Samstag, 14 November 2020 22:04

Autumn Nostalgie - Esse Est Percipi

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Wenn "wahrgenommenes Ding" nichts anderes als "Komplex von Ideen im Geist des Wahrnehmenden" bedeutet, dann besteht das Sein der Dinge in ihrem Wahrgenommenwerden, d.h. ihr „esse“ ist ihr „percipi“, oder anders ausgedrückt: Das Sein der Dinge besteht in ihrer Wahrnehmbarkeit.

So postulierte George Berkeley seine Theorie der menschlichen Erkenntnis im 16. Jahrhundert und gab damit dem slowakischen Ein-Mann Projekt Autumn Nostalgie wohl den Albumtitel vor. Künstler A.G. Jedenfalls hat der Welt im Sommer des bereits sehr düster aussehenden Jahres mit „Esse Est Percipi“ ein Werk geschenkt, das den Herbst und hereinbrechenden Winter perfekt begleitet. Mit der Fähigkeit, eine fast überirdische Melancholie zu transportieren, schickt das Album den Hörer auf eine 45-minütige DSBM bzw. Post-BM Berg- und Talfahrt, die im ersten Moment himmelhoch Jauchzen lässt und im nächsten Moment tief betrübt. Nachdem die Scheibe etliche Male durchgelaufen ist und mich immer wieder sprachlos zurückgelassen hat, fällt mir zum Versuch eines Vergleichs - oder vielmehr eines Parallelen-ziehens nur eine Melange aus der Nürnberger Band „Freitod“ und den Schweden von „Vanhelga“ ein. In „Esse Est Percipi“ vermischen sich grundsätzlich weite, scheinbar endlose und wunderschöne Soundscapes (hauptsächlich mit getragenen und verzerrten Gitarrenriffs erzeugt), mit den Growls von A.G. und nur im Hintergrund bleibendem Drumming.

Es fehlt allerdings das sarkastische Augenzwinkern, das den oben genannten Schweden mit ihrem „Positive Music For Positive People“ zu Eigen ist und es bleibt die Essenz des bittersüßen Sterbens. Diese Essenz wird in „Fallen Leaves“ und „The Hidden Lake Of The Forest“ transportiert, bevor man zu einem kleinen Bruch im Konzept mit „Eternal Joy On The Mountain Of Loneliness“ kommt. Dieser Track bietet den lustvollen und erhebenden, ja fast fröhlichen Gegenpart zu den beiden vorangegangen Songs und spielt auf „Also Sprach Zarathustra“ von Friedich Nietzsche an. Zarathustra, der 10 Jahre als Einsiedler auf einem Berg verbracht hatte, fand in der Einsamkeit Weisheit und wollte den Menschen seine Konzepte lehren, erntete dafür aber nur Hohn und Spott und ging dann auf die Suche nach Menschen mit gleichem Geist. Als Intermezzo ist mir der Part fast schon eine Spur zu euphorisch, happy und vor allem eine Spur zu lang. Zum Glück findet man aber mit den weiteren Songs wieder zurück auf die Schiene und bläst mit „The Transcendence of the Past Centuries“ und „Grey Horizons“ nochmal zwei Melancholie-Bombasten in den Äther und ich versinke in den Mariannengraben von Tod und Verzweiflung, welche die Jahreszeit mit sich bringt und verstärken mag. Der Epilogue lässt überlang ausklingen und man verliert zu Beginn erneut sein Gefühl für Raum und Zeit bevor es nochmal anzieht und „Esse Est Percipi“ mit einem bombastischen Finale aus simplen Riffs und den gnadenlos irren Growls von A.G. ein Ende findet. Hypnotisch gehe ich wieder auf Anfang um mir das Werk nochmal und nochmal einzuverleiben.

Trackliste:

01 Prologue

02 Fallen Leaves

03 The Hidden Lake Of The Forest

04 Eternal Joy On The Mountain Of Loneliness

05 The Transcendence of the Past Centuries

06 Grey Horizons

07 Epilogue

Bewertung:

9,5 von 10 Punkten

Weitere Informationen

  • Band: Autumn Nostalgie
  • Album Titel: Esse Est Percipi
  • Erscheinungsdatum: 06.09.2020
  • Fazit: Ein fast perfektes Werk für dunkle Herbst und Winterabende mit dem Anspruch einen kleinen melodischen Tod heraufzubeschwören und schwermütig zurückzulassen.
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