Mittwoch, 16 September 2020 15:41

Stillers Tod – Jupiter

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Stillers Tod ist zurück! Nach einer EP im Jahr 2013 ist nun nach sechsjähriger Schaffenszeit das Zweitwerk der Konstanzer Band erschienen und hört auf den Namen „Jupiter“. Darin bietet Kargáist, der Kopf hinter der Band, ein abwechslungsreiches, teils gar überraschendes Black Metal-Werk, das verschiedenste Einflüsse kombiniert. So viel bereits gesagt: „Jupiter“ zeugt von Entwicklung und Potenzial.

Anno 2009, im Gründungsjahr von Stillers Tod, konnte Mastermind Kargáist mit einem starken Debüt („Katharsis“) Rezensenten begeistern (diesen Schreiberling inklusive). Voller Ambitionen wurde sich daraufhin an die Planung zu einer großen Trilogie, dem Abraxas-Zyklus, gemacht. Einziges Lebenszeichen dieser Konzeption blieb die 2013 veröffentliche EP „Vorboten Abraxas“, die bereits klarmachte: Stillers Tod sind kein one-trick pony, wie man im Englischen gerne sagt: die Band ist wandelbar, sucht Abwechslung und Weiterentwicklung. Und auch wenn der Abraxas-Zyklus nie die Welt erblickte, belegt „Jupiter“, dass sich Stillers Tod treu geblieben sind, indem sie sich weiterentwickeln.

Beginnen wir mit ein paar Randinformationen: Veröffentlicht im September 2020 durch das Label Schattenpfade wartet „Jupiter“ mit acht Titeln und knapp 52 Minuten Spielzeit auf. Auch optisch machen sowohl Cover als auch Booklet einiges her – keine Überraschung für alle, die Kargáists Kunst kennen. Laut Bandinformation versteht man sich selbst als Avantgarde Black Metal. Inwiefern eine solche Schubladenbezeichnung zutreffend ist, darf jeder Hörer und jede Hörerin für sich selbst entscheiden. Zweifellos wird aber ab den ersten Tönen des Albums deutlich, dass man es hier nicht mit einem gewöhnlichen 0815-alles in den Boden-Knüppeln zu tun hat. „Angstbeißer“ vereint dabei quasi als pars pro toto alle Eigenschaften, die „Jupiter“ ausmachen: Schnelles Tempo, gute Härte, druckvoller und ausdrucksstarker Gesang, der mich stellenweise an Dornenreich erinnert; das wird gepaart mit ruhigeren Momenten, in denen Chorgesänge zum Einsatz kommen und sowohl Gothic Metal als auch hebräische Einflüsse harmonisch zum Gesamtbild beitragen. Ich will nicht verheimlichen, dass mir der Opener im ersten Durchlauf etwas unzugänglich war, sich mit jedem weiteren Durchlauf aber bekömmlicher wurde. Denn eines wird sofort klar: „Jupiter“ ist ein Album, in dem man sich verlieren kann, für das man Zeit und Aufmerksamkeit an den Tisch bringen sollte; ein Album, das man am besten zurückgelehnt mit einem Whisky genießt und nicht als Hintergrundmusik für sonstige Arbeiten.

„Angstbeißer“ wird gefolgt vom guten alten „Erlkönig“, den vermutlich die meisten noch aus dem Schulunterricht kennen. Goethes womöglich bekanntestes Gedicht ‘durfte’ ich in der Schule auswendig lernen und so viel sei gesagt: in der Ausführung, die Kargáist dem Hörer präsentiert, hätte es mir sicherlich mehr Freude bereitet. Aber zurück zur Hauptsache: „Erlkönig“ ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Vielseitigkeit und das Wachstum von Stillers Tod – eine äußerst gelungene Interpretation. Der nächste Song, „Rosmarin“, so verrät das Promo Sheet, ist an portugiesische Volksmusik (Fado) angelehnt. Was sich auf den ersten Blick vollkommen fehl am Platz liest, ist musikalisch gekonnt eingebunden in das bereits erschaffene Klangkostüm und kann zudem mit atmosphärischem und womöglich gewöhnungsbedürftigem, aber in meinen Augen gelungenem Klargesang punkten. Mit „Metamorphosen“ bietet Stillers Tod den womöglich traditionellsten Black Metal-Song, der durch hohes Tempo, druckvolle Produktion sowie sehr starker Gitarrenarbeit Eindruck hinterlässt. Zudem erwartet den Hörer hier das packendste und beste Riff des gesamten Albums, das mich beinahe an die deutsche Black Metal-Band Wandar denken lässt. Kurz gesagt: „Metamorphosen“ ist ein Kracher.

