Dienstag, 17 Februar 2015 22:54

Zerfall -Adversarius Empfehlung

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Zerfall: Adversarius (2014) Zerfall: Adversarius (2014) Zerfall

ZERFALL sind eine Black-Metal-Band aus Karlsruhe, die es nun zum ersten Mal in unsere Undergrounded-Albenreviews schaffen. Den selben Namen trägt das erste produzierte Album der Thüringer um EISREGEN und bewegt sich noch deutlich(er) in schwarzmetallischen Gefilden...

...ob das im Zusammenhang miteinander steht, ist nur eine Vermutung am Rande. Die "Adversarius" hat neun Tracks, vier davon in deutscher Sprache und fünf auf Englisch, und schon beim ersten Hören beeindruckt ihre Musik in der Weise, dass man weiterhören will. Black Metal ist mit der Gründung von MAYHEM 1984 nun 31 Jahre alt, wenn man das so sagen will - und es gibt sehr!viele!Kackbands! oder sagen wir lieber "Ausschuß" in diesem Genre. Diese Band hat es allerdings tatsächlich geschafft, mich mit ihrer Art und Weise so zu überzeugen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, ohne aus dem gegebenen Rahmen des Black Metal zu fallen - Aber erstmal:

"Rewind - Track 1 > Play"

Mit einem crescendierenden Sechzehntelmotiv auf der tiefen Tom beginnt "Thorncrowned", die tremolierende Gitarre setzt in Fis ein, und ab geht das Schnellfeuer des Intros! Ein durchgehender Viererpuls ohne Atempause, klassisch dominierende Tremologitarren zu Schlagzeug-Blast-Artillerie, beeindruckender Blastbeat-Variantenreichtum in der Passage "Kneel, pray, beg, obey", tief gedoppelte Scream-Vocals kennzeichnen diesen Song, der wie jeder andere dieses Albums individuell für sich alleine steht und sich trotz dessen mit den anderen Tracks zu einem runden Ganzen zusammenfügt. Ruhepausen an sich gibt es nicht, wohl aber einige wenige leicht retardierende Momente und metrische Wechsel, die "Thorncrowned" noch mehr Energie und Abwechslung verleihen. Thematisch dreht sich dieser Song grob um die Verblendungen und Fehlleitungen des Christentums auf die Menschheit und dessen Abstoßung, das vergebliche, aussichtslose knien und beten sowie das wertlose Opfer von Jesus.


Weiter in Text und Thema geht es ähnlich in Track 2, im ersten deutschsprachigen Song; dieser schließt hochenergetisch in klassischer Blastbeat-Tremolo-Kombination an den ersten Song an und behält diese lange durchgehend bei. Die Tonart wechselt nach Cis, die gedoppelten Vocals ändern sich in höheres Screamen. "Kriecht zu Kreuze" lebt eher von energetischem Blasten als von Abwechslung. Langeweile kommt aber trotz monoton wirkendem Geknüppel nicht auf - die Textzeilen "1000 Jahre hätten Euresgleichen gereicht[...] und besonders "Kriecht zu Kreuze" brennen sich dank Mehrfachrepetition schnell in die Ohren der Hörer ein und verleihen diesem Song dadurch Unverkennbarkeit.


"Hellwards", wieder englischsprachig, bleibt anfangs in einem ostinaten Melodieverlauf in Cis - übernimmt und festigt die Tonlage des vorhergegangenen Tracks. Doublebass-Drumming und schnelle Thrashbeats rücken an die Stelle der bisher sehr dominanten Blasts und die Vocals gibt es wie in "Thornerowned" gedoppelt-druckvoll. Der schnell-pochende Marschrhythmus findet sein erstes retardierendes Moment nach der ersten Strophe, die Leadgitarre spielt eine kurze langsame Solopassage, bevor es wieder in der gewohnten Art mit der zweiten Strophe weitergeht. Danach wiederholt sich das Schema: die Lead spielt ihr Solo, das Drumset beruhigt sich; und dann erfolgt eine Rückung nach D, die in einem Instrumental mündet und den Übergang zu einem neuen Interlude markiert. Tempowechsel, Blastbeats, Unruhe und straighte Energie! Nach dem Mittelteil setzt das Anfangsriff wieder ein, die erste Strophe erklingt zur Hälfte, danach der nach D gerückte Mittelteil im Abriss. "Hellwards" kann man eine strukturelle A-B-A'-Form verpassen, wenn man das möchte, wobei der A'-Teil einerseits als Reprise und andererseits als Resumé von A+B fungiert.


