Sonntag, 13 September 2020 17:21

Dorfposse um das Obscure Fall Shadows

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Dass gerade in Corona-Zeiten Events stattfinden dürfen, ist ohnehin für jeden Veranstalter eine Zerreißprobe. Praktisch täglich können sich die Umstände gegen eine Veranstaltung wenden und niemand kann sich sicher sein, ob trotz harter Auflagen, eines stehenden Hygienkonzepts und anderer Vorkehrungsmaßnahmen gegen Covid19 ein Event überhaupt wie geplant durchgeführt werden kann. Besonders hart traf es am vergangenen Samstag das „Obscure Fall Shadows“ in Mörlenbach-Weiher. Bereits im Vorfeld wurde es einmal verschoben, anschließend wegen zu strenger behördlicher Auflagen als Open Air umgeplant und schlussendlich sollte es, obwohl man jeder neuen Vorgabe nachkam, kurzfristig ganz anders laufen.

Gebucht waren für das Event am 12.09. das italienisch-norwegische Projekt Darvaza mit einer exklusiven 2020-Show, sowie die zwei Gruppen Verdunkeln und Sköhsla aus Deutschland für den Abend im Odenwald. Die Vorbereitungen liefen gut, das Hygienekonzept war genehmigt und übertraf sogar die gesetzlichen Anforderungen.

Gegen 14 Uhr trafen der Bürgermeister des Ortes, Jens Helmstädter, in Begleitung von Ordnungsamt und Polizei mit der Information ein, dass die Veranstaltung nun trotz der Erfüllung der Auflagen illegal sei, da eine um 12 Uhr vom Verwaltungsgericht Kassel beschlossene Verbotsverfügung getroffen worden sei. Die in Scharen ankommenden Besucher wurden weggeschickt und folgten der Bitte des Veranstalters, noch bis 18 Uhr abzuwarten und dann erneut zur Location zu kommen. Unterdessen war der Rückbau auf dem Gelände in vollem Gange. Auch eine lange Diskussion des Veranstalters mit der Exekutive, sowie einigen auf den Plan gerufenen Anwohnern half nichts. Gegen 16 Uhr, nachdem der Bühnenabbau praktisch abgepresst wurde, verließen die Ordnungskräfte den Schauplatz. Gegen 18 Uhr kamen die Gäste des Events wieder zur Location, Bändchen wurden ausgegeben und Karten entgegengenommen - das alles mit dem Hinweis, dass die Veranstaltung offiziell abgesagt wurde und wenigstens der Biergarten geöffnet sei, wo man sich etwas zu essen und zu trinken holen könnte. Bands und Technik(er) wurden gegen 19 Uhr vom Parkplatz seitens der erneut eintreffenden Polizei weggeschickt. Kurz darauf hielt der Veranstalter eine flammende Rede, in der er erklärte, dass vor 10 Minuten die Techniker nach Hause gegangen waren und final keine Live-Musik unter diesen Umständen möglich gewesen sei. Es wurde hier ein abgekartetes Spiel offenbar, das wohl schon seit mindestens einer Woche seinen Lauf genommen hatte. Eine Art Dorf-Posse, wie sie sich sicher nur in kleinen Örtchen mit mehr Kühen als Einwohnern zutragen kann. Auf der einen Seite hat man "gewalttätige Metalmusiker und deren Fans als potentiell satanistische und kinderfressende Wahnsinnige", auf der anderen Seite ein Dorfidyll mit anständigen, integeren Bürgern, die ihr ganzes Leben lang brav die CDU gewählt haben und anständigen Berufen nachgehen. Mann kennt sich untereinander und Störungen oder Neuerungen von außen werden mit Argwohn beobachtet und mit Missgunst quittiert.

So gingen wohl beim OB Helmstädter vermehrt Beschwerden von Anwohnern und nahegelegenen Locations ein, die die Veranstaltung per se kritisierten und Ängste schüren sollten. Eine Ortsbegehung kurz vor der Veranstaltung wurde möglicherweise dazu genutzt, auf Teufel komm raus Mängel am Hygienekonzept zu finden und diese zu nutzen, unter dem Vorwand von Covid19 die Veranstaltung mittels Eilantrag zu untersagen.