Wer noch nicht auf die Texte der Songs geachtet hat, wird spätestens bei den Namen der letzten vier Titeln bemerken, dass es sich bei „Jupiter“ um ein Konzeptalbum handelt, indem es um frühkindliche Prägung, Eltern-Kind-Beziehungen, Traumata und Persönlichkeitsentwicklung dreht (so das Promo Sheet). Diese Thematik wird insbesondere in den beiden immer wiederauftretenden Chorpassagen deutlich, die für die „Vater“- und die „Mutter“-Thematik stehen. Seine Kulmination findet „Jupiter“ dementsprechend auch in der vierteiligen „Himmelskörpersymphonie“, in der die hebräischen Einflüsse nicht nur in den beiden Songtiteln „Zricha“ (hebräisch für Sonnenaufgang) und „Zrichat Yare’ach“ (hebräisch für Aufgang des Mondes? Hier sind Google und ich mir unsicher). Insbesondere die Musik profitiert hier von der Abwechslung und der Harmonie, mit der die hebräischen Einflüsse in die Songstrukturen eingewoben werden. Die beiden bereits genannten Titel dienen dabei als kurze Interludien zwischen den zehneinhalb bzw. neuneinhalb Minuten langen Titeln „Mutter Sonne“ und „Vater Mond“. Stillers Tod gelingt es einen schmalen Grad musikalisch zu wandern, indem die vier „Himmelskörpersymphonien“ einerseits als eigener Teil fungieren, andererseits trotzdem nicht als Fremdkörper oder extremer Bruch zu der ersten Hälfte des Albums wirken. Im Gegenteil: die jeweiligen Komponenten – Black Metal, Gothic Metal, Orientalisches, Atmosphärisches – kommen gelungen zusammen und schließen das Album stark ab. Trotzdem muss aber auch sagen: „Mutter Sonne“ ist für mich der schwächste Titel des Albums; „Vater Sonne“ hingegen das Highlight. Schlussendlich kann man sagen: schön, dass Stillers Tod wieder da ist! „Jupiter“ ist ein gelungenes Zweitwerk, das sich durch Komplexität, Atmosphäre und Vielseitigkeit vom bereits guten Debüt abhebt und gleichzeitig jegliches Nischendenken unmöglich macht. Damit stellt sich die Band stark auf, da sie einiges an Wiedererkennungswert hat. Zudem beweist sie Wachstum und Kreativität. Aber es soll auch gesagt sein: „Jupiter“ ist sicherlich kein einfaches Album. Als Zuhörer muss man Geduld mitbringen und sich auf das Album einlassen, es auf sich wirken lassen und vielleicht auch mehr als nur einmal hören. Begegnet man dem Album aber mit Offenheit, kann man sich auf 52 Minuten gelungene musikalische Unterhaltung freuen.

Tracklist:

01. Angstbeißer
02. Erlkönig
03. Rosmarin
04. Metamorphosen
05. Die Himmelskörpersymphonie Part I: Zricha
06. Die Himmelskörpersymphonie Part II: Mutter Sonne
07. Die Himmelskörpersymphonie Part III: Zrichat Yare‘ach
08. Die Himmelskörpersymphonie Part IV: Vater Mond

Bewertung:

8.5 von 10 Punkten

Weitere Informationen

  • Band: Stillers Tod
  • Album Titel: Jupiter
  • Erscheinungsdatum: 04.09.2020
  • Fazit: „Jupiter“ ist sicherlich kein einfaches Album. Als Zuhörer muss man Geduld mitbringen und sich auf das Album einlassen, es auf sich wirken lassen und vielleicht auch mehr als nur einmal hören. Begegnet man dem Album aber mit Offenheit, kann man sich auf 52 Minuten gelungene musikalische Unterhaltung freuen.
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