Montag, 22 August 2016 21:16

Kämpft!

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Auf einem kleinen Festival fiel mir vor kurzem die aktuelle „Deaf Forever“ in die Hand und schon auf der ersten Seite springt im Chefredakteurskommentar von Götz Kühnemund ein großes KÄMPFT! in die Augen. Von einer Politisierung der Metalszene ist da die Rede. Von politischem Zündstoff der in Zeiten der Political Correctness von niemand, der alle Sinne beieinander hat, mehr angefasst bzw. angesprochen wird.

Wenn sogar die "großen" Zines, die inzwischen in der Regel nicht mehr am Puls sondern in Elfenbeintürmen sitzen, merken das etwas in Schieflage gerät, ist definitiv etwas im Argen. Natürlich ist das ein alter Hut und ja, gibt es sie überall. Die Rechts- und Linksradikalen Bands der Szene. Hier gibt sich Absurd und Heaven Shall Burn, Kreator und Gaskammer die Klinke in die Hand und alles, was sich nicht eindeutig als Links- oder Rechtsradikal einstufen lässt bzw. sich eindeutig positioniert, ist die große, große Grauzone dazwischen. Kühnemund erwähnt hier Antifaschisten, die keinen sinnlosen Kampf führen wollen, die lieber wachrütteln und zu Diskussionen anregen und trotzdem für die Freiheit, in einer Demokratie alles sagen zu dürfen, kämpfen wollen.


Als Webzine, das sich von Anfang an gegen jeglichen politischen Einfluss ausgesprochen hat, findet man sich schneller als es einem lieb sein kann in der Todeszone der politischen Arschverletztheit wieder. Den Rechten zu Links, den Linken zu Rechts und im Trommelfeuer der verletzten Gefühle und nicht erwiderten Bekundungen zu einer dieser Seiten. Hier wird eine Distanzierung gefordert, da wird eine Distanzierung als überflüssig und naiv verlacht und man darf sich zu Recht fragen, an welchem Punkt genau die Szene eigentlichen ihren Verstand verloren hat.

Wenn es schon fast als rebellischer Akt gilt, wenn man sich
in der Mitte positioniert, läuft etwas gewaltig schief.

Im Metal nach Blumen und Kumbaya zu suchen ist dabei ungefähr so sinnfrei wie auf dem Mond den Helm abzunehmen und Luft zu erwarten - Maximal ein Wunschdenken von Leuten, die „Straight Edge Experimental Jazz Black Metal“ als DAS neue Genre sehen um ja einer inzwischen oft geforderten politisch korrekten Ideallinie zu entsprechen.

 

Die Realität ist dabei (zum Glück) eine andere. So lange es harten Metal gibt, so lange wird der Krieg besungen, wird Gewalt mal als Ideal, mal als Teufel beschworen, wird Misanthropie und Hass auf die Abgründe der Gesellschaft als Ventil von wütenden Künstler auf Platte gelegt und niemand kümmerte sich auch nur eine Sekunde um die Gefühle der Mitmenschen. Hier gilt: Man kann kann den Wahnsinn der harten Realität künstlerisch bzw. musikalisch niemals so hart abbilden, wie er eigentlich ist.

 

Lemmy in SS-Montur, Kiss mit der doppelten Sig-Rune, die Ramones mit dem Blitzkrieg Bop, Sabaton mit der Glorifizierung der „Ghost-Division“ und Marilyn Manson als Hitler für Arme am Podium vor einer „Hailenden“ Menge, nachdem sich Backstage ein süchtiges Model mit Bibelversen die Genitalien traktiert hatte. Hier rebellierten und rebellieren Künstler gegen ein System aus falscher Moral, falschem Anstand und Doktrinen und wollen einach nur mit der Symbolik schockieren. Dabei schert man sich nicht um das Feedback der Gesellschaft und ja, man darf es Geschmacklos und/oder Geil finden, wenn man drauf steht – Fakt ist dass genau diese Form der freien Meinungsäußerung notwendiger denn je ist um in einer übersättigten Gesellschaft noch aufzurütteln.

 

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Die künstlerische Freiheit wird hier als höchstes Gut angesehen und wird, wohl zum Leidwesen vieler und zum Glück für viele auch bis zum Optimum ausgereizt.

 

Nun ist es aber seit ein paar Jahren so, dass sich ein paar Menschen in diesem Land aufgemacht haben, genau gegen diese Freiheit vorzugehen. Während man den Kampf gegen !echte! Propaganda innerhalb der Musik, linker wie rechter, nur begrüßen kann, wird hier wie bei einer Allergie, der Szenekörper als solcher ohne Sinn und Verstand attackiert. Die vermeintliche Grauzone an sich wurde als Kampfgebiet von einer neuen Bewegung innerhalb der linken Szene identifiziert, die mit einem durchaus lobenswertem Kampf gegen Rechts nichts mehr gemein hat. Hier wird unter Vorgaukeln einer moderaten Einstellung gegen jeden noch so kleinen Veranstalter, fast immer anonym, vorgegangen. Emails werden geschickt, gespickt mit Triggerwörtern und Bildern, die jeden kleinen Ortsvorsteher schockieren müssen der über Metal nur so viel weiß, wie ihm der SWR über Wacken erzählt.

 

Metalfans oder Brandstifter?