Die "Drohende Schatten"-Eventreihe stand immer wieder unter Beschuss und die Veranstalter sahen sich immer mit Gegenwind konfrontiert. Aber wer ist das in Zeiten von unbedingter Political Correctness und Trigger-Happy-Aktivisten nicht, der im süddeutschen und mitteldeutschen Raum versucht, Black Metal-Events in der Öffentlichkeit zu veranstalten? Der Druck, unter dem Dienstleister, Veranstalter, Bands und Szene stehen, ist nicht zuletzt durch "Alarmstufe Rot"-Weckrufe praktisch greifbar. Während in Berlin mehrere 10.000 Menschen aus der Veranstalterbranche und der Gastronomie auf die Straße gehen, werden in Hessen offenbar unter vorgeschobenen, fadenscheinigen Gründen Veranstaltungen abgesagt und der Schaden billigend in Kauf genommen. Wir haben das Hygienekonzept und die bisherige Kommunikation zwischen der Gemeinde, OB-Helmstädter und den Veranstaltern vorliegen und haben bereits versucht, den OB für eine Aussage zu sprechen. Leider wurde unsere Anfrage trotz Zusage eines Rückrufs der Pressevertreter der Gemeinde bisher nicht beantwortet und wir werden mit dem Veranstalter ein Interview führen, um die Hintergründe für euch zu beleuchten.

Was jetzt zurückbleibt, ist eine weitere unter Nutzung der schäbigsten Mittel abgesagte BM-Veranstaltung, deren Ruf in der Szene leidet (und der ein fünfstelliger Betrag an Kosten entstanden ist), ein geschädigter Gastwirt, dem der Verlust der Schanklizenz angedroht wurde, eine kleine Region, die nicht von über 200 teilweise von weither angereisten zahlenden und jetzt enttäuschten Fans profitieren konnte, sowie natürlich die Bands, die keine Kunst an die Hörer geben konnten. Wir bleiben für euch am Ball und versuchen weiterhin eine Aussage von der Gemeinde Mörlenbach-Weiher zu bekommen.

Update 15.09.2020 - Gemeinde Mörlenbach-Weiher reagiert auf Newsbeitrag

Oberbürgermeister Helmstädter legte in einem Telefonat mit der Redaktion seine Sicht der Dinge der Vorkommnisse von Samstag dar: (Aus dem Gedächtnisprotokoll) „Grundsätzlich sind Hygienekonzepte, auch in Zeiten von Covid, nicht von der Stadt/Gemeinde genehmigungspflichtig, allerdings müssen bei Bedenken durchaus Kontrollen stattfinden. Deswegen wurde am 29.08. versucht, eine Begehung der Lokalität und des Hygienekonzeptes mit dem Gastwirt der Location zu vereinbaren, welche dann eine Woche später stattfand. Dort wurde vom Ordnungsamt und mir Zweifel an der konformen Durchführbarkeit der Veranstaltung geäußert. Aus diesem Grund wurde am Dienstag die Verbotsverfügung formuliert und Mittwochs digital, als auch Donnerstags persönlich zugestellt. Mein Angebot, die Veranstaltung auf einen späteren Termin und eine andere Lokalität zu verlegen und ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten, wurde nicht gehört.“

 

Auf unsere Frage, ob es nach den Anpassungen und Angebot des Veranstalters (Alkoholverbot, tragen einer Maske auf dem gesamten Gelände) noch eine Chance zum Zurückziehen der Verbotsverfügung gegeben hätte antwortete Helmstädter: „Da es ab Mittwoch sowieso zu spät war, noch nachträglich etwas an der Verbotsverfügung zu ändern da man nun den Ausgang des Verfahrens vor dem Verwaltungsgericht abwarten musste, gab es auch keinen Spielraum mehr. Als ich am Samstag gegen Nachmittag den finalen Ausgang des Verfahrens erhielt, bin ich sofort zur Location gefahren um dies zu überbringen und überließ Herrn Schork die Entscheidung entweder die Veranstaltung selbst oder durch mich, Notfalls mit Unterstützung der Polizei zu unterbinden.“

 

Weiterhin sagte Helmstädter: „Es bestand zu keinem Zeitpunkt der Wunsch, die Veranstaltung aus persönlichen Gründen oder Aufgrund von Interventionen seitens Anwohner oder der Live-Music-Hall Weiher abzusagen, auch wenn dies vielleicht den Eindruck gemacht hat. Es ist normal, dass sich Anwohner bei mir beschweren, aber ich bin an Recht und Gesetz gebunden und wenn etwas genehmigt wurde, muss dies auch so durchgeführt werden. Ich bin selbst Rocker und habe ein sehr gutes Verhältnis und Erfahrungen mit den Veranstaltungen der Live-Music-Hall Weiher gemacht und bin jederzeit offen für neue Events in der Region.“ Am Ende des Tages steht nun Aussage gegen Aussage und eine finale Klärung bzw. rechtliche Schritte werden offenbar geprüft.

Nun muss jeder selbst entscheiden, welches Fazit er daraus zieht. Für die Szene steht eine abgesagte Veranstaltung im Raum und die Hoffnung, dass man bald wieder zur Normalität und untergründigen Events zurückkehren kann!

Gelesen 6119 mal Letzte Änderung am Dienstag, 15 September 2020 19:32