Samstag, 31 Oktober 2020 16:59

Unter dem Radar - Stromptha (Black Metal/Doom Metal)

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Bei Solo-Projekten gibt es wohl grundsätzlich mehr schwarz-weiß als irgendwo sonst in der Szene. Entweder die Musik ist exzeptionell grandios oder absolut unterirdisch und eine Grauzone existiert kaum. Aus unserer Sicht liegt das daran, dass jemand, der sich traut mal eben alleine Gitarre, Drums, Gesang und andere Instrumente 'Solo' einzuspielen entweder ein an Mozart grenzendes Genie sein muss - oder eben hemmungslos narzisstisch und von sich selbst überzeugt, aber sonst eher ein Stümper ist. Das Projekt Stromptha und damit der Musiker J hinter dem Namen gehört definitiv zu ersterem Schlag, weswegen wir das Black/Doom-Monstrum, das er im Alleingang geschaffen hat, in unserer Rubrik Unter dem Radar beleuchten wollen.

Die Entstehungsgeschichte von Stromptha ist dabei so romantisch wie beeindruckend. Ein junger Franzose mit dem Pseudonym „J“ wandert nach Qaanaaq in Grönland aus und widmet sich in der Einöde der Musik. Schon früh der 'dunklen' Musik zugewandt, allerdings mit starkem Industrial- und Cold Wave-Einschlag, dauerte es nicht lange, bis J sich auch in Richtung Doom und Atmospheric Black Metal orientiert. "Necronirisme", der erste kalte EP-Hauch seines Projekts, erscheint mit dem Stempel seines Künstlernamens 'Cardinal Doom'. Das Werk ist ein noch Recht ungelenkes, aber packendes dronig-doomendes Gebilde, das sich am Minimalismus des Cold Wave orientiert, aber schon starke DSBM-Züge und Klangwelten aufweist.

Es folgen eine Split mit Oldmoon und das erste Album "Odium Vult", das schon viel stärkere und auch klassische Black Metal-Einschläge präsentiert und sich mehr auf Gitarre und Stimme von J bzw. Cardinal Doom konzentriert. Diese weist neben kraftvollen Screams im Wechsel auch einen markanten und beeindruckenden Klargesang auf. Mit "Endura Pleniluniis" kommt 2020 ein Album auf den Markt, welches den vorläufigen Höhepunkt der Schaffenskraft von Stromptha markiert. Die Melange aus der Vergangenheit des Projektes mit inzwischen auch weitaus ausufernderen, melodischeren Ausflügen im schwarzen Gewand ist ein Muss für alle Melodic-BM-Fans, die einen Schuss Atmosphäre und „doomige“ Anwandlungen zu schätzen wissen.

Aktuelle Besetzung

J - Everything

Diskographie:

2016 - Necronirisme (EP)

2017 - Split /w Oldmoon (Split)

2018 - Odium Vult (Album)

2019 - Endura (Demo)

2020 - Endura Pleniluniis (Album)


Review zu "Endura Pleniluniis"

J schafft es auf "Endura Pleniluniis" eine Vielzahl verschiedener Einflüsse bis zur Perfektion zu verweben. Man hat das Gefühl, dass man auf das musikalische Äquivalent eines Gemäldes von Hieronymus Bosch blickt. Man entdeckt auch nach dem zehnten Durchlauf (und ja, das Ding lief und läuft beim Rezensenten noch weitaus häufiger) immer noch weitere Nuancen und Schnörkel am Werk und jeder Song fügt sich auf eine andere Weise in das Gesamtkonstrukt ein. Dabei sind die Tracks auch einzeln für sich mit einer unnatürlichen Perfektion gesegnet. Das erste Lied "De Sang Et De Brouillard" beginnt mit einem verträumten, leicht hallenden und zunächst einfach gestrickten Gitarrensolo, das nur ganz am Rande von im Hintergrund arrangierten Drums begleitet wird. Der Aufbau wird um sphärische Keyboardklänge erweitert, die nach einem weiteren Loop die Gitarre ablösen und Js Clean Vocals Raum geben. Dann bricht die Hölle los und die kurze Pause wird von einem Feuerüberfall aus Drums, zusammen mit einem aggressiven E-Gitarrenriffing sowie Js Screams zerrissen. Der überraschende Wechsel fügt sich dennoch so harmonisch ein, dass es kurz braucht und einem auffällt, dass das Thema des Songs nie aus den Augen verloren wird. Selbst die Screams setzen sich nicht über die melodische Weiterführung im vermeintlichen Chaos hinweg und die Stringenz wird gewahrt. Der knapp 10-minütige Song bekommt in den letzten Minuten nochmal mit sachte abfallenden und sphärischen Klängen, sowie wiedereinsetzenden Clean Vocals ein versöhnliches Ende und man bleibt erst mal erschöpft und sprachlos zurück.

Die Überleitung zu "Au Bout Du Tunnel: La Nuit Et La Neige" ist nahtlos und während man sich durch die Synthie/Keyboard-Klänge noch immer im luftleeren Raum der Ewigkeit wähnt, drängt sich sehr klassisches BM-Riffing in den Vordergrund und wird schnell wieder von Screams und Hintergrunduntermalung unterstützt. Man könnte dem geneigten Leser jetzt noch weiter erzählen, wie perfekt diese Achterbahnfahrten auf "Endura Pleniluniis" orchestriert sind, wie sehr sich die Songs voneinander unterscheiden, aber es immer auf einem gemeinsamen Nenner bleibt. Oder mit welcher Leichtigkeit J seine Stimme mal zu Growls, dann zu Clean Vocals oder mönchshaften, beinahe gregorianischem Singsang moduliert und jede dieser Facetten einfach nur stimmig ist. Oder dass wie bei einem Gemälde von eingangs erwähntem Künstler jede Szene bzw. jeder Song die volle Aufmerksamkeit abnötigt, um auch ja keinen Aspekt zu verpassen und zum Wiederaufgreifen zwingt, weil man es doch nicht schafft das Gehörte vollständig zu greifen. Das Werk ist Perfektion und unser Team fordert jeden auf ihm mindestens einen Durchlauf zu gönnen oder in das Flaggschiff der Scheibe, das Stück "Brûle, Prairie De Roses" (Video unten) reinzuhören und uns allesamt Lügner zu nennen!

Trackliste:
1. De sang et de brouillard
2. Au bout du tunnel: La nuit et la neige
3. Que les corbeaux forgent la tempête
4. Le passage aux fleurs
5. Brûle, prairie de roses
6. Quand le cornu moissonera

Weitere Informationen

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Grave

Stolz kann sich nur erlauben wer bereit ist alles zu verlieren.

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Medien

Brûle, Prairie De Roses Stromptha / Endura Pleniluniis / Satanath Records