltungen in Eigenregie unter dem Baden Metal Banner. Möchten es jedoch wieder aufnehmen, sobald bei mir andere Dinge erledigt sind.


UG: Was ist der Grund für die Pause? Doch hoffentlich nicht deine Peperonizucht? *lacht*

Yücel: Nein, Wohnungsrenovierung. Zimmer für Zimmer. Wenn man sich im eigenen Heim wohlfühlt, lebt und arbeitet es sich besser. Obwohl die 40 Pflanzen schon ihre Zeit benötigen.


UG: Was ist das Schärfste, was du bisher gezüchtet hast?

Yücel: Es ist die amtierende Rekordhalterin "Carolina Reaper", wobei ich noch andere zwischen 500.000 und 2.000.000 Scoville habe wie die Bih Jolokia und Trinidad Scorpion. Und für meine Hausgäste sogar welche, die unter der 10/10 Wertung liegen. Die ganz Scharfen gibt es nicht ohne eine Schadensersatz-Verzichtserklärung.


UG: Man könnte sich vorstellen, dass das zweimal brennt! Aber die Überleitung von Hot-Stuff funktioniert blendend! Erzähl doch noch was über das Samplerprojekt - Nur lokale Bands oder für welche Künstler ist das Ding interessant?

Yücel: Bei mir brennt es nur noch einmal. Interessant ist, viele sagen: "Da schmeckst ja nichts mehr." Doch ehrlich gesagt, ohne scharfes Zeugs ist das Essen irgendwie fad. Die Sampler bringen wir seit 2008 heraus. Sie sind natürlich unserer Arbeit entsprechend regionsbezogen. Sie haben die Aufgabe, die jeweilige Region genreübergreifend mit den stärksten Einsendungen zu präsentieren.

Wir wollen das Level hochhalten, damit die Bands sich alle mehr Mühe geben, deswegen verzichten wir auf eine Doppel CD oder 12-monatige Regelmäßigkeit, obwohl das möglich wäre. Doch die Qualität hat für mich die oberste Priorität. Sonst helfen wir weder den Bands noch den jeweiligen Regionen. Deshalb hat es sich bei einem ungefähren 2-Jahres-Zyklus eingependelt. Bewerben können sich alle Bands von Hard Rock bis Death und Black Metal, ganz egal ob mit oder ohne Plattendeal. Wir haben immer 3-5 Bands dabei, die bei Plattenfirmen sind, die nicht nur einmal dabei waren. Das freut und ehrt mich natürlich sehr, wenn Bands wachsen und dennoch weiterhin dabei sein möchten und meine Arbeit weiterhin mit unterstützen. Wir bekommen dabei nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus dem Ausland viel lobende Kritik für die Sampler. Sei es aus Spanien, UK, Frankreich, Österreich, Polen, Italien oder Griechenland. Hatten sogar aus einigen dieser Länder Bestellungen vorliegen.


UG: Also praktisch genre- und statusübergreifend - sehr unterstützenswert! So sehr der Sampler breit gefächert ist, dein Herz schlägt aber für Baden?

Yücel: Gefährliche Frage! Zuallererst bin ich Mensch. Natürlich stehe ich dazu, Badener zu sein. Ich bin zwar nicht hier geboren, aber aufgewachsen. Ich lebe nach dem Prinzip "werde ein Teil der Umgebung, in der du lebst“. Eben richtige Integration. Du kannst niemals ein Teil einer Gemeinschaft werden, wenn du dich außerhalb von ihr siehst.

Was meine Arbeit angeht: Ich habe nach drei „Baden Metal Sampler“ den ersten Schwaben Metal Sampler veröffentlicht - mit der gleichen Hingabe. Es ist mein Produkt, mein Name, mein Logo ist drauf. Da wird nicht gekleckert, nur weil es die Nachbarregion ist. In der jetzigen 4. Runde hoffe ich, dass ich für weitere Regionen einen Sampler veröffentlichen kann.


UG: Ich denke das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für überall und ich persönlich denke, die Metalszene ist eine der offensten Szenen überhaupt. Es werden im Land immer wieder Metalacts aus Ländern gefeiert, aus denen man es überhaupt nicht erwarten würde - So z.B. Kryptos aus Indien, Nine Treasures aus China oder auch Anarcadia aus Syrien - Verfolgst du die türkische Metalszene?

