Freitag, 14 Februar 2020 11:05

Hallo Ancst, wir müssen reden…

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Hallo Ancst, wir müssen reden… Quelle Metal Archives

Vor einer Woche war ein kleines Team von Undergrounded im Oberhausener Helvete Metal Club anwesend, um über einen Konzertabend zu berichten. Unter anderem trat die Band Ancst auf. Ich persönlich kannte die Band nicht und das, was mein Umfeld in Geschmacksfragen äußert, interessiert mich nur bedingt. Ich habe es also so gehandhabt wie immer: Der erste Eindruck wird unvoreingenommen live genossen.

Musikalisch war mir sehr schnell klar, dass es nicht meine Baustelle ist. Viel zu Core-lastig, auch wenn der Black Metal-Anstrich durchaus vorhanden ist. Und auch, wenn Undergrounded Core zu 0% bedient, passte dieser Auftritt trotz des harten Stilbruchs zum Opening-Act Groza irgendwie doch gut ins Line-up, weswegen wir uns dazu entschlossen haben, die Band im Nachbericht nicht unter den Teppich zu kehren, wie wir es mit Bands tun, die nicht in unser Verständnis von guter Musik passen oder die uns zu politisch sind.

Ancst zeigten ohne Ende Spielfreude, daher gefiel mir der Auftritt trotzdem. Und offenbar hat der Band die Show mindestens genauso gefallen. Nicht nur einmal bedankte sich der Sänger beim Publikum und auch bei den beiden Bands Karg und The Spirit, um die es an dem Abend bzw. bei der Tour eigentlich ging, drückte Sänger Tom fast schon überschwänglich seine Freude aus. Man sei froh „dort zu sein“ und mit dem Publikum feiern zu können. So muss es sein. Leidenschaft pur! Und so etwas hinterlässt beim Publikum natürlich ein gutes Gefühl, so auch bei mir.

Tja, und dann kam am Mittwochmorgen die nachträgliche Revision. Die Band veröffentlichte ein Statement zu ihren Auftritten im Helvete und der Erfurter Konzertstätte Club From Hell. Und was soll ich sagen - die Worte „wir müssen reden“ waren noch nie eine Einleitung zu einem guten Gespräch oder Statement. Zeile für Zeile klappte mir die Kinnlade immer weiter runter. Die Gründe dafür sind vielschichtig, also fangen wir bei den persönlichen an:

Irgendwie fühle ich mich von dem Statement (hier zu Lesen) als Ganzes angegriffen. Mit diesem hat die Band zumindest ihren Teil des Abends für mich „entzaubert“ und ich blicke im Nachgang ganz anders auf den Auftritt zurück. Das übrige Line-up – korrigiert mich, wenn ich falsch liege – hat keine politischen Intentionen und möchten mit ihrer Musik keine politischen Meinungen verbreiten. Daher kann davon ausgegangen werden, dass der überwiegende Teil des Publikums nicht gekommen ist, um irgendwelche Parolen, egal ob links oder rechts, zu hören. Sowas passt einfach nicht zu einem solchen Abend und macht die Band für mich persönlich direkt unsympathisch.


Aber legen wir die eigene Arschverletztheit mal beiseite und betrachten das Gesagte so objektiv, wie es eben bei einem so explosiven Thema möglich ist. In die eigentliche Thematik des Postings steigt die Band damit ein, dass sie angeben, nur mit Bauchschmerzen die beiden bereits genannten Auftritte in Oberhausen und Erfurt zugesagt zu haben. Weiter schreiben sie: „Es ist uns nicht einfach egal, dass in diesen Läden „Scheiss Bands“ gespielt haben. Wir würden lieber Konzerte in vergleichbarer Größe und mit vergleichbaren Bands in cooleren Läden spielen. Die Entscheidung treffen wir aber nicht.“ Entschuldigung, liebe Freunde, aber wer wenn nicht die Band selbst, trifft die Entscheidung darüber, welche Gigs sie annehmen und welche nicht und somit auch, in welchen Locations sie sich zeigen? Diese Aussage ist aber nicht nur aufgrund des Widerspruchs schwierig, denn eigentlich räumen sie damit gleich ein über Leichen zu gehen, nur um größere Gigs spielen zu können. Wie viel aufrechte Glaubwürdigkeit kann also einem solchen Verhalten beigemessen werden? Natürlich wollen sie auftreten – jede Band möchte das. Aber sich im Nachhinein für einen Auftritt zu entschuldigen, nur um in der eigenen Szene nicht an Authentizität einbüßen zu müssen, zeugt nicht gerade von übermäßigem Rückgrat.