Das Mittelalter wird nun zur Kernthematik in "Verblendung, Verdammnis, Vernichtung"; ein durchgängiger, epischer (=erzählender) Text steht anstelle einer Folge von Strophen und Refrains. Nach einem vorbereitenden zweiteiligen Intro in Fis geht der instrumentale Krieg gnadenlos auf's Ganze: Blastbeats und Tremologitarren, hyperschnelles Doublebass-Drumming - Black Metal at its hardest! - und das mit nur einem kurzen Moment des Einhaltens beim Wiedererklingen des Intromotivs vor den letzten beiden Textabschnitten. Zur finalen Steigerung im letzten Part wird das Tempo gedrosselt, der Vierer- wird zum breiten 6/8-Puls umgedeutet - man fühlt sich wie vor einem Abgrund kurz vor dem Fall in die Tiefe.


"Adversarius" bedeutet Widersacher, Gegner, Antagonist und Feind. Der Titeltrack des Albums beginnt mit liegenden Gitarren und einem an einen Glockenschlag erinnernden Cis''-Gis'-Cis-Motiv. Thematisch gesehen geht es um Widersetzen und Rebellion; die oft wiederholte Passage "Wolves among sheep" wird schnell gängig. Ein besonderes Feature ist ein rezitierter Text auf Latein im Mittelteil (den zu übersetzen ich nicht fähig bin, mea maxima culpa - Anm.d.Red.). Beschwörend, großflächig, weitblickend mit einem Hauch von Brachialität - so möchte man den Song beschreiben - "das letzte Stündlein hat den Schäfchen geschlagen".


3 1/2 Minuten dauert die finale Herrschaftsergreifung in "Satan's Subterranean Enthronement" - knüpft also thematisch direkt an den vorhergehenden Track an. Tonal gesehen steht der Song in B/Es alleine da; auch die Wechsel zwischen extremem Blasten/Tremolieren und Gitarrenliegeflächen, das Halbieren des Pulses am Ende der ersten Strophe bei "His Infernal Majesty [...]" und Wiederverdoppeln danach sowie das (bisher einzig wirkliche!) Midtempo-Leadgitarrensolo über Blastbeats, das sich mit dem Schlagzeug zusammen zu einem enormen Tutti-Tremologeballer steigert verleihen "Satan's Subterranean Enthronement" enorme Unruhe, Aufwirbeln, Energie wie die eines Wirbelsturms und den musikalischen Höhepunkt des Albums, wenn man so will.


Bedeutung und Übersetzung von "Forever Vulture Dawn" sind unklar. Neologische Konstrukte sind innerhalb gut geschriebener Songtexte nicht unüblich, also lassen wir eine genaue Analyse außen vor. Prägnant für diesen Track ist der variantenreiche Einsatz des Doublebass-Drumming und das völlige Fehlen von Blastbeats. Der Puls wechselt ständig zwischen 4/4 und 2/2 hin und her, man hat an Black'n'Roll-erinnernde Passagen in jedem Teil - wieder ein Song mit eindeutigem Alleinstehungsmerkmal und ... ja, rockigem Charisma, zu dem man mal die Haare fliegen lassen kann, ohne sich fehl am Platz fühlen zu müssen. Geht ab, rockt, fetzt!


Bei "Zerfall", wieder in Cis, fällt das Intro weg - es geht gleich straight-auf-die-Fresse ab! Dieser Song wird die Band bis zum Ende ihrer Geschichte begleiten, da er sie repräsentiert: die Sprache ist Deutsch, in der Stimme wechseln sich höhenbetonte mit tieferen Screameinwürfen ab. Abwechslung prägt diesen Song auch in Beats wie in Rhythmus und Metrum; er ritardiert gegen Ende kontinuierlich bis zum Schluss, was wahrscheinlich mit dem Text zusammen auf den Zerfall anspielt. Dieser ist in diesem Song allgegenwärtig, verdrängt eventuelle verweste Wunschrealitäten mit Fäulnis, Ruinen, Schutt, Geröll und ... Zerfall.