Yücel: Natürlich. Ich werde schauen, was ich in Zukunft von hier aus für sie beitragen kann. Musikkulturelle Brücken schaffen, damit sie mehr Beachtung und Möglichkeiten außerhalb ihrer Landesgrenzen erhalten. Für alle Interessierten empfehle ich diese HPs: Anadolu Rock ve Metal und Anadolu Rock & Metal Support


UG: Du hast offenbar mehr Eisen im Feuer als so mancher Schmied! Wie findest du die Zeit dazu?

Yücel: Du musst dir vorstellen, mit 13 Jahren habe ich angefangen diese Musik zu hören. Damals noch mit Band-Einstiegsdrogen wie BON JOVI, EUROPE, W.A.S.P. und BEASTIE BOYS, kurz darauf kamen Anthrax, M.O.D., S.O.D. hinzu und mit 15 habe ich den ganz schweren Stoff wie SIEGES EVEN (Life Cycle) und HADES (Resisting Success, If At First...) gehört und mochte die Guitar Hero Alben von CACOPHONY, MARTY FRIEDMAN und JASON BECKER, während meine wenigen Freunde, die auf Metal standen, den damaligen Mainstream Standard hörten. Ich war schon recht früh fasziniert, wie vielseitig und interessant der Hard’N‘Heavy Sektor ist. Entsprechend war mein Hunger groß, viel kennenzulernen.

 

UG: Die volle Bandbreite also - Aber darum geht‘s, glaube ich, auch. Man schärft mit der Zeit seinen Musikgeschmack und hört trotzdem nie auf zu suchen. Ich habe letztens gelesen, du hast vor, dir ein kleines Videostudio einzurichten - Was hat es damit auf sich?

Yücel: Ich habe mir früher gerne Formel 1 angesehen. Kenne mich sehr gut mit der regionalen Szene aus, sehe, was da an hochkarätigem Material zu Tage befördert wird. Die Idee ist eben, eine Musiksendung daraus zu machen. Von dem, was die Region, die ich betreue, an Bands, Clubs, Veranstaltungen, Plattenfirmen, Tonstudios, Layouter uvm. zu bieten hat, kann man schnell 30 Minuten füllen. Das Format soll kurzweilig und informativ sein. 4-5 Clips pro Sendung, 1 Studiogast. Das Ganze nennt sich dann Baden Metal TV. Das möchte ich dann regelmäßig auf YouTube hochladen, entsprechend mit den Themen taggen und zusehen, dass wir ein breites Publikum damit erreichen und dadurch noch mehr für die Region herausholen und diese international interessanter machen.


UG: Wir bleiben dir auf jeden Fall auf den Fersen und sind damit fast am Ende des Interviews, daher zum Schluss zu unserem Klassiker: Wenn du dich 10 Jahre in der Zeit zurückversetzen könntest, was würdest du deinem jüngeren Selbst raten?

Yücel:
Mit deinem näheren Umfeld über alles reden, was dir wichtig ist, was du von ihnen erwartest, damit sie dich und deinen Weg besser verstehen, unterstützen und den Weg freimachen können. Hierfür würde ich sogar 20 Jahre zurückreisen wollen. Darüber hinaus... lass dich von niemandem auf deinem Weg zu lange aufhalten. Wenn du merkst, sie behindern dich nur, ignoriere sie und schau weiter nach vorne, wo du hinmöchtest. Man kann und muss es nicht jedem recht machen.


UG: Schönes Schlusswort - Danke für deine Zeit!

Yücel: Vielen Dank für das Interview. Euch weiterhin viel Erfolg bei eurer Arbeit und euren Zielen. Beste Grüße an das gesamte UG-Team und der treuen Leserschaft. Love, Peace & METAL !!! (Wem das Love & Peace zu untrve ist, einfach ignorieren*lacht*)


 

Das Interview führten Yücel Erol von Baden Metal und Grave von Undergrounded.


Gelesen 1626 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 03 November 2016 23:25

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