Mit ihrem Post an sich hebt sich die Band darin als moralisch wertvoller hervor, als der gemeine Helvete- oder Club From Hell- Besucher (oder jemand, der eine vergleichbare Location besucht). Denn schließlich gehe ich in dem Laden ein und aus, ohne mich auch nur einmal dafür entschuldigt zu haben, oder ein schlechtes Gefühl zu haben. Eigentlich habe ich dort auch immer eine gute Zeit. Daran wird auch dieser Beitrag nichts ändern. Mal ganz nebenbei bemerkt habe ich die Flut von „strammen Rechtsextremen und übergriffigen Sexisten“ (wie in den Kommentaren angemerkt), wohl immer verpasst. Und selbst wenn - mit wem ich interagiere, entscheide ich als mündiger Mensch ja wohl immer noch selbst. Der Versuch sich für ihr Verhalten, (das in einschlägigen autonomen Kreisen eine Todsünde zu sein scheint) zu entschuldigen, wird nochmals schwieriger, wenn sie sagen: „Fast jedes größere Konzert würde fast unverändert und mit vermutlich unveränderter Besucherzahl auch ohne uns stattfinden. Das würde einen kompromisslosen Boykott von unserer Seite ineffektiv machen.“ Hier bringe ich als erklärte Veganerin meinen altbewährten Vergleich an: „Ich esse also weiter in rauen Mengen Fleisch, weil die Tiere so oder so geschlachtet werden! Und am besten entscheide ich mich zusätzlich bewusst für Tiere aus Massenhaltung, damit ihr Leiden endlich ein Ende hat." Wirklich konsequent, kann ich nicht anders sagen!


Mal in die Band hineingedacht, sollte es doch aber gerade ihr Ziel sein in Locations zu spielen, die dem Ruf nach Menschen rechter Gesinnung anziehen, um genau damit ein Statement zu setzen und ihnen die Läden nicht zu überlassen. Mit den Aussagen ihres Postings haben sie jedoch nur deutlich gemacht, dass sie eben keine Inklusionsarbeit –wie in den Kommentaren angesprochen– leisten und auch nicht daran interessiert sind. „Uns geht es absolut nicht darum, mit Faschos zu reden. Mit denen gibt’s für uns nichts zu bereden.“ wird zitiert und damit die ureigenste Echokammer der Filterblase beschworen. Wenn es also kein Interesse gibt, wirklich ins Gespräch zu kommen und sie darüber hinaus das Gefühl haben sich nachträglich entschuldigen zu müssen, stellt sich die Frage, wo die Basis für die Zusage der Auftritte ist. Dass sie an die beiden Locations (und deren Besucher) aufgrund eines erdachten und propagierten Images NACH dem Event Ohrfeigen verteilen, hinterlässt einen unsauberen Eindruck. Besonders, weil es auch respektlos dem Veranstalter gegenüber scheint, der ihnen erst die Möglichkeit gab, in größeren Läden spielen zu können, in der die Band ja offenbar trotz des Images erstmal auftreten möchte. Man kann ja schließlich auch immer noch hinterher zurückrudern und in das Bett kacken, in dem man gerade noch gelegen hat.

 

Zurück bleibt der fade Geschmack von zweckdienlichem Opportunismus, Rückgratlosigkeit und dem kleinsten Fähnchen im Wind. Für Veranstalter gilt jetzt wohl bei der Buchung der Band mit der "Ancst" zu leben, hinterher ein Messer im Rücken zu finden.

Gelesen 2111 mal Letzte Änderung am Sonntag, 16 Februar 2020 16:17
Anna Apostata

Aika Multaa Muistot

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