Samstag, 17 Oktober 2020 10:20

Unter dem Radar - Theotoxin (Black Metal)

geschrieben von Wolle Kroni & Haimaxia
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(2 Stimmen)

Das Black Metal-Gespann Theotoxin, um welches diesmal in unserer Rubrik UdR gehen soll, wurde 2016 in den Katakomben Wiens aus der Taufe gehoben. Die hochkarätige Besetzung (u.a. sind Musiker aus dem Live-Ensemble von Anomalie, Selbstentleibung & Agrypnie dabei) lieferte kürzlich mit ihrem bereits dritten Longplayer "Fragment:Erhabenheit" ein echtes Meisterwerk ab, das seine beiden Vorgänger nochmals toppen konnte. Schuld daran ist mitunter sicherlich auch der Wechsel am Mikro, denn Ragnars Gesang verleiht den Songs von Theotoxin noch einmal das i-Tüpfelchen auf ihren Sound. Neugierig? You better be!

Doch nicht nur auf Platte sind Theotoxin eine Instanz, konnten sie in den letzten Jahren auch international auf der Bühne ihr Können zum Besten geben. Dabei absolvierten die Österreicher neben zahlreichen Shows und Festivalauftritten auch eine Tour auf europäischem Boden. Das Label AOP Records (Art of Propaganda) gibt da schon eine grobe Richtung vor, was für eine Qualität und welchen Anspruch die Band mitbringt, steht das Prädikat AOP ja bereits seit Jahren mit Vertretern wie den bereits genannten Bands, aber auch mit Hausnummern wie Ellende, Harakiri for the Sky oder Karg für so viele Bands aus dem deutschsprachigen Raum, die Rang und Nahmen haben. Trotzdem geht es bei Theotoxin in eine andere Richtung - toben sich andere Bands aus dem Label-Kader eher in spirituellen, philosophischen oder emotionalen Gefühlsräumen aus, bringen jene nämlich eher den okkulten und eher traditionell antichristlichen Song-Anstrich mit, was ja auch schon am Bandnamen deutlich wird, der die Begrifflichkeiten "Gott" und "Gift" vermengt.

Schwebten die ersten zwei Werke "Atramentvm" und "Consilivm" noch wortwörtlich "unter dem Radar" vieler Anhänger des Black Metal, dürften Theotoxin nun spätestens mit ihrem neuen Werk, um das es weiter unten ausführlich geht, richtig punkten.

Aktuelle Besetzung

Ragnar - Vocals

Martin Frick - Guitars

Fabian Rauter - Guitars

Flo Musil - Drums

Joachim Tischler - Bass 

Diskographie:

2017 - Atramentvm (Album)

2018 - Consilivm (Album)

2020 - Fragment : Erhabenheit (Album)


Review zu "Fragment : Erhabenheit"

Sehr schnell wird deutlich, dass man bei Theotoxin aber trotz bewährter Metaphorik und klassischer Corpsepaint-Optik allenthalben Plattitüden aufgetischt bekommt, die aber nur das Gewand tieferer Bedeutung sind, vor allem, wenn man sich mit der Lyrik näher befasst. Mit "Fragment: Erhabenheit" liefern die Wiener vielmehr ein wirklich starkes Stück dunkler Klangkunst ab und spielen sich damit in die Topliga europäischer Black Metal-Künstler. Schon bei "Golden Tomb" ohne langes Intro legen Theotoxin hier gleich los und liefern einen Hassbatzen ab, der sich gewaschen hat. Astreiner Black Metal in Belphegor-Manier wird hier dem geneigten Metal-Hörer vor die Stiefel gerotzt. Messerscharfe Riffs wechseln sich hier mit einem innovativen Schlagzeug-Spiel ab. Man beweist, dass sie ein Händchen für Melodien haben und der Song wirkt sehr homogen. Ein grandioser Auftakt.

"Obscure Divinations" erinnert  streckenweise an die Schweden von Marduk, jedoch mit ausgeklügelten Melodien, die einen schmerzhaften und melodiösen Charakter besitzen, jedoch kurz darauf wieder von Blastbeatgewitter zermalmt werden. Der Refrain kommt episch daher und ist mächtig, während der Song "Prayer" im Midtempo-Bereich startet und mit choralen Gesängen, die dezent im Hintergrund für die passende Stimmung sorgen, verdelt wurde. Gepresste Vocals, die tatsächlich an einen bitterbösen Priester erinnern, erschaffen eine ganz eigene Stimmung. Innovative Gitarrenarbeit, gepaart mit abwechslungsreichen Melodien in glasklarer Qualität. Das Schlagzeiug ergibt sich nie in stumpfes Geballere, sondern kommt immer sehr frisch um die Ecke. Was hier an der Schlagzeugfront geliefert wird, ist schon ganz großes Kino.

In "Through Houndreds of Years" wird gleich von Anfang an das Gaspedal ordentlich durchgedrückt. Die Stärke dieses Stücks liegt eindeutig in der Komposition von Melodien, die über die Dauer der Songs nie Langeweile aufkommen lässt, und nichts Anderes kann man über "Philosopher" sagen, der erneut nach einem kurzen Midtempo-Part ordentlich an Gas zunimmt und insgesamt etwas unruhiger in Sachen Melodie wirkt, was allerdings absolut nicht negativ zu verstehen ist. Mit vielen Breaks lässt sich dieser Song live sicherlich gut zünden. Die perfekte Balance zwischen schierer Raserei und abrupten Breaks sorgt für gute Laune auf ganzer Linie. Auch die zwei finalen Stücke "Two Ancient Spirits" und "Sanatory Silence" runden das Werk gut ab. Ersterer kommt eher langsam um die Ecke, aber schlägt dann mit einer unglaublichen Wucht durch die Boxen, wobei zweiterer mit einem gewissen Pathos das düstere Werk beendet, aber auch einen Wahnsinns-Anspieltipp für die Platte hergibt.

Was die Wiener auf "Fragment : Erhabenheit" abliefern, ist wahrlich große Kunst. Ragnar lotet gesanglich die volle Palette des Black Metal-Vocal-Sets aus. Leidend, röchelnd, doch vor allem authentisch wird jeder Song hier dargeboten. Die glasklaren Gitarrrenriffs und das unglaubliche Drumming wirken wie aus einem Guss. Hier gibt es nichts zu meckern und Theotoxin brauchen den Vergleich mit internationalen Größen nicht zu scheuen. Auch die Produktion,  für welche sich Markus Stock (u.a. Empyrium, Sun of the Sleepless) verantwortlich zeigt, wird dem Meisterwerk gerecht. Es bedarf mehrere Durchläufe (am besten mit Kopfhörern), um die volle Wucht und die Komplexität dieses Albums zu entfalten. Dem konzentrierten Hörer eröffnen sich bei jedem neuen Durchlauf Details und Überraschungen. Man darf gespannt sein, was von den Wienern noch kommt und es drängt sich die Frage auf: Wie wollen sie das noch toppen?

Tracklist:

1.Golden Tomb
2.Obscure Divinations
3.Prayer
4.Through Hundreds Of Years
5.Philosopher
6.Two Ancient Spirits
7.Sanatory Silence

Weitere Informationen

Gelesen 176 mal Letzte Änderung am Sonntag, 18 Oktober 2020 10:59

Medien

Golden Tomb Theotoxin / Fragment:Erhabenheit / AOP Records