Der Schlusstrack "Kyrie" ist eine Sache für sich. Musikhistorisch erfüllt die Kyrie die Funktion als Fürbitte meist im ersten Satz einer Messe - hier ist sie am Ende. Sie ist am Ende - sagen wir das ruhig mal doppeldeutig. Ruhe kehrt in den Instrumenten ein, wenn man das durchgehende Tremolieren der Gitarren weglassen würde. Kein Geblaste mehr, die Geschütze wabern "nur noch" mit der Doublebass. Aber der Schein trügt: das Interlude vor dem letzten, ausschlaggebenden Teil geht noch einmal richtig los, und mehr und mehr hört man eine weinerliche, klagende Stimme schluchzen. Die Fürbitte mutiert zu einem jämmerlichen, verzweifelten Wimmergejaule, das wirklich nervt(!) und mündet am Schluss im finalen Geblaste zur Textpassage "Kyrie eleison" - Herr erbarme dich. Eine gekonnte, wenn auch latent nervtötende Persiflage an jammernde Christen. Ende des Albums.


Auffällig gut vom Produktionstechnischen her zu bewerten ist die Durchhörbarkeit von Instrumenten und Vocals mit klarer Textverständlichkeit - was auch ein Kompliment an die Aussprache und das Mundwerk des Sängers ist - und das ohne Dominanz bzw. Überdecken einzelner Stimmen, oder dass die "Adversarius" andererseits wie eine hochkommerzielle Produktion klingt, die maximal laut schönklanggezielt plattgemastert wurde. Die Instrumente sind tight bis zuletzt, Klang und Abstufung der Einzelstimmen harmonieren innerhalb des Gesamtsounds nahezu perfekt, die Gitarrenwand steht stabil und der Bass deckt den untersten Frequenzbereich. Auffällig virtuos sind die Drums, gerade was den Variantenreichtum der Blastbeats angeht: klassisch mit Bass+Snare, mit tremolierender Snare (=Trommelwirbel), triolisch, [...] wenn das live genauso abgeht, dann halt-dich-fest! Mit Anfängern hat man es auf keinen Fall zu tun, das ist klar. Das Cover ist traditionell-gewohnt in schwarz-weiß mit gotischer Schrift und mittelalterlich anmutenden Abbildungen im Hintergrund. Ein nettes Feature: dreht man die CD um 90° nach rechts, sieht man den Text "Non serviam - Adversarius sum". Ich werde nicht dienen - ich bin der Widersacher - Und nicht zuletzt dafür gibts die kämpferische 10!

 

Trackliste:
01. Thorncrowned
02. Kriecht zu Kreuze
03. Hellwards
04. Verblendung, Verdammnis, Vernichtung
05. Adversarius
06. Satan's Subterranean Enthronement
07. Forever Vulture Dawn
08. Zerfall
09. Kyrie


Bewertung:
10 von 10 Punkten


Weitere Informationen

  • Band: ZERFALL
  • Album Titel: Adversarius
  • Erscheinungsdatum: 18.10.2014
  • Fazit: Die "Adversarius" ist ein sehr gelungenes Album, das sich innerhalb traditioneller Sphären des Black Metal bewegt, aber erst beim mehrmaligen Hören sein volles Potential entfaltet. Die Songs sind allesamt sehr gelungen, jeder ein Individuum mit Charakter und Aussage sowie Kurzweilattitüde mit Lust zum erneuten Anhören und Wiedergenießen. Grenzen werden keine durchbrochen, aber darum geht es der Band augenscheinlich nicht, sondern mehr um Perfektionisierung ihres Ausdrucks innerhalb gegebener schwarzmetallischer Parameter.
Gelesen 2432 mal Letzte Änderung am Sonntag, 22 März 2015 12:05

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Adversarius ZERFALL