 

Von diversesten „Antifaschistischen Verbänden“ (die oft aus genau einer Person bestehen) und besorgten „Szenekennern“ werden von Spam- und Fakeaccounts Emails zu Hunderten an offizielle Stellen, Stadt, Kreis, Landesveranstaltungen, Parteien, Gewerkschaften und Oma Paschulke geschickt. Immer wird die Ausladung von Bands oder gleich der Stornierung von ganzen Veranstaltungen gefordert weil es sonst zu Ausschreitungen und Gewalt am Event selbst kommen könnte (von welcher Seite wird hier natürlich offen gelassen um die Dramatik noch weiter zu erhöhen). Hier werden keine Gefangenen gemacht und keine Geiseln genommen sondern Vorverurteilt und eigene Interessen verfolgt. Hier wird gedroht, geschmeichelt, empört übertrieben und mundtot gemacht. Das Opfer ist in der Regel nur unsere Szene, für die immer weniger Veranstalter einstehen können oder wollen da sofort das Label „Nazi“ droht und für immer auf Google zu finden ist.

 

So kommt es auch schnell zu Hetzjagden wie 2014 in Schweinfurt gegen „Taake“, Locationkündigungen wegen Bands wie „MGLA“ in Wiesbaden.


Die Argumentation hierbei ist praktisch immer dieselbe:

- Band XY hat einen Bassisten der auch schon 1996 in Band Z gespielt hat. Dazu wurde vor 20 Jahren eine Demo veröffentlicht,  die anstößige Texte enthielt (wobei verschwiegen wird dass von der ehemaligen Besetzung vielleicht noch maximal eine von fünf Personen, wenn überhaupt, in der Band aktiv ist).

- Die Band ist bei einem (oft internationalen) Label das neben 50 anderen Künstlern auch eine Grauzone-Band im Repertoire hat.

- Band XY ist mit Band Z bei einem Bier oder sogar auf der gleichen Bühne gesehen und fotografiert worden.

- Bandmitglied X hat sich eine Rune auf den Arm tätowiert oder die Faust im rechten Winkel zum Publikum erhoben –

Und deswegen stehen ALLE Bands dieser Veranstaltung (in der Regel 10 oder mehr) inklusive dem Veranstalter und der Location unter Verdacht, allesamt rechts und/oder links zu sein.

 

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                                                            Band XY hat unlängst Artikel für 14.88 gekauft – Sofort Ausladen!

 

Dass dies alles keine Argumente gegen einen Auftritt oder als Beweis einer linksradikalen
oder faschistischen Ausrichtung sein kann, muss wohl jedem einleuchten - Solange
er in der Szene auch unterwegs ist und diese ernst nimmt.


Dass in oben besagten Fällen wohl keine Szenekenner unterwegs waren, sondern anonyme und ungreifbare Brandstifter, die statt gegen echte NS-Bands vorzugehen, lieber den großen Wasserschlauch anschließen um Brände zu löschen die keine sind, ist jedem klar, der sich nur ein paar Stunden mit dem Thema beschäftigt hat. Hier geht es nur um die Daseinsberechtigung von einsamen Internetkriegern, die die Szene an sich als Schreckgespenst sehen, die einer angepassten, moralisch einwandfreien und Einheitsbreiutopie im Wege steht und die ihre Gefühle verletzen. Metal und insbesondere Black Metal ist das genaue Gegenteil davon. Er ist unangenehm, er soll schockieren, er ist nihilistisch und misanthropisch und er soll nicht jedem gefallen. Hier werden innerhalb der künstlerischen Frei- und Redefreiheit die Abgründe der Menschheit vor dem größtmöglichen Spiegel gezeigt in den jeder sehen darf, der dies möchte.


Kühnemund schließt seinen Kommentar mit den Worten: „Was das (Kampf um die Künstlerische Freiheit - A.d.V) im Kern bedeutet, weiß man manchmal erst, wenn die eingeforderte, eigene Freiheit keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Deshalb lohnt sich der Kampf. Aus dem Kampf erwächst Wut. Wut ist Energie. Und Energie ist Metal!“


Mut zur Differenzierung


Und genau hier liegt der Hund begraben. Wir müssen nicht alles mögen was auf der Bühne passiert. Wir müssen nicht alles auf die Goldwaage legen und wir müssen wieder frei entscheiden dürfen, ob wir Band X oder Y sehen wollen. Im Gegensatz dazu müssen wir wieder anfangen zu differenzieren und Bands im Kontext analysieren um die echten „schwarzen“ Schafe der Szene zu identifizieren. Dass es da draußen jede Menge Bands gibt, die den Grundsatz des BM nicht verstanden haben und diesen für ihre kaputten Ideologien wie z.B. „selektive Misanthropie“ mißbrauchen, weiß jeder. Nur braucht es eben auch Szenekenner die diese für die Leute identifizieren, die sich damit nicht auskennen - statt Leuten, die der Szene grundsätzlich aufgrund niederer Beweggründe Schaden wollen und selbst nur Extremisten mit ihren eigenen Interessen sind.

 

„Political extremism is a circle that meets on the same end – Fuck those morons and care about the music!“ - Und ich möchte mich hier Götz Kühnemund vom Deaf Forever wohl das erste und letzte Mal anschließen wenn er sagt: „Kämpft“ - Die Szene und die Bands haben es verdient!

Gelesen 3581 mal Letzte Änderung am Dienstag, 23 August 2016 11:59
Grave

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